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Freies Blatt · 1894-12-30 · 143 (30.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
143 (30.12.1894)
Date
1894-12-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt Abonnement-preiS. Kür Oeflvrrrtch-Ungarn: GonhSbrig.5 Kronen (fl. 2.50) Haldlährig.5 Krone» (fl. 1.50) Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Redactio» und Admiiiistratioii: i. Leilcrsfiitie 10. Kür da» g«saininle Ausland: Kanijährig .fi .Mark Halbiährig .3 Mark 50 Pf. Einzelne Nummern « kr. Unfrankirle Briefe werden nicht angenommen. Erscheint au jedem Sonntage. 3nfcrale werden mit 20 Heller (1' kr ) illr die vier, mal gelpaltene dtonvarcilleieile berechne». Kleine An,eiger da» Dort t Heller <2 kr ). Aulnahme von 0nf«ralen in unlerer Adminiflration sowie im AnnoNcenbureau M. Duke». I. Wollzcile 3. Numuier 143. - Wien, 30. Dcccmber 1894. III. Jahrgang. Im skuillctouistischcn Thcile unseres Blattes bringen wir den Schluß der Erzählung: „Tie Töpferscheibe" von Ednard Kulke. Ln der nächsten Nummer beginnen wir mit der Pnblication des hochinteressanten Essays: D c i n r i clj 0 c i ii c und per Hcrbdi von Wochnr nch. ' Bon Vrrstgv Karprles. Es gereicht uns zur besonderen Befriedigung, unseren Lesern mit dieser eigens siir das „Freie Blatt" geschriebenen Arbeit des berühmten Heine-Specialistcn eine in gleicher Weise vom Abwchrstandpnn»«e wie ans literarischen (Gesichtspunkten anregende Lrrtiire bieten zu können.; " < Die antisemitische Internationale ^89^. Das Musterland nach btm Gcschmacke der antisemilischrn Internationale war im Jahre 1804 leider unser Baterland. Aus österreichischem Boden konnte sie sich auöbreiten und oft, ohne erst Widerstand bewältigen zu müssen, wichtige Positionen einnehmen. Diese Erfolge verdankte sie nicht so sehr ihrer eigenen Wirksamkeit und Entschlossenheit, nlS vielmehr besonderen Umständen, die ihren EroberungSzug begünstigten. Der eigentliche Werth der antisemitischen Internationale zeigte sich auch bei n»s im öffentlichen Leben, im Parlamente und namentlich im Gerichtösaale. Wir sahen, daß der Racenhaß selbst vor solchen Humanitären Einrichlungen, wie cS die Wiener Freiwillige RettungSgeselljchaft ist, nicht Halt machte, vernahmen in der Bvlksvertretung Reden und Anfragen, welche nur von der Absicht geleitet waren, Parteigegner zu verunglimpfen und zu schädigen, und schließlich lernten wir einige Kämpfer gegen die semitisch-liberale Corruptio» und für die arisch-christliche Ehrlichkeit näher kennen, alS sie dem Richter Rede und Antwort stehen mußten. Ob eS diesen Bertrelern der antisemitischen Jntcriiationale übel erging und sie im Eriminal als „Opfer deS römischen Rechtes" verbleiben mußten, oder ob sie, wie der von den Geschwornen in Äorneuburg zur freudigen Ueberraschung seiner anmuthsvollen Wirlhschafterin freigesprochene Pfarrer von Schrick, dgs Gerichtsgebäude unter Ovationen verließen — für die BcurlHeilung ihrer Grundsätze und die Weise, in welcher sie dieselben zur Durchführung bringen, kann Mißgeschick oder unerwartetes Glück keinen Unterschied bilden. Man weiß cs nun genau, waS von so manchen auf der Parlamentstribüne mit eherner Stirne vorgebrachtcn Beschuldigungen zu halten ist; die Geidcr und Scherzer sowie ihre Beweggründe, kennt Jedermann, der auch nur einigermaßen den Borgängen im antisemitischen Lager Beachtung schenkt. Wenn trotzdem die Antisciniien bei Wahlkämpfen siegen, so ist dies zumeist nicht nur auf die beklagenswcrthe Lässigkeit der liberale», sondern in noch höherem Grade ans die geheime Unterstützung jener „Eonservativcn" zurückzusührcn, welche, ängstlich bedacht auf die Wahrung ihres Besitzstandes, in der antisemitischen Bewegung, so sehr sie ihnen in vielen Punkten mißfällt, eine Garantie für die Sicherstellung reaclionärcr Pläne erblicken. -Ungeachtet der Coalition ist nur' zu häufig zwischen der Sprache des „Drut'chen BolkSblaltes" und jener, welche das „Baterland" führt, nicht der geringste Unterschied wahrzunehmen. Dir fürslbischäslichen Eonsistorien in Lin; und Graz wthren sich zwar gegen antisemitische Einbrüche in jene Territorien, welche sie nach wie vor ausschließlich lieherrschen zu können glauben, aber gegenüber den Anarisien anii semitischer Strcilschaarcn aus die Liberalen beobachte» die „eonservaliven" Eoalitionsgenosscn höchstens wohlwollende Neutralität. In einzelnen Fällen sind auch die sich christlich gcberdcnden Anti semitenhättplliiige mächtig genug, die Theilnahme kirchlicher Würdenträger an ihren Aelionen zu erzwinge». Nicht aus freien Stücken scheint die Kirche die Bewilligung zur Berhcrrlichung der Lueger- Feier erthcilt zu haben, und bei dem Nicdcröslerreichischcn Katholikentage machren Kirchenfürsten und fromme Aristokraten sicherlich Nur gute Miene znm bösen Spiel. Zur Befriedigung der antisemitische» Internationale dauern die dem Berliner Beiträge Hohn sprechenden Judenverfolgungen in Rumänien fort. Dagegen war cs ein eitl.ö Beginne», die kirchrnpolitischen Reformen Ungarns zu einer Wicdererlvcckung der Racenhetze in diesem Lande zu verwcrlhcn. Auch in Frankreich und Italien bemühte» sich Emissäre vergeblich, die. schmachvolle aniisenlitische Bewegung einzubürgern. Tie Franzosen sind auf dem Gebiete der Racenlehre »och nicht so weit gekommen, um für ein arisches Borrccht auf Berbrechcn einzutrelen und daraus, daß ajn Osficier jüdischen Glaubens der Spionage schuldig befunden wurde, eine Anklage gegen alle seine Glaubens- und StammeSgenossen in Franknich abzuleiten. In Italien alnr sind bei den Scandalen, welche der Zusammenbruch der Banca Romana ans Tageslicht fördert, auch nicht mit der Loupe semitische Geschäftskniffe zu entdecke». Tanlongo sowie die hervorragenden Staatsmänner und larlamentarier, welche ihn aus Eigennutz gewähren ließen, sind unverfälschte Arier. Die antisemitische Bewegung weist nicht einmal in der Schweiz und Deutschland Fortschritte aus. Dir Bundesrath der Eidgenossenschast zeigt kein Verlangen, auf die Zumuthungcn antisimitischer Agitatoren einzugehcn, welche Thierfreundlichkeit vorschütze», um Mitmenschen zu chicaniren, und das AuSführungSgesetz zur Verschärfung des SchächtverboteS dürfte noch lange ein

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