Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 142 (23.12.1894)
- Date
- 1894-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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rette Freie» Blatt. Nr. 142. und Plunder, mit süßen Lockspeisen und werthlosem Spielzeug li.il er die polilischen Kinder cingesnngcn. Und leider reicht die Kinderstube schier über ganz Europa. Die alte Amme mit ihren vom' Aberglauben triefenden Wundermären ist die erste Wortfiiljrfvin darinnen. lieber Europa hat sich die Nach! einer, allgemeinen Reaclion gelagert. Bei uns schaarcn sich die Unmündigen im Geiste, sie, welche die Welt nach ihren eigensinnigen und eigensüchtigen Kinderwunschen modeln möchten, um das auf der einen Seite rothe, aut der anderen Seile schwarze Banner j des Antisemitismus. Anderwärts hat die Sacke einen anderen Flamen, aber, tänschen wir uns nickt, sie ist dieselbe. Ja, noch inehr, die allgemeine üteaeiion in nicht nur wie alles Gute unf> Böse international, sie bat auch alle Sphären der Gesellschaft erfaßt. Nicht der Pfaffe oder der Aristokrat, nicht der „Bourgeois" oder der gegen die Prrlelarisirung sich verzweifelnd wehrende' und doch derselben preisgegebene Kleinbürger ist ausschließlicher Träger der Reaction. Auch der Arbeiter stellt sich in die Eolonne des Rückschrittes, gleickgillig, ob er die „Ehristlich-Soeialen" unterstützt und die Kirche, oder ob er sich „Soeial-Demokrat" nennt und den VolkSstaal zum bevormundenden Tyrannen Aller machen möchte. Reaerionär ist der Anarchismus, der die absolute Freiheit den Menschen mit brutaler Gewalt aufdrängen will, rcactionär jener seinen Namen und seine hehre Uebcrlieferung verleugnende Liberalismus, dem die sittliche Kraft abgeht, wider den Spott seiner Gegner sich mir Unverzaglheil und Ruhe zu waffnen, . der das! Volk mißachtet lurd dem Mob Eoncessioncn macht. Alles, Alles ist von dem Zug nach rückwärts mitgerissen, chie Reaction ist eine universelle.! i Das sind traurige Weihnachlsgedanken, aber sie sind nur '■ allzu begründet, und aus der richtigen Erkenntniß der Verhältnisse entspringt ja neben der Quelle des Kummers auch die des Trostes. Je tiefer die Nacht ist, desto näher ist daS Morgengrauen. Wie lange cs noch bis dorthin währen wird, weiß kein Mensch, aber-cs muß kommen, und unsere Pflicht ist eS, uns für diesen wichtigen Augetiblick zu rüsten, damit er uns nicht, wie ieidewZo oft, unvorbereitet trifft und dann ungenützt uns entrinnt. Selbstmörder. diiu- ’oiflcnitiiiiie Betrachtung von Tr. Friedrich 2. iirausS. Am I I. Deecmber Nachmittags begegnete mir in der Allee dem Parlamente gegenüber der fünfzigjährige Jubelgreis der Wiener antisemitischen Rotte, der Herr Dr. Earl Lueger. Rechter Hand flankirte ihn sein Sancho Pansa mit dcni dicken Wanst, der Herr Tr. Geßniann und Jedem zur Seile trabte je ein (mir unbekannter) Antisemiterich mit. Tic drei Trabanten hatten nur für ihren Anführer Augen und Shren, „Er" aber fing doch noch meinen Blick auf, schien mir aber davon nicht befriedigt zu sein und schaute wie mißmuthig gleich weg. Ich iah eine Weile den vier Haßgesellen nach und mußte unwillkürlich utrficiit, doch nicht etwa über die Begegnung und das Aussehen der ';ar'dnmcn, das weder sehr anziehend noch sehr abstoßend ist, . über eine seltsame, weit unter den Völkern der Erde und neuer Zeit verbreitete religiöse Vorstellung, die mir in Auro.blicke eingefallen war. Bei der Mehrzahl der Menschen . '''iittbc vor, daß die Geister von Selbstmördern an Jenen . .1-;i, 'uiij die sie in den Tod getrieben worden. Nach alt-; . .-.'chauuag konnte Jemand seinem Feinde eine „Ladung" - . -.it'd :::;at, wenn er sich selber tödtete. Ter Bösewicht . si'.-.mren Iris: nämlich gleichfalls sterben, gewöhnlich auch ' d-.r. -T.tl.".t c: in Folge eines plötzlichen iunnatürlichen) Todes, ...:i i.bn.cir: rr: -.n ewigen Richter zu Red' und Antwort zu er« äi.ioeii Ich Jr.id.tc mir, wie seltsam t'äbe eS aus, wenn urplötzlich eie "Kntc: d:r Dr:;: antisemitischer Bcrfolgnngssucht, allen voran E: enor ur.d der Hoiratb Kaan, sich materialistren und im endlos lange:t Zuge dem Ti Lueger und Tr. Geßniann das Ehrengeleite über d:n Ring gäben! Wahrhaittg ein Anfzng, an dem sich die phan- , taftische ifscstaltungskratt eines Böcklm versuchen dürfte! \ Auf dem Heimwege nahm ich mir vor, mir einige Klarheit über den Selbstmörder im Völkerglaubcn zu verschaffen und daraufhin meine Handbücher und Aufzeichnungen durchzuschauen. Der Selbstmörder in Folge antisemitischer Verleumdungen iit formell nur eine Variante des allgemeineren Typus des Selbstmörders aus gekränkter Ehre, aber ihm geht der Hauptzug ab, das Motiv der Rache, die religiöse Vorstellung, daß er durch den Selbstknorv in die Lage gcrathen werde, an seinem Peiniger Vergeltung zu üpen. Unsere moderne, großstädtische Bevölkerung liefert nicht allein ein Bild völligen gcschlechtergenosienschaftlichen Zerfalls, sie ist auch, was vielleicht nicht minder schlimm sein mag, trotz aller Kirchen und Tempel, trotz aller religiöser Propaganda in ihrer Mitte, bis zum äußersten Maße für religiöse Empfindungen unempfänglich oder stumpf geworden. Nur in einer solchen Gesellschaft ist es möglich, , daß Individuen, auf denen schwere Schuld haftet, nicht allein frank und frei eiiwcrgehen, ja, daß man ihnen noch gar die höchsten Ehrenstellcn und Würden gibt, die „das! Volk" im Staate durch freie Wahl Hu ertheilen bat!! Man kann mit vollem Recht von einer soisialen Stellung des! Selbstmordanstifters und des Selbstmörders sowi§ von ihrem gegcn-! seitigcn Verhältniffc in den Anschauungen der Völker a.bhandeln. Die wahre Grundlage ist nur in den Vorstellungen von der Rückkehr Ver-! storbener zu finden, im Animismus, daß die Seele des Menschen un-! vergänglich ist. Die Ursachen und Veranlassungen zum Selbstmord j sind weniger zahlreich als man anzunehmen geneiglj wäre. DaS ergibt sich aus nachfolgenden Mittheilungen: , Bei den Malabaren kommen Mordthatcn selten, Selbstmorde aber (häufig vor. Hat einer kein anderes Mittel mehr) um sich an seinen! Feinden zu rächen, so tödtct er sich selber, um tfcn Zorn der Götter j auf denjenigen heraufzubeschwören, der ihn zu dicher Verzweiflungsthat l gedrängt hat. Lft ereignet eS sich, daß eine Fräu, der die Tyrannei! ihres Gatten unerträglich geworden, sich vergift« oder sich in einen Fluß stürztG) Wenn sich ein 6uvaß (Bewohne» deS rechten WolgauferS) an einem Feinde schwer rächen will, hängt er sich an desien; Hausthüre auf.*) j Wahrscheinlich hat der japanische Brauch des Hari-Kiri denselben . psychologischen Ursprung. Seitdem sich Japan cirropäisirt, ist dieser Brauch verboten; doch bestand er noch vor etlichen zwanzig, dreißig Jahren. Bei dem japanischen Adel war es eine Forderung der Ehre, wenn man eine (öffentliche) Beschimpfung hat erleiden muffen, sich selber mit seinem Schwerte den Bauch aufzuschlitzen. In China ist der Selbstmord noch heutigen Tages eine Art R^che. „Da man für jeden Selbstmord verantwortlich ist, zu dem män die Vcranlaffung gewesen, vermag oftmals der Schwache einen Mächtigen durch Androhung eines Selbstmordes einzuschüchtcrn. Durch den Selbstmord rächt er sich. Für ein verletzendes Wort, eine Beschimpfung rc. hängt sich Einer auf oder stürzt sich in einen Brunnen hinab. Selbstmorde sind außerordentlich gewöhnliche Erscheinungen, und die öffentliche Meinung ehrt und verherrlicht sic." *) „In Chine hat bei den Chinesen die Rache des Selbstmörders aufgchört, nur ein: übernatürliche Bedeutung zu haben, indem die öffentliche Meinung den Selbstmord für ein schweres Verbrechen desjenigen erklärt, de : die That verursacht oder zu ihr den Anstoß gegeben hat." *) Häufig findet sich eine Haftung desjenigen, )er den Selbstniord eines Anderen veranlaßt, so z. B. bei den Cingalsen. Auch muß wohl die Gemarkung, auf welcher ein Selbstmörder gefunden wird, nach der alten territorialrechtlichen Haftbarkeit für Verb: echen, die im Bezirke stattfinden, Buße zahlen. Bei den Cingalesen daif vorher der Selbstmörder nicht beerdigt werden.&) Tie mvlabarische und ostasiatische Meinung don der Vergeltung durch den Geist des Selbstmörders ist auch euroz äischen Völkern nicht klar eine Stelle im den Tod auS Vcr Sie droht, als Geist fremdartig. Für die Römer bezeugt uns dies IV. Buch der Aeneis Lergils. Tido gibt siä zwciflung, weil Aeneas treulos sic verlassen, wicderzukehren, um ihn zu quälen: Omnibus umbra loeis adero: dabis im probe, poenas! Sehr frei oder unrichtig übersetzte unser Schiller diese Stelle, indem ihm der Scelcnglaube der Völker nicht ver raut war: ') Gaidoz. Melusine, V., 2- 191, nach M. Tess Indien. Anu. de la Propag. de la Foi, t. IV, 1830-f31, pag. 141. *) Gaidoz, Melusine, IV., S. 10, nach A. Storni et littetaire, voin 28. April 1877, pag. 1031 b. s) Gaidoz, Melusine, IV., 2. 10, nach Huc, 304. 306. Ebenda. S. 11. Bericht eines Missionärs, hlissions Oatboligu- Nr. 23, Tecember 1887, pag. 602 b. Köhler. Rechtsvergleichende Studien, S. 244; Dr. A. H. Pon: Grundriß der ethnologischen-Jurisprudenz, II-, 1895, Sz 344 lk. n, apost. Missionär in ag. 141. au 6, Revue politvjue (Empire Ohinoise I,