Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 142 (23.12.1894)
- Date
- 1894-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441583--1702-4888136- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
feite 1: Freies Blatt. u>cqfaU äußerer Hindernisse", herausgegeben werden. Nun hat die verehrliche Redackion die Bosheit geübt, die Besprechung dieses Buches mir zu übertragen. Mit Schrecken nahm ich das Ungethüm mit seinen mehr als 700 Druckseiten. zur Hand: denn ich wußte bereits aus Erfahrung, in welcher Leise Zöllner Bücher macht. Man kann, ohne »ich einer Uebertreibung schuldig;r machen, sagen, daß vielleicht noch niemals ein Gelehrter von einigem Ansehen in solcher Weise Bücher gemacht hat, wie eS Zöllrzxr gethan. Das Buch ist sozusagen mit der Scheere gemacht. Es enthält größtentheils Zeitungsartikel und Zeitungs ausschnitte, die jeweilig durch einige dazwischen geschriebene Zeilen z» einem Ganzen verbunden werden, zu einem Ganzen natürlich, welches ebenso ein Ganzes ist, wie der bekannte Sack, in welchem >iraut und Rüden durcheinander gemischt sind. Wenn man de» Inhalt des Bncksts auf seine allerkürzeste »Formel bringen wollte, so - müßte man sagen,, es besteht aus Gänsefüßen. Man sieht das Buch vor lauter Eitaten nicht. Die Abhandlungen -und Erinnerungen an belühmte Männer, wie Humboldt, Mant, Gauß, Weber u. dgl., und noch mehr die hie und da vorkouimendeu mathematischen »Formel» dienen ka;u, dem Buche einen gelehrten Ausputz zu geben: der eigent- 1 idie Gegenstand des Buches ist aber der eintönige immek und immer wiederkehrende Aerger über die Juden, welche ihm scharf auf die Finger sahen und seinen Spiritismus nicht auskoinmen lasten wollten. Da war in Leipzig ein gewister Tr. David Ascher, ein Privatgelehrter, ivelcher;u Zöllner s höchstem Becdruste die Experimente Slade's für Taschen'pielersuchen hielt und an,den spiritistischen Kunststücken keinen Geschmack finden konnte; er hat sich also kein Blatt vors Maul genommen An diesem fürchterlichen Dr. David Ascher suchte Zöllner sein Müthchen zu kühlen^ Dieser Dr. David Ascher war, wie der Herausgeber in der Einleitung ^S. XIX) selbst zugibt, die erste Veranlassung zur Entstehung des ganzen BücheS. Es wird aber nicht nur über den Juden David Ascher, sondern auch über Männer von unzweifelhaft christlicher Abstammung weidlich geschimpft, uikd Männern, wie Earl Bogt, Birchow, DuboiS-Reymond, Ludwig, Alfred Dome, wird. Alles natürlich bloß darum, weil sie sich für die vierte Dimension nicht zu begeistern vermögen, der „sittliche und literarische Anstand" abgesprochen. > tiann man ein Buch, in welchem ein salches Ilrtheil abgegeben wird', ernst nehmen? Ist ks werth, daß mag sich noch weiter damit befasse? Die Lectüre, im höchsten Grade peinlich und langweilig, ist die schauerlichste Geduldprobe, die man sich >nur denken kann. Eine ernste tkritik verträgt das Buch nicht und ^u einer spaßhaften bin ich nicht aufgelegt. Fort damit! E. K. Antilernitische Couplets Rennen wir u»S auch, mit Stolz (''egner der Semiten, \ Sind von Herzen dennoch wir Jünger der Leviten. Unsre »Führer sind noch hem' »Fromme Pharisäer, 'Xtfr liegt uns der Eigennut Roch um Vieles näher. Ehrisilich sind wir und focigl, T aß sich Gott erbarme!) | Atiimmeni uns. nicht um's Haben starke Arme Un' verlgg'ne Redner auch! F:: den Bierlocalen, . i Wo mit vbgestanb'nem Traük Wie die Stimmen zahlen Was die »Fleißigen erspart. Müssen.sie uns geben, Alle Lumpen werden dann Wie die Prinzen leben. Das mobile Eapital Muß zuerst verschwinden. Was noch sonst dem Tod geweiht. Ist nicht schwer zu finden. Die verdammte Coneurreuz! (Wer hat die erfunden?) — Rur durch Schutzzoll, Protection Kann der Staat gesunden. Und nun gar Intelligenz, Schule, Fortschritt, Wissen» Selbstgesetzte Sittlichkeit, DaS sind Teufelsbissen! Unsere Reichsten, lehrt der Herjr, Wie u»S selbst zu lieben, Bon Semiten, steht im Buch, Richt ein Wort geschrieben; Darum rufen wir Hepp! Hezr»! Hetzen gegen Juden, Fördern dabei insgeheim Uns're eignen Buden; Wuchern niit dem Unverstand Der betrog'nen Masten, »Füllen durch ein Lügenwort Uns're eignen Eassen. Die Töpferscheibe. Erzählung von Eduard Kulkje. (io. Kottleyung.) Es hatte sich mittlerweile um die Beiden, die das Gespräch führten, ein kleiner Kreis gebildet, welcher sich nach u id nach immer mehr vergrößerte. Einer nach dem Andern hatte siek von seiner Tänzerin losgxmacht, um der Unterredung zu lauschen; n Kurzem waren die Mädchen ohne Tänzer und folgten auch sie der »llgemeinen Ströniung und schaanen sich um die Anderen. Auf die Fiage, was es da gebe, erhielten sie zur Antwort, der Herr Moses wird erklären, warum man beim Töpfemacheu die Scheibe drehen muß. E uer aus der Menge rief, der Herr Moi'es solle sich auf einen Stuhl stellen, damit ihn Alle hören und sehen können; auf einen Tisch soll er steigen, tönte es dazwischen, da sehen ihn Alle noch bester. Es wurde ein Tisch hereingebracht, Moses wurde auf den Tisch geho'e en, und ehe man sich besten recht versah, war das Tanzlocal in einen BortragSsaal ver wandelt und die tanzenden Paare in Zuhörer u rd Zuhörerinnen. Moses stand auf dem Tische. RiemalS in seinem Leben hatte er sich in einer solchen Situation befunden. Aus eirvr harmlosen Plauderei mit seinem alten Freunde herausgeristen, sah e sich plötzlich in die Rolle eines öffentlichen Redners versetzt, der oo ■ einer hochgespannten Bersammlung einen B.ortrag halten sollte, leinen Bortrag, und worüber? lieber die Töpferscheibe! Was geht liefe Versammlung die Töpferscheibe an? Das ist ein Gesprächsthema mit dem Töpfermeister, aber ein BortragSgegenstand in einer Bersaurmluug, in der Aller Augen auf ihn gerichtet sind? Keineswegs. Di s fühlte er, wenn er auch nicht darüber reflectirte. ES mußte ein größerer, ein würdiger Gegenstand behandelt werden, und welch ein Gegenstand hätte sieb in diesem Augenblicke als größer und würdiger erwiesen, als die Eni stehung der Welt, die Entstehung des Weltals! Mit klopfenden: Herzen ließ er den blitzenden Blick durch die Versammlung schweife», dann aber, nachdem er die nöthige Mästung erlangt halte, cs herrscht lautlose Stille in dem Saale, begann er solgenl ermaßen: Meine lieben Freunde und Freundin» Sie Alle haben irgend einmal des Nachts geblickt und am Himmel droben den Mond u .Sterne gesehen, so wie bei Tag die Sonne. Nr. 142. en! zum Himmel empor rd die vielen, vieler' enn man die Sterne