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Freies Blatt · 1894-12-23 · 142 (23.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
142 (23.12.1894)
Date
1894-12-23
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Nr 14*2. Freies N 1 att. 5cito 11. da sind, so können sic nur durch eine unserem Raunibcwußtscin unsaßbare Dimension zu uns gelangt sein; also gibt es eine vierte Dimension. ES scheint aber, daß Zöllner nicht' sowohl die vierte Dimension durch die Geister, als vielmehr die Geister durch die vierte Dimension beweisen wollte. War die vierte Dimension erst als Dhatsachc ancr lanut, dann war für seine Geister Thür und Thor geöffnet. So lange also die neue Raumhypothese aus dem harmlosen Gebiete metaphysischer Spcculation nicht hcrauStrat, konnte man sich diese ebenso gefallen lasten wie viele andere Spceulationc» und Spitzsiudigkeitcn der Mctaphysiker. DaS Alles .aber änderte sich mit dem Auftreten Slade's in Leipzig. Glicht daß Sladc die Kunststücke, die man dort einer übernatürlichen Einwirkung von Geister» zuschricb, wirklich vollbracht habe, setzte die wissenschaftliche Welt in Erstaunen; cs gibt ja Taschenspieler. Der Umstand aber, daß sich die angeblichen spiritistischen Wunder des autoritären Schutzes berühmter Männer der Wissenschaft zu erfreuen haben, dies war cS, wo;» ma» anfing, bedenklich den Kopf zu schütteln, und so war cs auch nicht ei» natur wissenschaftliches Interesse, sondern ein psychologisches, was den berühmten Physiker, dessen Eingangs dieser Zeilen Erwähnnng gcthan wurde, nach Leipzig geführt. Er konnte ja glicht einen Augenblick darüber im Zweifel sci»^ daß die angebliche» spiritistischen' Wunder nichts sind, als gut auSgcführtc Taschcnspiclcrkiinstc. wohl aber mußte er sich die Frage vorlegen, wie eS möglich sei, daß Naturforscher, die in der Gelehrtcnrcpublik mit Recht ein wissenschaftliches Ansehen geiiicßcp, dahin gebracht werden konntcii, das wisscnschasklichc Denken von Jahrtausenden^ geradezu auf den Kopf zu stellen und Dinge zu glauben, die ma» vom Standpunkt wissenschaftlichen Denkens ablehnc» darf, ohne sie erst untersuchen zu müsse». Also kam er »ach Leipzig. Sein erster Weg war zu Zöllner. Dieser begrüßte ihn und e»ipsing ihn mit folgenden Worten: „Ja, lieber M., cs gehen merkwürdige Dinge vor in unseren Tagen. Sehen Sie da diese» Ring um den Fuß des Tisches. Die Tischplatte sitzt fest auf dem Fuße, cs kann de» Ring Niemand entfernen. Er ist also nur durch die vierte Dimension. an seinen Platz gekommen." Der jüngere College hatte sich sofort feine Meinung darüber ge dildct, wie der Ring auf ganz »atürlichem Wege um den Fuß des Tisches gelegt worden sein mochte; er sprach aber ans Rücksicht auf den älteren Mann seine Meinung nicht a»S. Zöllner mochte jedoch aus dem Schweigen des Besuchers dessen skeptische Anwandlung hcransgcfühlt habon, denn er fuhr fort: „Ich selbst, lieber M., habe eigentlich, nicht AUcS gesehen; aber bedenken Sic, Männer wie Fcchncr, wie Weber — —" . M. ging zu-> Fcchncr. Dieser will selbst nicht jjiel gesehen haben, allein er beruft sich auf die Autorität eines Weber, eines Zöllner, und ebenso beruft sich Weber auf Zöllner und Fcchncr. Jeder von diesen Dreien beruft sich auf die beiden Anderen; genau gesehen hat keiner. Als einige Jahre später, nach Zöllncr's Tode, der Astronom t*. von Leipzig nach Oesterreich kam und de» Physiker M. besuchte, kam die Rede sogleich auf Zöllner, und M. thciltc ihm seine Meinung über den Ring am Fuße deS Tisches mit. „Offenbar," sagte er, „läßt sich die Platte ohne Schwierigkeit abheben." —„So ist es auch," bestätigte ü. „Als wir nach Zöllncr's Tode in seinem Ziinmer den Tisch von seinem Platze wcgbringen und ihn an der Platte cinporhcbcn wollten, blieb uns die Platte in der Hand und der untere Dhcil, der Fnß sammt dem Ringe, siel hinunter." Ter Physiker M. erzählte mir dies Alles und fügte hinzu, cS sei nichts leichter, als einen Gelehrten zu täuschen. Zur Prüfung solcher Tinge gehört ein gewandter Taschenspieler, nicht ein Naturforscher; auch ein geübter Polizeicoinmissär würde in solchen Füllen bessere Dienste leisten alS die Männer der Wissenschaft. Diejenigen, die glauben wollen, prüfen nicht. 4 II. Was haben aber diese Hirngespinnste mit dem AntisciuitiSmus zu Ihnn? E. B. Zenker hat vor einiger Zeit in diesen Blättern über den Zusammenhang des Antisemitismus mit dem Mysticismus und PicliSmuS eine sehr cingeheyde culturphilosophische Studie veröffentlicht, welche die hier aufgeworfene Frage ini Allgemeinen behandelt. Wir habe» cS hier mit einem spccicllen Falle zu thun und für diesen Fall bedürfen wir keiner wcitausgrcifendcn O.ucllenstudicn; der Zusammcul,a»g zwischen Zöllncr's Spiritismus und feinem Antisemitismus ergibt sich ganz einfach aus persönlichen Motiven. Höchstens können wir. dabei von dem Grundsätze ausgehcn: der Antisemitismus ist das Asyl aller Unzufriedenen. Und Zöllner war ein Unzufriedener. Die Opposition gegen seine Rau,»Hypothese machte ihn dazu, und freilich war * diese Opposition eine heftige. Wäyc Zöllner ein Mustikcr gewesen wie Jacob Böhme, der aus der unergründlichen Tiefe eines Mcnschcnhci'zcns heraus nachnnnl über nucrsorschiichr Dinge und sic i» einer Weise zu lösen sucht, die feinem . Geninthc Befriedigung gewährt, so hätte er immerhin auch seine An sicht.vom Raume zum Besten geben können, 'ohne seine wissensäiast kiche Reputation ru schädige». Paskal hat durch seine tiefsinnigen - mystischen Speculationcn an seinem verdienten Ruhme als Mathe matiker nichts ciugebüßt. Der Mystiker ist nnanfechtbar und nnwidcr lcglich. Was man zu dem Snbjeetivcn rechnet, die Idee» und die (Götter, sind für ihn keine bloßen (Gedanken, cs find Thaien der , Natur, Ereignisse und Erlebnisse, welche die' 'Natur in feine Seele gelegt hat, in welcher sie wie von dem schwaugcrc» Weibe anSgctragcn und neu geboren werden. Der Mystiker will nichts beweise» und macht keine Erpcrinicnte; er kümmert sich nicht um'äußerliche Anerkennung, er begnügt sich mit seiner inncren Bescligung.. Er ist glücklich: er besitzt die Immunität des (Glücklichen, da ihn, seine innere Bescligung Niemand streitig machen kann .'Fötlncz aber war lein Mystiker, er war ein Spiritist. Der Spiritismus ist .keine Herzens' angclcgcnhcit; er will beweise», er macht Erperimeutc, hält Teaneen und dergleichen, also gehört er vor das Forum desBerstandeS Stellen sich die Erpcrinicnte deS Spiritiste» nachträglich als Taschciispielerlünsto heraus, so ist der Schwindel offenbar. Der verstorbene Kronpriis; Rudolf, der einen solchen Schwindel ansgcdcckt, hat sich durch diese Entlarvung eines Betrügers und BolksverdnuimerS in der (beschichte der Wissenschaft ein unsterbliches Bcrdicnst und einen unvergänglichen - Ehrenplatz gesichert , Tritt nun aber ein Mann -bewassnet mit der Autorität seines; wissenschaftliche» Namens zu <feinsten derartigerspiritistischer Erpcri- 1 mente ein, so ist das Mildeste, was man von ihm sagen kann, er sei! ei» betrogener Betrüger; versucht er cS gar, durch wissenschaftliche | Hnpothcscn und Theorien den ipirilistischcu lehren und Behauptungen den Schein einer wirklichen Wissenschaft zu verleihen, so treibt er Miß braiich mit der Wissenschaft. '.Kim wird freilich der Mißbrauch der Wissenschaft nicht, wie der Mißbrauch der Amtsgewalt, vor den . Strafrichter zur Rechenschaft gezogen; cS gibt aber noch ein anderes Strafgericht, das ist "die wissciischastlichc Kritik, n»d bei diesem (R'ricksie oninin piiblico fungieren auch Juden als Richter. Da haben wir den Zusamnicnhang des Antiscmilismns mit der Dienen Dimension pur >-' miii|>Iii in seiner natürliche» Logik. Die Inden haben sich, seiidcni ihnen der Zugang zu de» Wissen schäften eröffnet wurde, ans allen Gebieten geistiger Thätigleit in nicht unrühmlicher Weise bctheiligt, in manchen' Zweigen der Wissenschaft haben sic Hervorragendes geleistet, und sie gehören heute mit zur Eor-" rectnr des europäischen Geistes, den die Anrisemite» zu eorrumpiren suchen. Wo irgend eine neue Dummheit austancht, stehen'mit den begabtesten »nd aufgeklärtesten Männern aller Nationc» immer auch Jude» in erster Reihe in Kampfbereitschaft, und so haben sie auch in dem Kampfe gegen den Spiritismus und in Folge dessen auch gegen Zöllncr's vierte Diincnsion wacker das Ihrige beigeiragc». Das konnte " ihnen Zöllner nicht verzeihen. Er gehörte nicht zu jenen vornehmen Charaktere», welche, von der Wahrheit einer wissenschaftlichen Lehre durchdrungen, stille lächeln, wenn diese keinen Beifall findet, nein, er polterte und zetterte gegen Jeden, der die Hvpothesc von der viertelt . Dimcnsio» nicht aiiimhm, oder Sladc'S Erpcrinicnte als Taschenspieler fünfte bezeichncte, wie ein gemeiner Hausknecht, nnd" dabei befolgte er; die Methode, jede» wissenschaftlichen Gegner, er mochte sein, wer er wolle, als Jude» oder als Jndciiabköinmling zu bezeichnen.; Zöllner ist todt, und feine vierte-Dimension hat ihn nichtüberlebt.! Der Spiritismus hatvor Zöllner bestanden nnd wird als Bcrirrnng j menschlichen Geistes auch in Hitfunit noch wicdcrkehrcn; waS aber i den Antisemitismus betrifft, so ist dieser unabhängig von einer verunglückten Ranlnhiipothese, er hat ganz andere Oncllen, ans denen er schöpft, und wie unrein diese sind, braucht man den Lesern dicscp! Blätter, nicht zu sagen. Hier soll nur »och in Kurze berichtet wetdcn, | was zu dieser Erörterung über die vierte Timcnsion und den AnliscmiliSmus Anlaß gegeben. Dieser Anlaß ist ein Buch") ans dem Nachlasse ZöUrchr'S, welches vor einiger Zeit erschiene» ist. ES ist ein Gemisch von gelehrte» Ab Handlungen und Pamphleten und war, soweit cS' jetzt vorlicgt, vor dreizehn Jahren bereits druckfcrtig, konnte aber erst jetzt, nach „Hin j *) Bcinägc zur deutschen Jndensrage mit akademischen Arabesken als llmeriageu zu einer Reform der deutsche» Universitäten von Friedrich Föl iner, Professor der Aslrophnsik a» der llnivcrsiiäl Leipzig. AHit 3 Tafeln und 8 phoio. graphiich-facsimilirlen Briefen. HeranSgegeben nnd mit einer Einleiinng ver j sehen von Moritz Wirth. (Leipzig, Berlag von Lswaid Mutze. ld!H.)

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