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Freies Blatt · 1895-01-13 · 145 (13.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
145 (13.1.1895)
Date
1895-01-13
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 145. Frei»» Statt. macht uvS bescheiden! Ein College wurde mit Namen genannt, Professor Nothnagel. Die Affaire, die sich an seinen Namen knüpft, braucht hier nicht besprochen zu werden. Es scheint mir nur, daß derselbe Gelehrte auch hier wissenschaftlich hat taxirt werden sollen. Ich weiß nicht, in welchen Beziehungen der Abgeordnete Grcgorig zur Naturwissenschaft steht. Aber wenn er eine solche Beziehung hat, empfehle ich ihm ein Buch, daS gerade lesbar geschrieben ist, obwohl ich meine, er würde einige Schwierigkeit beim Studium haben, und das wäre z. B. die physiologische Psychologie von Wundt. Dort könnte cr sich vielleicht örientiren, waS man über Professor Nothnagel als Ncrvenpathologe zu denken hat. Seine anderen Beziehungen gehen mich hier gar nichts an, denn die persönlichen Beziehungen, die ein Gelehrter cinnimmt, kümmern den Rector, nichk. Nachdem aber obendrein diese Aeußcrung geschehen ist, in Beziehung zu einem Schlagworte des Tages, möchte ich als katholischer Gelehrter noch Eines bemerken. Ich glaube. Dante war vielleicht ein Christ. Ich bitte, seine .Göttliche Komödie' cinzusehcn und die Acußerung Tante'S über einen Juden, über AverhoöS, dort zu lesen. Dante war ein großer Geist, und Thomas von Aquino war ein Mann von großem Adel, und er war auch ein Heiliger. Die Aeußcrungen, die yon solchen Männern auch über jüdische Gelehrte gefällt worden sind, sind im Tone ganz anders gehalten, auch dort, wo eine Zustimmung unmöglich ist. Ich bin jedes Jahr in der Nothwendigkcit, den SpinoziSmuS zu bekämpfen, und ich sage cS hier vor einem Hause ernster Männer, ich neige mich trotzdem jedcSmal, so oft ich sein System bekämpfe, in Ehrfurcht vor diesem großen Geiste und vor diesem edlen Menschen. Ich will damit nicht sagen, daß vielleicht alle jüdischen Gelehrten Spinnozas seien, ipcder im Denken, noch vielleicht auch in der menschlichen Größe; aber man kann nicht so unterschiedslos über einen ganzen Stand urtheilc», man kann nicht so pauschaliter über eine Institution urtheilen, die eine Jahrhunderte alle Geschichte hat, und man sollte daS persSnliche^Taktgefühl^haben, finde ich, gegen den hier anwesenden Rector, die. von ihm vertretene Universität ihm nicht in das Antlitz zu beschimpfen" Nach einem Zwischenrufe Dr. Lueger's, welcher eine Art Drohung enthielt, fuhr der Rector fort: „Ich bftte, ich bin kein Mann, der sich cinschüchtern läßt, durchaus nicht. Ich bin ein Neuling im politischen Leben, und ich bin nicht.in der Lage, andere politische Richtungen an sich zu bcurtheilen; in der Lage aber bin ich, wen» meine menschliche Enipsindung verletzt wurde — und hier bin ich in meinem menschlichen Empfinden verletzt worden — hier sitzt einer meiner Schüler (Cooperator Schnabl), der mich seit Jahren kennt und auch meine politischen Anschauungen, und der wird Ihnen auch sagen können, mit welcher Entschiedenheit ich meine katholischen Ansichten vertrete. Also, ich will daS Eine nur zurückweisen, daß von unserer alten ahn» water in dieser Weise gesprochen wird, ich will es zurückweisen, weil eS von einer Seite geschehen ist, bei der die BorauSletzungcn bei dem besten Willen und bei dem allergrößten Respekte, den ich vielleicht persönlich vor dem Herrn Abgeordneten haben kan», ich kenne ihn ja weiter nicht — fehlen, weil eS zweitens überhaupt nicht möglich ist, alle vier Fakultäten in einem Satze zu benrtheilcn, und ich muß schon hinzufügen: Wenn die Herren sich für den Stand der Universität interessiren, so bitte ich, einen buchhändlerischcn Jahresbericht über wissenschaftliche. Publikationen einzuschen. Sie werden finden, daß gerade daS Werk eines jüdischen Gelehrten der Wiener Universität in der kürzesten Zeit eine neue Auflage erleben nnnßte, weil eS einfach das einzige in dieser Richtung ist; ich nenne keinen Namen, aber jene, die sich mit der Wissenschaft beschäftigen, werden wissen, wen ich meine. Man kann daher in dieser Weise nicht abnrtheilen. Den Mathematiker Jacobi, obwohl er ein Jude war, kann man nicht auS der Geschichte der Wissenschaft streichen. DaS geht nicht, und ich würde bitten, wenigstens di; äußeren Rücksichten walten zu lassen, die eine große historische Institution beanspruchen darf, und ich bitte für mich, wenigstens mich persönlich nicht zu verletzen, denn ich fühle mich menschlich verletzt, wenn man in meiner Anwesenheit meine Collcgcn und die Institution, die ich zu vertreten die Ehre habe, in dieser Weise behandelt, wie eS zu meinem Bedauern geschehen ist." Auf diese Ausführungen wußten die Bertretcr der Antisemiterci sachlich nichts zu erwidern, allein sie halfen sich in ihrer Weise, indem. sie über Juden und »Judenliberale" schimpften und mitunter auch den Rector durch bübische Zurufe insultirten. Zuletzt ließ sich aber wieder die Stimme eines hochachtbaren Gelehrten vernehmen. Professor Doctor Tueß dankte dem Rector für dessen Auftreten und bemerkte hierauf: „Der Herr Recfor hat mit jener geläuterten Weltanschauung, mit jener klaren AuSdruckSweise und mit jener Festigkeit deS Charakters, welche dem Leiter einer so großen und berühmten Anstalt so gut ansteht, die Würde der Universität vertheidigt. Er und ich — wenn eS Seite 8 gestattet ist, meinen Namen neben dem seinen zu nennen — gehören ganz verschiedenen geistigen Richtungen an; daS zeigt Ihnen aber mir, wie verschiedene Persönlichkeiten an dieser großen Hochschule einig und einträchtig an dem einen großen gemeinsamen Ziele wirken: an der Aufsuchung der Wahrheit. Ich bin alt geworden an dieser großen Hochschule, der ich durch beiläufig 40 Jahre angehöre, und daS ist der Stolz meines Lebens, und ich kann sagen, daß an dieser Universität, wie cS an einer geistigen Mctropölc immer der Fall sein muß, niemals gefragt worden ist nach der 'Nation oder Confessio», sondern imincr nur nach der geistigen Fähigkeit oder nach der pädagogischen LeistungSfähigkcit. Wäre cs jemals ander« gewesen, die Universilüt hätte niemals zu dem Ruhme cmporstcigen können, den sic zur Zierde ihres Vater landeS erlangt hat. Ich verstehe nicht, wgs cs heißen soll, wen» man Jemanden, wie Unsercincn, einen Juden heißt, eS ist ebenso, -tute wenn Sie mich einen Italiener, Russen oder Engländer heiße». WaS für eine Schande soll eS denn sein, einem BolkSstainmc anzugehören, der seit Jahrtausenden der Menschheit so. viele der allergiößten und glänzendsten Geistez-, so viele Märtyrer dcö Geistes, so viele wahre Führer der Menschheit gegeben hat? Ich glaube, daß über die Wirksamkeit, Größe und Tüchtigkeit nnscrcr Universität glücklicherweise west und breit das entgegengesetzte Urthcil herrscht von demjenigen, welches hier ausgesprochen wvlden ist. Tausende von Schülern dieser großen Hochschule sind über alle Wcltthcilc der Erde verbreitet und predigen ihren Ruhm und sind im Herzen von Dank erfüllt, bemüht, da», was sic hier gelernt haben, ftim Wohle der Menschheit in fernen Ländern wie im eigenen Batcrlandc auSzuübcn, und so wird unsere mcdicinische Schule trotz alledem, was hier gesagt wordcnüst» das bleiben, waS sie ist: eine jener großen, glänzenden Mntterschulen, die in dieser, widerspruchsvollen Zeit, die wahren Führcrinncn der Menschheit sind und sein sollen." Das Verhalten unwissender und frecher Radau Antisemiten gegenüber Gelehrten von europäischem Namen kann denjenigen, welcher seit Jahren die Vorgänge im Lager derselben verfolgt, nicht überraschen. Es gibt keinen berühmten Forscher in Deutschland oder Lesterrcich, den nicht die berufsmäßigen Hetzer geschmäht hätten. Ein Berliner Blättchen zur Verherrlichung Dühring'S, genannt „Der Moderne Völkcrgeist", wagt eS in seiner letzten Ausgabe, Helmholtz als „WissenschaflSstümper", „Pfuscher" und „Erzcugniß bloßer Schwindclreclame" hinzustclle». Die im nicdcrösterreichischcn Landtage beschimpften Wiener UniversitätSprofcssoren befinden sich als kSpfcr der anlisciiiilischen Internationale wahrlich in guter Gesellschaft. -j- * Ein Wähler deS VII. Bezirkes ersucht unS um Vcrössentlichung deS folgenden Briefes an Herrn Gregyrig: Sie habe» am 4. Jänner 1885 im Landtage mit dem gelehrten Rector der Wiener Universität polemisirt. TaS ist begreiflich. Ei» Anlneiiiik, ecr es nicht einmal zum llnterosfieier bringen konnte, hält sich für derweil, über einen Felbjengmeister vom mitilürischeu Siaiidpunkie abzuurlhxilen, und ein ami semitischer Analphabet scheut sich nicht, über die Culmrsahigkeit von Raren apodiktisch zu spreche». Ich glaube Ihnen ohneweiterS, wenn'Sie versichern, Spinoza, Averhoi» und Jacobi nicht zu kenne», weil Sie keine Zeit haben, die „großen Gelehrten der Juden" zu ftudiren. Tagegen di» ich der Meinung, daß Sie gewaltig ausschneiden, indem Sie behaupte», Börne, Heine, Sneß und Epner zn kenne». Nur dem 'Namen »ach dürsten Sie Borne und Heine kennen, die Proscssoren Sneß und Exner allerdings auch persönlich, ohne jedoch in deren Werke je Einsicht genommen zu habe». In den WirthSbäusern, in denen Sie Ihre freie Zeit verbringen, besaßt man sich ebk»>owenig mit geologischen Studien als mit der mechanische» Technologie. Ich glaube, Herr «Nregorig, daß Männer der Wisseiuchast al« solche Ihne» völlig. u»bekan»t sind, daß Sic aber jene Industriellen, Christen und selbst Juden, sehr gut kennen» welche dem Zwischenhandel, den Sie betreiben, billige BezugSaucllen erschließen"'- In einer Unterredung mit einem Berichterstatter der „Neuen Freien Presse" äußerte sich der Rector Dr. Müllncr: — Ich denke in allen religiösen Frage» streng kirchlich und werde c» nicht unterlassen, die Folgerungen für mein politisches Verhalten von meinem religiösen Standpunkt abhängig zu machen. So wollte ich auch bei meinem Eiiilrelen für unsere Universität und meine College» eznsach eine Gewissen«, und Amtspflicht ersülle», nicht aber dieser oder jener politischen Partei zu Liebe'oder zu Leide sprechen. So wenig aber ich mir herauSnehme, über «in Gewerbe, 1>aS ich nicht erlernt, abzuurtheilen, so wenig räume ich einem GeschäflSmanne, weil er zufällig Abgeordneter ist, das Recht ciner Antik an der Wissemchass oder wissenschastlichen Anstalten ein. Und selbst wer diese oder ,ene TiSciplin studirt, kann eben nur über sei» Fach, aber nicht über alle Zweige der Wissenschasl ein molivirteS Gutachten abgeben. . . WaS meine Aeußerungen über jüdische Gelehrte angeht, so bemerke ich, daß heutzutage die Leistungen der Gelehrten verschiedener Naiionalitäl und Consessionen nicht bloß von Coniialionalen und

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