Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 141 (16.12.1894)
- Date
- 1894-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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i Seite 4 „freies Blatt. nc di I!>een, welche die Armuth zu tragen virstehen, nur wir haben len, Äuge für sie, wir würdigen sie keiner Beachtung. iß die große Masse in den Iukenquartieren arm iß. Um diese Erfahrung zu inachen. bedarf ee keiner langen und weiten Reisen; gebene ö ifeiT, die in einer gan; anderen Beschäftigung aufgehen, als in der. Ber,„egen z» fainineln, trink inan auch unter unS indl'chen Gelebrirn gekannt, einen siebzigjährigen Gre Wir wissen'nicht einmal. »rme, in ihr Schicksal er- Zch habe in Paris einen S, Doctor der Rechte und der 'Mediein. der alle Sprachen Europas sprach und ganz in der Weise der allen Rabbiner lebte: er kannte kerne anderen Frenhen. als die der geistigen Arbeit. Bon Allem eniblosit, mehr als Spinoza, bpwohnte er in der Rue de Seine ein enges Tachssübchen. das nur durch ein ^kleines Schiebfenster Licht empfing,;u dem mau auf einer Leiter, nicht auf einer Treppe, hinaufkletteNe. Ein tasten pon einzeluen-Brettern diente ihm für »me Biichersammlung, ein Streb'ack. ein Stuhl und ein weißer Holztisch wären sein ganze« Mobiliar. Und in die'em erbärmlichen Winkel schrieb dieser!Greis lange gelehrte Ab haildlnnge» über die Gesetzgebung und die Medici» her TalmudS; sein ganzer EKrgei; e.ivlelte r» dein Wnniche, seine Werke gedruckt zu sehen, um auch seinen ab.',! zur .Zerstreuung der aegeiiseitigen Borurtheile zisnichen Juden und Christen beizutragni. Tie-er TtivuS des Gelehrten, des atmen Chachain, ist g^gz ludi'ch, und er lebt noch heute in den Judenvierteln des Ostens. Seit der A'.lewanderung der Enden aus Rußland trifft.' maij solche Männer in allen rändern der beiden Erdtbeile, von Wilna und von Jassn bis San Francisco. Es ilberra ctn inieb nicht, daß der civilisirte Jude, der die Seligkett^der Armuth nicht kenn,, uach dem Gelee jagt. Er ist seit lang» Zeit auf die Jagd nach T „raren abgerickitet, weniger durch das Borbild und die Erziehung seiner Bäter, als d„l>b die Lehren und die Unterweisung der unseligen. Win» er die Jahrhunderte hat .iderd tnerli, wenn er wieder Mensch unter Menschen bat werden, wenn er dem Säninpi »>,d der Schande der GhettiS hat eni'chlüpfeln können — verdankt er es „ich, dein ,'viee V Tas Geld Hab früher, als injiere Philosophen für ihn e,„geirrten sind, llnn gestattet, sich der Ruthe de« Peinigers zu eutziehen, d-.S Geld bät ibn aus dein neneu Egvpten befreit und ihn aus der Knechtschaft errettet. das Geld tit in Wirklichkeit der Retter'Israels, der Refrain Judas getve'e,!. 'Roch heute ruht >» manchen Ländern, in Rußland und Rumänien, die Freiheit des Semiten in ieinem Portefeuille, der Rubel ist fein Helm und sein Schild. Bildet nicht bei u»S selbst der Reichthum des Juden meistens den Maßstab. nach dem wir ibn achten? Ter Jude mag das Geld lieben — er verdankt ihm -uiel. ES ist die einzige Di!ächt, welche Christen und Muselmänner bei stin, re’Sectirt-haben: zu seinem Glücke ist daS Geld immer und überall eine Bla.bt geblieben! Tie Liebe zum Gelde ist daher nur natürlich, wir selbst haben sie ihm die JaHrHundene hindurch eingeprägt. Ich bewundere nur, daß nicht alle Juden davon ergriffen sind, und es beruhigt mich, daß der Christ iiichi weniger davon besessen scheint. Wenn es svahr ist, daß daS Geld den Juden mächtig macht, ist nicht auch bei uns daS Geld daS Alles vermöge „de y!! Tie LoilNtagSruht linb dir Juden.) Tcr Polenclub des Abgeordnetenhauses verhandelte in seiner am I. d. M. abgehaltenen Sitzung über den Gesetzentwurf, betreffend die Regelung der Sonn- und Feiertagsruhe im Gewerbebetriebe. Abgeordneter Dr. Byk stellte iiu eigenen und im Rauten seines Collegen Tr. v. Ra poport nachstehenden Antrag: Zu den im Artikel III des Gesetzes angeführten Ausnahmen ist noch ein neuer Absatz zuzufügen: „die Arbeiten von Richtchristen, wenn sie Nachweisen, daß ■ sie vierundzwanzig Stunden :n ihrer (ipHiemoii feiern und wenn diese Arbeiten nicht öffentlich lind". In der Begründung dieses Antrages hob Dr. Byk hervor, daß die indische Bevölkerung, welche die Sabbathruhe beobachte und der social poliiilchen Absicht des Gesetzes über die Sonntagsruhe sonach gerecht werde, in hohem Grade beunruhigt sei. Zwei Ruhetage in der Wollte wurden die Erwerbsfähigkeit der jüdischen Gewerbetreibenden untergraben. Das englische Gesetz mache für jene jüdischen Gewerbelleihenden, welche die Sabbathrube beobachten, eine Ausnahme, und eie Verhältnisse in £cftmeidj würden gewiß eine solche Ausnahme yt rechtfertigen .Besondere Wichtigkeit habe diese Frage für Galizien. ' irdneter Tr. Blazek unterstützte wärmsteys-den Antrag Byk-Rapo- , ", sieilte für den Fall der Ablehnung desselben im Plenum t 5 -lantrag, wonach die Regelung dieser Frage der Landesr m-.k: nt überlassen sei. Abgeordneter Tr. v. Rapoport wies '.ibi ' idaß die Juden in Galizien an den religiösen Borschristen : .1. frstbalten und daß bei denselben die Sabbathruhe schon di llta rar Sonnenlintergang beginne. Wenn also die'jüdischen Handwerk.r zwungen ietn sollten, außer SamStag noch Sonntag zu fein:,, io würden ne durch dritihalb Tage der Möglichkeit des Er-- w:rb--s beraubt fein, ne würden mehr als ein Drittel der Woche verlieren. Das wäre um so drückender, als die ökonomische Lage der Juden in Galizien iinmer trackriger sich gestalte. Sie werden nach und. nach von allen Erwerbszweigen, die sie betreiben, abgedrängt. ES Nr. 141. mich nie eines unfei kaum glaublich, wie groß gegenwärtig daS Elend unter den Juden, namentlich in kleinen Städtchen und auf dem Lande sei. Man könne heute sagen, daß der größte Theil der 800.000 jüdischer Einwohner Galiziens nahezu am Bettelstab sei, und dies kenne für das ganze Land selbst zu einer großen Katastrophe werden. Würde man aber die jüdischen Handwerker, die bis jetzt den Samstag heiligen, zwingen, auch am Sonntag die Arbeit ruhen zu laffett, so würde, sagte Dr. v. Rapoport, ein Theil derselben, um nicht dies Erwerbes beraubt zu sein, am SamStag zu arbeiten beginnen, und daS wäre eine Abschwächung der Religion bei den Juden Galiziens, waS bei den gegenwärtig in diesem Lande zu Tage tretenden social m Sttömungen sehr gefährlich wäre. Es sprachen noch mehrere Abg ordnete, worauf der Antrag Byk-Rapoport mit allen gegen drei Stimmen, der Eventualantrao Plazek einstimmig angenommen wurde. (Lueger's Anstandsgefühl.) „Ich bediene anständigen Tones," sagte Herr Lueger in der Debatte des Abgeordnetenhauses üttr das Localbahngesetz, in welcher st in Verhalten wiederholt Entrüstung erregte und ihm auch von Seite eines Salzburgers den Zuruf brachte: „Komödiant!" Mit seinem Antandsgefühl fand eS aber Lueger vereinbar, dem Handelsminister vorzu falten, waS für ungünstige Aeußerungen man über denselben von den e genen Parteigenoffen in den Eouloirs hören könne, und dann fortzufahren, Reitzes sei der Allmächtige in Wien, und gegen ihn richte auch lie Regierung nichts aus. Der Handelsminister pflege ja auch, wenn e: gegen einzelne Abgeordnete spreche, mit der Faust auf den Tisch zd schlagen, er sollte einmal den Reitzes auf den Kopf schlagen, damit er nicht mehr lebe. Der anständige Ton, dessen sich Herr Lueger rühmt, hinderte ihn auch nicht, in einer Brigittenauer Anlisemitenversammlung von den liberalen Schriftführern des GemeinderatheS zu erzählen: „Diese Herren scheinen einen schlechten Blick zu haben, sie zählen die Mitglieder der Majorität immer doppelt, die der Opposition aber nur einfach oder gar nicht. Man hat zwar behauptet, daß ein Jrrthum im Zählen gewöhnlich nur bei den Kellnern vorzukommen pflegt, aber tut Wiener Gemeinderathe machten wir die Erfahrung, daß auch di, Schriftführer nicht zählen können." Diese Anstandsproben sind wohl genügend. (Gegen das Antichristenthum.) Der als eir er der ältesten Antisemiten Wiens bekannte Dechant Dr. Albert Wie sing er hält gegenwärtig . in der Pfarrkirche zu St. Peter einen Eyllus von Adventpredigten gegen das Antichristenthum und seine modernen Evangelisten und Apologeten. In der am 6. December Abrrds abgehaltenen Eröffnungspredigt erklärte Dr. Wiesinger, bevor er über daS Antichristenthum spreche, muffe er erst feststellen, wjaS Christenthum sei. Er bezeichnete den Begriff deS Christenthums vom moralischen, ethischen und historischen Standpunkte als die absoluteste 8 Veredlung der Herzen, die bedeutendste Erleuchtung der Geister und die hervorragendste Durch - geistigung des physischen, materiellen und geistigen Lebens. Kein Volk könne sich dem Einflüsse des Christenthums entziehet, behauptete Doctor Wiesinger, und führte dabei als schlagendstes Anspiel die Juden an. Auch auf sie habe sich der Alles durchdringende Einfluß des ChristenthumS erstreckt, so daß sie nicht nur Sprache, Geberden und Sitten tcr Christen annehmen, sich christliche Namen geben und am liebsten auch ihre Gesichter verändern möchten, um nicht mit l rientalischen Physiognomien unter ihren christlichen Mitbürgern her umgehen zu müssen. Dieser Einfluß des Christenthums erstrecke sich auch auf daS Innere der. Juden, die durchaus nicht mehr "die alten Juden von früher seien. Dr. Wiesinger kam auch mehrmals auf den Antisemitismus zu sprechen. Er bemerkte u. A., daß das moderne Antichristenthum, welches in so schrecklicher Weise überhandnehme, denselben Grund habe wie der Ar tisemitismuS. Denn wenn der Antisemitismus sein Dasein den Fehlern des modernen Judenthums verdanke, so sei das Antichrist^nthum aus den Schäden des modernen Christenthums entstanden, indem die Feinde immer für die Fehler Einzeilner daS Ganze verantwortlich machen. Indem Wiesinger!die Assimilation der Juden an den Geist der christlichen Völker und des Christenthums selbst zugab, die Methode, für die Fehler Einzelner das Ganze verantwortlich zu machen, bekämpfte und außerdem pinräumte, daß auch das Christenthum Schattenpartien besitze, hat er seine principielle Bekehrung vom Antisemitismus offen zugestanden, und es dürfte ihm in den Augen der Lueger, Schneider rc. wenig nützen, daß er, so oft er auf das heikle Thema deS Antisemitismus zu sprechen kam, immer die Versicherung gab, er wolle nach keiner Seite hin verletzen. ^Heutzutage.) Welche merkwürdige Begriffsverwirrung der-den breiten Schichten des Volkes immer geläufiger werdende Antisemitismus anrichtet, wie sich ein jedes Schusterlein oder Schneiderlein in einem