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Freies Blatt · 1894-12-16 · 141 (16.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
141 (16.12.1894)
Date
1894-12-16
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 141. Frei«« Blatt. falle» könnte. Diese Befürchtung ist aber angesichts der jetzt bestehenden politischen Verhältnisse im X. Bezirke nicht gerechtfertigt, allerdings nur dann nicht, wenn die liberale Partei nicht die Hände in den Schoß legt, sondern voll und ganz ihre Pflicht thut. Die Antisemiten haben durch die Lässigkeit der fortschrittlichen Partei bei der letzten Landtagsersatzwahl den IV. Bezirk erobert; möge die liberale Partei diese Niederlage durch ehrlichen, unerschrockenen Kampf im X. Bezirke wettmachen. Ein Sieg des Freisinns und des Fortschritts an der Wahlstätte eines Hauck wäre ein Erfolg, wie er glänzender nicht gedacht werden kann- Aber da heißt cS arbeiten, bei Zeiten arbeiten und nicht warten auf den letzten Moment. Ein Favoritencr Wähler. Geschäft und Politik. Mit Bezug auf eine unS von vertrauenswürdigster deutschliberaler Seite zugegangene und in unserer letzten Nummer erschienene Notiz erhalten wir von dem früheren RcichSrathSabgeordneten Herrn Eduard Strache folgende Zuschrift: Warnsdorf, den K. Tecembcr 1894. Löbliche Redaclion des „Freien Blatte«", Wie»! „Erkläret mir, Graf Oerindur!" Unter dieser Spitzmarke bringt Ihr ge-- schätzte« Blatt, wie mir von befreundeter Seite mitgetheitt wird, nach Art der inich seit langer Zeit bekämpfenden antisemitischen Organe (?) einen Artikel, welcher ineine Druckerei beschuldigt, ein Flugblatt anlisemjiischen Inhalte« herau«- gegeben zu haben, den eigentlichen Herausgeber aber verschweigt. E« ist die« .Herr Josef Liebt, Schneidermeister und Inhaber eine» Bersaudtgeschäfte« in Roßhaupt, welcher allein dafür verantwortlich ist. E« ist somit »»wahr, daß da« Blättchen, welche« übrigen« nicht« al« ein Prospect de« Lieblichen Geichäste« ist, in meiner Druckerei „erschienen" sein soll, denn ich habe weder diese, noch andere antisemitische Flugschriften verlegt, und wer meine politische Thätigkeit oder die HalMng meine« Blatte« kennt, wird zugeben, daß ich inich gegen Borwürfe, wie sie Ihr Artikel vom 9. d. M. enthält, nicht zu vertheidigen brauche. Ich bitte um gefällige Ausnahme dieser Berichtigung und zeichne Hochachtungsvoll Eduard Strache. Weiters erhalten wir von der Anwaltschaft des „Allgemeinen BcrbandcS der auf Selbsthilfe beruhenden deutschen Erwerbs- und WirthschaftSgenoffenfchaften in Oesterreich" durch Herrn ReichSrathSabgeordneten Carl W r a b e tz folgendes Schreiben: Wien, den ll. Tecembcr 1894 Geehrte Redaction de« „Freien Blatte«", hier! Wie au« der Notiz „Erkläret mir, Gras Oerindur" in der letzten Nummer Ihre» Blatte» vom 9. d. M. hervorgehl, verlange» Sie von einem liberalen Buchdruckereibesttzer, daß er antisemitische Zeitschriften nicht drucke, und mache» denselben für den Inhalt solcher Machwerke verantwortlich. Möchten Sie nicht, ehe Sie einem Gewerbetreibenden solche Opfer zumuthe», an die hiesige» Banken, deren Eapital, Director»- und BerwaltungSrath-fiellen in den Händen von Israeliten sind, die stricte Aufforderung (?) richten, die Gewährung von Subsidien und Pauschalien sowie die Abgabe von Inseraten an die hiesige» Antisemitenblätter endlich einmal einzustellen? Man sollte glaube», daß eine Bank sich von diesen Blättern viel leichter unabhängig machen kan» al« ein Gewerbetreibender von seinen Kunde». Achtungsvoll Earl Wrabetz. Wir müsien der lctztgeäußerten Ansicht des Herrn ReichSrathSabgeordneten Wrabetz nur vollkommen beipflichten, müsien ihn aber auch darauf aufmerksam machen, daß seine Meinung, der Gewerbetreibende habe sich nicht um das politische Bckcnntniß seiner Kunden zu kümmern, keineswegs in dieser Allgemeinheit gilt. Es ° ist nach unserem Dafürhalten ein Unterschied zwischen der Handlung eines liberalen SchusterS, der einem Antisemiten ein paar Stiefel macht, und derjenigen eine« der liberalen Partei im engeren Sinne angchörigen DruckereibesitzerS, welcher antisemitische Pamphlete druckt und damit die der eigenen entgegengesetzte Gesinnung indirect fördert. Unserer Ansicht nach fällt der in Frage stehende Fall viel eher mit dem Benehmen jener Banken zusammen, welche die Antisemiterci durch Ertheilung von Subsidien an antisemitische Blätter fördern, ein Benehmen,' daS Herr Wrabetz selbst scharf verurtheilt. Wir sind auch überzeugt, daß Herr Wrabetz, al» Photograph, die Anfertigung eine» Album« hervorragender Wiener Antisemiten zur Ehrung Lueger'S oder Schnridrr'S nicht übernehmen würde. Seite 3 Der -ZUammoncultus. Wie wir bereits mitgetheilt haben, fjat der Akademiker Anatolc Lcroy-Beaulieu in einem neuen Werke die Bedeutung des Geldes in der modernen Gesellschaft behandelt. Da eine der indiScutablcn „Grundwahrheiten" des Antisemitismus dcr'Satz ist, daß die Juden die eigentlich Hohenpriester des ManimoncultuS seien, möge folgende Stelle aus dem neuesten Buche des französischen Gelehrten allen arischen verschämten Götzendienern Mammons zur Darnachachtung empfohlen werden: I» dem Äntifemitismu« liegt ein .Heim von Begehrlichkeit. Diese Schilderhebung gegen Banken und Börse» entspringt weniger der Abneigung gegen den Reichlhum, al« vielmehr der leidenschaftlichen Liebe für denselben. -'Unsere Auklebnung gegen die Herrschaft de» Golde« ist, leider weit davon entfernt, durchan« edel und »»: inlereisirt zu feiu. Dieser Kreuzzug hat meisten« nichts Christliches! Gott weiß, ob e« unser guter Engel oder ob e» der Teufel ist, der uns . den Haß gegen de» Geldmensche» einhaucht. Nicht Mitleid, nicht Bruderliebe, nicht die Sorge um den zu oft durch strafbare Knnstgrüfe au-gevlünderie» Geringe» ruft so viele ZorncsanSbrüche gegen die Emporkömmlinge der Spekulation hervor, e« ist weit häufiger der Neid, die Begierde, die Geldgier, die im Schlamme unserer Herzen niste». Semiten oder Arier, die ichweren Anklagen der christlichen Mafien gegen die Börsenkönige und Bankbarone lauten: „Sie sind zu reich." Jesu« sagte zu seinen Jüngern: „Niemand kan» zwei Herren zugleich diene», Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen." Mammon ist der Reichthui». Diese« Wort ist seit der Bergpredigt veraltet, i» Bergefien . heit gerathe». Man zählt vierhundert Millionen aus den Namen Christi gelauste Menschen, wie viele uiiler ihnen fühle» sich von Gewifieurbisseii geauälr, iveiiti sie dem Mammon diene»! So ist nach 1809 Jahren dieser wieder der Herr der Welt, und der Besitz der jenseitigen Güter verursacht selbst den Frömmste» unter ihnen, die auch »och Goti leine» Theil geben, die geringste Sorge. Tie Dlohung, die in dem Gleichniß vom Kameel >i»d Nadelöhr ausgesprochen, wonach der vom Geist« des Evangelium« getragene Christ den Neichlhum fürchten sollte, hat ihre Schrecken verloren. Ironie de« Schicksal« und Hohn der Geschichte! Nationen, die sich christliche nennen, sind erbittert gegen diejenige», welche sie der Aneignung de« Neichthnm« anklagen. Wie seltsam fremd klingt in ihren Ohren da« Lenti pnupores und Vüo divitibaa! Wir sind zwar njcht so stumpfsinnig geworden, um di» Genüfie, die sich unter der ehrlichen Armuth bergen könne», zu verkennen, zuweilen stimmen nur sogar da« Lob der Armuth de« Mittelstände« an, rühmen ihre Vorzüge und die Freiheit, welche sie dem Geiste reicht, den Frieden, welchen sie dem allen Sorgen dieser Welt ledigen Weisen bringt, den Werth, welchen sie der Arbeit und der Muße gemährt. Die Begabteren unter un« feiern in hochtönenden Worten die Freude, die Poesie, arm zu sein: aber diese Freude und diese Poesie kosten die Eine» nur in der Phantasie und die Mideren in der Erinnerung hinterdrein, wenn sie nicht mehr vorhanden sind. - Wie viele Christen und Christinnen, bemerkte jüngst ei» evangelischer Denker, weit entfernt, mit Wenigem zu begnügen, sind mit Lielem zufrieden. Und wenn e« so unter den Christen ist, warum sollte e« bei den Jude» ander« sein? Ter Jude, den wir un« al« den Hohenpriester der Mammoncultu« vorstelleu, feiert nicht minder in seiner Synagoge die Vorzüge der Armuth. Seine Bücher, welche die unlerigen geworden, sind voll vom Lobe de« Armen. Man predigt nn« immer -und immer wieder, daß seine Religion ganz materialistisch sei, daß sie überall de» Reichlhum verherrliche und nur au die Güter dieser Welt denke Da« heißt, che schlecht kennen! Der Reichthum kommt nicht in der Reihe der ,8eliewovt! e«rs" vor, der achtzehn Gnaden und Segnungen, um welche seit Jahrtausenden der fromme Jude de» Ewigen anfieht. Ei» ganzer Theil der heiligen Bücher, und zwar der in Israel verbreitetste, derjenige, welcher i» seiner Liturgie wie in der unserige» den weitesten Raum einnimmt, erhebt unablässig den Armen. Tie Psalmen stimmen hier mit den Evangelisten überein, und der neue Glaube ist die Fortsetzung des alten. Unser Beati |>au{>eres spiritu ist wie die Zusammenfoffung de« Inhalte« de« Psalmisten. Einige Ezegeten sind sogar so weit gegangen, da« Psalmenbnch zum Buche der Armen z» stempeln, der Ebionii», der Vertreter einer fromme» Brüderschaft, einer Art jüdischer Puritaner. Der Arme ist der Liebling Gotte«, arm und gerecht, ebion und zaddik, sind für diese alten Semiten nur gleichbedeutend. Und wa« vom Psalmisten gilt, gilt ebensosehr von den Propheten, von dem vor Allen, welche» die moderne Bibelkcitik den zweiten Jesaia« nennt. Wen» die Kinder Israel« au» de» .Lehren ihrer Psalmen Begeisterung für da« Leben schöpften, würden auch sie den Reichthum gering schätzen; aber gleich den Christen spreche» Viele mit den Lippen in todter Sprache die'erhabene» Verse der ZionSlieder, die in den Büchern bleiben und nicht in da« Herz dringen. „Der Jude überläßt seinen Ahnen au« dem unergiebigen Palästina die Lobeserhebungen der Armuth und eilt zur Börse und z» den Plätzen, wo um Gewinn gerungen wird. Er, der die Welt durch seinen Glauben an die Herrschaft GotteS umgestürzt hat, glaubt nur noch an den Reichthum." Bezieht sich diese« harte Wort Renan'« aus die Juden oder auf die Christen? In Wahrheit, ich weiß e« nicht; "denn, mit gütiger Erlaub,liß Renan'«, e»- gibt

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