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Freies Blatt · 1894-12-09 · 140 (9.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
140 (9.12.1894)
Date
1894-12-09
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 140. .freie* Blatt. Seite 9. grobe Mystifikation. Das Berliner Abtvohrorgan hat ans G.uud gOiauer Er kundigtingen ^estgestellt, daß der Jlchaber dt« „Waarkiihauscs" i» Höchst de» Brief nicht geschrieben hat. und daS Bureau de« Vereines zur Aöwrhr de» Antisemitismus in Frankfurt am Main setzt min eine Belohnung von 10!» Mark sür denjenigen fest, welcher de» Verfasser derart »ainhast »lacht, daß es möglich sei, ihn gerichtlich zu belange». -Hat Tr. Vange nicht gemeiki, daß er es mit einem antisemitische» Machwerke zu lhun habe, oder dies nicht merken wollen? lBeleidigung eines jüdischen TssicierS.) Tas Münchener „Deutsche Volksblatt" vom 19. April l!j9t brachte unter der Spipmarke „Judas Makkabäus" einen Artikel, in wclchein ohne Rennung der RamenS ein i» einer kleinen Garuisonsstadt zu Uebungen der Reserve eingezogener Premierlieuteuant jüdischer Confessio» verhöhnt, mit Morte» wie „Schmulchen", „Jtzig", „Züdlein" re. belegt wurde. Außerdem war »och beigesügk, daß seine Kameraden ihn schon längst zu», Teufel wünschen, aber „das genirt einen ordenllicheii Makkabäer nicht, der tackelt einfach mit seiner Lahraleben und im Bewußtsein des rukünftigen Hauplinann« ruhig seiner Wege" u. s. w. Sine Rümmer dieses Blaues war unter Kreuzband auch dem Gouverneur der Festung Ingolstadt, Generallieutenant v. Sauer, und dein Regimenlsadjulaiiten des K>. Re gimems, Premierlieulenant v. Reuter, zugeganzen, weßhalb denn auch der damals in Zngolstadt zu Uebungen der Reserve als Premiertieuleiiant beim U>. Regiment eingezogene Kaufmann Moritz Süß Lchülein den Artikel auz seine Person gemünzt fand, umsomehr, als auch die übrige» Personal deschreibungen, aus ihn paßten. Cr stellte daher gegen de» verantwortliche» Redakteur des „Teillfchen Volksblattes" Gustav Geister .»läge wegen Be leidigung. GeiSler erklärte, daß ihm jede Absicht, den Privaikläger zu beleidige». gefehlt habe, da er diese» gar nicht kenne. Im Uebrige» lönne sich der Kläger durch den Artikel nicht beleidigt fühlen, iveil er in demselben nicht ge vannt sei und auch der als Zeuge vernommene Brigadeeömmandeiir «Generalmajor üobe »Hofer nicht angebe» konnte, ob zu fraglicher Zeit nicht noch andere Cificiere jüdischer Consessiou in anderen Garnisonsstädten zu Uebungen eiiigezogen waren. Tas Gericht kam jedoch zu der Ueberzengniig, daß kein -anderer als Süß-Tchülein in dem Artikel gemeint sein konnte, uin'omehr, da gerichtsbekannt sei, daß die im „Teulschen Volksblatt" aiigegrisseneu Personen regelmäßig die betreffende Rümmer zugekchickl erhalte», nnd in dieiein,Falle es zur Evidenz hervorgehe, daß das zu diesem Zwecke beschriebene Converl mit der Handschrift de« mit der Redaktion des „Teulschen Bolksbla'tes" in engster Be ziehung stehende» Ingenieurs Weng identisch sei. Zn Anbetracht der schwere» .«tränkulige». welche in gänzlich ungerechtfertigter Weise einem zur Hebung «inbezogenen Cjftcieian den stopf geschleudert swurden, um ihn bei seinen Kameraden zu diSereditiren, glaubte das Gericht, obwohl Geister damals noch nicht wegen Beleidigung vorbestraft war, von einer Geldstrafe absehen zu müssen, und verurtheille ihn zu einer Gefängnißstrase von drei Woche». Gleichzeitig wurde dem Privaikläger^das Recht zngesprocheii, de» Uriheilstenor nach RechlSkrast im „Teulschen. Volksblatt" und in der „Zugolstädter Zeitung" zu veröffentlichen. ■Feuilleton. , .♦-i > Die Töpfevl'cl)eide. Erzählung von Y'-dnard KnlKr. IX. (iS. ,>ortie(;irita.)., Während MoseS sich so mit ganzer Seele seine» Studien ergab, vollzog sich in seinem Heimatsorte ein für den Hanf der Welt unbedeutendes, für zwei Herzen aber, die seit langer Zeit in stiller Heimlichkeit einander entgegenschlugen, großes nnd wichtiges Ereigniß. HanS und Genoska waren Brautleute geworden. MoseS erhielt die -Vachricht pon der Berlobnng GenofkaS so nebenbei in einen, Briefe der Eltern. Daß diese^ Berlobnng nicht schon früher skatlgefnnden, daran war MoseS Schuld. DaS wußte er aber nicht. HanS mit seiner unglückseligen Eifersucht hatte eS nicht gewagt, die Sache zu b rühren; der Zufall mußte ihm zu Hilfe toininen, ihm de» nöthigen Muth einzustößen. Ter Meister klagte eines Tages über Kopfschmerz nnd saß ruhig in der Werkslätte, ohne an der Scheibe zu arbeiten. .Da faßte sich Hans ein Herz, und: „Meister," sagte er, „seht doch nur, Ihr werdet jeden Tag aller, und Gott erhalt Euch noch lange, aber —" „Gewiß," erwiderte der Meister, „ich weiß schon, waS du sagen willst; auch sie wird jeden Tag alter! Was soll ich aber thun? ES meldet sich ja Niemand! Soll ich mit ihr hausiren geh'»?" „Es war' schon Einer da," sagte Hans. _ „Und warum meldet er sich nicht?" fragte der Meister. „Ja nun," meinte der Geselle, indem er sich hinter dein Shr kratzte, „eS schmeckt eben keinem, sich abweisen zu lasten." „Abweiseu?" fragte der Meister, „kann man denn sagen, daß sie hochmüthig ist?" _ „Es muß ja nicht gerade Hochinuth feilt, **_ tagte der Geselle. 1 „WaS wär'S denn sonst?" „Sie denkt doch gewiß an keine»-Anderen, als an den in Wien!" „WaS sagst du da?" ■ ' „Waö alle Welt sagt. Den Studenten mein' ich " „Bist du verrückt?" „Man könnt' es beinahe werden." „HanS!" sagte der Meister nach einer kurzen Pause, „was Im’, da gesagt hast, ist ein Unsinn!" „Sie hat ihn hakt gern." „ES kann aber nicht sein, es ist ein Unsinnich will ihr den Kchif schon zurecht setzen," sagte der Meister «md verließ die Stube. Äls er dann nach einiger Zeit wieder zurückkam, sagte er zu dem Gesell'»: „HanS! Mit,dem in Wien ist nicht«: da bist du aus dem Holzwxg." - „Er kann sich ja laufen lasten," meinte Hans. Der Meister aber sagte: „Wenn er sich auch bnnderlmal lausen läßt. Sie mag ihn nicht." „Wie?" - „Sie hat einen Anderen gern." „Wer ist dieser Andere?" „Ein Eselskops ist es," sagte der Meister. „Wie so ein Eselskopf? wer mag das sei»?' „Run," sagte der Meister, „zum Beispiel du möchtest sie haben." „Den kleinen Finger ließ ich mir herunterschneideu," ries HanS. „DaS ist just nicht nolhwendig," sagte der Meister, »aber daS " Maulwerk muß Einer brauchen können." . „DaS Hab' ich nicht gewagt," sagte HanS. „Und woher soll sie'S wissen, daß sie Einer.mag? Soll « ihr in den Kopf Hineinsliegen? Wer nichts wagt, kann nichts gewinnen." „HanS dachte im Stille» über diese Worte nach und legte sich den Sinn derselben zurecht. "Roch am selben Abend hatte HanS die Gelegenheit erspäht/mit Genofka allein zu sprechen,, und: „Jetzt muß eS aber gleich auch der Meister erfahren,"-sagte HanS. Hand in Hand traten die Beiden in die Stube und: „Da ist der Esel," kicherte Genofka. - „Meinetwegen," stimmte der Meister in das fachen ein. „Wenn, ihr euch gern habt, in Gottes Namen! alt seid ilir Beide genug dazu." Nun wurde gescherzt und gelacht bis tief in die Nacht Itinei»; am andere» Tage war das Städtchen voll von der Neuigkeit, welche ihren Weg sogar bis nach Wien gefunden hatte. "MoseS hatte die Nachricht von der Berlobung GenofkaS mit freundschaftlicher Theilnahme .ausgenommen. Als es kurz daraus zur Hochzeit kommen sollte, wurde er mit einem vom alten Töpfermeister eigenhändig geschriebenen Briese, welcher als Einschluß in einem Briefe von den Eltern einlief, zur Hochzeit eingeladen, und er war-sofort entschloste», der Einladung Folge zu leisten. Er war lange nicht mehr in dem Heimatsorte gewesen. Seitdem er die Universität bezogen hatte, war er nicht mehr auf Ferien nach Hause gekommen. Er hatte den Wunsch, ei» wenig die Welt kennen zu lernen; besonders zwei Natnrschauspiele wollte.er sehen: die^ Alpen und daS Meer, und die Mittel, diese Wünsche zu befriedigen, wurde» ihm vom Elternhause in mehr als hinreichender Weise gewährt. Wenn man der Meinung wäre, daß er, der sich,in seinem Ge« wisten so bedrückt fühlte, seit deni Momente, da er die juristischen Studien, wenn auch nicht förmlich, »nr ui» so entschiedener that-- jächlich äufgegeben hatte, eine heilige Scheu trug, den Boden zu betreten, wo die Gewissensbisse ihn nur um so mehr peinigen mußten, je weniger er sich die Kraft zutraueu konnte, de» guten, ehrlichen Eltern mit offenem und freiem Auge - ins Gesicht zu schauen, "so dürfte man nicht sehr fehl gehen. Die Alpen und das Meer waren äußerliche Borwände, die man zu Hause für baare Münze genommen. Man hatte sich da an seine völlige und ununterbrochene Abwesenheit schon so gewöhnt, daß man nicht im Entferntesten daran dachte, die . Einladung des Töpfermeisters werde imstande sein zu bewirken, daß er herauskomme. MoseS andererseits hatte in Erwägung gezogen, daß die Zeit verschwindet, Jahr aus Jahr vergeht, daß also fciji .heimliches Treiben doch bald ein Ende nehmen werde, und so schien ihm die Gelegenheit erwünscht, nach Hause zukommen; denn vielleicht, meinte er, ergibt sich in einem Gespräche mit der Mutter auch die Gelegenheit zu einer Generalbeichte und völligen Abrechnung.

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