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Freies Blatt · 1894-12-23 · 142 (23.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
142 (23.12.1894)
Date
1894-12-23
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 142. Seite!*. Freie» ein und unterließ es, das Siesultat der Neuwahl der politischen Behörde belauiit zu geben. Eist dutch Berichte antisemitischer Blätter erlangte die Behörde von dem Alle» Kenntnis!, und so wurden Zuleger und Peutscha wegen UebertretuNg deS LereinSgesetzeS angeklagt Das Bezirksgericht Mariahils verurtheilte Ersteren zu d r e i, Letzteren zu s ii n s Gulden Geldstrafe. (Spitzer-Weimar wird sich freuen.) In Troppau wird im Jänner, wie. der Obmann deS „Deutschen BolkSvereineS für Schlesien" ankiindigle, eine öffentliche Versammlung stattfinden, in welcher auch Herr Polzhoser, Bramit weinschänker und ReichSrathsabgeordneter, sprechen wird. Den Troppauern steht also ein großer Genuß bevor. Im Wiener „Deutschen Verein" empfahl der aus daS geistige Wohl seiner Mitbürger so sehr bedachte Brauntweinschänker die Unterstützung der Spitzer-Weimar'scheu „Reichspost". Verniuthlich wird er in diesem Sinne auch die Troppauer Antisemiten bearbeiten. (Eine mißglückte Bereinsgründung.) Man schreibt uii«: In Graz ist . der Versuch, die Gewerbetreibende» antisemitischer Färbungen zu einem sürini lichen Anschluffe an die Wiener Christlich-Socialen und zur Gründung eines : die Bestrebungen der Letzteren sördernden Vereine» zu veranlassen, kläglich ge scheitert. Dieselben Leute, welche im Sommer dem Meister Stampiglius und seinen Gehilfen Ehrungen erwiesen, haben sich die Sache überlegt, geberden sich wieder urteutsch und beten andere Häuptlinge an. Für die antisemitische Lokalpresse hat diese Schwenkung infoferne Bedeutung, als nun die AktiendeS teutonischen Fulharkerthum» auf dem Grazer Markte steigen, während die der ZeitungSspeculanten in „christlicher" Socialresorm tief sinken. Für den Freund der Rechtsgleichheit bietet die mißglückte Bereinsgründung keine» Anlaß, Befriedigung oder Bedauern zu äußer». Ob betriebsame Antisemiten momentan für diese oder jene Fahne Vorliebe zeige», ist überhaupt egal, untz insbesondere im vorliegenden Falle sind Sieger und Besiegle vollkommen gleichwerthig. (Tic Christlich-Socialen der Bukowina.! Der christlich-sociale Verein in Czeruowitz, der seit geraumer Zeit keine nennenswerthe Thätigkeit entwickelte, ist, wie die „Prawsolawua Bukowina" meldet, zu neuem Lebe» erwacht. Tie linlhütigkeit deS Vereines war durch die langwierige Krankheit seine» Präsidenten verursacht. Da dieselbe aber bereits dem Vereine gefährlich zu werden drohte, entschloß sich der letz'ere zu einer Neuwahl de» Vorstandes. Diese Neuwahl wurde am it. d. M. vorgenommen, und nun soll wieder eine energische Thätigleit entwickelt werden. Die meisten Ezernowitzer Christlich-Sociale» verstehen unter „christlich" die Pflege der griechischen Orthodoxie; im klebrigen besteht zwischen Scheicher und Zurkan kein wesentlicher bedeutender Unlerschied. . (Unzweifelhafter Rückgang.) Der Verlaus einer ganzen Reihe von A»lileinitenversammlungen in Deutschland deutet, wie von wohlinsormirler Seite berichtet wird, einen nnzweiselhafte» Rückgang der verderblichen Bewegung a». ' ö» Magdeburg, Haltzerstadt und Straßsurt war, trotzdem die Werbe- und Reclametrommkl gründlich gerührt worden war, der Besuch antisemitischer Versammlungen auffällig schwach. In Hessen erlebt der Abgeordnete Bindewald, einer der Besieger Böckel'S, ein FiaSco nach dem andern. Am übelsten aber erging es am II. d. M. dem Agitator Han» v. Mosch i» Wittenberge. Ueber seine Erlebniffe in dieser Stadt wird unserer Berliner Abwehrrollegiu milgetheilt: Alle befferen Elemente der Stadt mit dem Bürgermeister an der Spitze waren, als sie von der projectirten Versammlung ersuhre», sofort darin einig, energische Schritte zur Abwehr zu thun, um den Frieden der Stadt nicht durch berufsmäßige Agitatoren stören zu lasse». Auf de» Einladiiiigsplacaten fand sich der Zusatz: „Inden haben keinen Zutritt". Ter energische Bürgermeister stellte aber dem Einberuser die Alternative: entweder hat zu der angemeldeten Volksversammlung Jeder Zutritt, oder stq findet nicht statt, woraus man die Einschränkung falle» ließ. Mehr als lausend Personen fiiUteii daher am Abend den Saal. Voller Siegeszuversicht begann Herr von Mosch seinen Vortrag, mußt» sich aber bald überzeugen, daß er mit seine» wüsten Hetzereien, fernen groben Unwahl heiten und unsinnigen Behauptungen aus die Opposition seiten« der Bürgerschaft stieß. Nachdein er etwa eine Stunde gesprochen, wobei er zu wiederholtenmaleit durch Ltürme der Entrüstung und des Unwillens unterbrochen wnrde, zwangen die ziemlich zahlreich anwesenden SocialDemokratin ihn, mitten in seinem Vorlrage abzubrechen und die TiScuision beginnen zu loffen. Nun kam einer der Jhrigett, Herr Hin; e, zu in Wort, der in längerer Ausführung den Antisemiten entgegentrat Al« daun Herr v. Mosch den Versuch machte, sofort nach diesem Redner daS Wort zu ergreifen, erhob sich ein gewaltiger, langandauernder Lärm; säst die ganze Versammlung verlangte stürmisch, die Redner, die sich zur DiScnssio» gemeldet hatten, der Reihe nach zum Wort kommen zu taffen Diesem euergischen Verlangen gegenüber mußte sich Herr v. Mosch, wen» auch sehr widerwillig, sügen. Hierans wendete sich der Stadtverordnete Schulz, bei der levten Reichstag«- wahl f-cialistifcher Candidat, unter großem'Beifall gegen Herrn v. Moich. Sodann wie» der Schriftsteller Brandt einige der von den Antisemiteii stet« wieder vorgebrachten und längst widerlegten Verdrehungen und Uuwahrheiteu nach und charakterifirte den Antisemitismus au der Hand de» von Ha»S v. Mosch und Ahlwardt gemeinsam herauSgegebenen „Bundschuh". Tann ging Redakteur.Schuhmacher scharf mit dem Vortragendeu ins Gericht und händigte dem Vorsitzenden eine von angesehenen Bürgern vorbereitete Resolution ein, die den Antisemitismus auf das Entschiedenste verdammt. Herr »krause, Blatt. eincr der augeseheusteu Bürger von Wiueuberge, stellte unter jubelndem Betiall. de» Antrag, den großen lleberschuß der sich bei dem B> Psennig Entri'e ergäbe, einem aruien Arbeiter zu überweisen. von dem Herr v Molch erzählt halte, da» er für 2 Mark 3<> Psennige Tagelohn tu Slniide» z>z, arbeite» und .'»Stunden für Hin- und Rückweg zii verwende» bälie, da er y.i au» sei, »m fahre» zu können. Tann fragte er .Herrn v. Mo'ch. der zweimal die''Welt mm°e»eU und alle Länder gesehen hätte, weshalb er nicht wo ander-:- gebliebe» und doch wieder nach Deutichland trotz der vielen Juden gekommen wäre.-Gtoßer Lärm und lebhafte Ertegnng nöthiglen bald daraus die Discufsion und zugleich die Beriaininlung z» schließen. Herr v. Moich wird seinen, ersten Tebn: in Witlenberge kanin ein zweites folgen laffen. Äus antisemitischen Blättern. lProvocirt!) Am 14. d. M. inscenirte» die antisemitischen Mitglieder des GemeinderatheS wieder einen ungeheueren Skandal, der liebst mehreren Ord »ungsruse» die Ausschließung des Hetru Tischler vdu einer. Sitzung znr F-olge hatte. Säminlliche Anliseutilenblittter, vom ..Vaterland" angefaiigen bi» zur „TeutschenZeitnng" herunter, sinde» »lüi, daß an kieiein Skandal da» herausfordernde Benehmen der libeialen G--,ndi»derätbe Tchuld trug. Letztere waren nämlich so frei, eine Mahnnug Lueger'« a» die Majorität, sich in ihrem Verhalten gegenüber der Ovposilion zu „besser»", mit lauter Heiterkeit ausznnehmeii, in welche sogar — h6tril-tle -lic-tn — einige »luten eingestimtiit haben solle». Tiefer HeiterleiisauSbrnch ist also, »ach anlisemninher Auffassung eine Provokation, wogegen e» ihnen ganz in der Ordnung zu sein scheint, wenn Lueger die Schristsührer ungenirt eine« incorrecien B er fahren?, beim Zählen der Stimme» beschuldigt, wenn er iu seinen polemischen Au« laffunge» mit den Kraslansdrückei: „Genteinheit" und „Roheit" heriiiiiwjtsl :e Von einer Provocalion seilen« der Liberalen kann hier, meinen wir, ninioweniger die Rede sei», als ja z. B. die viertdimensionalen AnSeiiiaiiüersetznngen de« Herrn Schlesinger int Abgeorduetenhause, wo er über die.geheimen Pläne der Juden zur Welterobernng allerlei ergötzliche Enthüllungen macht, nur z» häufig selbst seine engste» Genossen zum Lache» reizen. (Tic Heßc gegen jüdische Aerzle.) Zu de» besonderen Liebiingsbejchäiti gnitgen der antiseiniliichen Preffe gehört die Hetze ividkr jüdische Aerzle. Ta« hiesige „deutsche Tagblalt" brachte am!',. d. M. die angebliche Beschwetde de« Gauen einer Patientin und erzählte seinen Lesern: „Tie Fra» de« Beltess,»den war seit einer Entbindung leidend. Sie gehörte als Mitglied zwar der AUge »teilten Arbeiter-kranken- und llnte,stiitzungceasse an, der Galle verzichleie jedoch — und mit Recht — aus die Behandlung seiten« de« Vereinrarzie«, weil dieser ein Jude ist. Dieser jüdische Vereinsarzt r- Tr. Schwarz i.W. Be;, Märzstraße» — benützte aber eine Gelegenheit, wo der Man» nicht zu Hanse war. zu einem Besuche der -kränken, die am Neubaugürtel -wohnt, verlangte von dieser, daß sie sich, von ihm untersuchen lasse, riß ihr, als sie dies-mit dein Hinweise darauf, daß sie ohnehin i» anderer ärztlicher Behandlung stehe, '! die Bett decke herunter und nahm die Untersuchung der Frau ttotz alle» Widerstreben« vor. Bei einem zweiten Besuche^am 4. d. M ) de« Tr. Schwarz war glücklichetweii'e auch der Mann z» Hause, der sich jede weitere Zudringlichkeit natürlich gaiiz entschieden vetbtl und de» manierlichen Vereinsarzt nachdrücklichst ersn.hie, seine Fra» mit Besuchen und Uiitersuchunge» zu verschonen Tr. Schivarz entsernle sich, kam aber nach kurzer Zeit in Begle.itung eines Sicherheitsivachmaiine«, der iin .Namen des Gesetze«' die Herausgabe de« Mitgliedsbuches der genannte» -Iraiikencasse forderte, da« auch auSgesolgt wnrde. üllit welchem Rechte ein S icherheitswächntaun in . dieser Privatsache einichreitcn konnte, ist nicht recht einzusehen. Tr. Schwarz soll übrigen« auch in anderen Fallen ebenso — taft voll ausgetreten sein." Ter angegriffene Arzt nüthigte da« Lügeiiblan ztir Auf »ahme nachstehender, am .Ist. d. M. veröffentlichter Berichtigung: ,,C« ist unwahr, daß der Gatte der betreffenden Patientin au» die Behandlung seiten« de« BereinSarzteS verzichtete, weil ich, der Caffenarzt, Jude bin. E« ist unwahr, dech ich z» einem Besuche'der Kranken eine Gelegenheit benützte, wo ihr Mann nicht zu Hause war, unwahr, daß ich iln beln»'« Unterst,chnng. die Bettdecke herunterriß und baß di/ -kranke einer llntersnchung widerstrebte. E« ist unwahr, daß ich die Untersuchung der Frau trotz allen Widerstreben« vornahm. Unwahr ist serner, daß mich der Man» bei einem' zweiten Bestiche ersuchte, seine Fra» intt Besuchen und Uiitersuchungen zu verschonen, unwahr, daß der von mir requirirte SicherheitSwachmaun. int .Namen des Gesetze«' die Herausgabe de« Mitgliedsbuches der Krankeucaise forderte, unwahr, daß ich auch in anderen Fällen ebenso ankgetreten bi». Wahr ist vielmehr, daß ich al« Vertrauensarzt der Allgemeinett Arbeiter Kranken und UntetstntzungScasse verpflichtet bin, jede« im Krankengeldbezuge stehende Mitglied wenigsten« einmal in der Woche zu be suchen, die -kianlhtit und deren Verlauf genau zu prüseu, auch wenn da« Mit, glted aus die unenlgeltliche Behandlung verzichtet. Wahr ist ferner, daß der behandelnde Arzt Herr Tr, Eppstein auch Jude ist; wahr ist, daß ich bei meinen wöchentlichen Eotttrolbesuchen niemals in Betracht zog, ob der Galle der Patientin zu Hause ist oder nicht, zumal dieselbe immer eine Person um sich halle und meinen Besuch zu jeder Zeit deS Tages erwarten ntußte. Wahr ist *) Hier fehlt offenbar da« Wort: „ablehnte".

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