Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 143 (30.12.1894)
- Date
- 1894-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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“eite 2 Freie» Blatt. frommer Wunsch der schweizerischen „Thierschutzvereine" bleiben. Sind) der neueste EourS im Deutschen Reiche und in Preußen wird aller Voraussicht nach den Wünschen der antisemitischen Internationale nicht mehr entgegcnkommen, als dies unter den früheren Kanzlern der Fall war. Caprivi und Eulenburg, Hohenlohe und Koller' — bedeuten speciell für die deutschen Staatsbürger jüdische» Glaubens verschiedene Namen, aber keineswegs verschiedene Systeme. Was ferner die in Eisenach beschlossen» Fusion aller Vertreter des Radau-Antisemitismus im Parlamente mit alleiitigcr Ausnahme des Ex RectorS Ahlwardt betrifft, so verhinderte sic nicht, daß die einzelnen antisemitischen Gruppen sich nach wie vor ans das Heftigste befehden, daß der von seinen Genossen ans Hessen wie ein Vagabund ausgewiesene Otto Böckel ans seiner Suckse nach einem Erwerbe in Berlin auch auf reva,teilt; jioiir .Marbourg bedacht ist, daß die Racenhetzer in Bayern und Württemberg auch von der „preußischen 9race" nichts wissen wollen, welche nach ihrer Anffassung auch! dir Sachsen, überhaupt alle Norddeutschen in sich schließt. Ob das nunmehr seiner Zierde Venß beraubte Radau Antisemitcnthum im Reichstage ein oder zwei Häuflein bildet, ändert im Ucbrigen nichts an der Sache. Den schwersten Schlag im abgelaufenen Jahre erlitt die antisemitische Internationale durch das Ableben des Ezars Alexander III. Sic war sich dessen sofort wohl bewußt und überbot an Trauerknndgebnngen daS ofsicielle Rußland und die den Beriust von Elsaß und Lothringen noch immer nicht verschmerzenden französischen Ehanvinisten. Eines ihrer Organe in Deutschland erschien sogar anläßlich dieses Todesfalles mit einem Trauerrand. Czar NicolauS II. handelt nach Allem, was jetzt aus Rußland gemeldet wird, thalsüchlich im Sinne der Woxle,. die er als Großfürst- Thronsolger gesprochen haben soll: „Ich bin ein gläubiger Christ, aber die Liebe zu meinem Heiland gibt mir noch nicht daS Recht, 'Andersgläubige zu verfolgen." Es wird noch viel Wasser in der Wolga fließe», bevor die Rcchlsgleichhcit im europäischen Sinne im Vayöe der Tschinowniks zur allgemeinen Geltung gelangen wird, aber die Aera schnöder Willküracte, unmenschlicher Verfolgungen ist, allein Anscheine nach, mit dem Regierungsantritte des Ezars Nicolaus II. endgiltig abgeschlossen. Nicki bloß die polnischen Katholiken, sondern auch die jüdischen Unterlhanen des EzarS im Weichsel-Gouvernement begrüßen, an der Schwelle des neuen Jahres die Entlassung des Warschauer Generalgouverneurs Gnrko a'.s ein llnterpfand einer besseren Zukunft. fit Georg, Leus; und Zöllner. Der gewesene Redactcur des Böckel'schen „ReichsheroldeS" und des '.Nordhausener „Deutschen Tageblattes", Wilhelm Georg, ist jüngst ans der antisemitischen Gesellschaft ausgetreten und veröffentlicht nun ',nr Rechtfertigung seines. Vorgehens eine lesenSwerthe Schrift, betitelt: ..Mein Austritt aus der antisemitischen Partei: Erinnerungen aus Kein antiscinilischen Hauptquartier." (Hannöver, Gebrüder Schmidt.) Interessant sind besonders . bit Mittheilungen über die sogenannte he'iische Bewegung. Der „Mitreldeut,',e Bauernverein" des Dr. Böckel wurde, nach dem Zeugnisic Georg's, der auf dem Rechtsschutz- und 3-crkaussbtircau desselben un5 als Agitator für ihn sowie als Redac- -eur des „ReichsheroldeS" gearbeitet hat, also ein ziemlich anschauliches geben kann, nur als eine Organisation für die Wahlen be- ::.)ch!:i. Das war, meint er, das Grundübcl. Dazu kam, daß die R.'sirrediger mehr versprachen, als sie halten konnten, und daß der 'Arn'ivende ..allpu dickatori ch" vorging. Es handelte sich lediglich um ^'e'cha'1. T ic Bauern waren Waare, bei denen nur die Markstü.le i.is (Gewicht fielen, man fragte nicht viel nach der O.ualität der Vcecmsmitgliedcr, sondern die O.uantität war die Cardinalfrage. Ein 'Agitator gründete, wie sich ein antisemitischer Abgeordneter ausdrücki:, „für fünfzig Vercent" Ortsgruppen. Hatte der Agitator 5<) Mann zusammen, io zahlten sie 50 Mark, von denen er die Hälfte gleich »5 Mark erhielt. Co sammelte der Verein Mitglieder. Was that er für sie? Er gewährte ihnen Rechtsschutz. Georg räumt ein, daß das Rechtsschutzburcau manchen Nutzen gestiftet,, fügt jedoch Nr. 143 Bauer unbewußt zum Bauern ein Jude war, müffen." Der Verein Casien, „Unentgeltlich den „Mitteldeutschen tglicder irgend welchen mit cinkr Hagelgescllhatte. Den die Gesellschaften hinzu: „Daß es aber auch manchen hessischen Proccffe verleitet hat, nur weil der Gegner des! wird wohl der Leiter desselben auch zugcbcn versprach unentgeltliche Gründung Raiffeisen'scheh l wurde so gut wie nichtgemacht," bemerkt Georg und theilt weiter mit, daß es dem Vereine an sachkundigen Leuten für solche Grün-, düngen fehlte. Der Verein wollte das Versicherungswesen beleben. Versicherungsgesellschaften haben Hunderte für Bauernverein" gegeben, ohne daß die Vercinsm! praktischen Vorthcil davon hatten. Böckel schloß schaft in Posen ab, die bald darauf „pleite" war. Ein Agitator Böckel's reiste für eine mecklenburgische Bich icrsicherungSgcsellschaft, die im Großherzogthum Heffcn aber ■ keine Cjonccssion Hauptvortheil hatte das Böckel'sche Blatt, in inseriren mußten. Der erste Anziehungspunkt in Programm war der gemeinsame Bezug von landwirthschaftlichen Artikeln und Maschine». Von dem Bezüge von Colonialwaarcn, den d r Verein anfangs besonders betrieb, nahm er später Abstand, weil sr dadurch die Krämer ruinirte und Streitigkeiten hervorrief. Der Vorsitzende warnt« später direct vor dem Bezüge von Colonialwaarcn. „Damit trieb er indessen," heißt eS in der Broschüre, „ein Doppelspiel. Bon den Colonialwaarenhändlcrn en gros, wie Berdüx (Marburg), Baudorff (Marburg), König (Hanau), nahm er sehr hübsche Jnsertionsgebühren und Percenle für abgeschloffene Berkäufe, die Leute annoncirten stetig, und in den Volksversammlungen und bei den einzelnen Vertrauensmännern wehrte er ab, sollten die Waaren dieser Lieferanten bezogen werden. Ueberhaupt bei Grossisten, die mit dem .Mitteldeutschen Bauernverein' Geschäfte machten, war der Vorsitzende dieses Vereines gar nicht blöde. So weiß ich doch, daß die Firma Döring alias König (Hanau) 1003 Mark baar an den Verleger des .Rcichsherold' gezahlt hat. Die Firma Fenner (Schüchtern) mußte 500 Mark bezahlen, und daS Alles waren Colonialwaarenhändler! Der Lieferant der landwirthschaftlichen Maschinen wurde verschiedenemale aufgefordert (von Böckel), doch endlich jetzt die Percente an den .Mitteldeutschen Bauernverein', beziehungsweise Böckel zu zahlen, der Mann reagirte indeffen nicht, und, so bin ich fest überzeugt, existirte kein Lieferant, der sich nicht in irgend einer Form erkenntlich zeigen mußte." Für das Berkaufsbureau wurden sehr hohe Summen, per Ortsgruppe 25 Mark, aufgebracht, und nicht dep zehnte Thcil wurde zur Gründung des Bureaus verwendet. .Wer den Mitgliedern das Bureau empfahl, „flunkerte einfach", bemerkt Georg. V.n den „judcnfreien Viehmärkten" sagt er: „Es war einmal," und weist nach, daß die Märkte sich nicht entwickeln können, n. A. weil der eine Bauer dem anderen nicht traut. Der Verein wollte die alten Volkssitten neu beleben, und es entstanden „Knüppelgarden" ftr Böckel, aus jungen Burschen von 16—18 Jahren bestehend, die Radau machten. Der Verein wollte angeblich für die Weiterbildung des Landvolkes auch durch berufene Landwirthschaftslehrer sorgen. Wie es damit thatsächlich bestellt war, darüber gibt die Broschüre folgende Aufschlüffe: „Landwirthschaftslchrcr sind niemals im .Mitteldeutschen Bauernverein' thätig gewesen. .Das machen wir Alles selbst,' sagte der Herr Vorsitzende triumphirend zu mir. Mit der Weiterbildung des Landvolkes durch Vorträge aller Art war's auch gerade nicht weit her, denn die Agitatoren des Vereines hatten;um größten Theil selbst nicht einmal eine gründliche wiffenschastlichc Ausbildung hinter sich. Der Herr Agitator Thomas Rcuther (jetziger Redacteur des antisemitischen .Badischen Volksboten' in Heidelberg), ehemals Schriftsetzer in der Druckerei des .ReichsheroldeS', hatte eine Rede vorräthig, der der Abgeordnete Bindcwald den schönklingcnden Namen .Die Kuhschwanzrede' gab, da in derselben die Geschichte von einem betrogenen Bauer wicdcrkehrtc, dem ein jüdischer Handelsmann eine Kuh mit angeleimtem Schwanz verkauft haben sollte. Ein anderer Redner, speciell für .Jugendbünde', war ein Herr Böller, der früher Blech schmicd war. Er beschloß seinen Vortrag gewöhnlich mit den Worten: .Leut', schaart euch zusammen, wie sich der Dr. Böckel zusammengeschaart hat!' Der gediegenste Agitator war entschieden ein ehemaliger Schuhmacher, Namens Kaiser. Besonders gern renommirte der Herr bei den Landwirthen mit seinen geschichtlichen Kenntniffen. In Marburg begann ' er einstens seinen Handwcrkervortrag mit folgenden Worten: .Meine Herren! Als im Jahre 1848'(!) Leonidas (! an der Unstrut die Mongolen schlug (!), da sang der Dichter Geibel: .Wie haben da die Gerber so meisterlich gegerbt, wie haben da die Färber so purpurroth gefärbt!' Nur schwer war er danialS zu be wegen, einzugestehcn, daß er sich betreffs der Zahlen und Name» geirrt, habe. Einst entspann sich zwischen den zwei Volksrcdnern Böller und Kaiser ein wilder Streit. Der Erstere war nämlich dem Schuster Kaiser zur Ausbildung im Reden übergeben worden, wogegen sich Boller's Ehrgefühl aber ganz gewaltig sträubte; auf der-anderen Seite i