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Freies Blatt · 1894-12-30 · 143 (30.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
143 (30.12.1894)
Date
1894-12-30
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 143. Freies Blatt. ~citc;>. und Sittenlosigkcit, in den es dabei hat blicken können, erwachen, wird eS diese^Lügenpropheten und VolkSverführer weitab von sich weisen, und wieder wie früher schiedlich und friedlich auch, mit dein Nachbarn lebe», der zu seinem Gott in anderer Sprache, ivcnn auch mit dem selben Herzen voll Nächstenliebe betet? — Gott gebe es, daß endlich wieder Friede werde auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! —\\\ — (Ein „moralischer Tieg".) Gestützt auf die Angaben eines antisemitischen Hetzblattes beantragte Dp. Lueger in der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses vor Weihnachten, cS sei dem llntcrrichtsministcr wegen Berufung dcS StatthalterciratheS v. Dunajcwski als Sectionsrath in daS 'Ministerium des Innern und des RotariatScandidaten Dr. Rosner als Bicesecrelär i»S Unterrichtsininistcriuiil die Mißbilligung auszusprechcn, denn der Elftere, ein sehr rangsjunger Beamter, sei ein Schwiegersohn des Ministers, der Letztere aber, der nicht einmal die politische Prüfung abgelegt habe, sei der Gatte der 'Nichte desselben Ministers. Dr. Lueger wurde vom Minister des Innern, Marquis Ba cg u eh cm, gründlich abgcfcrtigt. Herr v. Tuna jewski sei zur. Dienstleistung ins Handelsministerium berufe» worden, aber ohne daß damit irgend eine Beförderung verbunden wäre. Was jedoch den Dr. RoSncr betrifft, so sei die praktisch-politische. Prüfung, zur Verwendung im Unterrichtsministerium nicht erforderlich; cS genüge hicfür die Richteramts- oder Advoeatcnprüfung vollständig, und Tr. Rosncr habe sowohl die eine als die andere Prüfung abgelegt. „ES ist," sagte MarquiS Bacquchcm, „unbestritten in der Verwaltung, daß ein Minister, ein Statthalter oder überhaupt ein Ehcf einer größeren Administrativbchörde, welchem ein eigenes Prälidialbureau zur Bcrfügung steht, sich dieses Präsidialbureau cinrichtcn kann, organisiren kann/ sich die Beamten in dieses Präsidialbureau nchmen kau», wie cs ihm paßt Das sind ja jene Beamten, die dem Minister fortwährend zur Verfügung stehen müssen, denen er unmittelbar Aufträge crtheilt, die seine Aufträge an die Sektionen und Departements vermitteln^ wenn cS dem Minister an Zeit fehlt, mit den Vorständen der Sectiöncn oder Departements sofort in Verkehr treten, "welche die vertraulichen Agenden bearbeiten, welche die starke halbamtliche Eorrespondenz des Ministers zu besorgen haben, welche den Minister erinnern, wenn er im Begriffe ist, etwas zu vcrgesien, welche die vertraulichen präsidiellcn Agenden besorgen. Es ist ein ehrenvoller, aber anstrengender und verantwortungsvoller Dienst. Tic Beamte» des 'PräsidialburcauS in einem Ministerium sind in der Regel die angestrengtesten oder, wie wir. zu sagen pflegen, die angehängkesten. Sic müssen früh Morgens da sein, namentlich wenn ein Minister matinale Gewohnheiten hat, sic müsicn spät AbcndS da bleiben, und wenn bei der Ccntralstclle polizeiliche Agenden zu besorgen sind, muß ein Präsidialbcamter auch des RachtS zur Verfügung stehen, die Tclcgrammc in Empfang nehmen, chiffrircn und dechiffrircn u. s. s. ES kommt daher vor und ist nicht selten, daß ein Ehef einer größeren Verwaltungsbehörde sich sein Präsidialbureau anders gestaltet wie sein Vorgänger, daß, wenn ein Wechsel cintritt in der Leitung einer administrativen Behörde, ein theilweiser Wechsel im Präsidialbureau cintritt, daß Jemand, der zum Beispiel früher Statthalter war und Minister wird, sich seine Präsidialbcamtcn »litnimmt, weil er an die- . selben gewöhnt ist, weil er ihnen sein volles Vertrauen schenkt, weil sie ihm immer zur Hand sein müsien. ES gehöre» daher besondere Eigenschaften für einen Präsidiqlbeamten — Sprachkenntniisc, eine große Gewandtheit im Copccpt, ein distinguirtcS Bciichnicu, vor Allem aber Takt und Vertrauenswürdigkeit. Ich darf als ein nun nach und nach schon alt werdender Burcaukrat sagen: Ich kenne sehr gut burcau kratische Empfindungen, und ich kann Sie versichern, daß nie ein Beamter sich darüber verletzt erachtet, daß nicht er, sondern ein Anderer ins Präsidialbureau berufen wurde; das wird allgemein als ein höchst persönliches Recht dcS Ministers anerkannt. Wenn nun im vorliegenden Falle der betreffende Beamte nach einer verhältuißmäßig kurzen Zeit eine systemisirte Stelle im Unterrichtsministerium erlangte, so kommt daS daher, - weil ihm die Zeit, die er früher im Justizdicnste, und die Zeit, die er in der Advocatur 'zubrachte, wie das häufig geschieht, in die Dienstzeit eingerechnet wurden. Ter Umstand, daß der betreffende Ministerial-Vicesccretär seine Einberufung in das Präsidialbureau des Unterrichtsministeriums und das Erlangen einer systemisirten Stelle daselbst dem angeblichen Umstande zu verdanke» hat, daß er in einem Verwandtschafts- oder Schwägerschaftsverhältniffe zum Herrn Unterrichtsminister steht, daß er eine Nichte des Herrn Unterrichtsministers zur Gemahlin hat, dieser Umstand konnte schon deshalb von keinem Einflüsse sein, weil er ganz unrichtig ist. Der betreffende Herr Ministerial-Bicesecretär hat nicht die Nichte deS Herrn UnterrichtSmiiiistcrS zur Gemahlin; wohl aber ist -ic Gemahlin des betreffenden Ministcrial-Vicesecretärs die Nichie der Tchwicgermuttcr der Tochter dpö Herrn UnterrichlSministerS. Sowohl »ach den Bcstimmuiigcu des bürgerliche» Gesetzbuches, als »ach de», gewöhnlichen Lprachgebrauche wird dieses Familienverhältniß nicht als Verwandtschaft bezeichnet." Der MißbilligiingSantrag, welcher de» UntcrrichtS- »linistcr für die Lcction, die er Herr» S ch cichcr crtheilt hazle, strafen sollte und nebcilbei auch auf Bcamtcnfängcrei berechnet war, . wurde mit erdrückender Majorität abgelehnt 'Nicht cinnial Tie um Steinwcnder gaben sich dazu her, für denselben zu stimmen; liichtsdcslo weniger hatte das „Deutsche VolkSblatt" die Unverfrorenheit, von einem „moralischen. Siege" des Dr. Lueger zu schwätzen — ein neuerlicher Beweis der Richtigkeit des bekannten AnsfprnchcS eines AntiscmilcnhäuptlingS: „Unseren Leuten könne» wir Alles bieten." Am Vorabende dieses „moralischen SicgcS" verlieh das genannte Liga» sich selbst den Titel eines „führende» ' AntiiemiienblätteS. Das war kein übler Witz und die beabsichtigte Wirkung auf de» einen „festen, unzerreißbare» Ttrick" alö Nothhelfer .empfehlende» Herrn Schönerer dürfte nicht ansblcibcn. ' ' (Das gefüllt .Herrn lsiregorig nicht.) In der ersten Titznng des uiederösterreichifche» Landtages, der am 27 d. '2)f. zusammentral, sagte der neue Landmarschall (Mraf AbcnSpcrg Traun in seiner Er össnnngSredc: „Ich appcllirc an Sic, meine Herren, mit der Bitte, persönliche Angriffe in den Debatten zu vermeiden, den pai'lamen tarischcn Anstand zu wahren und die Würde und daS 'Ansehen dieses ' hohe» Hauses nicht zu schädigen." Dieser Appell gefiel Herr» Gregorig nicht, und er gab seinem Unlchagc» durch den Zwischenruf Ausdruck: „Z,eml>ch schwer!" Die antisemitische Piene'hält cs für angezeigt. k^rcgorig's Leistnng lodtzuschwcigcn. ' ('Wie Moliamcd zum „Brrgc ' kommt. Der Berg des Wiener Gemcindcralhes hat znm Ehristkindl von der Majorität ein ficnndschaftlichcs Entgcgcnfonlincn erhalte». Am 21 d. M hielt der fortschrittliche Part ei verband des t^cin.cindcrarhcö eine Sirrung ab, in welcher ein Schreiben des SladlralhcS Dr Lueger--' zur Verlesung gelangte. In diesem Briefe, verlangt .Dr. Lueger, als Dbmann des antisemitischen BürgerelubS, daß den Mitgliedern dieicr Eorporativn bei allen Wahle», welche im Plenum des Gemcinderathcs vorgcnoulmcn werden, also bei den Wahlen in den Sladtrath, in den Landes- und Bczirtsfchulrath, in die Eonimissionen ce., der nnmcri scheu Stärke der Partei euisprechend, ein Drittel 'der zu besetzenden Mandate eingerüumt werde. Dep. fortschrittliche Pa, leiverband ist mit Rücksicht dnf die .stürze der zur Verfügung stehenden Zeit in eine prineipielle Erörterung der angeregten Frage nicht Angegangen, .hat aber spcciell in Bezug .auf die demnächst, vorzunchmeiiden Wahlen beschlossen, der S P P os i l i o u. ) c ei» Drittel d e r M all d a I c für die Eommisiiou zur Prüfung des Rechnungsabschlusses pro l und des - H au pivora nichlages pro ' l>-'.>.I und ein Mandat für daS Euralorium der staifer Franz Iosef S tiftn»g zur ll »kerstutz»ng deS st lcin gcwcrbcs zu überlassen. (Zu dcu Äerhaudlungcu des-deutsche» Ncichskügcs. Bei der Berathuug des ElatS im deutschen Reichstage trat Z, m m e r m a n n als Sprecher aller „reinen" Antisemiten ans. Er cniblödetc sich nicht, daS Märchen auf;.:lischcn, die Juden i,n Wahlkreise Schlcchau-Flatow hätten hinter seinem Eollegcn Bindewald hcrgcrufcn: „Schlagt sic todt, die Ehristenhnndc!" (DaS wären wohl tollkühne Inden gewesen, , die so waS gegenüber einer. erdrückenden Ueberzähl gewagt hätten! Darf ein Ä^tucniitenführcr das Vorhandensein solcher Juden zugebcn?)^ Ferner klagte er über die Vcrurthcilung des anlifcmilischen RedaqteurS Rethwisch in Hannover wegen Beleidigung der jüdischen RckigionS genoffcnschaft. Vom Reichskanzler Fürsten Hohenlohe verlangte Zimiucrmanu zur „Beruhigung" weiter streife Auskläruirg' darüber,' daß zwischen dem Berliner Eongrcß (aus welchem Fürst Hohenlohe für die Juden cinqctrctcn ist) und der Gegenwart ei» langer Zeit raum liege, und daß nur ans dem Boden des zielbcwnßicn entschiedenen Antisemitismus wirklich die Uuisturzgcfahr zu bekämpfen sei. ' Der Kanzler schwieg, aber Zimmermann känn sich die Ansklärung über den Zeitraum zwischen dem Berliner Eongrcß und der Gegentvart 'aus einem Convcrsationslexikon holen, allerdings nicht aus dem — stnigge's, mit welchem der Wundarzt Türk einst daS oster reichische Abgeordnetenhaus in heitere Stimmung versetzt hatte. (Antisemitische Rohheit.) Ein offenbar aus die permanente anti semitische Verhetzung zurückzusührcndcS außergewöhnlich scheußliches Verbrechen wurde unlängst in der Umgegeist» von R ad zicn e n veiübi. Bauernjungen hüteten Pferde im Felde. Ein l-ljähriger Iudenknabe, L ich te n ba ii in, kam hinzu und begann Ttrcit mit de»" Pserdchinen. Diese singen den Lichtcnbauni, banden ihn mit einem Bein an Bncn

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