Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 142 (23.12.1894)
- Date
- 1894-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441583--1703-4888137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 142. Freies Blatt. reite!■'!. so ansieht, wie sie funkeln und glitzern, und den Mond, wie er so ruhig vom Himmel niederleuchtet, so meint man, etwas Ruhigeres als diesen Mond, als diese Sterne kann cs nicht geben, und gar manches Menschenkind, deffcn Herz voll Unruhe ist, mag bei Betrachtung dcS Sternenhimmels schon gedacht haben, ach! wenn cS in meinem Herzen auch so ruhig wäre, wie aus den Sternen da droben. Das ist aber eine Täuschung, diese Ruhe ist ein bloßer Schein, und jeder dieser unzähligen Sterne ist in fortwährender Bewegung .und dreht sich wie das Rad am Brunnen draußen, wenn man den Eimer an der Rcttc hinunlerläßt; wir Studirte sagen: um seine eigene Achse. Si?ic wir Alle da beisammen sind, tanzen und Wein trinken und mit einander plaudern und lustig sind, so dreht sich die ganze Erde, ohne daß wir davon daS Mindeste spüren, mit uns im Mreife herum. Die Erde ist aber nicht von Ewigkeit her, cs hat vielmehr vor vielen, vielen Tausenden, ja Millionen von Jahren eine Zeit gegeben, da weder die Erde, noch Sonne und Mond, noch auch die Sterne cxistirtcn. Was war damals'? Es war im ganzen Weltraum nichts als ein Nebel. Tiefen Nebel'nennt, man den Urncbcl. Aus diesem Urncbcl hätte nichts werden können und er wäre ein Nebel geblieben, wenn er sich in einem rnhcndcn Zustande befunden Hütte. Tics war aber nicht der fall. Ter Nebel war in Bewegung, und zwar in einer drehenden Bewegung; er.. hat sich fort und fort um sich selbst gedreht, d. h. um seine eigene Achse, Nun entsteht die Frage: Wie so hat der Urntbel sich gedreht'? Auf diese Frage hat die Wissenschaft keine Antwort. Nehmen mir an, eS sei Gottes Wille gewesen, daß der Urncbcl sich drehe. Was aber daraus hervorgegangcn ist und welche Wirkungen cs gehabt hat und »och heute hat, daß sich der Urncbcl gedreht .hat, darüber'haben große Forscher ihre Meinungen kuudzegebcn. Wenn ein Gegenstand in drehende Bewegung versetzt wird, so wird durch die Umdrehung eine Kraft lebendig, daS ist die Fliehkraft. Man nennt sic so, weil bei der Umdrehung eines Gegenstandes die einzelnen Dhcilchcn desselben das Bestreben zeigen, vom Mittelpunkte weg und nach außen bin zu fliege». Hat unter dtn anwesenden Fräulein Eine vielleicht zufällig eine» Sonnenschirm mit Fransen da, so kann ich Ihnen diese Wirkung der Fliehkraft sogleich anschaulich darstcllc». Ter verlangte Sonnenschirm mit Franse» war zur Hand und wurde dem Redner hinausgcrcichl. Er »ahm de» Sonnenschirm, spannte ihn auf, nahm den Stock desselben zwischen die beiden auSgcstrccktcn Handflächen und bewegte diese hin und her gegen einander. Wie sich nun der Stock zwischen seinen Handflächen drehte, so hoben sich die Fransen des Schirmes, die früher senkrecht herabhingen, und nahmen eine horizontale Richtung an; cs machte wirklich de» Eindruck, als ob die Fransen von dem Schirm wcgfliegen wollten, und cs machte diesen Eindruck desto mehr, -je rascher er den Stock drehte. Alles rief: „Bravo!" und klatschte Beifall. „Sie haben tum die Wirkung der Fliehkraft an einem Beispiele gesehen. Wenn di/ Fransen hier an dem Stoisc nicht befestigt w.ärcn, jo würden sie in der Thal vom Schirme weg und nach allen Rich tnngcn auseinander fliegen. Als Sic vorhin beim Tanz in raschem Walzcrtcmpo durch den Saal hin rasten und sich dabei um sich selber drehten, da war auch die Fliehkraft lebendig; die Röcke der Tänzerinnen bauschten sich ans und flogen in die Höhe." „Ganz richtig." rief eine Stimme, und Moses sprach weiter: „Und wenn die Röcke der Tänzerinnen nicht um den l'cib gebunden wären, so würden sie ebenfalls wcgfliegen. und die'Tänzerinnen bciänden sich in dem Eostümc, welches Eva im Paradiese trug." „Bravo, Bravo!" erscholl es von Seite der Jünglinge, während die Mädchen kicherten. MoscS setzte seinen. Bortrag fort: „Also, wie hier bei dem Schirm, so war es auch mit dem llrncbcl. Ta der llrncbcl sich drehte, so trat die Fliehkraft ans. und die einzelnen Thcile des Nebel balles hatten das Bestreben, sich vom Mittelpunkte weg nach allen Richtungen hin zu entfernen. Nun sind aber in dem Nebel die einzelnen Thcile, desselben nicht in einer solchen Bcrbindung wie hier die Fransen mit dem Sonncnschirnic; die Theilchcn konnten sich also von der gesammtcn Masse wirklich losleißcu und in den Raum hinauSfliegcn und das ist auch geschehen. Alle «tcrne, die wir bei 'Nacht am Himmel sehen, sind nichts Anderes als solche vom Urncbcl durch die Fliehkraft losgcrisscne Masientheilchcn. welche sich dann znsammenballten und in der Richtung der Trehung des Urnebcls selbstständig weiter drehten. Diese Sterne sind lauter Sonnen, und die meisten von ihnen weit größer als unsere Sonne. Auch unsere Sonne ist nicht« Andere« als ein vom Urncbcl losgcrisscnes Stück, und von-di es er Maste wieder losgelöste Stücke, welche rings um die Sonne kreisen, nennt man Planeten, und so ist auch unsere Erde ein losgeristencs Stück von der Sonne, sowie der Mond, der sich »m die Erde bewegt, nichts ist als ein losgeristencs Stück von unserer Erde. Alle diese Drehungen wurden aber immer schwächer und schwächer, daS heißt langsamer; die loSgeristenen Stücke verdichteten sich immer mehr und mehr, bis sic endlich jene» Wrab von Härte und -Festigkeit erreichten, wo die einzelnen Tbeile sich nicht mehr von der Gcsammti maste entfernen konnten, und so haben si'e sich allmälig heranSgestaltct als diejenigen Weltkörpcr, die sie heule sind " Ter -Bortrag war zu Ende. Mein Vaut des Beisallö regte sich,, lautlose Stille herrschte im Saale. Moses wollte vom Tische herunter .steigen : er mußte aber hcruntergeboben werden. .Er war erschöpft!' Ter genossene Wein, die Hitze in dem . von Menschen angefülltcn Saale, die Begeisterung, in die er sich bincingercdei, die Anstrcngting, die der Bortrag ihm verursacht halte, daS Alles hatte znsammcn gcwirkt, um ihn zu erschövfen, und tttiib und ^matl ließ er sich an der Seite des Töpfermeisters nieder. Man bot ihm Wein, er machte eine abwchrendc Handdcwcgnng. Man benetzte ihm Stirne und Schläfen mit kaltem 'Wasser Es war bereits gegen die dritte Morgenstunde Tie Rcrzcn an den Wandlenchtern wie an der großen Vampc, die mitten im Saale hing, waren tief herunkergebrannt. Braut und Bräutigam hatten sich längst^ heimlich weggcstohlcn: mancher Tänzer hatte sich cbcnsatls verloren, manche Tänzerin wurde von ihrer Mutter ans -N'achhausegchen gemahnt, die Musik spielte in einem ziemlich schläfrigen Tempo den unerläßlichen Marsch, der das Zeichen zum allgemeinen Ausbrnch gibt. Mo:cS verabschiedete fidj_ ooit seinem alten Freunde; er wollte nach Hause gehen, er konnte aber nicht. Man mußte ilm nach Hause führen, und erschöpft und ermattet sank er auss Vager. DcS anderen Tages war in dem Städtchen von nichts Anderem . die strebe, als von Genoskas Hochzeit, lieber den Bortrag, den Moses gehalten, hörte man sehr verschiedene Acnßcrnngcu. Ter Eine meinte, der Bortrag war nichts als Nebel; ein Anderer meinte, der Redner selbst sei vielleicht benebelt gewesen. Einer meinte, MoscS rede wie ein Prophet und die Sache war sehr großartig, cs sei nur schade, daß man eigentlich nichts davon verstanden habe. Tie Mädchen fanden das Crpcrimrnk mit dem Sonnenschirm sehr interessant, die Burschen wieder nicintcn, das von den Tänzerinnen, wie die Röcke in die Höhe stiegen, sei daS Schönste an dem Bortragc gewesen. Alle aber stimmten darin überein, er habe den ganzen Bortrag nuz' dem Töpfermeister ziilieb gehalten, um ih.n zn zeigen, warum man beim Topsmachen die. Scheibe, drohen' muß. ... Schi»,, folgt i i. i t c r a t u i\ Tic Geschichte des Socialisiniis >n Einzeldarstellung, „ Stuttgart, Benag' von I. SB. Tiep. Bon der „Geichichle des Soeialisiiius" sind wiederum vier Heue, und zwar Hesl 5—>•> zur Auegabr gelangt Tie ersten Heike gelipre» dein ersten Band: „Tie Vorlauter des neueren-SoeialisinnS", rcdigirt von-E. Bernstein und >i. Xauisl», au. Wir geben nachstehend ein kurzes Fiibaltsverzeichniß „Ter EoiniiiuniSniiis im Mittelalter und im Zeitalter der Neiormätion" badet een drillen Abschnitt,;» welchem zmirEapiiel l> die beiden Abhandlungen „Tie Aslei'e ", iotvie „Tie Fttternaiionalität and der revolutionäre Geist" gehören Eapitel lll: Ter ketzerische Eoimmiiiismns in Ftalicn und Sndsrantreich.'l. 'Arnold von Bresria. 2. Tie Waldenser. Tie Apoftelbrnder. 4 Tie ökonomische» Wurzeln deSBauer» krieges. 5». Tie Erhebung Tolcino'S. — Capital VI. Die Begbardeu l. Tie Amange der Begbarden. 2. Viidivig der Bauer nud der Papst. :> Tie katholische Reaenon unter Earl IV. — Capilel V: Tie Volkharden in England l Tie Wiclil'iche Bewegung 2. Tie Vollhardie. :!. Der Bauernkrieg von l.'irtl - Eapitel VI: Tie Taboritcn. 1. Tie große xirchenipaltnug? 2 Tie weialen Verhältnisse Böhinens vor den Hussitenkriegen. Beginn der Kmsiii>chen Betöcgung. 4. Tie Parteien innerhalb der hnisiliicheu Bewegung i>. Tie Evinniiiniste» in Tabori'>. Der Untergang TaborS. — Eapitel Vil : Tie böhmischen Brüder. — Eapitel VIII: Tie deutsche Rciormatiou und Thomas Münzer. l. Tie deutsche .Reformation. 2. Marli» Viitker. :» Ter sächsische Betgiegeu. 4 Tie Schwärmer von Zwickau Alle vierzehn Tage erscheint eine Vieseruug u 2>> Psg. Probehefte und ausführlicher Pralpect sind durch alle Bnchkandluiigen tind Colporleure zu erkalten -Sl'terrcichischks NkchtSlepilon. PratliicheS Handwörterbuch des össentlichen und privaten Rechtes der im ReichSralhe vertretenen «vuigreiche und pänder. Herausgcgeden und redigirt. von Tr. Friedrich D usche»e», Tr. Wenzel Ritter v. Bölskh, Advocalen in Prag, und Earl Bar että, LandeSanSichußraih in Prag, unter Mitwirkung zahlreicher Fachkräfte. Prag lf!tt. Verlag von Hofer ch.'.stloueek. 21. Vitftnmg. Briefkasten. 1*. S. Wir haben zn derlei Nebenarbeiten leider keine Zeit. Alpha und Lincga. Tankend abgelehnt.