Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 141 (16.12.1894)
- Date
- 1894-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441581--1682-4888117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 141. Freies Blatt. Seite :>. Gefühle schwindelnder socialer lleberlcgenheit den Juden wie einen Paria zu behandeln vermißt, beweist eine Gerichtsverhandlung, die sich neulich vor dem Jnjuriengerichte des I. Bezirke« abspielte. Der Schneider Jean Steckow, welcher der Ehrcnbeleidigung angeklagt 1 war, weil er den Kaufmann Isidor Bernfrld einen S. . juden genannt hatte, faßte seine Rechtfertigung naiv in die Worte zusammen: „Ich habe wohl den Kläger einen S . . juden genannt, aber nicht gewußt, daß dieser Ausdruck heutzutage eiu .Schimpfwort ist." Der Richter war der entgegengesetzten Meinung, daß nämlich die für den Schutz der persönlichen Ehre bestimuitcn Gcsctzcsverfügungcn selbst heutzutage auch für die Juden, gelten, und vcrurthcilte Jean Steckow zu einer Geldstrafe von fünfzehn Gulden, eventuell drei Tagen Arrests. Herr Steckow wird jedenfalls finden, daß es heutzutage schwer ist, Mensch zu sein, wenn ein ehrsamer Schneidermeister nicht einmal mehr ungestraft den Juden beleidigen darf. (Eine Freisprechung.) Der Steuereinnehmer Josef E i ß c r t von Ncunkirchcn, ein Agitator der Christlich-Socialen, welcher der AmtSverüntrcuung angeklagt war, wurde ungeachtet seine«, eigene» Ge ständniffcS von den Geschwornen in Wie ner -Neustadt freigesprochen; wie berichtet wird, ging dabei die Mehrheit derselben von der Einnahme auS, daß Eißert die That in mißlicher Lage und mit - der Absicht, den Schaden wieder gut zu machen, begangen habe und daß der Abgang durch Berwandte gedeckt worden sei. Durch Ovationen, wie sie Leopold Scherzer in Korncuburg bereitet wurden, ward Josef Eißert in Wiener-Neustadt nicht ausgezeichnet. (Bon den Grazer Antisemiten.) Mau schreibt uns: In der steirischen Phäakenstadt tobte in den letzten Wochen ein heftiger Kampf; cS galt die Wahlen in den Grazer Gcmcindcratl), bei denen zum erstenmal« die Grazer Christlich-Socialen als geschloffene Partei, natürlich zum Theil offen, zum Th'cil heimlich von den Antisemiten des Roscnauer BekenntniffeS unterstützt, in die Wahlarena traten. Für dicseSmal ist den Grazern die Beschämung noch erspart geblieben, eine antisemitische Majorität in den Gcmcindcrathösaal cinzichen zu sehen, freilich ist bei dem unklaren politischen Wesen der Grazer Bevölkerung, insbesondere ihrem ewigen Kokcttircn ’ mit allen antiliberalen Bewegungen für die Zukunft noch nicht abzusehen, wie lange die Christlich-Socialen sich noch werden in den Hintergrund drängen lassen. Dafür übrigens, was auch bei dieser Wahl wieder von den antisemitischen Radaubrüdern an Verleumdung und Verdächtigung geleistet wurde, dürfte nachstehende Erklärung des Herrn Otto Hildebrand, die in einer der letzte» Nummern der „Grazer Tagespost" enthalten war, als Illustration dienen. Diese Erklärung lautete: Im Anschluffe »ikiiier Aufsorderung ii» „Grazer Erlrablan" An. 247 vom 4. d. M., Feichtinger und Bollenhal« solle» niir für die Jnsinualiön „ich sei Jude" Aufklärung und Genuglhuung gebe», ivaS nicht geschah, somit die' Hinfälligkeit derselben Hypothese documentirt, begnüge ich mich mit der kurzen Erklärung, dag ich nicht nur rin wahrer Ehrist, al» solcher g>Horen und getans-, sondern auch von wirklichem Teutschthnm beseelt bin. Bcnierkkit will ich noch, daß mir als Christ der niedrigste, aber ehrliche Jude immer und überall noch höher steht al« ein von dlindein Eifer geplagter Claffennnb Racenhaner. L11 o H i l d e b r a n d, christlicher jtansmann und Aeichsdeutscher. Der in der Erklärung genannte' Fcichtinger ist ein antisemitischer Jugcndbildncr und Inhaber eines PrivatgymnasiumS in Graz. (Zum Falle Heide-Mravlag.) Am 6. d. M. fand beim Landesgeeichte Graz vor einem Erkenntnißsenatc die Appellvcrhandlung in der Affair: Heide-Mravlag statt. Ter Vertreter des Klägers, Dr. von Weben au, wandte sich in seiner Berufung gegen das von dem Bezirksgerichte Mureck crfloffcne Unheil sowohl wider daS Strafausmaß als gegen den thcilweiscn Freispruch. In seinem Plaidoycr führte Tr. v. Webcnau auS, daß Heide für den ihm angethanen Schimpf nicht in einer ihm genügenden Weise durch das crstrichterlickic Urthcil SatiSfaction erhallen habe. Nicht darin liege für den Bern f u n g S w e r b e r d e r S ch i ni p f, daß in a n ihn für einen Juden gehalten, sondern in dc 11t Umstände, daß der Provocateur aus der Annahme allein, Heide sei ein Jude, sich berechtigt^hielt, ein Benehmen an den Tag zu legen, das nicht scharf genug verurtheilt werden könne. Die ganze Scene, wie sie sich abgespielt, mußte den Eindruck Hervorrufen, daß der an derselben ganz unschuldige Kläger in der Weise, in der man ihm zum Vorwurfe machte, daß er ein Jude sei,, dem öffentlichen Spotte ausgesetzt werden sollte. In diesem Vorgehen liege auch zügle ich eine Schmähung wider ei ne Religionsgenossenschaft. Es verstoße gegen allen Anstand, gegen die gutcSitte, gegen jedesGcrechtigkeilSgcfühl, wenn Leute ihrer Gesinnung in solch nicht näher zu quglisicirendcr Weise Ausdruck geben. In Heide glaubte man den mißliebigen Juden zu mtfcit, der Beleidigung wurde Schmach zugefügt, und wenn der Angeklagte durch feine Vcrantwortnng den Glauben erwecken will, daß die von ihm gebrauchten Ausdrücke einen Schimpf nicht involvircn, io widerspreche dem da« höhnisch- Benehmen gegenüber dem Klüger. Es feiklar, daß mit den Beschiiiipfungen die Absicht vcrbiiiidcn war, Heide vor der (Gesellschaft bloßzustellen. weil er ein Jude sei. Nach der Gesinnung, die dem Benehmen Mravlag's zu Grunde lag, hau.deltc cs sich um eine antisemitische Demon st rar io n, drc in ihren Ausschreitungen Früchte .zeitigte, welchedie schärfste Verurtheilung verdienen. Nicht au« -kleinlichen «Gründen, sondern um für solche Ansschrciiungeu auch die gerechte Sühne zu vcrlangkll, sei die Bcrusnng gegen das Urthcil der elften Instanz erfolgt. Der Appellscnat «tumitc, daß der Berufung sowohl hinsichtlich dcS iz -1'ckl wie auch des rf -tlül ,st a l t z ug c bc n fei Die Strafe von fünfundzwanzig Gulden, zu der Mravlag vernrthcilt worden war, wurde demgemäß auf hundert Gulden erhöht. Die Gründe stüvc» sich zum Theile guf die Ausführungen des klägerischen Vertreters T r. v. Webenau und nehmen, wie der Vorsitzende Laudcsgerichtsrath Klar besonders hcrvorhob, 'd a S nicht genug zu rügende rohe A u ftrcien. Mrav lag'S als im hohen Maße erschwerend an. Von der Verhandlung waren Mravlag und sein Vertreter fern geblieben. «Einc ukucrlichc Btrurthciluiisi «chvncrcr's.) In Juden bürg fand am l l. d. M. vor dem Bezirksgerichte eine Verhandlung gegen Georg Schönerer wegen Uebcrtrctnng des iz II l St G. (Einmengung in die Vollziehung öffentlicher Dienste! stall, die er gelegentlich einer im verfloffenen Sommer dort abgehalienen Wanderversanimlung des Wiener „Deutschen VolkSvcreincS" begangen hatte. Schönerer wurde zu einer Geldstrafe von zehn Gulden verurtheilt. (Zum fünfzigjährige» Negicrungsjuhiläum des Kaisers.) Aus jüdischen Lehrcrkrciscn Böhmens erhalten wir folgende Zuschrift: Die löbliche Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschafs hat anläßlich deS 2Fjährigcn RcgierungSjubiläumS Sr. Majestät ihrem Patriotismus dadurch Ausdruck gegeben, daß sie einen Pcnsionsfonds für die israelitischen Lehrer in Böhmen, deren.Witwen und Waisen begründete, die vorher in den Tagen dcS Alters und der Arbeitsunfähigkeit cineui schwanken Schicksal prcisgegcben und in der Regel auf die private Wohlthätigkeit angewiesen waren. Im Hinblick auf daS hcrannahende fünfzigjährige Jubiläum Sr. Majestät, zu dessen Feier sich die ganze österreichische Bevölkerung rüstet, werden min neuerdings vö» den berufenen Körperschaften Berathungcn über die Bethcilignng der israelitischen > Gemeinden in Böhnicn' gepflogen, und dabei sind drei Vorschläge in den Vordergrund getreten: I. die Festigung und Durchführung der seinerzeit in Angriff genommenen Pcnsionsanstalt für die Lehrer und Cullusbeamtcii der israelitischen Gemeinden: 2, der Bau eines AsylhauscS für arme Sieche; der Bau eines Waisenhauses für die israelitische Bevölkerung Böhincns. Jede dieser geplanten llnternehmungen entspricht einer großen huinaiicn Tendenz, wäre also des erhabenen Anlasses würdig und der Unterstützung aller Opferwilligen wcrth. Da aber im gegebenen Zcilpunkle nur eines dieser drei Pro« jecte verwirklicht werden kann, cinpfichlk cs sich, sobald als möglich Einigkeit über daS zunächst anzustrebe-ide Ziel herzustellcn und alle Strömungen der Begeisterung für das Gute, das geschaffen werden soll, in ein gcineinsameS Bett zu leiten und so zu verstärken. In diesem Sinne kann den bcthciligtcii Facioren nur aufs WürZnste cinpfohlcn werden, von den drei Projekten das erste, nämlich die Festigung der PensivnSanstalt für israelitische Lehrer und deren Erweiterung in eine solche für alle CultuSbeamkcn der israelitischen Gemeinden Böhmens, durchzuführcn. Denn die so dringend gebotene Fürsorge für Sieche und Waisen fällt in den längst anerkannten Wirkungskreis der einzelnen Gemeinden, wird auch von vielen Gemeinden in niustcrhaftcr Weife bereits geübt und kann von auderen mit .voller Aussicht auf Erfolg in Angriff genommen werden; wo etwa der AuSnahmSfall eintritt, daß einzelne Gemeinden zu schwach sind, den Anforderungen der Humanität hierin zu entsprechen, können sich die kleinen Gemeinwesen an benachbarte reichere und stärkere anschließen, um diesem drückenden llebelstande adzuhclfen. Ueberdies hat, der WohlthätigkeitSsinn unserer GlaubenSgenoffen bereits viele Stiftungen für Waisen und Sieche ins Leben gerufen, und wenn diese leider noch immer nicht auSlangen, so bedürfte cS hier doch mehr einer localen Ausfüllung, Ergänzung und Verstärkung als einer Ncugründung^ welche das ganze Gebiet umspannt. Anders lieht eS um die Versorgung der alt- und arbeitsunfähig gewordenen israelitischen Beamten. Die Befriedigung diese« wohlerworbenen Anspruches, welcher allen Arbeitern im Dienste der Oeffentlichkeit längst zuerkannt ist, läßt sich nur durch Zusammen-