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Freies Blatt · 1895-01-06 · 144 (6.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
144 (6.1.1895)
Date
1895-01-06
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 144. freie (Aus dem Gemeinderathe.) Die letzte Sitzung de- Wiener Ge. mcinderatheS im Jahre 1894 wurde von den Antisemiten benützt, um eine Galavorstellung eineohrenbetäubenden und markerschütternden ScandaleS zu veranstalten. Der Anlaß thut nichtzur Sache, jedenfalls war das, wageboten wurde, eine Glanzleistung, mit welcher selbst gewisse Scenen depolnischen Reichstages oder des kroatischen Landtages nicht concurriren könnten. Ter Gemeinderath schien minutenlang in voller Auflösung begriffen, so daß man nicht mehr wußte, ob die Sitzung überhaupt noch dauere. In dem allgemeinen Tohuwabohu passirte dem Antisemiten Steiner das Malheur, daß er von der Sitzung ausgeschlossen wurde, was da« noch nicht gelöschte Feuer der oppositionellen Emeute nur noch heftiger anfachte, Lueger meinte, mit der Majorität müsse aufgeräumt werden. Der Terrorismus der Opposition und die Rath- und Thatlosigkcit der concessionSlüsternen Majorität werden dafür sorgen, daß man maßgebenden Ortes mit dem gesammten Gcmeinderath aufräumt. Denn so geht es nicht weiter. . Tie dcrmalige Lage der Dinge scheint unS von alle» möglichen Ucbcln ,-aS größte. (Unsere Studklllrn.) Ein geradezu empörendes Bild der Verrohung, welche durch den Antisemitismus in unseren studcntischrn Kreisen platzgegriffcn hat, entrollte sich während einer Bcrhandlung, rie am 28. Teccmber vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Alsergrund stattfand. Die dem Gerichte vorliegende Polizeinote besagte, daß die Studirendcn Franz Feist, Hörer der technischen Hochschule, Fra»; Stifter, Hörer der Philosophie, Rudolf Ritter v. Hillinger, Pharmaccut, und Josef Haas, Techniker, am 10. Oktober gegen! I Uhr Nachts in den „Dalmatinerkellcr" in der Naglergasie kamen und dort den Wirth Alois Roh lig aus gar keinem anderen Grunde, als weil sic denselben für einen Juden hielten, sowie die daselbst als Gäste anwesenden Bürger, den technischen Beamten Franz Resch und den Schneidermeister Adolf Gärtner, welche sich des Gastwirthcs annahmcn, mit dem wiederholten Ruse: „Saujuden!" beschimpften. Sie benahmen sich dann so cxcessiv, daß die Gäste sich' cinmengten und c» zu Thätlichkeiten kam, bei welchen Ritter v. Hillingcr und Stifter leichte Verletzungen davontruge»; Beide waren betrunken, jedoch zurechnungsfähig. Sowohl die vier Studenten als auch der Gastwirth und die Gäste Resch und Gärtner mußten noch i» der Nacht aufs Polizeicommissariat Daselbst behauptete. Studiosus Stifter, vom Wirthe und den Gästen verletzt worden zu sein, während Ritter v. Hillinger in Folgte seiner Trunkenheit keine zweckentsprechenden Angaben machen konnte. Laut weiterer Meldung des Wachinannes Lipp hatten sich die Studenten Feist, und Stifter während der Escorte höchst unanständig benommen und den Wachmann gröblich beleidigt. Am 28. December hatten sich nun a»S diesem Anlasse, der Gastwirth Alois Rohlig, der technische Beamtt Franz Resch und der Schneidermeister Adolf Gärtner unter der Anklage der leichten Körperverletzung, der Student Franz Feist wegen Wachebcleidigung zu verantworten. Der gleichfalls wegen Wachebelcidigung angeklagte Student Stifter war nicht aufzufinden gewesen. Ter angcklagte Gastwirth Rohlig, ein Dalmatiner mit dunklem Teint, gab an, die <*ner Studenten seien in brutaler Weise ins Extrazimmer gedrungen und hätten ihn ohne jede Veranlassung mit Schimpfworten, die ihn als Juden bezeichnen sollten, titulirt,. nicht etwa einmal, sondern ununterbrochen. Als die Gäste Resch und Gärtner die jungen Studenten zur Raison mahnten, seien auch sie in gleicher Weise geschimpft worden. Er habe sie abgcschafft, sie seien jedoch gewaltsani wieder eingedrungen und hätten dann in gleicher Weise geschimpft. Einer von ihnen habe geschrien: „Heute ist der .lange Tag', der Juden, an deni haben wir schon öfters Juden durchgeprügelt, das müssen wir auch heute thun!" Auf die Frage des Richters, was weiter geschehen sei, erwiderte der Angeklagte: „Ich sagte: Meine Herren, Sie sind ja gebildete Leute' -- im selben Augenblicke versetzte mir aber schon der Techniker Haas, zum Beweise seiner Bildung, zwei schallende .Ohrfeigen. Ich selbst bade keinen der Studenten berührt. Ihre Verletzungen uiüsscn vom Sturze auf der Treppe herrühren, als sie die Flucht ergreifen wollten." Ter zweite Angeklagte, Herr Resch, erklärte: „Ich kann die Darstellung des WirthcS vollständig bestätigen. Als ich sah, daß einer der Studenten dem Wirthe, dek^zwei Kaisern, unserem Kaiser und dem Kaiser Maximilian, treu gedient hat, Ohrfeigen versetzte, wollte ich 'hm beispringen; da schrie mir HaaS zu: Auch so ein jüdischer.! 1ch weiß nicht, Herr Richter, ob ich einem Juden gleichsehe,, es ist mir dies auch ganz gleichgiltig, obwohl wir Alle Katholiken sind, allein wir haben den Studenten zu einem so brutalen Benehmen nicht den mindesten Anlaß gegeben." In gleicher Weise stellte der Trittangeklagte den Sachverhalt dar. Der Richter constatirte, daß Vkatt. Seite 8. laut des polizciürztlichc» Parcrcs die Verlegungen des Ritters v .'>il linger und dcS Studenten Stifter auch von einem Falte' ii.-irühren können. Ter als Zeuge cinvcrnomnieiie Student Rill., v. Hillinger gab,an, er könne sich vermöge seiner damalig ».Verfassung an nichts 'erinnern, der zweite Zeuge, Srüden: "- e, ntKutc da gegen, Resch habe mit einem Glase d'rcingclianl. ',^ 'rer. bczeictmele diese Angabe ganz entschieden als eine lknwahrbeir. I!> l .t den N'lnud jenes Exccsics gab Haas an, sich nicht erinnern zu!anu.'::, worauf der Richter benierkte: „Was Ihne» paßte, das wm>.u Sh»c Veranlassung werden Bürger nicht gegen Sludcnt-n l "stürm.u!" Wachmann Li pp bestätigte die unsläthigc Beschimp'nug. >. ii;,» vom Techniker Feist zuthcil wurde. . Der staatSanwaltscha.stlich Fümstonär Tr. Schachner zog hierauf die Anklage gegen die Roblig und Gärtner zurück, da gegen dieselben nicht das' Mindest i •••qo. Was Herrn Resch anbelangt, so überlasse er es den, richte- . 'Er messen, ob die Aussage des Sludentc» Haas, der hier zu-,!•. h t , mann sei, Glauben verdiene; bezüglich des Techmkets F.iü : ->.:>:ra.p er aber die Kcstrafung und bitte gleichzeitig um Abtretuna. au die Polizeibehörde, damit dieselbe gegen die heutigen Zmg n' u g.n Excesses amtshandle. Ter Richter sprach die Augetlagieu \ : -r^ Gärtner und Resch frei, verurtheilke dagegen : detr in:.'■ •: Fel st wegen Wachebelcidigung zu ln st. Geldstrafe, er de» angeheiterten Zustand desselben als mildernd -anna! .u T as Rectorat der Technik wird von diesem Uriheilc verständig: u -. d m Was den stnd. phil. Stifter anbelaugt, so wird sich d: ' -ad gesondert wegen Wachebelcidigung zu vcraulworten haben, und erst, nach Durchführung dieser Verhandlung wird rer Richter über dir Abtretung dcS Actes an das Polizcicoiuiiiissariat schlüssig werden. (Blamirt.) Aus den Ergünzungswahlen ' in de» Vorstand der Krankcncassc der Gastwirthegenoisciischafl machten die Aiitisemu.ur aller Bekenutnisie eine förmliche Skaaksaetivu Fi, Ausrufen -au diGauli semitisch gesinnten Gastwirthc traten Lueger und S'chncider einer , Hauck, Dötz und B a u m a u n andererseits für jene Eandidaie» ein, welche für die Antjfeinitcrei gewonnen worden waren. Diese Eaudidaien sielen aber jämincrlich durch, wahrend diejenige», welche die .^ninntliung, mit Raren- und Eonfession-hetzern zusammenzugehe», zurnckgewiescu hatten, mit einer Zweidrittelmehrheit der abgegebenen Stimurou gewählt' wurden. (Eine Ziistructioli für gcistUchc Rcüaclcurc.. Tos „Salzburger Bolksblatt" veröffentlicht^ eine Instruction, welche . der l^rstorbenc Eaidinal Fürst Friedrich Schwarzenberg dem Pröfenor Tr. Schöpf übergab, als dieser die Redactio» der seinerzeit bestandenen „Salzburger Eonscrvativen Zeitung" übernahm. Tic Jnstruetiou.' die in der gegenwärtigen Acra des Antifcmitisiuus und der Hetz caplänc sehr beachtenSwcrth erscheint, lautet: „Vor Allem müssen Sic sich stets gegenwärtig halten, daß Sie Priester find, und-der Priester hat die besondere Verpflichtung, daß er in allen' Tinge» wahr und wahrhaftig sei. Also die Wahrheit und nur die Wahrheit. Ter Priester soll sein wie der barmherzige Samariter, gütig unk liebevoll gegen Jedermann. Also hüten Sic sich, de» Gegner bstee und roh zu behandeln oder gar seiner zu spotten: der Spoii r.-ruiustde! weil mehr als selbst die ernste Rüge. Hüten Sie sich vor dem Ge n e r ali si re n. Wenn Sie also z. B. von .iu,m .'-»den was Schiefes wissen, dürfen Sic nicht sag.»: So sind sie alle die Juden. Man könnte sonst leicht de». Stiel umkehren und im Falle, als ein Geistliche! ..geichlt, rufen: So sind sic alle die Geistliche». Sci.'i: S:.- vor sichtig in Betreff der Localnachrichten, besonders solcher. I-;.■ das Ge werbe oder Geschäft betreffen oder schädigen tönnteu. Untornchsigleik oder Rücksichtslosigkeit zieht Ihnen lebenslänglichen Hast zu, zumal nichts so gründlich verfeindet, als wennman in den Geldbcnlel des Geschäftsmannes greift. Publicircu.Sie nichts in erst.r Aitiregung, schlafen Sie lieber ein paarmal über einen etwaigen Verdruß, und dann erst schreiben Sic. Vermeiden Sic hohle Phra'eu und Partei benennungen, die nicht bessern, sondern nur erbittern. Nehmen Sie sich stets der Unterdrückten und Verfolgten an, mögen dieselben was immer für einer Nation oder Religion angchören. Tamil verwirklichen Sic die schönste Aufgabe der Presse. Machen Sic überhaupt durch Ihre Schriftstcllcrcj den Mitmenschen Freude, dann haben Sie mil Ihrem eigenen Seelenheil zugleich Gottes' Ehre besörderz." (Zur Raccnsraste der Zudtll.) Ter bedeutendste deutsche Elhno graph der Gegenwart, Professor Ratzel, schreibt i» der zweiten Auf läge seines berühmten Werkes „Ter Mensch" (Leipzig I>l'l, Vaud ll, S. 191) : Bezüglich der blonde» Juden in Teuli'chlaud sind Virchow's eigene Worte: „Bei der Zählung der Juden hat sich das merlwürdige Resultat ergeben, daß in einer viel größeren Ansdehnuug, als cs bis dahin wohl irgend Jemand angenommen hakte, wir auch in Tentfch

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