Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 142 (23.12.1894)
- Date
- 1894-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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reite .freies Blatt. cs war ja Weih- Ach, niemals emals an dem Tage des Niemanden mehr, der waren bereits hinüberl Tie Einsamkeit. AlS Mensch wollte ich unter Menschen sei, nacht beute, und ich war allein, so ganz allein p.finöel man Verlassenheit so bitter schmerzlich, herrlichsten Festes der Christenheit. Ich hatte meinem Herzen nahe stand'. Alle, die ich liebte, gegangen in die Welt deS ewigen Friedens. 3!«:: ich blieb zurück, mich verzehrend an der Erinnerung schöner und glücklicher Tage. Und.diese Erinnerung wird Jahr für Jalr am Tage deS Weih »achrstestes immer lebendiger, aber auch imchcr schmerzlicher, und wenn der Tag zur Neige geht und der Lichtschimmer von der Straße in meine dunkle Stube dringt, da kiainpfl sich mein 'Herz zusammen, idi muß hinaus, uni Menschen zu sehen, die nicht so einsam und verlassen siiid wie ich. La wende ich mich nun nach kurzem Entschlüsse rechts, werfe ab und;u einzelne Blicke aus die in Folge der zeitlich eintretenden Tunkelheii schon jcyt glänzend erleuchteten Schauläden, betrachte mir die Leute, wie ne sich, mehr oder weniger schwer bepackt, durch den immer mehr zunehmenden Menschenstroin Mitten sWrg zu bahnen suchen, und flüchte endlich in tute Seitengasse, denn der tausendstimmige Straßenliiim erhöht nur meine innere Aufregung. Unjd so wandere ich denn mit meinen Gedanken immer weiter und weiter, vermeide absichtlich die stärker t:eauentirten Hauptstraßen, und wfnn ich endlich nach stundenlanger Wanderung in einen weil entfernten Borört gekommen bin und meine Glieder bereits zu ermatten beginnen, da suche ich ein recht abseits liegendes Gasthaus aus, um unerkannt und unbclästigt ein Stückchen Fi'ch und einige Gläschen Wein genießen zu können. lind - tunte brauchte ich nicht lange zu suchen; „Gasthaus zur schwarzen :>re'e" las ich — die Bezeichnung lockte mich, sie paßte so recht zu meiner tiefernsten Sliininung, und nach kurzem Besinnen öffnete ich die Thüre. Es war ein kleiner Raum, den ich betrat; nur fünf oder sechs Tische sah ich, an dem der Schank zunächst stehenden iaß.» drei Personen. Ich grüßte flüchtig, und unbekünimerl um dieneugierigen Blicke, die mich trafen, nahm ich an einem Ecktische Plah, der in Folge der'schlechten Beleuchtung i»i Halbdunkel stand. Ter Willy, eine lange hagere Gestalt, frug mich um mein Begebr. und nachdem ich meine Bestellung gemacht hatte, nahm ich c;n Zeiiungsblait zur Hand und versuchte zu lesen. "Tie anwesenden wenigen Gäste, zwei ältere Männer und eine jüngere Frau, die, wie ich von der Straße aus gehört, ziemlich laut gesprochen hatten, unterhielten sich anfangs nur im Flüstertöne, doch bald wich die Scheu vor dem Unbekannten, und sie setzten ihr Gespräch Tint, immer lauter und lauter. Sie sprachen zumeist über gewerbliche Angelegenheiten, schimpften über die miserablen- Zeilverhättnisse, uni — wie es ja Mode heut -zniage ist — endlich in dem Satze auszuklingen, daß nur die Jude» Schnld an all deni herrschenden Elende seien. Ta öffnete sich plötzlich langsam die Thüre, und hercintrat ein etwa zwol'lähriges Mädchen, das in Folge seiner leichten Bekleidung vor Volle zitterte. In den kleine» Händchen trug es ein Kistchcn, in dein sich Züvdhölzchenpäckche» besanden. Tie Kleine trat schüchtern zu dem Ti'che, an deni die drei Personen saßen, und bot ihre Waare zum .'{aufe an. ..Bitt' schön, kaufen Sie mir was ab," bat sie mit leiser, bebender Siitnme. Und als sie keine Antwort erhielt, sagte sie, indem ihr die Hellen Tblänen über die Wangen liefen: „Mein Baler ist so krank, und wir haben kein Geld — bitt' schön, o bitl' schön!" „Wer is denn dein Bater?" frug endlich die Frau. >„Tas is ja der Judcnbankert, waßt^ die Goldsinger, die lauter An>er in ihr n Ausweis g'habl hat, während unser Mali lauter Treier und Bierer kriegt hak," siel der »eben ihr sitzende Mann ein. „F.ssas ja —- das is aber a ka Wunder, der Lehrer is a Jud, und dö Nass halt z'samni'. Schau, daß d'weiter kuniinst und geh' zu Mauscheln fechten." W:e erstarrt blieb das arme Äinb stehen. Todtenblässe überzog - rlrang'i:. wird s. cder soll i an Wachmann hol'»?" ... : .1 i IVomeute brachte mir dey Wrrlh.den bestellten Fisch. ' ,'edvck! ra>'ch auf, bezahlte die Zeche und trat zu dem .'}• ’’e:::: Ha/t er'aüent. ..'{.••mm, tc:» Viud." fag'e ich, „störe diese guten Christen - . .1 f m irre u Feier des WeihnachtssesteS." T '.e ih: "Hiell'cha't war so verblüfft, daß ich mich UNai ult eeni Kind-- e.itierncn konnte. : . . i .. lve iv.l nit du denn?“ trug ich, auf der Straße angelangt. linier Schluchzen gab mir die Kleine die gewünschte Antwort; iie zitterte hsAig und sah mit ängstlichen Blickest auf mich ein am Boden lefanden. Auf dem „Fürchte dich nicht, du Arme," sprach ich s>nft, „du hast ja einen Menschen neben dir." Wir Beide schritten nun rasch fürbaß und hitten bald das Ziel unserer Wanderung erreicht. Tie Kleine führte mich vier Stockwerke hinauf, öffnets eine kleine schmale Thür, und ich rat mit ihr in eine winzig kleine Stube, in der sich nichts als ein?ett, liegender Strohsack, ein Tisch und eine Bank Tische stand ein Oellämpchen, das bereits dem Verlöschen -nahe war. Auf dem Bette lag ein alter Mann, dessen Anblick wahrhaft mitleiderregend war. „Bist du eS, Fanny, und wer ist denn bii dir, ich höre noch Jemanden gehen?" fragte der Alte. Das Kind stürzte auf das Bett zu und fiel auf die Knie „O mein Bater, mein guter, guter Vater!" Haftes Schluchzen auSbrcchend. * „Mein Kind, mein liebes Kind — was ist dir denn geschehen?" Der alte Mann starrte mit aufgerissenen Augen — und nun erst bemerkte ich, daß er blind sei. Sein er litt sichtlich. Er »ahm sein Kind um den Hall ganzen Körper ab. „Fanny, mein Kind, so sprich doch, siehst du vor Azigst sterbe." Nun trat ich vor, erklärte dem Alten mein ihn, sich mir vertrauensvoll mitzulheilen. Er erzählte mir eine Geschichte, die ja alltäglich ist. bessere. Tage gesehen, war zugrunde gegangen, Augenlicht, und das Ende — Noth, Elend, grenzenloser Jammer. Was ich mit meinen schwachen Kräften zu tliun vermochte, that ich momentan, gab jedoch das Versprechen, mich ai dcrerscits würinstcns für ihn zu verwenden. Begleitet von herzlichen Segenswünschen entfeiinte ich mich. Nr. 142. rief es in krampfauf das Mädchen, Athem ging schwer, und tastete es an, denn nicht, daß ich Kommen und bat Er hatte rjerlor schließlich sein Wieder auf der Straße angelangt, ging ich nach Hause. Ich fühlte mich nicht mehr so einsam, denn nun zwei Menschen gab, die in dankbarer Liebe Es war eine Weihnacht, wie ich sie schon seit Aus antisemitischen Oereinen sammlungen. ich wußte, daß es chciner gedachten. Jahren nicht erlebt. A. II. und Oer- (Giit neuer Vorschlag zur Güte.) E« ist bisher vor antisemitischer «eite schon mancherlei zur Lösung der uns übrigens unbekanr len „Judenfrage" vor geschlagen worden. Lueger stellt Jedem die Wahl frei, durch „Hängen oder Ertränken" lösen wolle, während Schneider sich präriser fasiie und den formelle» Antrag stellte, man solle wie zu : Mongolenzeit auf die .'topfe der Juden ein Schußgeld aussetzen. Diese Borschli ge um eine ganz neue Idee bereichert z» haben, ist das Verdienst und ErgebnP de« von unS neulich angekündiglen antisemitischen Parteitages, der am 10. T staltfand. Bei diesem Anlässe stellte ein Mitglied der llustren Versaininlung, der auch der LandtagSabgeordnete Ritter v. Troll den lohnte, den christlichen Antrag, rnan möge die Inden kurz und radical anS der Welt schassen, indem inan „S ch e i d e w a s se r in die Tuten" gebe, licher Priester, der PerchtoldSdorser Cooperator P ö s l. wr Eleriealer" und „deutsch-nationaler Priester" zugleich e diesen Vorschlag zur Lösung der Judensrage nicht« einzuw:nde,i, der Regierung« Vertreter auch nicht. Ansonsten förderte der Mödlinger Ideen zu Tage. (Ottakring als Muster.) In einer Antisemiienversc sprach nebst Pattai und Scheicher auch ein kleiner intisemitischer Berus« agitaior, der die Anivesenden ausforderte, da« Beispiel frohere» GcmülhcS £in anwesender christchcr sich als „schwarzer »tpuppte, hatte gegen Parteitag keine neuen mmluug zu Jedlesee zuahmeu und bei keinem Juden zu kaufen. Solche Ausso derungen werden, wie die Praxi« zeigt, maßgebendenort« gering taxirt und nicht jenen beigezählt, welche ein obrigkeitliche« Einschreiten zum Schutze der Angegrissenen erfordern, „(taust nur bei Christen!" — bei diesem Ruse zur Boy ottirung jüdischer Geschäftsleute riskirt Niemand etwa«, und so fühlte sich Colloredo in einer sogenannten Frauenversammlung in denselben einzustimmen. Tie „Christliche Familie" vor Gericht.) Der Vere » „Christliche Familie" hielt kürzlich im VI. Bezirke in der Barnabitengasie eine jener alljährlich vor Weihnachten wiederkehrenden Hetzversammlungen gegen lie jüdischen Kauf- und Gewerbeleule ab, ohne daß d>r Präsident und zugleich Ort-gruppen-Lbmann Franz Z u l e g e r dieselbe behördlich angemeldet hätte. 8ald daraus wurde an Stelle Jnleger'S der bekannte Agitator Prutscha zuit Obmann der Ort« gruppe „Älariahils" gewählt Auch er berief eine uichta» gemeldete Bersammlung der Ottakringer nachmch ei» Gras Mel«- zu Hietzing berufen.