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Freies Blatt · 1894-12-16 · 141 (16.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
141 (16.12.1894)
Date
1894-12-16
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Freie» Statt. Nr. 141. Als ein weiteres für die allgemeine Sittlichkeit der Juden und zumal für ihre BefferungSfähigkeit günstiges Moment ist ihre auffallend geringe Betheiligung an Rückfällen, wie sie die amtliche Statistik bei den Delikten der Hehlerei, des Betruges und des Diebstahls auSweist, zu bezeichnen. Am unzweideutigsten für die von den Antisemiten so oft und uusäglich wegen ihrer »sittlichen Inferiorität" verlästerten Juden spricht aber der Umstand, daß sie sich .an einer große» Reihe von Delicten überhaupt gar nicht betheiligen, und zwar am Hoch- und Landesverralh, Befreiung von Gefangenen, Androhung eine« gemeingefährlichen Verbrechens, ungesetzlicher Trauung, Doppelehe, Unzucht .unterMißbrauch eines B-rhältnisseS, Mord, Todtfchlag, KindeSinord, schwerer Körperverletzung, Bergiftung, Menschenraub und Entführung, Raub und räuberischer Erpressung, Brandstiftung, passiver Bestechung, Unterschlagung im Amte und anderen Delicten, wegen welcher im Jahre 1891 zusauimen nicht weniger als 4914 Christen vcrurcheilt wurden. Dagegen gibt eS kein einziges Delict, von welchem sich die Christen vollkommen rein und frei halten. Tic sonst beliebte Erklärung für die Nichtbetheiligung der Juden an Mord, Todtfchlag, Raub und anderen auS Grausamkeit und Gewaltthätigkeit hervvrgegangenen Verbrechen durch den vorgeblichen Mangel an Muth wird hinfällig durch die leider sehr starke Betheiligung der.Juden am Duell. Im Jahre 1890 wurden 58 christliche und 6 jüdische Duellanten bestraft, im Jahre 189s 58 christliche und 2 jüdische Duellanten. Dirfr. Unsitte könnten die Juden wahrlich ihren »arischen" Mitbürgern überlasten. Ansonsten mästen wir angesichts der erwähnten Thatsachcn nur nochmals betonen, daß die sogenannte „sittliche Inferiorität" deS Judenthums eine niederträchtige Erfindung ist und daß man, wenn man mit dem logischen Rüstzeug der Antisemiteti kämpfen wollte, weit eher den Speer umkehren könnte. Dabei haben wir noch alle jene Mildcrungsumstände nicht in Betracht gezogen, welche den relativ größeren Bntheil der Juden an gcnüsten Delicten in wesentlich anderem Lichte erscheinen lasten müssen So ist;. B. die große Zahl der wegest Verletzung der Wehrpflicht bestraften Juden aus der übergroßen/Auswanderung zu erklären. Alljährlich, wenn die Aushebung der n^ucn Recruten stattfindet, wird eine starke Anzahl in eontumaeiam verurtheilt, die in früheren Jahren Deutschland verlaffen hat'. Für hie Brurtheilung deS moralischen WcrthcS der Judenschafl fällt dieses Vergehktv' fort, da die Aus Wanderung meist auS socialen Gründen erfolgt und selten auS Furcht vor der allgemeinen Wehrpflicht. Pie meisten Verbrechen und Vergehen, deren sich die Juden der Mehrzahl nach schuldig machen, sind ferner solche, zu denen der Beruf, dem die Mehrzahl der Juden angchört, eine besonders häufige Gelegenheit bietet. Der Kaufmann hatmehr Gelegenheit, Betrug, Fälschungen rc. zu verüben als beispielsweise der Officier, und wenn sonach die confessionclle Criminalstatsttik einen vollauf richtigen Maßstab bieten wollte, müßte sie angeben, wie viele christliche und wie viele jüdische Geschäftsleute z B. vom Hundert oder Tausend wegen Betrugs, Meineids oder dergleichen verunheilt wurden. Wir glauben, daß in diesem Falle auch noch jene wenigen Anhaltspunkte schwinden würden, aus welchen jetzt die Antisemiten mit einigskn Scheingrunde ihre ungerechte Anklage gegen die ' jüdische Confessio» und ihre größere Neigung zur Criminalität erheben. Wir lasten diesbezüglich, vielleicht als stärkste, «eil vollkommen unbefangene Autorität, die Seutschamtliche Statistik selbst sprechen. Es heißt in der erwähnten Publication: »In diesen criminellen Verschiedenheiten tritt der Einfluß dereligiösen oder consessioncllen Bekenntnisses nicht rein zu Tage, da die anderen Factoren der Criminalität hier, insbesondere Beruf und damit zusammenhängend Wohlhabenheit und Bildungsgrad, bei den Katholiken und Protestanten auch 'Nationalität (Slavcn, Germanen), in ihrer Wirkung in diesen allgemeinen Zahlen nicht eliminirt sind. Auch annähernd wird die .riminelle Belastung nach Religion und Cvtzfession aus den Zahlen ö?r Ueberficht nicht ohneioeiters zu entnehmen sein. Während der .rimin-llc Einflacß von Beruf, Alter, Geschlecht nach c.r N',.tur der Sache und den Ergebnissen der Stall ü! r. odi an; uf dflagen ist, wird man in der Zugehörigf:!t; it en:t religiösen oder confessionellen Gemein- 'chai: fr e Erklärung crimineller Verschiedenheiten nur n'lt ::i allergrößten Vorsicht und Umsicht suchen tür - - » und mit dem In st rum ent der Statistik wohl kaum finden können, denn die bei uas verbreiteten Nclig ons und Coniessions-Gemeinschaften unter- >'che-den sich in ihren Moral Vorschriften doch nicht dermaßen, daß ihre Angehörige-» dadurch zu einem verschiedenen Verhalten gegenüber den gesetzlichen Vorschriften über Eigenrhum, Person und öffentliche Ordnung bewogen werden könnten. Wenn sich in unseren statistischen Zahlen Verschiedenheiten zwischen dzr Criminalität der Katholiken und Evangelischen, Christen und Jude« zeigen, so würde man dieselben auf da- GlaubenSbekcnntniß als follcheS doch nur dann zurückfahren können, wenn im Uebrigen alle Faktoren der Criminalität gleich wären. Die Erfassung der Beziehungen zwischen Criminalität und Religion und Confessio» setzt daher besonders subtile Untersuchungen voraus, die sich in dieser Statistik völlig einwandsfrei überhaupt nicht, wenigstens zur Zeit nicht, anstelle» lasten. Zunächst gibt die Statistik nur Aufschluß, ob ein Verurtheilttr sich äußerlich zur christlichen oder jüdischen Religion oder zur evangelischen oder katholischen Confessio» hinzugerechnet hat, nicht aber über dos» Maß der inneren Religiosität oder Confessionstrcue, und diese wären es doch, welche je nach ihrer Verschiedenheit in verschiedenem Maßes vor Vergehen und Verbrechen bewahren sollten. Dieser Umstand läßt! sich nicht beseitigen, da die Statistik überhaupt nur an äußerlich faßbare Erscheinungen anknüpfen kann. Es kann aber nicht nachdrücklich genug davor gewarnt werden, solche Daten zsu Gunsten oder zu Ungunsten dieses oder jenes Glaubensbekenntnisses in dem Sinne zu verwerthen, daß dadurch eine Wirkung derselben auf die Criminalität eriwiesen sei." Albert v. Dereger. Zur Lage im X. Bezirke. (Zuschrift an das »Freie Blatt".) Bezeichnenderweise scheint gerade in dem antisemitisch am meisten verseuchten Favoriten am ersten eine Wendung zun; Bessern eingetreten zu sein, indem ein großer Theil von Wählern, dit bis nun stets im antiliberalen Sinne ihre Stimme abgegeben habe», gegen die antisemitischen Tribunen mißtrauisch zu werden bcginnf. Der erste Stoß, der in die antisemitische Hochburg Bresche legte, girfg von dem Jugcndbildner Trambaucr auS, der bekanntlich im Gemeiffderathc das humane Wirken des liberalen Politischen GcselligkcitSvercipes in gehässigster Weise verdächtigte, waS zur Folge hatte, daß man diesem Vereine die von demselben durch eine lange Reihe von Jahren bczogene Subvention verweigerte. DaS traurige Ende dieser vom rein menschlichen Standpunkte aus tief zu beklagenden Affaire war, daß die Leitung deS Politischen GeselligkeitSvereineS, durch deren humanes Wirken jährlich 800 bis 1000 Kinder mit warmen Kleidern und Schuhen bethcilt wurden, ihre weitere Thätigkeit nach dieser Nicht ing hin einstcllte, wodurch nicht allein die Kinder der Aermsten bei Armen, sondern auch einige Dutzend Schneider und Schuster schwer geschädigt wurden. Schon damals machte sich gegen die patentirten BolkSbcglücker eine tiefe Mißstimmung bemerkbar, die nun durch die! jüngst stattgehabte Schusteraffaire, in welcher,der ReichsrathSabgeordnctb Hauck als Freund des kleinen Gewerbsmannes eine höchst klägliche Polle spielte, noch weiters verschärft wurde. Tic Schusteraffaire kam den Antisemiten sehr ^gelegen; es stehen ja die Gemeinderathswahlen vor der Thüre, und Man ist sich in den antiliberalcn Kreisen klar geworden, daß der nächstjährige Wahlkampf kein so leichter sein wird wie in den vergangenen Jahren. Die meiste Sorge macht ihnen aber die neuerliche Candidatpr Traumbauer'S. Wohl wurde diesem auf vertraulichem Wege nahegcfegt, im Interesse der Partei von einer neuerlichen Mandatsbewerbung abzusehen. Dieser freundschaftliche Wink hatte aber keinen Erfolg, unp so wird Trambauer im nächsten Jahre abermals an das ' Vertrusten seiner Wähler appelliren; ob jedoch dieser Appell daS von ihm herpeigcsehnte Resultat haben wird, darüber scheinen selbst seine eigenen; Parteigenossen in Zweifel zu sein. Als zweiten Candidatcn begegnen niir dem dcrmaligen Gcmcinderathe Oberlehrer Pollak. Derselbe ist ein kranker Mann, dem es nur höchst selten möglich ist, den Gcmeinderathssitzungen anzuwohnen; eine ersprießliche Thätigkeit im Jntereffe der! Bevölkerung kann also von ihm nicht erwartet werden. Dies ist fchofi längst auch von der antisemitischen Parteileitung erkannt worden. Wffl aber ein anderer geeigneter Mandatswerber nicht auf Lager ist,' soll der kranke, zu. jeder Arbeit unfähige Oberlehrer Pollak auch fürderhin Gemeinderath bleiben. .. j In Folge dieser beiden Candidaturen von antisemitischer Seite sind die Wahlchancen der liberalen Partei noch niemals! günstiger gewesen wie im nächsten Jahre. Allerdings ist man auch in diesem Lager in Verlegenheit, welche geeigneten Parteigenossen man ist den Wahlkampf stellen soll, da man sich scheut, Candidatcn dem Bezirksausschüsse, dem sehr tüchtige Männer angehören, zu entnehmen, undi zwar aus Furcht, daß die in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung liberale Körperschaft durch eine derartige Schwächung wieder den Antisemiten in die Hände

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