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Freies Blatt · 1894-12-23 · 142 (23.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
142 (23.12.1894)
Date
1894-12-23
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 142. Freies Blatt. Seite n die leilenden Moiive sind. Das ist eine ideale Thätigkcit, die Thätigkeit für die Wistenschaft. Welche Folgen sieht man aber bei cinein Thcile der Christen? Ein Profestor hat mir einmal, als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß der größte Theil der Privatdocenteu an den hiesigen Hochschulen Juden seien, geantwortet: ,Mit der Laterne suchen wir Christen, aber die glauben meistens genug gclhan zu haben, wenn sie trinken und auf die Juden schimpfen.' Leider Gottes ist daS der . Fall. Erkennen Sie das Unglück, das Sie angcrichtet haben?" Dr. Mcnger wies im weitere» Bcrlaufc seiner Ausführungen darauf hin, daß früher die großen Kauflcute des Ostens, welche zum allergrößten Thcile Juden sind, sobald sic reich geworden waren, nach Wien kMicn und hier ziemlich reichlich lebten. Dadurch sei viel Capital und Erwerb nach Wien gekommen. Seitdem aber der Antisemitismus cingeristen sei und Wien ein so unglückseliges Rcnommvc erhalten habe, fommen nur noch die armen Juden nach Wien, sic müsicu nach Wien kommen; aber die reichen Juden vermeiden Wien, so weit sic können, sic gehe» nach Budapest, Berlin und Paris. .Wien," fuhr der Redner fort, „leidet sehr darunter, und wenn unsere Kleingewerbetreibenden, unsere Kauflcute klagen, daß ihnen das Brot vom Mund: weggenommen wird, so mögen sie wisien, bei wem sie sich zu bedanken haben. ES ist auch ein großer Jrrthum, wenn man glaubt, die Juden seien identisch mit dem Capital. Das ärmste Proletariat, welches auf der Welt besteht, mit dem weder die armen Weber im Erzgebirge, noch die armen Leute in Irland nur verglichen werden können, das ist daS Gros der galizischen Judenschaft. Richt ivsil die Leute zu viel haben, sondern weil sie viel zu arm sind, machen sic uns sociale Schwierigkeiten. DaS ist das Unglück, und man sollte wohl glauben, daß Männer, die die sociale Politik immer im Munde führen, auch ein Her; für diese Seite der Frage besitzen und sich fragen, wie denn diesem entsetzlichen, haarsträubenden Elend ein Ende gemacht werden könnte. Statt desien werden diese Leute nur beschimpft, und der sociale Friede wird gestört. Also eine nützliche Thätigkcit betreiben Sic nicht, und die Geschichte, namentlich die Geschichte von Wien und insbesondere die wirthschaftliche Geschichte Wiens wird einmal ein sehr üble- Urtheil über Sie'fällen." Seine nach Form und Inhalt ausgezeichnete Rede schloß Dr. Mcnger wie folgt: „Gerade jetzt wird eine Probe auf die Wirksamkeit und die Folgen der liberalen Ideen für Staat und Volk im fernen Osten gemacht. Dort sind zwei- Staaten, einer klein und einer groß. Der große Staat verblieb in unverändertem Zustande und reactionärcr Gesinnung seit Jahrhunderte». Der kleine Staat Japan führte mit unglaublicher Energie alle die Institutionen, die der Liberalismus verlangt, ein, und im Kampfe siegt daS ficiuc liberale Japan glänzend über China. Wir sind die Bcrtretcr der Ge sinnung und der Grundsätze, die in Japan siegten, und Sic szu den Antisemiten gewendet) sind die Chinesen. Diese Schaar von Rcactio närcn will unserem Batcrlandc daS Geschick von China bereiten, und wir hindern sic daran, darum werden wir so gehaßt. Wir werden uns um diesen Haß nicht kümmern; wir werden unsere Pflicht erstillen, eingedenk deS Umstandes, daß viele Feind' viel Ehr' bedeute», zumal wenn man kämpft für so große, edle und unersetzliche Güter, wie dies die liberale Partei in Oesterreich tfjut." Abgeordneter Dr. Bloch ertheilte Herrn Schlesinger folgende Zurechtweisung: „Der Abgeordnete Schlesinger hat in seiner Rede behauptet, daß Adolf Crömicux einen Preis von einer Million Francauf den Kopf des preußischen Königs und nachherigen* Kaisers Wilhelm gesetzt habe. Die Thatsache ist von den Antisemiten erfunden und fast huudcrtnial widerlegt worden. Der Abgeordnete Schlesinger hat weiters einen Aufruf der .Alliance isrnelite1, den angeblich Adolf Crmiiicux bei. deren Gründung publicirt hätte, dem Hause vorgelcsen. Ich constatire thatsächlich, daß Adolf Crsmieux die israelitische Allianz in Paris gar nicht gegründet hat. In officiellen Actenstücken der israelitischen Allianz in Paris wird jener Aufruf als ein antisemitisches Falsificat erklärt. Der Abgeordnete Schlesinger hat endlich'behauptet, daß die israelitische Allianz, ein Geheimbund sei. Ich berichtige thatsächlich, daß die israelitische Alljanz ein Wohlthätigkeilsinstitut ist, welche« dic Aufgabe hat, in armen israelitischen Gemeinden Schulen zu gründen und arme Israeliten zu unterstützen. Tie Statuten derselben sind öffentlich und von der jeweiligen Regierung genehmigt. Im alten Rom gab es daS famose Institut der Delatoren, die es ebenfalls nicht immer genau mit ihren Beschuldigungen nahmen, wenn es galt, ihre elenden Zwecke zu erreichen. Wurde aber Einer erwischt und der Lüge überwiesen, so brannte man ihm zur Strafe und Warnung ein 6 auf die Stirne. Ich glaube, es wäre an der Zeit, angesichts solcher Vorgänge eine ähnliche Bestimmung unserer Geschäftsordnung anzufügen, weil Derjenige, der diese« 0 an der Stirne trägt, doch nicht mehr so leicht' den Wuschen ein X für ein l' vormachcn kann." Lueger, der unermüdlich im Zwischenrufen ist, wurde in dieser Sitzung vom Präsidenten ermahnt, sich nicht so unanständig zu bciichmcn. Auch wurde ihm ein Ordnungsruf zutheil, als er, um Scheicher eine Gennglhunng' zu verschaffen, dic von einem anliseiuiliicheu Scandalblatle gegen den Minister v. Madejöki erhobene Beschuldigung des Rcpoiismns i„ seiner sattsam bekannten -Weise vorbrachre und bei allen anständigen Parteien Entrüstung hervorrief. — Der Kaiser, welcher am 17 d M. de» Freiherr» v. MoScon in Audienz cmpe-ng. hat bei diesem. Anlasic sein Bedauern über die jüngsten Vorgänge in, Abgeordnctruhausc - ausgesprochen. — Am l*. dl M. brachten die Anlisemiien im Ab geordnctcnhaiisc eine Interpellation wegen der Beschlagnahm? - cincs antisemitischen Blättchens ein, deren Verleinng der Piänvcnl wegen ihrcS anstößigen Inhaltes in öffentlicher Sipnng nicht zuließ. .In einer geheimen Sitzung billigte das >Ha»s das Vorgehen des Präsidenten. — I» der Sitzung vom 1 *.*. d. M. gelangte der Gesetz cntwurf über die Sonntagsruhe zur Verhandlung. Tiefe Gelegenheit benützte Herr v. Z^rllingcr, um sich in einer vebemcnte» Rede gegen den UnterrichtSniinistcr seines Freundes Scheicher anzunchmcn. Im Laufe der Spccialdcbaltc beantragte Dr. B»k die Aufnahme einer Bestimmung, wonach dic politischen Landcsbchörde» ermächtigt werden, für ihr VerwaltungSgrbict oder Theile desselben dic Arbeit in ProductionSgcwerbc» am Sonntag unter der Voraussetzung zn gestatten, daß dic betreffenden Gcwcrbsinhabcr ' und deren i'ämmtliche Hilfsarbeiter mit Berücksichtigung ihrer Confessio» an einem anderen Tage der Woche regelmäßig eine -4stü»digc AibeilSruhe cinhalien und diese Arbeiten nicht öffentlich vornehmen. Für den-Fall der Ablehnung dieses Antrages stellte Dr. Byk de» Evcntualantrag, demzufolge dic vorgeschlagene Bestimmung nur für Galizien Anwendung finden soll. Tr. Rott trat für dx» Evcntualantrag Byk ei» und schlug vor, denselben auch auf die Bukowina auSzndehncn. Der Eventnalantrag Byk mit dem Zusatzantragc Rott wurde mit Liä gegen 34 Sliminc» angenommen. (Bcstlllldistllllst Adolf Pollitzer'«.) DcmAssccuranzbcamteu Adolf Pollitzer, welcher in der Asfairc Gelder Kaiser wegen seines Angriffes auf den Vertreter der Frcudenthaler Landgemeinden im Reichs rathe, August K a i s c r, zu einer vicrmonatliäfen Haft vcrnrtheilk worden war, wurden im Gnadenwege -von seiner Strafbast sicb^nund -zwanzig Tage «achgcsehen. Der Zwcltlcr Moniteur' wird sicherlich nicht ermangeln, iir gewohnter Weise auch diesen kaiserlichen (Gnadenact der unverfälschten Gemeinde bckanntzngcben. (Zum Fall Bailllia»».1 Ta« Vorgehen des anliseinitischen Wah ringer Bezirksvorstchcrö Bau mann, der, den liberale» BezirksauSschuß Mauer von der Sitzung ausgeschlossen, weil dieser ein bei der Eröffnungsfeier deS neuen Sitzungssaales „vergessenes" ans den Kaiser nachzuholen beantragt hatte, erregt in nichlanliseniilischen und selbst antisemitischen -Kreise» Währings gerechte Emvöruug. Dic „Bezirkspost" schreibt über die Lage: „Heute herrscht nur ei» Stimme i»i XVlll. Bezirke, dic Stimme der gercchken Entrüstung. Die Bürger schüft verlangt mit Recht dic Entsetzung des Banmann von seinem Posten als BezirkSvorstehcr, und wenn der Mann einen Fnnkcn patriotischen Ehrgefühls im Leibe besitzt, f'o ivird und muß er diesem Verlangen entsprechen und auf seine öffentlichen Würden verzichten. Ein ruhiges, segensreiches Arbeite» kann in der Ansschußstube von Währing nur dann platzgrcifc», wenn zur Dhatsache wird: die MandatSnicdcrlegung des BczirkSvorstcherS Banmann ' (Zllin twistkll Gedächtnis;!! Man schreibt UNS NUS KralltS: Bekanntlich rühmt sich Bismarck'S :ilt>-r «m», Herr Georg Schönerer, der Sohn eines durch! glückliche Speculationen ' reich gewordenen Vater«, daß sein „reines deutsches Programm" nicht nur die Grundbedingung'alles nationalen Schaffens, sonder» auch einer sittlichen Gesundung das Volkes sei. Der Schönerer.'schc Blödsinn wurde von einem Thcile unserer deutschen llniversiiüisjngend als Dogma auf gcnommcn und behandelt. Jedermann, der nicht in vciki mnuiMri 8o>n»»-n-i' schwört, ist zuinindestcns ei» „ Judenknccht" und „schlcchicr Kcrl". Dieser tollen Logik zu steuern, ist Sache aller Derer, die es mit unserer deutschen akademischen Jugend gut meinen. In dieser Absicht sei folgende „Erinnerung" wachgcruscn, welche nicht verfehlen wird, dic teutonische „Ethil" von einer ganz unerwarteten Seite zu zeigen: ES war vor sieben Jahre». Herr Schönerer, damals noch Ritter v. Schönerer, batte als Patronatshcrr einen deutschen, durchwegs freisinnigen, vom wahren Geiste des ChristenthumS crsülltcn Priester zum Schloßpfarrcr von Rosenau bei Zwettl anfgenommc». Der von der bischöflichen Behörde bestätigte Pfarrer waltete seines geistlichen Amtes in vorzüglicher Weise. Alle. Gemeindciüfassen ohne Unterschied der Consession (der Rationalität sei nicht erwähnt; auf dem Gute Schönerer'- ist Alles deutsch bis auf die Beamten und Bediensteten, die zum Thcile Vollbluttschechen sind) verehrten ihren Seelsorger und geistigen Bcrather. Rur Herr Schönerer nicht. Dieser

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