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Freies Blatt · 1894-12-23 · 142 (23.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
142 (23.12.1894)
Date
1894-12-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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reite 3 Nr. 142. Freie» Blatt. Und ohne Rache, ruft sie, soll ich fallen? Doch will ich fallen, doch! gerächet oder nicht! So ziemt'S, ins Schattenreich zu wallen! E» sehe der Barbar vom hohen Oceau > Mit feine» Augen diese Flamme steigen Und nehme meines Todes Zeugen ~' Zum Plagedämo» mit auf feiner Wogenbah»! Nur" eine Abschwächung dieses ursprünglicheren (Glaubens ist der neuzeitige der Germanen, Slaven und Lithaucr, wonach Selbstmörder überhaupt zu Plage- und Spukgeistern werden, deren man sich auf entschiedene Weise zu erwehren habe. ES handelt sich vor Allem darum, den Geistern die Rückkehr zu erschweren oder unmöglich zw" mache». In Deutschlands schleifte man Selbstmörder und andere todte Missethäter unter der Schwelle hindurch, daß sie den Heimweg nicht fände».") Eine durch plötzlichen oder gewaltsamen Tod auSgepreßte Seele wird, zum heftigen Wind. Erhängt sich Jemand, so entsteht Sturm.;) Selbstmörder, deren Seelen „den Ort der Thal umschweben und dahin zurückzukehren versuchen", wurden bei den Siebenbürgcr Sachsen in alten Zeiten verbrannt, später in ungeweihter Erde begraben. Sie wurden nicht über die Schwelle aus dem Hause getragen, sondern man schob sie durch ein Fenster oder ein zu diesem Zweck unter der Schwelle gebrochenes Loch hinaus. Es geschah dies eben auS dem Grunde, min der rückkehrendcn Seele den Weg oder die Zurechtsindung zu erschweren. Wenn sich Jemand erhängt, so bläst anhaltend Sturmwind. Erhängt sich Einer so, daß ihm die Füße auf den Boden reichen, so macht der Teufel Feuer darunter, und er muß sie immer weiter hinaufziehen, bis ihm die Kehle gehörig fest zugcschnürt ist.8) Unter südslavischcn Bauern sind Selbstmorde etwas Unerhörtes. Sie kommen meist nur bei Frauen und bosnischen MoSlimen (Städtern) vor. Ein südslavischcr Bauer begeht nicht einmal in der vcrzweiscltcste» Lebenslage an sich eine» Mord. Ein solcher Gedanke liegt ihm ganz ferne,J) gleichwie den cchtgläubigen Türken, obzwar die Gründe der Enthaltung da und dort nicht dieselben sind. Ein Selbstmord bei Türken, besonders in früheren Jahrhunderten, war ebenso selten wie ein Ucbcrtritt zum Ehristenthume. Hanimer-PurgstaU erzählt: „Als der ehemalige Statthalter von Bosnien Chosrcvpa>>a im Jahre lf>47 wegen eine« Wortwechsels im Divan mit dem Großvezier Suleiman >» Ungnade gefallen war und sich von allem äußeren Glanze entblößt - iah, verging ihm die Lust zum Reiten und zum Leben. Er war damals . freilich schon ein hochbetagtcr Greis. .Besser als so zu Pferde zu sitzen, ist's, im Bette zu liegen,' sprach er, setzte den Fuß auS dem Steigbügel nud legte sich nieder. Die Aerzte, die ihm Arznei geben wollten, wies er mit den Worten zurück: ,Jhr wollt mich Gift frcffen machen', und nahm nun weder Speise noch Trank zu sich, bis er am siebenten Tage starb; eine Todesart, nicht ungewöhnlich bei Griechen und Römern, aber fast unerhört in den Geschichten der MoSlinic», die >o»st religiöse Ergebung in die Beschlüsse deS Schicksals vor der Feig heit des Todes durch Selbstmord bewahrt." Den Selbstmörder verachtet das bosnische Baucruvolk gleich einer Hündin (Baöka). Man gewährt ihm kein Grab innerhalb des Gottesackers, sondern verscharrt ihn wo außerhalb. Im Drinagebiet ereignet eS sich angeblich nicht selten, daß am dritten Tage deS TodtenschmuuscS ■ TreiHna) aus Gram und Leid der Bruder am Grab des Bruders sich selber entleibt. Nur ein solcher Selbstmord wird gepriesen, gleichwie wenn die Liebste auS Trauer nach dem Geliebten Hand an sich legt. Ter Fall wird im Lied verklärt, die Sippe verherrlicht und der Selbstmörder bekommt an der Seite seines Bruders, das Mädchen an der ihres Burschen ein ehrliches Grab. Aus ein solches Zwillingsgrab pflanzt man eine Weinrebe und eine Rose. Eine Furcht vor Selbstmördern dieser Art wäre grundlos, da die Gesster nicht die Ab-! ficht haben könne», zurückzukehren. Bei den Polen haftet an Selbstmördern besonders eine über-! natürliche Zauberkraft. Ein unnatürlicher und gewaltsamer Tod kann s überhaupt nur als Werk des bösen Geistes aufgcfaßt werden. (Krakau.) j Selbstmörder zeigen sich nach dem Tode mit der Waffe i» der Hand, | die ihnen den Tod gegeben, oder mit dem Stricke, mit dem sie sich j erhängt. Damit ein Erhängter nach dem Tode keinen Spuk treibe, muß man ihm zwei Stücke geweihter Kreide, die man aus zwei vcrlchiedeneu Häusern geholt, unter die Zunge lege». Selbstmörder werden weit vom Dorfe in Wäldern und Einöden bestattet, denn ihre Leichen führen . Hagel und llugewitter herbei. Auch •) E. H. Meyer, Germanische Mythologie 1891, S. 70 (reicher Stelle» Nachweis). ') Ebtitba, S. 62. “) H. v. Wlislocki, Tod und Todlenselische im BollSglaiiben der siedeniuiger Sachsen Am Uiquell, IV., S. 53^ *1 ttraujä, Sitte und Brauch der Südslaven 1885, >s. 533. *") H a m m e r, Geschichte des Osmänifche» Reiches, 11., 1834. S. 206 t. > darf ein Selbstmörder aus dein Haust-, uv :r d.n Selbstmord be 1 gangen, n cht durch die Thüre entfern: worden, ionst ichlägi der Bliv > in dieses Haus ein. Man muß ihn durchs Fenstet wegichaffeu: auf den Friedhof abcL fährt man ihn nicht auf dem Hauvt, joitdeiii auf I Seitenwegen.11: j In Lithanen glaubt man, Selbstmörder 'v-.lo.nen ilir Grab und; daß sic in Gestalt von Deutsche» mit einer van'enden Müve auf dem > Kopfe, oder in Ziegenböcke verwandelt, nmlrrirr.nd. ’ Wanderer auf ■! Irrwege führe» Die Erde, die der.Körper e eines Selbstmörders be ' rührt, muß unfruchtbar bleiben: deshalb wird gewölmuch ein Wagen . untergeschoben, damit' der Körper des Erhängten . daia.ssfalte, wenn! inan ihn abschneidet. Die Bauern lassen keine» Erhängten int Bereiche 1 ihres Torfes bestatte», denn er könule eine» Hagel'chlag herbeifübren.; Ist es dennoch geschehen, so scheuen sie sich nicht, das i'stab zu -öffnen | und den Tobten wegzuschassen. ' -) Eine höchst merkwürdige Gc''chichte! aus dem Jahre erzählt der berühmte Folklorist der Ukraine : Theodor Bolkov von einem Selbstmörder in Lithanen,. den mau nicht j bestatten ließ, che sich nicht ein alter Hercumeister (ein ehemaliger! Bcrtheidiger von ScbastopoN bereit fand, mit einem Beilhieb der Leiche i den Kopf vom Rumpfe zu lrcnnen.if') > Bei der übergroßen Mehrzahl der Völker, besteht der Glaubean ’ die Fortdauer des Lebens nach dem Tode. Schon ans diesem Grunde fürchtet man den Tod nicht, andererseits wünscht man sich dem Tod öfter in relativ jungen Jahren .herbei aus Grund der Ueberzeugung, die ebenso gar allgemein verbreitet ist, daß der Mensch in dem Zu. stände, in welchem er hier stirbt, im Jenseits verbleiben werde, weshalb der Tod durch Krankheiten oder in hohem Alter sehr .gefürchtet wird'. Hieraus entspringt auch zum Thcil die Sitte, daß die allen Tente durch ihre Rinder getödtet werden. Bei den alten Gcrinaue» war der ^Selbstmord etwas Alltägliches, und man betrachtete einen solchen T od als den Beweis eines' muthigen und freie» Geistes. Tie Thal führte den Selbstmörder geradewegs in die Walhalla. Schwache und alte Leute gingen darum selber in den Tod.'H Gcrland nennt die Tödtung alter Leute überhaupt, und speciell die alter Eltern, eine allgemeine Erscheinung in Melanesien: am aus geprügtesten findet sie sich un Fid'chi Archipcl: „Hier war cs durchaus | Gebrauch, daß alle Leute, Männer und Frauen, von ihren Ber ‘ wandten, und zwar meist von ihren eigenen Söhne» uizigebracht wurden. Dies ist so gewöhnlich, daß alte Leute es selber dringend' wünschen, ja es für eine Bernachlässiguiig halten' würden, wenn es nicht geschähe: und wen» Europäer Einsprache erhoben, erfolgte -die - Antwort." zwischen Eltern und Kinder halte Niemand sich einzn mischen: sie köiintcn thun, waS sie wollten. Bia» erwürgt-sie. dann mit einem Strick, und dies Berfahren gilt als Liebeszeichen. Man | kürze damit die traurige zweite Kindheit ab. sagt man: und was; hauptsächlich den Ansschlag gibt, ist der Glaube,, daß man, so wie man sterbe, meiterlebe: man sorgt also durch rechtzeitigen Tod fürs ewige Leben. Daher wünschen auch alle unheilbar oder schwer Kraute» . selber, daß man sie todte. Man gräbt sie daraus bis an den Hals in ' Erde und erdrosselt sie. Umgekehrt, vollzieht man auch die Tödtung. . um die irdischen Leiden abznkürze». die durch Krankheit, Alter n. dgl i entstehen". Bei den Cu treu *5) wie bei den Jiälmenen löstet man die allen Leute auf deren eigenes Berlangen. Bon den Tjibwa» Jndiautrn wird! uns berichtet, daß die Alten sich selbst öfter lödten Boas lagt von! den Ecntral Eskimos im Allgemeine», daß es erlaubt sei die allen Eltern^ zu tödten. Sehr»verschieden wird der Selbstmord vom Rechte behandelt. Es. kommt vor, daß er z. B. mit BerniögenSeoniiseation belegt wird, so »ach älterer deutscher Braus im Anschluß a» Bestimmungen des römische» Rechtes. Im englische» Mittelalter ev'olgte Vermögenseinziehung und schimpfliche Ausstellung deS mit einem Pfahl durctsiwhrlen Leichnams des Selbstmörders. Tie Pfählung halte de» Zweck, dem Geiste die Rückkehr zu verleiden, wie man, auch, namentlich bei Ausbruch' von Epidemien, die Gräber von Selbstmördern öffnete und die Leichname mit Pfählen festrammtc, im Glauben, die Urheber der Seuche damit ") B. W. S ch iss er, Ai» Urquell, II l , S, 50. “l 8 W. Schisser, Am Urquell, 111., S. 02. I3) Bolkov, Am Urquell, V., S. 87. , Fr. i). Löher, siullurgeschichle der Teutichen im Mitlelaliee, U-, pirzr. 241 ü. “t lieber den Selbstmord bei den tiit.'-en beriäzeet ausführlich der Missionar Adolf S krz»»cki,-A»r Urquell, B. V., S. 207 ss. **) Dr. S. R. Sle i nmetz. Eihnoloqiiche Studien zur ersien Enlwicklung der Strafe, u. s. w. B. II.. 1891, S. 233 ss., wo die Stellennachweise in de» . Anmerkungen angegeben sind. Eine besondere llniersuchuug über „Smci.lv itiuoiiK primitive peoplett“ verösienilichte Slein »ieb im „.Smviivau älitüiupolagist", Jänner 1891, S. .03—60.

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