Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 143 (30.12.1894)
- Date
- 1894-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 143 Freie» Blatt. feite 3 klagte Kaiser wieder, daß sein Schüler eS an dem nöthigcn Respect seinem Lehrer vis-ü-vis fehlen ließe. Diese Herren sollten also die Weiterbildung deS Landvolkes fördern!“ Zur Charakteristik Böckel'S theilt Georg niit: „Er (Böckel) hatte seinerzeit einen Redacteur, der Geld besaß und die Ehre hatte, für die von Böckel geschriebenen Artikel Strafe und Gerichtskosten be zahlen zu dürfen; als der Redacteur 1000 Mark, die er dem Herrn Böckel geliehen hatte, sich zurückerstritt, rächte sich Böckel in seinem Blatte durch Anspielungen. Der betreffende Redacteur R. war auch Cassier des «Mitteldeutschen BauernvereincS' und hatte die Mitglicdcrbeiträge entgegenzünehmen. Aus der Casse wurden zunächst dieBöckelschen Wechsel bezahlt, die Bereinsangestcllten erst, wenn dann noch etwas übrig war. Wenn auch die Frauen der Angestellten weinend kamen, um das sauer verdiente Geld ihrer Männer zu holen, «zuerst kamen Böckel'S Wechsel, dann andere intime Sachen, und war dann noch etwas übrig, dann, kamen die «Beamten', die in den Augen dieses großen BolkSmanncS doch alle «Berräther' waren. Für Vcrräther und Spione hielt er feine ganze Umgebung." Seine Haupt-, cigenschaftcn seien Ehrgeiz und Herrschsucht. „Eines Tage« gab er die Anweisung auS, im Blatt keinen Redeagitator mehr mit Rainen zu nennen. Die Umwandlung des .RcichSherold' in eine Gesellschaft mit ihm als Direktor gab er trotz seiner 60.000 Mark Schulden nicht zu. Er bekannte, daß er sich schäme, Antisemit zu sein, seit Ahlwardt anfgetaucht, und nachher äußerte er, man müffe Ahlwardt in die Fraktion aufnehmen. Als ihm vorgeworfen wurde, er käme nur zu Beträgen, wenn er Geld gebrauche, cntgegnete er: «Glauben die Leute vielleicht, daß ich wegen ihres geistreichen Gespräches nach dorten komme?!' Böckel beauftragte angeblich sogar den Verfasser der Broschüre, einem Rational-Liberalen den Vorschlag zu machen, daß gegen Zahlung einer anständigen Summe an Böckel in Marburg die Agitation in dem national-liberalen Wahlkreise unterbleiben solle." ‘ Auch andere Antisemitenhäuptlinge und deren Gebühren werden bon Georg näher charakterisirt. In einem, seinen Erlcbnisien in Berlin gewidmeten Capitel schreibt er: „In Berlin, wo ich den Größen persönlich unbekannt war, wollte ich unerkannt eine antisemitische Versammlung mitmachen. Ich hörte den berühmten Profesior Förster reden, der von dem «jüdischen Wüstling David' damals sprach. Seit meinen Schuljahren habe ich eine derartige Präceptorrcde nicht mehr über mich ergehen müsien lasten. Diese Berliner Volksversammlungen sind mehr wie Komödie. Es stellen nach dem Urthcil mir befreundeter ' antisemitischer Redner immer dieselben Besucher, immer dieselbe» Schreihälse sein, dazu immer wieder dasselbe Rcccpt: Der Jude muß verbrannt werden! Vergeblich habe ich mich in der letzten Zeit meiner agitatorischen Thätigkcit bemüht, das Volk darauf aufmerksam zu machen, daß nicht allein daS Semitenthum Schuld daran sein könnte, daß die socialen Gegensätze sich mehr und mehr zuspitzten, es war eine Sisyphusarbeit, die ländliche Bevölkerung hatte meistenthcils zu tief in die antisemitischen TageSblätter gesehen, hatte mitunter gar manche Ahlwardt-Broschüre gelesen,' so daß mir nur in den allerwenigsten Fällen eS gelang, den reinen Antisemiten Recht zu machen. Oft, sehr oft war ich ihnen zu zahm!! Im Gegensatz zu den hessischen Rednern, die in den letzten Monaten dieses heikle Gebiet verließen, hörte ich in der Berliner Versammlung verschiedentlich de» Talmud und die Talmudmoral erwähnen, und zwar von Leuten, die nicht einmal in der eigenen Bibel Bescheid wisten, geschweige denn in den Lehren eines anderen Bekenntnisses. In dieser Versammlung, in der Professor Förster das ihm gestellte Thema nur allzu unglücklich behandelte, wurde also über jüdische Sinnelust geredet, die Ehre des deutschen Weibes gepriesen, während in meiner nächsten Nähe einige junge Kaufleute Platz genommen, die den bei ihnen sitzenden Confectioneusen mitunter gar zärtlich in die Oberschenkel kniffen, so daß sie laut auflachten. Da plötzlich erhebt sich ein großes Geschrei, einer der .Ordner' hat einen Juden in der Versammlung entdeckt, schnell einen Zettel nach dem Borstandstisch, dort längere Bcrathung, der Vorsitzende macht die antisemitischste Miene, die ihni zu Gebote steht, daS llrlheil wird verkündet: «Der Jude muß hinaus!' 0 sauet» vimplieitas, sagte ich mir damals schon; ich war in dieser Beziehung in meinen Versauimlungen toleranter, wenn sich die Leute ruhig verhielten, so konnten sie im Saale bleiben, so lange sie wollten. Doch bald war ich erkannt, was mir jetzt in einer Beziehung nicht unlieb war, denn konnte cs mir nicht auch passiren, daß ich ob meiner gebogenen Rase schließlich als eingeschlichener Jude nicht auch an die Lust gesetzt wurde'?! Rach der Versammlung, in der noch unzählige Leute redeten, wurde gekneipt, und manche Männer, die nicht laut gegen den jüdischen Wüstling schreien konnten, scheuten sich gar nicht, eine Mädelkneipe aufzusuchcn, wo die «Damen' für Zärtlichkeiten und deren Entgegennahme auch nicht spröde waren. Nicht, daß i ich den Betreffende» dicserhalb einen Vorwurf mache» wollte, ich bi» wahrhaftig kein Mucker, und nichts ist mir mehr zuwider tote pfäffifche Heuchelei, aber ich glaube doch, daß der, weicher iu Voltövcrsänim luugen sich nicht scheut, Hundertlausende eines Volkes der Sinnelust anzuklagcn, in erster Linie sich frei von Schuld fahlen muß, .Fuhlen Sie sich frei von Sünde,' fragte der Abgeordnete Zimmcrmann einst, einen Gegenredner in einer Volksversammlung, der Böckel wegen seines unehelichen Kindes, einen Vorwurf machte, .dann .erst haben Sic das Recht, einen Stein auf ihn zu werfen' Und was dem Einen recht ist, muß den, Andere» billig fein! Am folgenden Tag machte ich dem VertrauenSmanne der Liebcrmanniancr in Berlin einen Besuch, der diesen Anlaß dazu benützte, seinem gepreßten Herzen gegen Ahlwardt Luft zu machen .Ter Herr Reetor hat,' so meinte er wüthend, .sein Ehrenwort gebrochen, eurem Postsecrctär hatte er eure größere Summe abgcpumpt, ihm fein Wort gegeben, bis zu einem bestimmte» Termine wieder die Summe zurückzuzahlen, aber nichts mehr von sich hören lasten Ter Beamte betaut in Folge dessen, da er seinen Verpflichtungen nicht Nachkomme» konnte, Alles gepfändet.' Ja, an wen von unseren Führern kann ich denn noch glauben, riif ich aus, wer ist denn noch rein, wer uzcint cs . denn noch ehrlich mit der. Partei? Ta taumeln die Tausende deutscher Wähler hin, hängen an ihren Abgeordneten mit Leib und Seele und sind Stimmvieh, nichts als Stimmvieh, Mittel zum Zweck für ehr geizige Streber und verbummelte Eristenzcn. Auch" das .Tentiche WirthShauS deS Herrn Bodeck wollte ich sehen, denn der Antisemit, der Berlin besucht und nicht bei Bodeck gewesen ist, hat nach a»ti semitischer Anschauung von Berlin überhaupt nichts gesehen. Alte Größen, die die RcichShanptstadt auf antisemitischem Gebiete anszu- - weisen hat, waren da vertreten. Zwischen all diesen aber thronte Herr Bodeck, deutscher Gastwirth und ReichStagSeandidat für den Tillkreis im Jahre- -1806. Während Böckel die. Social T emokraten wegen ihres Candidatetr, des GastwirlheS Müller in Tarmstadt, lächerlich zu machen suchte, weil dieser .Kncipwirth war, scheute er sich selbst nicht, in diesen Fehler zu verfallen! Int .Tcutschen Wirthshaus ging's lustig her. Lieder wurden gesungen, der Herr Reichstags candidat a. D. trug ein Couplet vor, alsdann copirte er tincii Leier-'- kastcnman» und sang eine Mordgcschichte vom .ollen ehrliche» Seemann' in den lieblichsten. Tönen. Ein wahrer Jammer, daß die.WähleranS dem Tillkrcis ihren Eandidaken jetzt nicht sehen konnten: wird Herr Bodeck bei der nächsten Wahl dort anfgesteilt, dann hat er entschieden auf StiminenzuwachS zu rechnen. Auck> Bodeck klagte mir in stiller Stunde fein Leid; ich glaube, bei mir armem Provinzialen schütteten sic in trautcin Plauderstündchen all ihr Herz äuö. Zuerst jammerte er über die Concurrcnz; cs war nämlich in der .letzten Zeit noch ein deutscher Gastwiilh anfgetaucht, der indessen nur durch zarte Hand seine urtentonischen Gäste bedienen ließ, den nannte er bei mir einen verkappten Soe.ial-Demokraten: früher hätten die Berliner Antisemiten auf ihn geschimpft, als er sie nicht bezahlen konnte, jetzt krakchlten sie, weil er bezahlen könne. .O du häßlicher Neid,' wollte ich gerade sagen, als ein Vorüber gehender in das Local hincinries: .Gcschäftöantiscniit!' Zerknirscht schwieg ich, der Rufer war augenscheinlich Berliner, der mußte cs ja wissen. Denken wir uns die .deutschen Gattwirthc' als Vertreter des antisemitischen Znkunftsstaatcs, so können wir uns ungefähr ein Bitd machen, wie idyllisch-friedlich Zrarm in. unfrrcnt Reiche cs aussehen muß. gleich a» heiteren Erlebnissen war, wie gesagt, mein -Berliner Aufenthalt. Auch Herr Scdlatzek, der. antisemitische Gcncralanzeiger- HcrauSgeber, machte mich zum Vertranten. .Taß ich Polizeispitzel genannt werde,' meinte er, «thnl mir leid. Dieser Lump Schweinhagcn natürlich ist nie etwas Anderes gewesen.- ,llnd doch habt ihr ihn in der Partei geduldet, er war eine Zciilang eine hervorragende Persönlichkeit,' erwiderte ich. Die äntisemitische Partei Berlins, geleitet von einem Polizeispitzel, i-avc-at' populns!" AuS den Acnßerungcn, mit denen Georg seinen Austritt auS den Reihen der Antisemiten begründet, hebe» wir als schr-bczeichncnd noch folgende Schlußworte hervor: „Ich bin.als sehr jnngxr, noch nicht wahlfähiger Mensch hincingesprungen in die Bewegung ohne ausgereiftcs llrlheil oder genaues Studium des AntisemismuS oder, was mir noch wichtiger dünkt, ohne gründliche Kenntniß der Judenfragc. Ich habe inonate- und jahrelang nachgebctet, was Andere als heilig und unfehlbar hinstelltcn. Mir ist jedoch nichts mehr zuwider als ein blindes Dogma. So habe ich den Grundsatz mir gebildet:' Auch von den Gegnern mußt du lernen. Ich habe von ihnen gelernt, habe meinen Gesichtskreis erweitert und' zuletzt die Preßstiinmen aller Par teicn gelesen, zum Aerger meiner intimeren Freunde, die es unerklärlich fanden, daß ich .Judenzeitungen' las. Und während antisemitische Abgeordnete heute den Antisemitismus heucheln — int Innern fühlen sie