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Freies Blatt · 1895-01-06 · 144 (6.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
144 (6.1.1895)
Date
1895-01-06
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Freie» 8 I a 11. Nr. 144. Teile 4 land unter dcn Juden eine rein blonde oder Helle Kategorie haben, al'o blondes Haar, blaue Augen, helle Hautfarbe. Eie beträgt II '2 'Ivicctit." Ich habe mir die Frage vorgelegt, inwieweit etwa locale L increiizcn dabei hervortreten könnten, und ich habe besondere Vergleichungen der einzelnen Länder in Bezug auf diese Zahlen angestellt; find diese Differenzen ungemein klein. Im Königreiche B.cußc» beträgt die Zahl der Juden von „urgermanischer Rare", d. h. alio von reiner Blondheil mit weißer Haut und blauen Augen, I! 17, in Baireru 10 38, in Baden lGt32f in Hessen 1117, in 2'iaiimchweig 13 58, in Sachsen-Meiningen 9 91, in Elsaß-Lothringen 13 51 Percent. Daran läßt sich nun allerdings herumdeuten, indeß dic'cr Tb.att'ache steht gegenüber, daß wir unter den Juden rein Braune, mit braunem oder schwarzem Haare und Augen und dunkler Hautiärbung, 42 Perccn: haben: also ein recht respektabler Gegensatz gegen dir wirkliclien Germanen, welche im Mittel n« ganz Deutschland 32 11 Percent rein Blonde ausweisen. Hb eS möglich sein wird, durch weiter gebende Erionchnng der .blonden Juden, welche ich für das nächstgrößie Desiderat halte, festzuslellen, daß sie germanischer Abkunft sind, daß ne alt'o zu den Urgermanen gehören, oder ob es sich feststellen laüeu feilte, daß es auch in der jüdischen Bevölkerung einen braunen und einen blonden Hriginaltypus gibt (schon ältere Schriftsteller 'machen von solchen Differenzen der Juden in ihrer Heimat, und nach Fritsch und Anderen sind unter den kleinasiatischen Juden noch;n?t viele Blonde), das wäre ein Gegenstand weiterer Untersuchung. Aber es ist gewiß von Wichtigkeit, zu eonstatiren, was durch unsere Erbebniigrn directdargelhan ist, daß in - demjenigen Bruchtheile der Berölkr^iNig. der, durch religiöse und sociale Berhältnisie gezwungen, salnbunderielang in der allerstrengsten Absonderung gelebt hat, derartige Berichiedenheiten hervortreten. Ich habe anch einige preußische Provinzen daraus geprüft, ob sich diese Berhältnisie in denjenigen Proviu;cn, wo die Juden mehr in den allgemeinen gesellschaftlichen Berkehr eingetreten sind, pngewöhnlich gesteigert haben, oder ob sich da, wo die Juden unter einer hervorragend blonden Bevölkerung leben, die Hellen Berhältnisie in stärkerem Maße zeigen, sich also ein stärkerer Einstuß der blonden Eroberer geltend macht. DaS ist aber durchaus nicht der Fall. In den am meisten blonden Provinzen unseres Vaterlandes find die am meisten braunen Juden und umgekehrt. Gerade in den südlichste» und dunkelsten Dheilen Schlesiens ist verhältnißmäßig eine stark blonde Judenschaft. Dalko Gri n zew itsch fand unter de» Juden im südwestlichen Rußland etwa 25 Percent mit dunkler Haut, i>0 Percent helle Haare, 10 Percent blaue und 25 Percent graue Augen. Bon der heiteren Seite.> Ferdinand Nürnberger pflegte, als er in Wie» als - Feuilletonist thälig war, fast täglich eine damals bekannte Buchhandlung zu besuchen. Eines Tages, als der Dichter in dem Geschäfte zugegen war, trat ein junger Mann ein, der Ehm durch seinen interessanten Kops aufsiel. Als derselbe das.Geschäft wieder vertane» hatte, fragte Kürnberger den Buchhändler um den Ramen des jungen Mannes. „Es ist ein bekannter Geiger," bekam er zur Antwort, „und heißt Connadp." „Connady?" wiederholte Kürnberger, ..hat der Mann immer so geheißen?" — „Rein," erwiderte der Andere, „eigentlich heißt der Mann Cohn." Einig« Tage später fiel Kürnberger efne andere interessante Persönlichkeit auf. Auf seine Anfrage ries der Buchhändler: „Das ist der Pariser Schriftsteller Paul d'Abrest, aber eigentlich heißt er gar. nicht so, sondern Cohn." Kürnberger sah den Freund starr an, nahm seinen Hut und entfernte sich stumm und bereits ziemlich verschnupft. Doch kam es noch beffer. Eindrittesmal präsentirre sich der Bersasier des Lustspiels „Heine'S junge Leiden", das damals in Wien Furore machte, und als er das Local verlaffe» batte, sprach Kürnberger: „Heißt-der Mann wirklich A. Mels? Der Raine klingt mir zu hübsch für einen wirkliche» Familiennamen." — ."NNI bewahre," sagte der Buchhändler, „das ist nur sein Autori rie. ei'/ntlich beißt er Cohn." Diesmal wurde dem Faß der Boden -. c stbß.u, Kürnberger, überzeugt, daß sein Freund ihn nur zum ’ hak, ergriff wieder seinen Huk, aber diesmal um das : nur;u vertanen, sondern auch nie wieder zu betreten. '; l i; '■ u die drei Männer mit den schönen Ramen in der ■' d bu. — Ei» heileres Gegenstück zu dieser Geschichte ■ ■ ' ■ r-t.'n Brertel dieses Jahrhunderts erzählt: Kommt da ' -’t 2'd)k in een. Zwanzigerjahren nach Amsterdam, um per- ’• >; ..diichc Erbschaft zu fördern, und gehl zunächst zu "d:o-.aicn. Daß dieser Jude war, erregte schon sein Erstaunen,, a u -rach'en zu tamalnzc^Zeit kein jüdischer Rechtsanwalt existirte. W:e grcn war ab c crji ie:iü Erstaunen, als er in einer Conferenz mit ccm clsten Bürgermeister in die-em ebenfalls einen Juden entdeckte. Der Bürgermeister verwies ihn an den Justizminister. AlS er nunmehr die'cm eine Eingabe persönlich überbrachle und hörte, daß dieser auch ein Jude ser, war er fast starr vor Schrecken über die vielen Juden in der Verwaltung und Justiz. Der Minister gab dem Sachsen den Rath, eine Audienz beim König nachzusuchen, und versprach, dazu die Wege zu ebnen. Der Petent zögerte zunächst mit der Erklärung, ob er den Weg einschlagen wolle; da fragte Se. Excellenz etwas ungeduldig, ob er sich fürchte, vor dem Könige zu erscheinen? „Nein," antwortete zaghaft der Bittsteller, „aber verzeihen Sie, ist Se. Majestät auch ein Jude?" (Aberglaube und Rechtspflege.) 'In, Decemberheft der „Gesellschaft" schreibt Ludwig Fuld (Mainz): Vor neun Jahren, als der Antisemitismus vergebliche Anstrengungen machte, die in Sturz, unweit der russisch-preußischen Grenze, verübte Ermordung eines Knaben zu einem „rituellen Mord" zu verwerthen, schrieb mir Franz von Ho Itzendorfs, ich sollte einmal den Einfluß des Aberglaubens auf die Glaubwürdigkeit des GerichtszeugnisieS untersuchen, denn die a»ti semitische Agitation habe es glücklich wieder dahin gebracht, daß man vor denselben Erscheinungen stehe, wie sie uns in den Acten der Hexenprocesie entgegentreten. Dem wahrhaft humanen Gelehrten blieb es erspart, die weitere Entwicklung deS Antisemitismus mit ansehen zu müsien, ein gütiges Geschick hat den hervorragenden Rechtsgelehrte» davor bewahrt, die verhängnißvolle Beeinfluffung der Glaubwürdigkeit deS ZeugnisieS vor Gericht durch die antisemitische Propaganda in seinem Vaterlande beobachten zu müsien. Was Holtzendorff vor einem Jahrzehnt befürchtete, hat sich in vollem Maße erfüllt; wir sind in manchen Gegenden des Deutschen Reiches dahin gekommen, daß unter dem Einfluß des durch den Antisemitisuuls hervorgerufenen oder ver stärkten Aberglaubens die gerichtliche Untersuchung bei manchen An klagesachen, die sich gegen einen Juden richten, auf die größten Schwierigkeiten stößt; die Bevölkerung ist durch die antisemitische Presie und durch,die Hetzapostel des Antisemitismus derart bearbeitet und beeinflußt worden, daß sie den Juden die unmöglichsten Dinge und die unbegreiflichsten Verbrechen zutraut; eine Anschuldigung, welche, wenn Jle gegen einen Nichtjuden gerichtet wäre, von jedem Verständigen mit dem verdienten Spott abgethan würde, wird geglaubt, wenn sie sich gegen einen Juden richtet; die Leute haben ja seit Jahren gehört, daß der Jude durch seine sogenannten Geheimbücher zu der Vornahme von Handlungen verpflichtet werde, welche für vernünftige Menschen unerklärlich sind, bis'sie es schließlich glauben, und unter dem Einfluß dieses Glaubens, richtiger dieses Aberglaubens, entwickelt sich dann jene seltsame Unterart der Hallucination, welche Zeugen veranlaßt, Aussagen über von ihnen wahrgenommene Vorfälle zu machen, die unwahr sein müsien, weil entweder diese Vorfälle selbst unmöglich sind oder die Zcpgen niemals in der Lage waren, sie beobachten zu können. Diese sonderbare geistige Verirrung ist dem Juristen nicht minder wohlbekannt wie dem Historiker, die schwarzen Blätter der Geschichte, die Annalen der Jammerzeit des Menschengeschlechtes enthalten ein reiches Beweismaterial dafür, das vielleicht noch nicht in dem gebührenden Maße verwerthet worden ist. Gewiß fanden sich unter den Tausenden und Abertausenden, /welche in den Herenproceffen als Zeugen auftraten, auch Personen, die aus Rach sucht, Habgier oder einem anderen Beweggründe mit vollem Bewußtsein Unwahres bekundete», gewiß war es nicht selten, daß von diese» Eideshelfern ein Meineid geleistet wurde, um den Angeklagten oder die Angeklagte zu verderben, aber unmöglich könne» wir annehme», daß alle Zeugen oder auch nur die Mehrheit derselben Schwurbanditen gewesen seien, welche selbst nicht an das glaubten, was sie zur Belastung der Angeklagten aussagten! Es steht vielmehr fest, daß die meisten Zeugen felsenfest davon -überzeugt waren, das gesehen und beobachtet zu haben, was sie dem Richter mittheilten. Tie abergläubischen Männer und Weiber, welche zitternd und zagend dem Richter berichteten, . wie sie zur Nachtzeit an einem einsam gelegenen Platze die teuflischer Künste, angeklagte Hexe in buhlerischer Bereinigung mit dem Satan erblickt hatten; sie zweiselten nicht im Geringsten daran, daß diese Wahrnehmung in der Thal von ihnen gemacht worden, mit gutem Gewiffen legten sie Zeugniß ab, unfähig zwischen Phantasie und Wirklichkeit, zwischen den Ausgeburten ihrer überreizten Einbildungskraft und den Thatsachen der Sinnenwelt zu unterscheiden. Wie viele Tausende und Zehntausende mußten den Scheiterhaufen besteigen, weil der Aberglaube die Bevölkerung derart in seinem Banne hielt, daß ihr das Unterscheidungsvermögen zwischen Traum und Leben abging, wie viele Tausende und Abertausende mußten dieserhalb die entsetzlichsten Martern ertragen, auf der Folterbank den Tag verfluchen, der ihnen das Licht der Welt spendete? Aber nicht nur in den Hexenprocesie», auch in den Anklagen gegen die ersten Christen zur Cäsarenzeit, in den Beschuldigungen gegen die Katharer und Waldenser, in den Anklagen der französischen Bauern gegen die Hugenotte» stoßen wir auf denselben unheilvollen Einfluß des Aber

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