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Freies Blatt · 1895-01-13 · 145 (13.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
145 (13.1.1895)
Date
1895-01-13
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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.freie» Blatt. Seite 2 in die Bastionen gewährleisteter Rechte, warum sollen sie nicht den Muth haben, vorwärts zu dringen und die um Gesetz und Recht sich ziehenden Festungsmauern dem Boden gleich zu machen? Man erblicke darin keine Uebertreihung. Wo die Autorität so mit Füßen getreten wird, wie es von Lueger, Schneider und Gregorig und deren Horde geschieht, da kann Gesetz und Recht keinen dauernden Bestand mehr haben. Nicht in der Studentenschaft allein, »ein, in den Kreisen der Beamten und Angestellten herrscht bereits offen und versteckt ein solcher Geist des — sagen wir euphemistisch — Raisonnircns gegen ihre Vorgesetzten und deren Verfügungen, daß jede Zuverlässigkeit auf ihre Treue und Hingebung so viel wie abhanden gekommen ist. Die DiSciplinlosigkeit steht auf der Tagesordnung, und man muß offene Renitenz befürchten, wenn die Dinge sich weiter so entwickeln. Nur ein einfacher Funke inS Pulverfaß, und eine Explosion, furchtbarer und schrecklicher als alle durch Bomben hervorgerufenen, wird stattfliiden. Und wenn man sich'S nicht verdrießen läßt, chronologisch die Geschichte dieser Erscheinung zu verfolgen, so wird man ohne Schwierigkeit darauf kommen, daß mit dem Antisemitismus all die dösen Geister ihren Einzug gehalten haben, die jetzt über dem gesellschaftlichen Horizont so gefahrdrohend schweben. Die nichtbeanständelen aufreizenden Reden gegen die Juden habe» verwildernd, auf den Jntellect der Menge gewirkt und denselben für alle Ausschreitungen empfänglicher und zugänglicher gemacht. WaS auf der einen Seite recht ist, kann nur auf der andern billig sein, so spinlisirt er. Selbst in Sachen des Mein und Dein verwirren sich seine Begriffe. Halte man es nicht für paradox, wenn die Easscneinbrüche damit in Zusammenhang gebracht werden. Warum soll noch das Eigenthum als heilig belrach'lcl'werden, wenn eö, weitergehend als die Anarchisten in ihrer Extravaganz, die Antisemiten in öffentlicher Landtagesitzung als Raub bezeichnen? Die feine Distinciion zwischen jüdischem und nicht jüdischem Eigenihum wird nie Geläufigkeit und Berstendniß gewiiineii. Dhne sich daran zu kehren, welcher Eonfession der Besitzer angehört, wird die Hand freventlich nach jedem Eigenthum greifen; die Theorie, daß Eigenlhum Raub ist, wird in. ihrer Allgemeinheit chek geläufig werden als die erwähnte Tistiuclio». BiS lief in die Seele hinein muß es corrumpirend wirken, wenn die Führer der Antisemiten in frecher Weise nicht zurückschrecken selbst vor Attentate» gegen die im organischen Aufbau der gescUschafllichcu Drdnung nolhwendigen Spitzen. „Das sollen S-e büßen, Herr Bürgermeister"; „Merken Sie sich taS, Herr Präsidenl": „Ter Statthalter soll nicht denunciren" — sind so verwegene Apostrophen, daß die volle Tragweite ihrer Schädlichkeit sich kaum ermessen läßt. Der Bürgermeister der Stadt Wien, der Präsident des Abgeordnetenhauses, der Statthalter von Niederösterreich :c. :c. stehen so hoch erhaben über Dr. Lueger und Consorleii, daß sie sich wohl persönlich über diese Expectorationen wnihichnaubliider Seelen hinwcgzusetzen."vermögen; aber welchen Schaben richtet ein solches Verhallen in den weilen Schichten der Bevölkerung an! Nur zu sehr ist die Menge geneigt, die ihr gerade nicht immer bequemen autorilalivcn Maßnahmen zu mißachten und herabzusetzen: muß sie nicht eine Ermunterung, wenn nicht geradezu eine Aufforderung hiezu finden, wenn die an der Spitze maßgebender Körperschaften befindlichen Autoritäten so schamlos hcrabgewürdigt werden? Und dahin zielt eben das Streben dieser Kumpane. „Keine Autorität, ob westlich, ob kirchlich!" — das ist ihre Devise. ES kommt sicherlich schon einer Schreckensherrschaft gleich, welche diese Männer rücksichtsloser Verwegenheit ausübcn. Welches Schaudern muß Einen erfassen, wenn er sich die Vorgänge vor Augen hält, die sich in den letzten Landtagsrerhandlungen abspicllen! Nicht dir profunde Gelehrsamkeit, nicht t/r edle Eharaktcr, nicht der ehrwürdige geistliche Stand des •tuctmä vermochte denselben r>or den gemeinsten Angriffen dieser Herolde der AutoritätSlosigkeit zu schützen. Wahrlich, cs ist keine Zeit mehr zu verlieren, dieser unzweifel- Ilafieu Schreckensherrschaft ein Ende zu bereiten. Vor Allem tonnen nicht eilig genug die Autoritäten der Kirche die Lueger und Eonsonen von ihren Rockschyßen abschütteln; das Ehriftenthum darf seine Verkünder nicht unter diesen Unholden haben; cs darf '"rder nicht mit einer einer besseren Sache würdigen Toleranz das wüste lind wilde Treiben der Antisemiien in den Versammlungen,-überhaupt dort, wo die Immunität sie nicht schützt, ihnen straflos hingehkii. Am allerwenigsten darf ihr Einschüchterungsuntciii sich nach irgend einer Richtung Geltung zu verschaffen imstande sei». Nur auf diesem Wege witd wieder die tieferschütterte Äliioritäl zu ihrer Dherhoheit gelangen können. Wie im Einzelne. 145 leben, so gilt auch im öffentlichen der Grundsatz: Nur wer sich selbst achtet, wird Ächtung erringen. Also Wahrung der eigenen Autorität, und der Heerbann der Antisemiten wird sich umsonst bemühe», sein letztes Ziel, die Untergrabung jeder Autorität, zu erreichen. 0—z. Radau und Bildung. Im. nicdcrösterreichischen Landtage kam eS am 4. d. M. bei der Debatte über die VerpflegSgebühren a» den Krankenanstalten neuerdings zu rohen Ausschreitungen antisemitischer Redner. Es wurde wieder . einmal nach Ausplünderung und Vertreibung der Juden gerufen, die Wiffenschaft und insbesondere die Wiener Universität verunglimpft re. Namentlich waren eS Schneider und Greg orig, welche sich excessiv benahmen. Der Neubauer Pfaidler fühlte sich dem Professor Dr. .Nothnagel gegenüber nicht durch jene Livröerücksichten gebunden, welche ihn anfangs in seinem Verkehr mit dem Landmarschall Grafen AbenSperg-Traun beengten; er führte also gegen den berühmten Gelehrten eine äußerst unanständige Sprache und nannte auch die Wiener Hochschule ein „Mauscholeum". Wie es scheint, hat Gregorig einmal in einem Witzblatte eine solche Bezeichnung einer jüdischen Familiengruft gefunden und nunmehr Viesen kostbaren Fund albern vcrwerlhet. DaS „Mauscholeum" ist in gewisser Beziehung ein würdiges Seitenstück zu dem „?eter peoeavi", mit welchem sein Gesinnungsgenosse Steiner an demselben Tage den Wiener Gemeinderath belustigte. Auf die Radau-Stimmen im Landtage folgte aber eine Kundgebung hoher Bildung, geläuterten wissenschaftlichen Sinnes. Der Reotor magnifiens, Dr. Laurenz Müllncr, ergriff das Wort und sagte: „Ich sehe mich gezwungen, gegen eine Aeußerung eines Vorredners über die Wiener Universität Stellung zu nehmen. Ich bin der schlichten Meinung, daß man Dinge, über die man spricht, vorher gelernt haben muß. Als Professor der Philosophie vertrete ich eine Disciplin, die die mannigfachsten Veziehungen zu vielen anderen Fächern hat; daher glaube ich, sagen zu dürfen, ich kenne persönlich die Schwierigkeit des Studiums. Ich wäre in der größten Verlegenheit, wenn ich jetzt von meinen College» anfgefordert würde, über ein Werk des einen oder des anderen eine Aeußerung abzugeben. Zu meinem Erstaunen mußte ich heute hören, dag eS genügt, Abgeordneter zu sein, um über sämmtliche vier Facultäten hier in einem einzigen Satze ein Urtheil abzugebcn, ein Urtheil, das obendrein in ein Witzwort gekleidet war, von dem ich als Professor der Philosophie, der ich auch Aesthetik vorzutragen habe, nur das Eine sage: eS scheint mir — wenig geschmackvoll! Es wurde gesagt, unsere Universität soll zu einem .Mauscholeum' hcrabgcsunken sein. Ich bin seit zwanzig Jahren katholischer Priester, meine Stellung ' zum Katholicismus datirt nicht von heute und gestern her; ich habe keine Epoche hinter mir, von welcher man mir sagen kann, ich bin zur Kirche in einer anderen Stellung gewesen, als in der eines treu ergebenen Sohnes. Ich habe in der Seelsorge gewirkt zu Zeiten, in denen ich mich cxponiren mußte und nicht für die Kirche bloß zu reden brauchte. Ich glaube also von mir sagen zu dürfen, daß ich als Gelehrter nicht eine Stellung einnehme, die mit einem solchen Worte .Mauscholeum' stigmatisirt werden kann. Der Landtag wird ja Gelegenheit haben, meine streng und' entschieden katholische Ueberzeugung hier zu hören. Aber daß die Herren, sie mögen dieser oder jener Confessio» angehören, diese oder jene Wissenschaft vertreten, sie mögen sich zum- Christenthum so oder anders stellen, pauschalster so behandelt werden, und zwar in Betreff ihrer wissenschaftlichen Leistungen, das muß ich ablehnen, und ich scheue mich nicht, zu sagen, daß ich dem ganzen hohen Landtage die Competenz zu einem solchen Urtheile abspreche. Dieses Urtheil ist menschlich unmöglich. Ich habe in meiner Rectoralsrede gesagt, es wird keinen äoetor uuiversalis geben. Wir Alle müssen zufrieden sein, wenn wir ein Specialgebict zur Befriedigung unserer Schüler noch .behandeln — ich sage nicht einmal: beherrschen — können. Nun findet einer der Herren, er habe früher die Universität achten können, jetzt müsse er ihr seine Achtung entziehen. Der betreffende Herr wird gar nicht in der Lage sein, sein Urtheil irgendwie zu begründen. Mein Lehrer z. B. war Carl Werner. Ich würde es für eine der ärgsten Anmaßungen halten, wenn ich mich mit demselben nur irgendwie vergleichen wollte; ich bin nicht werth, ihm die Schuhriemcn anfzulöscn; er war ein großer Theologe, ein tief denkender Philofoph, er war mir in der mathematischen Bildung voraus; ich trage nach ihm vor, und ich gebe zu, ich bin kein würdiger Nachfolger, und viele unserer College» werden sagen, daß sie in ihrer fpcciellen Stellung das nicht leisten, was eine große Vergangenheit der Wiener Universität geleistet - haben mag. Gerade das Studium

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