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Freies Blatt · 1895-01-06 · 144 (6.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
144 (6.1.1895)
Date
1895-01-06
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 144. Fr eie» Blatt. reite?. (ZucrcLilclMeveien. Im Dörrcngrundcr Walde bei Braunau iu Böhme» hat am 2. Jänner 1895 eine Ansammlung von sechstausend Menschen staltgefnnden, welche sich ans Anlaß einer -für diese» Tag von einer ge- -vissen Christin» Ringel angekündigten Bision dach» begebe» halten. er Bezirkshauptmann von Braunau erschien in Begleitung eines Beamten und einiger Gendarme» an Drt und Stelle und forderte d e ohne Bewilligung der Behörde Bersammelten auf, auseinander- - gehdn, indem er sie ans' die Ungesetzlichkeit ihres BorgehenS auf rksain machte. Die Menge leistete der Aufforderung des Bezirks- - inptniannes keine stolze, sondern drang gegen die Sicherheitsorgane bedrohlicher Weise vor, verdrängte dieselben vom Wege, und bewarf mit Steine». Nur der Intervention des Bezirkshanpimannes von" iiitnou ist eS zu danken, daß größere AuSschreitunge» hintangehalten iden. Zwei Personen wurden, die eine an der Vippe, die andere an . Brust, leicht verletzt. Dieser bedauerliche Vorfall veranlaßt uns, I,stehenden, in der Berliner „Volkszeitung" erschienenen treffliche» ,'satz über das Eapitel „D.uacksalbereien" zu reprodneiren: Am Ende des Jahrhunderts kehren Erscheinungen in Hülle wieder, nnS die Erfahrnng destätigen, daß das Wunder noch immer des aubens liebstes Kind ist. Nach Nadbruch wallfahrseten Tausende, beim Schäfer Ast Erlösung von ihre» Gebrechen zu suchen. Und Andrang zu dem D.uacksalber war so groß, daß Kranke im Wenige erdrückt wurden. Und wie dieser Schäfer von der Lüneburger .:idc die Schafe in Heerden schor, so in den Reichslanden der Schläfer ü von Dorlisheim, dem das Glück, in Gestalt eines schönen Hauses ..d reicher Einkünfte, im Schlafe kam. Zn diesen großen Eurpfuschern 'eilen sich Dutzende von kleinen.. Alle diese großen und kleine» D.uack- -iber machen sich die bekannte Erfahrung jenes elfemaligen Hans' -chtes eines kenntnißreichen Arzteö zu Nutzen, der als Eharlatan i lne Kunden nach tausenden zählte, während sein Herr es im Jahre ani kaum hundert brachte, und .der diesem dann stolz sagte: „Tie ungeheure 'Menge der Dniumen glaubt an mich, das kleine Häuflein i Verständige» an Sie, lieber Herr!" Ter Glaube an wnndrrwirkende Personen und Gegenstände treibt aber noch* aut anderen i"cluctcn als dem der Heilkunde Blüthen, dafür Zeugen die glänzenden «Geschäfte, welche spiritistische Medien machen, ti'otz aller Enilarvnnze». Und fast scheint eS, als sei gerade das Ende deS Jahrhunderts vom Schicksal da;u ausersehenZ der Enltnrmenschheit die Augen;» öffnen über die Abgründe des WahnS und des Aberglaubens, die auf ihrem Weg .',11111 Vichl gähnen. War doch auch das Ende deS vorigen Jahr Imnderts ein gesegnetes für Wuiiderdoetoren! Alle Täuschungen, welche henke aus dem spiritistischen und thera pentischen Gebiete geübt werden, hat gegen Ende deö vorigen Jahr bnndertS ein einiger Mann weit großartiger und erfolgreicher ans geführt, nämlich der Sieilianer Giuseppe Balsams, der seine Laufbahn als Apothekerlehrling begonnen und sich als Graf Eagliostro einen »»vergänglichen 'Namen in der Geschichte des Schwindels erworben bat Eagliostro. vollzog nicht nur eine Reihe der glücklichsten Euren, sondern er verkaufte auch um hohen Preis ein Webenselizir, das dem Menschen beim hänsigen Gebrauch die unvergängliche fugend sicherte. Er beschwor Geister, und >vaS sie redeten, war in der Regel nicht so blödsinnig wie die Dsfenbärungen der SpiritS unserer Zeit. Kein Wunder, daß dieser Wunderniann Tausenden die leeren Köpfe verdrehte und die vollen Taschen entleerte! Und nicht nur die Ungebildeten iahen in ihm ein höheres Wesen, sondernauch unzählige Mitglieder der sogenannten guten Gesellschaft, ja, eine so hervorragende' Frau wie Elise v! d. Recke schwärmte für ihn. Nur jene Kaiserin, die Eagliostro für sein lieben gern umgarnt hätte, Katharina 11. von Rußland, lachte ihm inö Gesicht und verhöhnte ihn durch ein Viifp il'iel. Diese Frau war zu sehr vom Geiste Bolraire's, der sie galant die Semiramis des Nordens genannt hatte, erfüllt, als daß ein Taschenspieler wie Eagliostro sie hätte verblenden können. Auch der Papst glaubte nicht an ihn, und als Eagliostro sich erlaubte, in Rom Geister zu eitiren und gläubige Gemüther der Kirche;n entfremden» ließ er ihn in Port San Veon eiusperren. Trotzdem .nun Alle, die an Cagliostro's wunderwirkende Kräfte geglaubt hatten, erkennen mußten/ daß er nicht von der Vuft lebte, sondern gierig die Gefängniß kost verzehrte, und daß sein. Lebenselirir nicht einen Heller werth sei, denn er selber starb schon im Alter von 52 Jahren, so gelang es doch fast zur selben Zeit einem anderen Wunderdoctor, nämlich M e s »icr, für. sein Allheilmittel Hunderttansende aus den Taschen der an Wnndercuren glaubenden Gesellschaft zu ziehen. Und wie es heute namhafte Gelehrte gibt, die das Verstandesopfer bringen, vierdimensionale Offenbarungen „wissenschaftlich" zu untersuchen, so fanden sich damals Gelehrte zu langwührenden Eonserenzen ein, um darüber;n entscheiden, ob MeSnier wirklich ein Allheilmittel besitze oder nicht. Erst , als dieser durch seine magnetischen Euren eine Anzahl lwchgestellker und einflußreicher Personen allzu voreilig von der Krgulheit des VebenS befreit halte, mußte er Paris, wo sein Weizen in urvig geblüht hatte, bei'Nacht und Nebel verlassen und an der andere:: 3 eite des Eanats die Wunder des thierischen Magnetismus in englzsih.-- Gold Rlinsetzen. Und die Welt ist.im Vause eines Jahrhunderts anicheinend nicht . Heller geworden, das Tnnkel des Wunderglaubens, umhüllt sie noch auf weilen (Gebieten. ES sind nicht die Schäfer" und Scktläker allein, welche die kraulen Schafe in den nnteren Schichten der- V.indbcvöl * kernng scheeren, in unseren Großstädten haben sich Eussüiiicher in > Menge eingenistet, die still und bescheiden ein einträgliches ("eiuerbe j treiben. Bor einigen Jahren noch waren im Westen Berlins, in der 'stillen Hiltebrand'sche» Privatstraße, die Thüren des „allen/ De venter von Hilfesuchenden aller Geiellschaiisschichten ' belagert Und i. ich selber habe mich einst unter der --saht Derer befunden, -die sein Vorzimmer füllten. Tie Art-, wie dieser „Naturarzt" wirsic, war ganz originell und verdient es wohl, geschildert zu werden. 'Be: etwa zehn Jahren litt ich an Magenbe'chwerden und meine Iran a» einem BronchuMatarrh. Als ich eines Abends' darüber in Gesellschaft eines namhafte» SchriststelZes und eines berühmten Bildhauers Klage führte, riesen Beide wie ans einem- Munde: „lachen Sie zu Te- 1 venter!" Ter Bildhauer versicherte mir, daß dieser ausgezeichnete i Naturarzt ihn von einem langwierigen Veite» befreit habe, das naist hafte Mediriner vergeblich bekämpft hätten, und der Schriisteller versicherte mir, daß seine Tante in dem ehrwürdigen Greise ihren Vebens- - retter verehre. Auf meine Frage, 'ob der Man» Mediejn stndirt habe', „antwortete man mir, daß Teventer. Heilgehilfe gewesen und im Uebrigen ein Genie sei. 'Ta ich mich erinnerte, daß der mit Recht berühmt gewordene Wundarzt Fischer zu Köln auch seine Vansbahn - als Heilgehilfe begonnen und als Autodidakt eine, hohe Stufe des : Wissens erreicht halte, hielt ich es für der Mühe werth,. die Be- - tanntschasl Tevenler's zu machen: ich gebrauchte aber die Vorsicht, meine Frau einen Tag später in^sein 'Sprechzimmer zu schicken. Das Wartezimmer war pou Kranken iiüeifiiüt, die geduldig zwei, bis drei Stunden auf das Herein! harnen und die unterdessen 'ein Voblitd sangen, das mit dem Refrain schloß: Teventer heilt Alles!. Nachdem ich drei Stunden in dem engen Raum ribgeiesten, ertönte auch für mich das erlösende Wort, und ich trat in Tevenler's! Sprechzimmer ei», das einer goihischen Eapelle glich. Tie Wände . waren getäfelt und mit Schuitziverk' versehen, eine Orgel erhob sich von einer der Wände, und von den Wandbrettern und Eonsolen schauten die Portrülbnsten großer Aerzte und k^elehrten ans u»S herab. Im geheimnißvollen Halbdunkel dieses weiten und seltsam auS- ' gestalteten llraumes erhielt die hohe Gestalt des greisen^.h'aturarzkes, > besten plumpe t^esichtszüge durch einen langen weißen Bart verschönt wurden, einen völlig feierlichen Eharaktrr. Er sah mich eine Weile prüfend an, dann fragte er in barschem Tone: „Wo fehlt'S?“ — - Ich nannte ihm meine Beschwerde, und er rief: ,,Zeigen Sie die! Zunge!" Ais dies geschehen und er bedenklich den Kopf geschüttelt Halle, verschwand er im Nebenranm. Nach «mer Weile kehrte er zurück, stellte sich dicht vor mich ' hin und sagte in einem Tone, als müsse er mich heftig -ansschellen: „Geben Sie Acht! Ich will Ihre» Zusladd nicht bessern, sondern Sie vollständig euriren! Darum müsten Sie Geduld haben. Hier nehmen Sie, diesen -Enrzettel'- und befolgen . Sie genau meine Vorschriften, und hier haben Sie ein Fläichche», davon, nehmen Sie täglich viermal je zehn Tropfe». Sobald das Fläschchen leer ist kommen Sie wieder." Darauf halle ich zwei Mark , zu zahlen und war entlassen. j Am folgenden Tag kam meine Fra» aus denr Sprechzimmer i Teventer's zurück mit dem gleichen Fläschchen in der Vinken, dem Enrzettel in der,Rechten und berichtete mir, daß ihre Unterredung > mit dem Wunderniann genau den gleichen Verlauf gehabt habe wie die ineinige. Unsere beide» Enrzettel enthielten die gleichen diätetischen. Vorschriften: Enthaltung von Spirilikoi'e», von fettem Fleisch, scharf - . gewürzten Speisen, vom Rauchen :e., -unsere Tropfen hatten die gleiche Farbe und den gleichen (Geschmack. Unsere Fläschchen waren beide au jedem, zweiten Tage geleert, und so zahlte täglich einer von uns 2 Mark und''versäumte zioei bis drei Slnnden seiner kostbaren Zeit. Die Befolgung jener Diät, die jeder von uns sich eigentlich selber hätte vorschreiben können, hatte zunächst eine günstige Wirkung, aber sie beseitigte daS Hebel nicht Als ich Teventer das sagte, antwortete er mir: „So müsten wir ein anderes Mittel anwenden. Sie begreifen, daß ich erst Ihrem M-rgtn lsiuter die Schliche koinmen müsse." Hierauf drückte er mir ein doppelt so großes Fläschchen in j die Hand wie das vorige und gebot mir, hie doppelte Anzahl von j Tropfen zu nehmen.

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