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Freies Blatt · 1895-01-06 · 144 (6.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
144 (6.1.1895)
Date
1895-01-06
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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.freies Blatt. reite t*. Feste öer Heimat ihn in seinem Banne, und so entstand der „Rabbi von Bacharach". Man muß, um dieses Werk zu verstehen, vor Allem in die fugend des Lichters zurückgchen. Heine's Batcr ist uns aus des Dichters Schilderungen zur Genüge bekannt. Er hatte eine - grenzenlose- Lebenslust „immer himmelblaue Heiterkeit und Fanfaren des Leichtsinns".-» Er hielt mehr von Soldaten und Pferden, von Schauspielerinnen und Kartenspiel, als von Gebet - büctiern und Lenkriemen, von Festen, und Fasten. Jndeß würde man doch sehr fehl gehen, wenn man etwa daraufhin glauben wollte, daß Samson Heine diesen seinen Neigungen damals in Düsseldorf halle öffentlich »achgehen können. Las jüdische Leben jener Zeit war noch zu patriarchalisch abgeschlossen. Die Macht der Rabbiner über die Gemüther war noch zu groß, als daß Einzelne es hätten wagen dürfen, aus dem Bannkreise der Synagoge herauszutreten und über deren Gebote sich öffentlich hinwegzusetzcn. Rur auswärts, auf Reifen, konnten die jüdischen Freigeister, zu denen auch Samion H?uke gehörte, solches wagen. Zu Ha'itse — cs muß dies ausdrücklich belonl werden — wurde das jüdische Vebe» mit feinen Ecremonien und Festen streng innegehalten. Denn die Mutter hielt darauf. Beun Heine stammte' aus einem frommen Hallse, und sie erzog ihre siindcr in demselben Glauben. Wenn Heine von seiner Mauer berichtet, daß „ihr Glaube ein strenger. Deismus war", fs kann sich das nur auf eine spätere Eulwicklnngspcriode be ziehen, Ich selbst besitze Briefe von Bcily Heiize in hebräischer Eursioschrifk, ganz in dem hausmütterlichen 'Tone des damaligen lüdisch'en Frauenlcbens gehauen, die einen unzweifelhaften Beweis : dafür abgeben, daß mindestens bis in die, ersten zchn Jahre oieses; Pahrliunderls das Leben im Ellernhause Heine's genau dasselbe : w:r. wie das aller anderen Familien der jüdischen Gemeinde zu; Düsseldorf. Heine' berichtet in seinen „Memoiren" einmal, daß die längste Rede, die sein Baker gehalten, sich aus seine atheistische'» 'Neigungen wahrend der Gymnasialzeil bezogen hat. Sie lautete: „lieber : Sehn.' Deine Mutter läßt Dich beim Uector Schallmeycr Philosophie skudiren, das ist ihre Sache. Ich meinestheils liebe nicht die Philosophie, den» sie ist lauter Aberglauben, und ich bin -raufmaiin und habe meinen Kopf nölhig für mein Geschäft. Ln kannst Philosoph sein, soviel Du willst, aber ich bitte Dich, sage nicht öffentlich, was Du denkst, denn Du würdest mir im Geschäft schaden, wenn meine Kunden erführen, daß ich einen Sohn habe, I der nicht an Gott glaubt; besonders die Juden würden keine Bclveleens mehr bei mir kaufen, und sind ehrliche Leute, zahlen prompt und haben auch Recht, an der Religion zu halten. Ich bin Dein Batcr und also älter als Du und dadurch auch erfahrener: Dil darfst mir also aufs Wort glauben, wenn ich mir erlaube, > Dir zu sagen, daß der Atheismus eine große Sünde ist."")! Es ist nur wenig bekannt, daß das erste Gedicht Heine's aus den religiösen Erinnerungen seiner Zugend hervorgegangen ist, Es ist das Gedicht „Belsazer". Roch in seinen letzten Lebensjahren , erinnerte er sich desselben in einem Gespräch mit Ludwig Kalisch: .Und wissen. Sie, was mich dazu mspirirt hat? Ein paar Worte der hebräischen Hymne .liaehazoz halajia* (Um Mitternacht), - . man, wie Sie wissen, an beiden Osterabendcn singt."') Hymne gedenkt nämlich der auf die Geschicke der Juden )•;!; rächenden Ereignisse, die um Mitternacht vorgefallen, und in f.mf Worten spricht sic von dem Tode des babylonischen Tyrannen, ■w :u Fe.ge Der Entweihung der Tempelgefäße in der Nacht olii'.reggerafsl wurde. - - Bk. ViH 5 4>*r. - j Viü. i:.-., - •;.*>. 2et lautet wörtlich: „W^jlu i>eviiaii ha-lajla!“ (Und : uaut Üiittcui.-.in.» Ter Vorgang ielbft wird in vor Bibel (Tarnet V. •i'.< erzat-lr. Sie.i-! r. »zati-cb: Variier Skizzen -Mainz 1881), 2. 331. . Nr. 141. Der Widerstreit zwischen den altjüdischen und den Eindrücken des modernen Lebens, zwischen Tradition und Philosophie üble auf die Charakterbildung Heines unzweifelhaft einen nachtheiligen Einfluß aus. Es ging ihm, wie so vielen Männern, die zu Anfang des Jahrhunderts geboren wurden: der Kinderglaube des Hauses blieb ihnen eine schmerztich süße Erinnerung, ein linver äußerliches Erbe, von dem sie sich ihr ganzes Leben lang nicht freimachcn konnten. Nur von diesem Standpunkt aus muß man das Leben und Schaffen Heine's bcnrtheilcn. In Frankfurt a. M. und in Hamburg lebte Heine fast aus schließlich in jüdischen Kreisen; selbst bis auf die Universität nach Bonn begleiteten ihn die hcimallichen Erinnerungen. Einer feinet Freunde ans jener Zeit berichtet,-') daß er damals sehr oft an schönen Sommernachpiittagcn in einem Kahn rhcinaufwäns gefahren fei und mit besonderer Borlicbk in Bacharach verweili habe. Dort weilte ja die Lorelei, und auch die beste» Weine zog man in Bacharach am Rheine auf. Ohne Zweifel ist in solchen Ltiinden der Plan zum „Rabbi von Bacharach" entstände». Man kann wohl behaupten, daß der „Rabbi" Heine's p r o s a i s ch e s E r st l-i n g s m e r t gewesen ist, uizd ich lege ans verschiedenen noch zu erörternden Gründen Werth' auf diese Be Häuptling. Denn „Die Harzreise" wurde erst im Oktober -und November 1824 geschrieben; vom Roman schreibt er aber scho», Ende Juni desselben Jahres 6) wie von einer ^Arbeit, mit der er schon lange beschäftigt''sei. Es ist keine Frage, daß'der Aufenthalt in Berlin und der Verkehr mit dem „jungen Palästina", vor Allem mit Leopold Zunz, Moses Moser, Josef Lehmann tind Immanuel Wohlwill wesentlich die Stimmung beeinflußt hat, aus welcher der „Rabbi" hervorgegangen ist. Gerade in jener Zeit hat ja Heine auch seine Tragödie „Almansor" vollendet, in die er „sein eigenes Selbst" hineingeworfen mit sammt „seinen Paradoxen, seiner Weisheit,"seiner Liebe, seinem Hasse und seiner ganzen Perrücklheit". Der „Almansor" ist ein Klagelied des unter drückten I n d c n l h u m S, eine Salyre auf das Renegatenthui» welches damals gerade in gebildete» jüdischen Kreisen überhandnahm. Den Grundgedanken des „Rabbi von Bacharach" entsprechen die Bcrsc ziemlich genau, welche man wohl das Motto des „Almansor" nennen kann:7) ■ * ,,85et)' nicht nach Achs schloß! PestWerter» gleich ftlief)' jenes Hans, wo »euer (Glaube keimt, Tort zieht uian dir mit süßen Zailgentöncu Ans tiefer Brust hervor das alte Her; ‘ / Und legt dir eine Schlang' dafür hinein. Tort gießt man dir Bleitropsen, hell und heiß, Aufs arme Haupt, daß nimmermehr dein -Hirn Gesunken kann von wildem Wahnsiitiisschmer;, Torten vertauscht man dir den alten Namen Und gib) dir einen nen'n, damit kein Engel, Wenn er dich warnend ruft beim alten Namen, ' Vergeblich rufe. D, bethörtes Kind, Geh' nicht nach Alys schloß, du bist verloren, z ' Wenn man in dir Almansorn wiedersieht." _ (Fortsetzung folgt. ) Friedrich Sleinmann in seinem Taschenbuch sür deutsche Literaturgeschichte, (Münster 1834), 2. 60 ff. Die Loreleh'age nach Brentano! Zit Bacharach am Rheine — Wohnt' eine Zauberin u. s. w. Godvi, II. 392. Tas alte Lied über die drxi Städte mit dem besten Weine ist bekannt. Zn Hochheim an dem Maine, — Zu Würzburg auf dem Steine, — Zu Bacharach am Rheine — Ta sind die besten Weine. r‘) VIII 431 Unzuverlässig ist wohl dieMittheilnng Fr. Steininanii'S in seinem Buche über Heine (Prag 1857), 2. 146, daß Heilte schon im Jahre 1821 in Berlin an dem Werke gearbeitet habe. Die ganze Faffnng der Notiz ist so komisch, daß sie keinen Glauben verdient. Im Jahre 1857 kennt er von der Schrist nur den Titel „Ter Rabbi" und möchte sich vergewissern, ob sie etwa noch „handschriftsweise" irgendwo in Berlin „beruhe", während daS Werk schon seit 17 Jahren im „Salon" abgedrnckt war. ’) II. 13 ff. 1

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