Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 143 (30.12.1894)
- Date
- 1894-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite <>. Freies Blatt. Nr. 143. Baum au und mit dem anderen an den Schweif eines Pferdes und trieben dieses sodann an. TaS Pferd zog an, noch mehr befeuert durch das entsetzliche Jqmmergeschrei des Lichtenbaum. Erst nach Ablauf einer geraumen Zeit fanden vorübergehende Bauern folgendes entsetzliche Bild: an dem Baume hing die blutüberströmte Leiche deS Judenknaben mit aufgerittenem Unterleib an einem Beine, während das Pferd auf dem «Felde das aridere auSgeriffeue Bein des Unglücklichen nach sich schleifte. Die Schuldigen sind aufgefunden und festgenommen worden. (Tic Behandlung jüdischer Soldaten in Rumänien.) Unter dem Titel „Tie Dramen der Kaserne" bringen die rumänischen Zeitungen spalten lange Artikel, welche die traurige und verzweifelte Lage der Juden in der Armee in schrecklicher Beleuchtung zeigen. Den Anlaß hiezu bietet der Fall eines intelligenten, allseits beliebten jungen Menschen Samens Josef Jampolis, eines Recruten im I. Reiterregimente, der sich wegen der unglaublich niederträchtigen Behandlung seitens. seiner Borgesetzten mit Selbstmordgedanken trug, aber bevor er dieselben zur Ausführung brachte, den in der Kaserne erlittenen O.ualen erlag. WaS der arme Mensch gelitten, geht aus seinem Schreiben an einen Freund hervor und kennzeichnet die Art, wie die jüdischen Soldaten in Rumänien behandelt und wozu sie trotz ihrer . höheren Intelligenz verwendet werden. Ter Brief lautet: „Eiät Sol ave hat es besser als der jüdische Soldat, denn er darf wenigstens einige Stunden der Ruhe pflegen. Anders sieht eS mit unsereinem. Um 11 > gebe ich zu Bette, um schon um '2 aufzustehen. de» Pferdesiall anszusegen. Diese Arbeit währt bis 4 Morgens. Bon 4 an bade ich >» Pferde rein zu machen. Dies dauert bis gegen I. Um diese Zeit muß ich zur Instruction, von der Instruction zum Heu, wo ich Ladungen vorzunehmen habe, die über meine Kräfte gehen. Ich fühle innerlich Schmerzen, daß ich aufschreien möchte. Wenn dieses Leben noch einige Tage so fortwährt, so erschieße ich mich." Zu dielen Zeilen des unglücklichen Jampolis benierkt die!. Immen Xova“ : ..Wie viel Trauer und wie viel Lebensüberdruß liegt in diesem Schreiben des verzweifelten Recruten! Bon 24 Stunden nur 4 Stunden der Ruhe!" Jh Folge dieser übermenschlichen Anstrengungen wurde Jam polis krank und mußte uiS Spital gebracht werden, wo er nach wenigen Tagen leinen Leiden erlag. So weit das schreckliche Drania. Hie^u be-' merkt der ...\d>‘\vrul" : „Jampolis vertritt hier typisch die Leidensgeschich le seiu er mililärischenGlaubensge» ossen. In unseren Tagen, in diesem Jahrhundert, in welchem die große Trompete der Eivilisation geblai'en wird, gilt es auch in der Kaserne als Berbrechen, Jude' zu sein. Sceucii gewesen, oder unk der blanken Warfe geschlagen aus dem einzigen Grunde, weil sie Inden waren! Wir sind überzeugt, daß diejenigen, die den unglücklichen Jampolis so gequält haben, bei der Nachricht von seinem Tode ailsgerureil haben werden: Schadet nichts — ein Jude weniger! Und sie denken nicht daran, daß sie ihn wie so manchen Anderen in der Blüthe der Jahre hingemordet haben, die einzige Stütze und den Troü greiser Eltern." Es wäre überflüssig, samnitlicke Stimmen der Biene miizulheilen, die ihrer Entrüstung über diesen Fall Ausdruck geben Für uns ist dieser Fall von Jnteresie, weil er endlich auch die orlhodore rnmänil'che Preise in Bewegung bringt und dafür zeugt, daß der Jude in Rumänien nicht nur im bürgerlichen Leben, sondern auch tut militärischendas Opfer scheußlichster Berfolgung und Mißhandlung ist, auS dem einzigen Grunde, weil er der uwsaischen Confe'ston angchörr. Jampolis wird mit Recht typisch genommen, denn was dieser zu erdulden hatte, hat jeder jüdische Soldat in Rumänien mehr oder minder zu erleiden. Kein Wunder, wenn die Selbstmordchronit der jüdischen Soldaten in der rumänischen. Armee mir jedem Tage znniinmi. Und diese Mißhandlungen erstrecken sich physisch und rnocali'eh 'elbü auf die Faniilienmitglieder der jüdischen Soldaten, wenn ne aus irgend welchem Grunde das Unglück haben, freiwillig oder uin'r.nwillig mil einem Borgesetzten der Soldaten in Berührung zu 'fe„.;i::ti Sc wurde neulich ein Student, der seinen Bruder in der Hi' besuchte, ron einem LTficier, der ihn zufällig erblickte, crtt nl .i.i arcstrovhirl und als er sich gar die Bemerkung erlaubte, er wäre gekommen, um 'einen Bruder, der aus tausend unbedeutenden Gründen aus dem Arrest gar nicht herauskomme, zu sehen, wurde er geohrieigi rr: so ltnfanft aus der Kaserne geworfen, daß er sich eine Hand iorUfliidite Tie rumänische Presse har endlich ein Einsehen, daß die -i :ngi auf diese Weise nicht weiter gehen können, gehen dürfen. Das tragische Los des unglücklichen Jampolis ist hier weniger ausschlaggebend gewesen, als das romantische Ge'chick eiltet der intelligentesten jungen Männer Bukarests, der vor Kurzem Hand an sich gelegt hat, um den Ehicanen seines Hauptmaunes zu entgehen. Ter Selbstmörder batte in Paris ftudirt und eine glänzende Laufbahn vor sich Als er in die Armee eintrat, steigerten sich allmälig die Chi- Wie oft sind wir nicht Augenzeugen der scheußlichsten wie oft wurden nicht unschuldige Soldaten geohrfeigt Bo" canett des Hauptmannes so, daß der junge Soldat zu Hause erklärte, er werde sich entleiben. Hierüber erschreckt, wurde die Mutter des Soldaten bei dem Hauptmann vorstellig, daß sie nur diesen einen Sohn habe, der ihre ganze Hoffnung bilde. Der Hauptmann schmunzelte: „Sie haben aber auch eine sehr schöne Tochter! Nun, es gäbe ein Mittel, Ihrem Sohne meine Huld zu gewinnen — geben Sie mir Ihre Tochter!" Das Ende war der Selbstmord des Sohnes und die Berzweiflung der Mutter. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Vergebliche Mühe.) Tie im „Deutschen Verein" vereinigte» An« Hänger Steiuwender'S haben sür den 5. Jänner eine Versammlung in Meidling in Aussicht genommen. Sie mühen sich ganz unnöthigerweise ab. In Wien und Umgebung können sie den Wettbewerb mit Jenen, welche die Juden durch „Scheidenmsser in Tuten" aus der Welt schaffen wolle», nicht ausnehmen : sie sind nicht einmal den volklichen Gesetzgebern des Rolenauer BekenntniffeS gewachsen, die aus dem Wege der Civilproceßordnung und de« Strafgesetzes die Juden bekämpfen wolle». (Ein Drnckfehlkr. Zn Liner FünsbawerAnliiemilenversammluiig hielt, wie wir im Vergani Blatte leien, der Auserkorene der Josefstadt, Professor Schlesinger der Viertdimeiisionale, einen Vortrag über psychisches Scheinleben. Er sagte, „dag die Zeit der Wunder keineswegs vorüber sei, indem wir fortwährend Zeugen von Erscheinungen sind, die wir durch die fünf Sinne nicht zu ersoffen vermöge», und sür die - wir nur Worte geschaffen haben, die aber weiter nicht« erklären, somit Wunder sür uns sind." Tiefen Vortrag nennt der antisemitische Reparier, wie dies seine verfluchte Schuldigkeit ist, „geistvoll". Der unbefangene Leser aber gewinnt den Eindruck, daß hier ein Truckfehler vorliegt und daß es eigentlich Hur Charakterisirung der Schlesinger'sche» A»Slaffungeii heißen soll: „geistervoll". tTer Rock des Tr. Lueger.) Das „Wiener Tagblatt" vom 22. d. M. schreibt: Gestern fand in Straßer's Gasthaus, II., Sachsenplatz, eine Ehrist - bescheerung statt, bei welcher auch die Abgeordneten Tr. Lueger, Fürst Liechtenstein und der Schneider anwesend waren. Wir hätten von derselben überhaupt nicht Notiz genommen, wenn sich nicht dabei eine kleine, aber sehr bezeichnende Scene abgespielt hätte. Nach Schluß der Betheilung, bei welcher Fürst Liechtenstein und Tr. Lueger Ansprachen hielten, wollte sich Dr. Lueger eiilsernen, aber dem Abgang stellte sich ein unüberwindliches Hinderniß entgegen. Ter Winterrock Lueger'« war verschwunden. Man suchte kranipshaft nach dem Rock, man. fand ihn nicht. Tr. Lueger war von diesem Zwischenfall anfänglich peinlich berührt,-dann aber fand er seine gute Laune wieder und meinte scherzend: „Wenn nur da« .Schöpsernenichts davon erfährt, sonst wetzt sich die Frau Sopherl noch ihren Schnabel darüber." Unser Berichterstatter konnte uns nicht miltheilen, ob endlich der Rock des Tr. Lueger gefunden wurde oder ob er eNdgiltig verloren ging. Erfahren aber hat, wie man sieht, das „Schöpserne" das Intermezzo doch, io wie es weiß, daß Fürst Liechtenstein und Dr. Lueger gestern in freundschastlichster Weise mit einem Herrn Namen« -lohn angestoßen und fast Bruderschaft getrunken Hütten. tAbwchr einer Eoncurrcnz.) In Lberösterreich mußlen die Ehristlich- Socialen, welche von der Linzer Slallhalterei die Statuten zur Bildung eine» eigenen Vereine« haben bescheinigen laffen, wegen Mangel eine« Obmannes die Constilttirung aufgeden. Tie „Welser Zeilm^" verkündigte die« triumphirend, indem sie schrieb: „Mit .unsichtbaren' Oberhäuptern, deren zwei vorhanden wären, geht das Vereinbilden eben nicht. Einer dieser Unsichtbaren nennt in Regner'S .Revuedie Abwehr der Eonservativen ein Gespenstersehen, eine Ein bildnng. Warum nicht gar? Tie Abwehr mar nicht ,füx. nichlS', sondern für etwas und sie hat geholfen." Hiezu bemerkte das „Vaterland": „Lberösterreich kann mir freudigen Gefühlen das Weihnachtsfest feiern, da ihm — hoffentlich auf lange Zeit — Friede und Einigkeit gewahrt bleibt." Außerhalb WienS können die „Eonservativen" die Ehristlich-Socialen, welche sie zur Bekämpfung de« Liberalismus in der Residenz großgezogen haben, nicht brauchen, am allerwenigsten in Oberösterreich. «Berliner Versammlungen.) Gleich nach seiner Entlaffung aus Plötzensee gab A h lwa rd t in den Berliner Germayia-Sälen eine Vorstellung, bei welcher eine EintrittSgebühr von 20 Pfennigen eingehoben wurde. Ter Vorsitzende Max Krätzer hielt zuerst eine Ansprache an den „lieben Freund", worin er ihn als den „unerschrockenen Kämpfer sür die Lache des Volkes" feierte. Tann bedauerte er, daß das Slöcker'sche „Volk" die Entlassung Ahlwardt'S auS Plötzensee in drei Zeilen abfertige. Ahlwardt schrill hierauf zur Verlesung seines „Bundichuh"-Prograinms, was dritthalb Stunden dauerte. Paul Förster und Hans v. Mosch sprachen ebensall« in ihrer gewohnten Weife, und mehr kann man für 2V Pfennige nicht verlangen. Ahlwardt'S erstes Wiederaustrelen verlief ohne jede Störung und Erregung. Tagegen kam eS jüngst in einer von der Firma Böckel & Bodeck veranstalteten Versammlung zu einem peinlichen Auftritt. Ter Vorsitzende hatte ausgeforderl, die aus den Tischen liegenden Abonnements-