Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 145 (13.1.1895)
- Date
- 1895-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4886575-5439167-5441589--1736-4888168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
t Freies Blatt AbomirmentSpreiS. Für Oestrrrrich.Ungarn: S>-n,jäbrig.* Ärontn (fl. 2.50) Halt,adrig.* Srontn (fl. 1.50) ftür da» g«fammte Ausland: Ganzjährig . . .'.6 Mark Halblährig . . . . .3 Mark 50 Pf. Einzelne Nummern 6 kr. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismu Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und 'Jlbminiftration: ’ I. Stilcrftättt li». Inserate werden mit 20 Heller {!«■ fr . HU ric vier, mal gespaltene Nonpareillezette bere.Ln-k. kleine Anzeiger das Wort 4 Heller (2 kr.).,An''nadme von Inseraten in unserer Administration' s sie im Annoneendureau M. Tute-, l. WoUzcile -. Nummer 145». Wien, 13. Jänner 1893. IV, -Jahrgang. 3n trüber Zeit. In einer Zeit, in welcher die Gesinnungslosigkeit sich an die 'Wissenschaft heranwagt, in welcher viele Wähler ihr heiligstes Recht, das „die Besten zn wählen", dazu mißbrauchen, um' Niedrigdenkende, Ungslsildete in die BertreiungSkörper zu dringen, in einer Zeit, in welcher die Autonomie den Kampf gegen die Bildung möglich macht, sie, daS Product der freien Verfassung, in einer Zeit, in welcher eine lungere Generation mit allen Mitteln unS zu beweisen sucht, daß sie dieser modernen Staatsform nicht würdig sein wolle, kann man nur trauern über die Verblendung und Jene bedauern, welche nicht wissen, waS sie von sich stoßen.. In einer solchen Zeit aber müßten auch alle Gebildeten Zusammenhalten, um daö zu verhüten, waS die in sinnloser Wuth unsere Ideale mit Füßen tretende Menge der politischen Naturalisten gegen die Gesammtheit thut. ES gibt jedoch genug Egoisten, welche diesem Treiben-schadensroh Zusehen. Ihnen fehlt der Muth der Ueberzcuqung, und ihnen ist eü gerade recht, wenn daS Bild der freien Institution durch ihre Auswüchse verzerrt wird. Daneben hilft das österreichische Erbübel, der Mangel an moralischem Muthe, bei Anderen mit. Denen steckt noch die Perfidie des vormärzlichen PolizeistaateS in den Gliedern; selbst in der Zeit der freiesten Entwicklung von 18<>l— 187!» konnte kiese Angst nicht erdrückt werden. Wer auS fremden Ländern, wo die freie Meinungsäußerung zu Hause ist, wie z. B. in England und Amerika, nach Oesterreich kommt, der staunt, wie vorsichtig für die Wahrheit und das Recht der Mitbürger von Einzelnen eingetreten wird. Es mag ja unbequem sein, man hat vielleicht lästige Anfeindungen zu dulden; aber darf denn die persönliche Rücksicht vor dem öffentlichen Wohle gehen? Die Krankheit des stummen Tragens ist leider wieder im Aufnehmen, der Byzantinismus überfliext in den Formen der Ehrfurcht, dabei vergißt der Einzelne, daß er seinem Vaterlande viel mehr nützen würde, wenn er ein wenig für das allgemeine, nicht für daS eigene Wohl einträte. Alle die häßlichen Bewegungen, die der Antisemitismus mit sich brachte, wären nicht anfgckommen, wenn Jeder nach seiner Ueberzeugung den mit Verachtung bestraft hätte, der nicht die Bildung besitzt, sich von dieser Verfolgungswuth zu befreien. Hören wir je von einem Bureauchef, der seinen Beamten antisemitische Allüren untersagt hätte? Der bureaukratische Zopf sucht hinter jedem offenen Kopfe einen Vaterlandsverräther, weil dieser nicht Alles im Staate billigt und bejaht. Wer für die materielle Wehrkraft des Landes cintritt, heißt „Patriot"; ist es so schwer, in diesem Sinne dem Vaterlande zu nützen? Wer für die geistige Wehrkraft des Vaterlandes rintritt, wer wirkt und arbeitet, damit daS Heimatland nicht zurückstehe hinter dem Fortschritte der Nachbaren, der ist ein „Nörgler", ein „Aufwiegler", weil er zu manchem „nein" sagen muß, weil er mit Schmerzen sieht, wie Reaclio», ZelotiSmuS, Rassenhaß ein großes Grab aufwühlen, und seiner Befürchtung auch Ausdruck gibt! Der gedankenlose Einwurf „Freimaurer" als ob das eine Schande wäre) bezeichnet die Bildung solcher, welche sich desselben bedienen. Es ist eher eine Schwäche der Regierung, daß sie, nachdem die Freimaurer 1848 durch Minister Doblhoff erlaubt worden waren, da sie „nicht staatsgefährlich" sind, noch an dem Verbote Windifchgrätz', deS ErstürmerS Wiens, festhält. In Ungarn aber ist die Frciinaurcrci erlaubt - - in dev selben Monarchie zwei verschiedene Auslegungen! «Gerade .die Freisinnige» in Oesterreich hätten cs noihwcndig, jenen Damm gegen systematische Verdummung, gegen Lchmälcruitg der Menschen rechte und gegen Intoleranz, Len die Freimaurer bauen, aufzuwcrfen, um auf demselben dem Antisemitismus entgegenzulreteu. Ich kenne zahlreiche Personen, welche, wie ich. ihren Ansichten nach ..Maurer" sind. Die Lehren, welche ich aus der Maurer Literatur in mich ausgenommen, sind christlicher als di.c, welche von so inancher Kanzel herabträufeln.' Der Fortschritt, so stürmisch er daS XIX. Jahrhundert durchs brauste, verlangsamt sich mit dessen Ende. Das große Schwungrad aufzuhalte», das vermeinen wohl nur armselige Pygmäen, die von einem neuen Vormärz träumen. Die Gähruug der Jetztzeit' wird -'aber vielleicht den gesunden Sinn des Volles wecken, vielleicht öffnen sich die Augen auch Jenen, welche duldcii, daß Einzelne im öffentlichen Lebe» die Grenzen des Anstandes überschreiten, welche dulden, daß die Volksschule allmälig nutcr geistliche Herrschaft tritt, welche Denunciation und Aberglaube» anwachscn lassen. Denn der Rücksicht auf Einzelne danke» wir den schlechten Dienst', daß man eine ausgezeichnete Lehrkraft der Universität, den geistvollen Brentano, verlor, daß die Erfolge in Ungarn mit dem Sturze des Ministeriums endeten und daß eine geradezu staats gefährliche Bewegung, wie der Antisemitismus, mit einer solchen' Passivität behandelt wird, daß manche junge Beamte, welche aufwärts streben, im gedankenlosen Verhetzen und in dem monotonen Ausdrucke ihres Judenhasses schon ein Mittel zu sehen glauben, die wohlgefälligen Blicke ihrer Oberen auf sich zu lenken. Das ist ja wie der Anfang eines Bürgerkrieges, in welchem, wen» er auSbräche, der wahre Patriot auf Seile der Juden stehen müßte, wenn ihm je Menschenrechte heilig waren. Salzburg, im Jänner l»>bö. >, Die Untergrabung der Autorität. Wem jetzt noch nicht die Augen aufgehe», der ist mit Blindheit geschlagen sein Leben lang. Sowohl das, was die Usurpatoren des „kleinen ManncS" verbringen, als die Art, wie sie dies"Vorbringen, kann keinen Zweifel mehr darüber lasse», wohin ihr Streben sich eigentlich richtet: nichts liegtihnen so sehr am Herzen, als jede autoritäre Gewalt in den Staub zu drücken. Ob das Haupt in der Gemcindestubc. der Ehef des .Landes, der Vorsitzende in der Deputirtcnkammer, die Männer der Regierung, der Rector der alina mator — alles einö: Nicmcind von diesen Autoritätöinhabern bleibt verschont. Es gilt die Demoliruug all der Vesten, die nufgerichtet sind zur Schutzwchr gegen Unordnung, Willkür und Wildheit. Daö vernressene Treiben gegen die Be kenner des Judenlhnmö ist lange nicht Ziel und Zweck dieser Heilsvcrkünder auf dem Markte der zu vertretenden öffentlichen Interessen, alö vielmehr eine Vorprobe für die Machtfülle, die sie sich bereits zu eigen nennen können. Je ungchinderler und ungestörter sie die Juden zur Zielscheibe-ihrer ruchlosen Angriffe zu machen sich unterfangen, desto kühner und dreister glauben sie sich hervorwagen zu können gegen jede Obrigkeit. Ihr Ealcül ist . einfach. Ist eö ihnen einmal leicht gemacht, Bresche zu schießen