Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 141 (16.12.1894)
- Date
- 1894-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 78% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441581--1684-4888119- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 141. Freies Blatt. Seite 7. (Humoristisches.) Zur Eröffnung drS deutschen Reichstages brachte daS „Berliner Tageblatt"'einen Feuilletonartikel, in welchem den in irgend einer Weise hervorgetretenen Abgeordneten kleine Präsente mit dazu passenden humoristisch-satirischen Bcrslein gewidmet werden. Bescheiden, ober charakteristisch sind darunter besonders die Gabe», die man filr die antisemitische „Rcsormpartei" auSgewählt hat: eine Bürste und einen Kamm mit der Widmung: Tie Bürste: vor eigener Thür zu fege» — Len Ramm: für Le»sichen und College»! Dem Abgeordneten A h l w a r d t hat man ein Kiffe» bcstimmt, um ihm das „Sitzen" zu erleichtern. Aus der kunstvollen Stickerei treten die Worte hervor: Plötzenseeischer, Gerngroßpygmäischer, Hochstchverinesseuder, Zubenvolkfrcfsender! Aetenverbissener, Beinkleidzerrissener, Strashasigepeinigt * ' Bist du dabei nicht! Wehe, wie quält uns Teulsche Wähler Leine Absenz: Ahlwardt fehlt uns. - Er ist der Fehler TcS Parlaments. (Antiscmilischc Excessc auf einem jüdischen Friedhöfe.) 0» Velbert (Regierungsbezirk Düsseldorf) kam es gelegentlich der Beerdigung einer Frau auf dem dortigen jüdischen Friedhofe zu antisemitischen Ausschreitungen. Tic „Belbcrter Zeitung' berichtet: „Als sich der Leichenconduct dem Friedhöfe näherte, wurden von einer An-;altl halbwüchsiger Burschen mehrfach höhnende Zurufe wie .Jud! Hcpp! Hcpp V auSgestoßen. Einer der Burschen, auf einem Baume »vcnd, that sich besonders hervor, indem er den aintirciiden Rabbiner bei der Grabrede öfters durch Zurufe unterbrach und auch auf einer Mundharmonika spielte. Die Ermahnungen Erwachsener, sich ruhig zu verhalten, fruchteten nichts. Tic Entrüstung über dieses Borkommniß ist unter der Bürgerschaft allgemein und hat überall daS tiefste Bedauern hervorgcrufcn. Die Namen einiger der Hauptübelthäter sind bereits ermittelt, die Sache auch zur Anzeige gebracht, und werden die rüden Burschen wohl mit einer exemplarischen Strafe belegt werden." * / Aus antisemitischen Vereinen und Ver , sannnlungen. l Latent und offeitluildig.) Man schreibt »ns: Ter Abgeordnete Geß », a u u zeigte eine Anzahl von österreichischen Staatsbürgern als Mitglieder . ugariicher Freimaurerlogen a», ,»»d da er sich bei seiner a»S cigeiiciii A„- ^.,ebe occr aus iialkrburger Ächeiß erfolgten Anzeige der Znlerpellationssorm ticiile, so legte er auch der Regierung nahe, der „latenten Gejetzüberlrelung" :.i Ende zu machen. Latent heißt, wie selbst Gregorig, geschweige denn Geß .uann wisirn dürste, „verborgen"; um nun „Verborgenes' aus Tageslicht z» '.rdcrii, müßte ein sörmlicheS Raderersystcii, cingcsührt werden, wobei eS für -udividuen vom Schlage Geider'8 lohnenden.Erwerb gäbe Abgesehen von -ücm Anderen, erscheint uns jedoch weil wichtiger, daß die Regierung der leutundigcn Bcrachtuiig des Gesetzes euigegemreie. Unser Srrasgesev bedroht -,t ßreilgem Arrest von drei bis sechs Monaten deiileuigen. der Andere zu .nidseliglcitcn wider die verschiedenen Ralionaliläic» zVolkssläminc,, Repoiis oder andere GeieÜschaslen, einzelne Elassen oder Slände derckiürger- ..vci, Gesellschaft oder wider gesevlich anerkaiuite.Horperschastc», oder überhaupt , Eiiiwohner de« Staates zu seindseligen Parlciunge,, gegeneinander ausrdcrt. aneisert oder zu verleiten jucht. Auf den Sinn für Recht und Gesetz Volke muß eS von »achtheiligstci» Einflüsse sein, wenn das Gesetz ganz seir und ungenirl mißachtet wird und die Gesetzesverachler vollkoinincn un .»'ständet und strajloS bleibe». Wir haben in Wien /ine Meng: von a»t, 'niiischen Hetzvcreine», welche ihreu eigenllichen Zweck, der nul dem in den licinsstaluten angegebenen keineswegs identisch ist, nicht nur nicht verbergen »der» geradezu chnisch zur Schau trage», und um bikjelbeu ausfindig zu ache», bedarf e« nicht erst einer Späherorgiinisatloii; e« genügt, wen» man i, der' Mühe unterzieht, einige Wochen hindurch die antijeinilischeil Blätter zu stn. Im Interesse de« Staates und der Erhaltung und Hebung des Rechts lühlS »n Bolle erachten wir?S für dringeiid geboten, daß die Regierung icr offenkundigen Verhöhnung des Gesetzes, dem antisemitische» Vereinsiioeje», mit. allen ihr gesetzlich zustchenden Mttlelii ei» Ende mache. ..Bor Weihnächte».) Die Versammlungen, die zu dem Zwecke st-ttfinden,; indischen Geschäftsleuten das WeihnachtSgeschäsl zu Hören, mehren sich. Am!f. d. Bk. sprachen in einer Zosesstädicr Fraiiciiveriaimuliiug ei» Fräulein .H o ha » t, ein Herr R e i s ch lj Tr. .'t u p ka. Rapsche r re. Tags darauf wurde der Fraueuivell in Hernals a»S Herz gelegt, die Weihuachsciukäuse »nr in christlichen Geschäften Pi mache». Tas AnSherzlegei, besorgte diesmal her Genosse de« PauluS Mel,er,. Pfarrer Teckert. . Ticker bochwürdig.- Herr trat »»ch am 10. d. M. i» einer Francnveisaininlung »» großen »iusikvereiuss.rase auf, wo er jedoch nur mit Psenner und Zulcgor dem Pli»;.-» AloiS Liechtenstein. wellt,er eine lange Bovcolliriingsrede gegen die Jude» hielt, bescheiden assistirtc. — In Llmüv hat die Slaal'aiiwaltutuni "gegen den Herausgeber und Retacleur des „Pozor", Bohnmil .Hnechll, die Anklage wegen Ausreizung zu Feindieligkeilci, :l02 St. G.i erhoben, weil derselbe Flugblätter liiit den Aufschriften „Zeder zum Seinigen!" un? „.'latitt nur bei Ehrisiu,!/ in der lim. gebiiug der Stadt Mährisch BTeißlirchei, „nd au der mähri'ä. ii„gari'.k>,'„ Grenze verbreitet baue. (Aus der Währingcr AnUieinitcngcscllschafl.l Am 7. d. M lam es der Währinger Bezirksverlretung ,,r einem, sehr bcilierlen-iveriheii Zwischen falle. Bezirksausschuß Herner, derselbe, welcher vor einiger Zen den Bezirks Vorsteher Lauman» angegriffen niid dies da,», öfsenilich bedauert haue, rügte cs, daß anläßlich der Eröffnung des neuen Sivliugsjaales dir bei ciiiein solchen Anlasse, übliche patriotische >iuudgcbugg »ntribl>ebc„ sei. Z„i Auühiu'se an diese Rüge verlangie ein liberaler Bezirksausschuß eine soforiige Lonatiläks Aeußerung. Ter Bezirlsvorsteber entsprach diesem Wunsche „ich,) »nd der Liberale, welcher'darüber entrüstet war, wurde von der Sitzung ausgeschlossen. Der Bericht de» „Teulsche,i Volksblatics" über den Währmger Vorfall be. sagt: Zn Anwesenheit der Herren Bezirksausschüsse .Heriier. Palka, Spiilchau, Bock, Altrichter, Tr. .trenn, ' Sbrin, Frcundorscr, .Hahlig, Biichoü. Andre. Mauer, Hosnian»,?tikl und Angerer ei öffnete Bezirksvoi siebet Landtags abgeorduelcr Ban in an» die zweite Sivung im neuen Saale. Zu der vorher gehenden ersten Sitznug^in diesem Saale hie» Herr Baiinia,», eine Rede über deutsche Treue, vergaß aber, auf Sc. Majestät ein Hoch auszubringen, ,v,f dies >o»st üblich ist. Bei der Veristcirungssrage bezüglich die,'cs tcviz'i, Protokolls er griff Be;irksa»s,chusi .Hemer daS Work und erklärte, er vermine als guter Patriot und Ocsterreicher daS »snelle und lradiliouelle Hoch bei Eröffnung dieses Saäle« ans Se. Majestät uiiierell allcrgnaoigilen Herrn »nd .Hauer, und dies schmerze ihn lies, l Stürmischer Beifall aus der i^alerie; Vezirlsvorsland Bau mann: Ich bitte die Galerie, sich ruhig zu verhalte». Bezirksvoisleher Bauinann fragt hierauf, ob Zemand eine sormelle Einiveiidiulg zu »rachen habe. Bezirksausschuß Ri a'n e r meldet sich zum Worte, „ui den Antrag .Heiners zu unterstützen BezirtSvvrstand B a n »r a n n eniziehl. dein Redner das Wort und vertröste, >h», daß er tupf, Schluß der Anträge znnr Worte gelangen' werde. Rach mchrereii belanglose» Ainrägen erhält endlich der liberale Bezirlsausühp'si, Mayer, da» Wort. Ter'elbe nnicrslüirt de»..Antrag des aiuilibe.raleu Bezirks ausschusses .Heiner »ud verlang,, es inoge so'orr a»> „unicreii'gpien und lieben Haiscr ein dreimaliges Hoch ausgebrach'l werden". Bezirksrorileber Bannianii eröffnet hierauf eine Tebaue und enheill dem Bezirlsaus'chnß .Hrenn das Wort. Tirser glaubt, es sei eine unerhörte Belcidigiing, darüber eine Tcbalie zu eröffnen und so die Periou des Staiiers in die Besprechung zu ziehen. ,r7bo . Ruse > Bezirlsausichuß .Hemer: Ta« „Hoch" ist halt das erstemal ver.fi'ssen ivordcu. Bezirksausschuß M a u e r zeigt sich hväyt cilirüüet, daß über ,eiue„ Antrag nicht iosor, daS Hoch äusgebrachk wurde, und meint,' die Herren würden lieber auf Pfarrer Teckert ein Hoch ausbriiigeu. Bczirlsvor'leb.'r Bau-, mann: Ich bitte, sich parlaineniarisch zu benehmen, >oi»'t müüi' ich Sie reu der Sivung aiisichlicßen. Bezirksausschuß M a » e r : Wersen S mich b»,aus! Bczirksvorsicher Baumairn: Zch lchließe Sie. vo» der h'erliige» Sivung auS. Bezirksausschuß Mayer verläsii ,einen Plav und tust dem Bezirksvorneher Bauman» zu: „Merke» Sie sich. Sie habe» eiueu Teslerreicher hiiiausgeworsc». Sie st»d ei» guter Sbinaun, aber in Werichev!" tt^eburtson des Herr» Banmanii.i Mit de» Worten: „Zch bin in treuer Patriot!" verli-P Bezirksausichuß Mayer tcn Saat. -Bravo Ruse aus den Galerien.> Bezirks Vorsteher Bariman» drobr die Galerie,räumen;n lasi',». Bezirlsans'chuß .H e r n e r beinerki, er habe keineie ^Scandai provoeiren .ivolleu »ird liabe tics nicht vermnlhcil löiinen: denn er Vt der Meinnug gewcien. es fei bloß das Hoch vergessen norden! Er sei Palrlol und glanbe, -Zeliiäilde» Palriol zu nennen, ,'e, gewiß kgiizc Bcleidiguiig. l Braro-Htuse > BezirlsanSichiiß H o sni a N u erklärt, nachdem Schluß der Tcballe luigeiiominen wurde, er könne dem Bezirlsvorsteber einen Bonvnrf ujcht erspare», nämlich den, daß er .über den Antrag des Bezirtsausschnsses Herncr, welcher die Person Sr. Majestät betraf, eine Tebalic nichr ziiließ. Ties fei zliinindesl iakiloS gewesen. ES wird bicrauf die öfseiiiliche Sitzung geschlossenl und das Galcriepublicnin, das auS angesehene» patriolischeu Bürgern und Sienerlräger» bestand, verließ die Galerie mit den stüriiii'chcn Rnsen: Hoch .Herner! Pfui Schönerer! und Psui Bauinaim! — »> ivclchc auch viele Bezirksansschnsse im Saale einftlininl«». — Bürgermeister,Tr. Grübt hat die genaueste» Echebunge» über den Währingcr . ZwischciisaU angcordnet, »nd zu diesem Behufe die Borlegiiug der Protokolle der beiden letzten Sitzungen des Währinger Bezirksausschusses verfügt. Bezirks- Vorsteher ädauinan n ist bereits Montag Vormittags vom Bürgermeister über die Einzelheiten des Vorfalles im Rathhauie einvernommen worden.