Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 143 (30.12.1894)
- Date
- 1894-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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li Seite 4 Freies anders — hatte ich den Schritt nicht gescheut nnd mich losgesagt von dem, woran mein Geist nicht glauben wollte." Wilhelm Georg, angeekelt durch das Thun und Lasten der Leute, denen er früher diente, ist umsomehr ein elassischer Zeuge für einen künftigen Geschichtsschreiber, als die moralische Verkommenheit antisemitischer Heldendarsteller neuerdings in gerichtlichen Verhandlungen außer Zweifel gestellt wurde. DaS Urtheil des Schwurgerichtes zu Hannover gegen Hans Thomas Leuß besagt: „Der Angeklagte hat ein großes Maß sittlicher Verworfenheit an den Tag gelegt. Als Hausfreund tritt er ein in die Familie Schnutz. Alsbald entbrannte in ihm die Lust, zu dem Weibe seine- Parteifreundes. Er zieht die völlig Haltlose an sich. Er entfremdet sie dem Gatten und zieht sie in seine »nheiinlichcil Bande. Er ist es dann, der sie so an sich zu ketten weiß, daß sie keinen Willen in hr hat und sich vollständig unterordnet unter den böten Geist ihres Verführers. Ter Meineid der Frau Tr. Schnutz, den sie geleistet hat, um den Angeklagten zu entlasten, ist aus den Einstuß und die Anstiftung des Angeklagten zurückznsühren. Er ist moralisch auch dafür verantwortlich zu machen. Und dann? Welches Maß von verbrecherischer Energie! Nachdem er die Fra» unglücklich gemacht, nachdem er dies gerhan, ruft er frivol den Namen Gottes an zum Gegenbeweis. Und auch nach dieser Thal regt sich daS Getvisten nicht. In der Verhandlung knüpfte er ein weit über daS gewohnte Maß gehendes Netz von Unwahrheiten, Lug und Trug. Er ist von dem Vertrauen seiner Mitbürger getragen worden und batte deshalb nmt'omehr die Pflicht, sich moralisch rein zu erhalten. In Erwägung aller dieser Gründe kam der.Gerichtshof zu dem Strafmaß von sechs Jahren Zuchthaus. Unter Anwendung der Bestimmungen des £ 157, Absatz aber, die uns von den Geschworenen angegeben waren, bat der Gerichtshof das Strafmaß auf die Hälfte redueirt. Ter Angeklagte Hans Thomas Leuß wird deshalb zu drei Jahren Zuchthaus, fünf Jahren Ehrverlust nnd zur Tragung der Kosten des Verfahrens verurtheill." Und vor dem Schwurgerichte in Würzburg, welches Carl Zöllner, der, ein praktischer Judenfeind, ausschließlich Juden betrogen hatte, zu . zweieinhalb Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurtheilte,! sagte der Staatsanwalt in seinem Vortrage: „Unter den, Schutze des i Schildes reinen Teutschthums und der Devise der Bekämpfung der > Eorruption wurden von dem Angeklagten Schurkereien verübt,, wie sie > ähnlich groß mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen sind." 1 T re Enthüllungen Wilhelm Georg's sowie die Proeeffe der Anti-! fcmitciiführcr HanS Thomas Leuß und Carl Zöllner führen eine sehr i deutliche Sprache. Nur ein Thor kann sie mißverstehen und nur ein j Bösewicht io ihu», als ob er sie mißverstände. * * * Zum Fall Nuß wird uns noch aus Hannover geschrieben: Ter gefeierte Hetzapostel Nordwestdeutschlands, der Intimus des Herrn HofpredigerS a. T Stöcker, der illustre Schriftsteller, dem die! Eouiervaliven Hannovers mündlich und schriftlich glänzende Leumunds- - Zeugnisse auSstellten, der pflichtgetreue Reichstagsabgeordnete, den der Wahlkreis Eichwege-Schmalkalden als seinen Vertreter in den Reichstag sandte, Hans Leuß, ist vom Schwurgericht zu Hannover wegen eines! gemeinen Verbrechens, wegen Meineids zu drei Jahren Zuchthaus und ‘ riinf Jahren Ehrverlust verurtheilt worden. Fast wäre es der verbrecherischen Rafsinirtheil des Angeklagten vergönnt gewesen, auch i diesmal noch der strafenden Gerechtigkeit zu entrinnen, wenn nicht im j letzten Augenblick eine höhere Macht das Her; des von ihm verführte» i Weibes seines früheren Busenfreundes Tr. Schnutz zum Gesländniß; der gemeinsamen furchtbaren Schuld getrieben hätte, so daß sie am '-<< d M. Früh nach eindringlichem Zureden des Vertheidigers und : vorher von ihr ausgesuchten Pastors Jsenherg bei Wiedereröffnung '; Vrhandlung der Wahrheit die Ehre gab und so den bis zum! Augenblick in frechster Weise betriebenen Verdunklungsversuchen j .; Verführerein Ende machte.! W: traurig siand dann der Mann da, der nicht nur die aufei'-e: i:s'&?roOc Freundschaft mit schnödestem Undank gelohnt, der nicht! m Am eigenes Familienglück, sondern auch daS seines intimen! Freunde-o urrd antisemitischen ' Gesinnungsgenossen unwiederbringlich ' rern'.cht.t hatte, der die unglücklichen Kinder ihres Familienheims und ' ihrer Mutter anewig beraubte — denn auch die Frau Tr. Schnutz! wurde sofort nach der Verhandlung wegen der bei der Voruntersuchung! beschworenen Auslage wegen Meineidee in Untersuchungshaft genommen < -- in dem Augenblicke, da das unglückselige Weib sein Bekenntniß i ablegte, da wurde auch die ei'erne Stirn dieses Mannes, der bisher | trotzig und siegeSgewiß. mit der furchtbaren Bürde auf dem Gewissen, l den Verhandlungen beigcwohnt hatte, bleich, und nur mit künstlicher j Fassung vermochte er die TLorte der Urtheilsbegründung anzuhören, [ Blatt. Nr. 143 in welchen als erschwerende Momente bei der Strafabmessung angeführt wurden der grobe Vertrauensbruch gegenüber einem Freunde, ferner der verhängnißvolle Einfluß auf die Frau Schnutz und die moralische Verantwortlichkeit für deren Meineid, sodann das ungewöhnliche Maß seiner verbrecherischen Energie und der grobe BertrauenSbruch gegenüber seinen Mitbürgern, die ihn in ein hochangeseheneS Amt, zur höchsten Ehrenstelle eines deutschen Mannes, berufen hatten, die er nun'so schmählich geschändet! Das Drama ist auS, ein Drama von so tieftrauriger Tragik, wie es die deutsche Geschichte Gott sei Dank noch nicht aufgewiesen hat. Ein Reichstagsabgeordneter, ein Mann, der mit seinem Christenthum in gleißnerischer Form prunkte, der sich selbst als einen Apostel des Glaubens und der Nächstenliebe aufspielte, der sich berufen fühlte, eine große Anzahl seiner Mitbürger zu richten und sie mit Haß und Verhetzung der Massen zu verfolgen, der wird als das Muster von Sittenlosigkeit und Liederlichkeit entlarvt, ein Mensch, der sich erdreistete. Anderen Wahrheitsliebe und Gerechtigkeitssinn zu predigen, der entpuppte sich als ein meineidiger Schurke, der nicht nur selbst niit eiserner Stirn trotz der eindringlichsten Verwarnung den Falscheid leistet, sondern auch das bethörte Weib, die verblendete Genossin seiner sündigen Leidenschaft, zum Meineid verleitete und sie damit unsäglichem Elend überlieferte. Es gibt eine Nemesis im Menschenleben! Die Antisemiten, haben mit der größten Unverfrorenheit von den Inden behauptet, daß sie Meineide gegen die Christen schwören und daß ihnen das sogar durch ihre religionsgesetzlichen Schriften gestattet werde, und nun müssen sie es als die einzige Partei im Reichstage erleben, einen me'ineidigen Schurken in ihren Reihen gehabt und Bruderschaft mit ihm getrunken zu haben. Es ist ferner eine eigepthümliche Schicksalsfügung, daß der Mann, der seine jüdischen Mitbürger mit tödllichem Haß verfolgte und ihnen nicht die Luft zum Athmen gönnte, nicht den Anfeindungen und Ränken seiner Gegner, sondern seinem eigenen bösen Treiben erlegen ist, und daß seine Freunde, die eigenen Glaubens- und Parteigenossen von einer höheren Macht als Werkzeuge seines Sturzes aus erwählt worden sind. Und wenn auch sein Leibblatt, die „Hannoversche Post", das Organ des Herrn Westen, das bis zuletzt zu ihm hielt und noch in letzter Stunde nicht nur seine Freisprechung, sondern sogar einen glänzenden Triumph über alle seine Gegner mit dem Brustton tiefster Ueberzeugung prophezeite, aus dem zufälligen Wegbleiben eines Zeugen, der wenige Tage vorher verreist war und dessen Zustellungsprkunde von dem Gericht selbst zurückgezogen war, in geheimnißvoller Weise von dem Wirken der „Alliance isratHite" orakelte, deren geheimen Machinationen dieses unschuldige Lamm Leuß zum Opfer fallen sollte — die Verhandlung hat auf das Klarste und Unzweideutigste ergeben, daß kein Jude zu dem Sturze des Mannes beigetragen, über den sich eine höhere Macht das Richteramt Vorbehalten. Oder waren etwa Dr. Schnutz oder dessen Frau oder der Geistliche, der die Stimme des Gewissens in deren Brust weckte, oder der eigene VertheidiZer Juden, waren es die Zeugen etwa, irotzdem ihre Zahl in die handelte stieg, oder waren sie alle Judensöldlinge oder geheime Agenten der „Alliance israelite?“ War etwa Hans Leuß selbst bloß ein verkappter Jude? Und sollte aus diesem traurigen Drama unser deutsches Volk gar nichts lernen? Wie sein Leibblatt, die „Hannoversche Post", die Sache des Meineidigen zur eigenen machte, so hielten auch seine Parteigenossen bis zum letzten Augenblicke au ihm fest. Trotzdem sie sein sittenloses Treiben, zum Theil ans seinem eigenen Munde, kannten, trotzdem sie von Dr. Schnutz an der Hand des gesummten Materials von dein Ehebruch überzeugt worden waren, trotzdem sie genau den Pfuhl der Gemeinheit kannten, in dem ihr Parteigenosse watete, sie schüttelten ihn nicht von sich ab, auf ihrem letzten Parteitag in Eisenach erklär len sie sich noch solidarisch mit ihm, und die Stimme deS einzigen Warners in ihren Reihen, des Abgeordneten Ludwig Werner in Cassel, der bei dem ersten Zusammentreten des Reichstages die Ausstoßung des HanS Leuß aus der Partei mit energischen Worten verlangte, ist ungehörr in alle Winde verhallt. Darum können sie ihn jetzt nicht abschülteln, den Mann behalten sie für alle Zeiten an ihren Rockschößen! DaS sind die Verfechter deutscher Sitte, deutscher Treue und' deutscher Art. Wahrlich, eine tiefe Beschämung muß unser deutsches Volk überkommen, wenn, es bedenkt, daß es sich von solchen Leuten, wie HanS Leuß, in einen Taumel hat fortreißen, zu einem Classen- und Raeen haß hat begeistern lassen, der die Blüthe unserer Jugend, die Primaner, die Studenten, die jungen Referendare, Baumeister, Aerzte u. s. w. vergiftete und die friedliche Entwicklung unserer socialen Zustände und damit den Bestand des mit schweren Opfern geeinten Vaterlandes in Frage stellte.' Wird unser Volk aus diesem Taumel durch die Lehre, die ihm dieser Proceß gegeben, durch den Abgrund von Schlechtigkeit