Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 140 (9.12.1894)
- Date
- 1894-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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ZTr-140. Freies Blatt. Seite f>. Hilfeleistung ergeben hat. Auf fein Befragen, warum er von der Pfarre abwesend ist, habe Scherzer ihm erklärt, wegen Aufbringung der fehlenden Summe in Wien zu sein und für Schrick einen Substituten bestellt zu haben. Der Präsident verlas auch auszugsweise die Briefe, die der Angeklagte an Dr. Lueger gerichtet. In einem derselben heißt eS: „Ohne meine Schuld kann die Sach/ zum Scandal werden, wenn sich Jemand nicht meiner erbarmt. Schon in Wien ging es mir mit dem Geldc knapp, ich gerieth, statt wie andere Cooperatorcn sich Geld zu ersparen, in Schulden, nicht durch Leichtsinn, sondern durch Güte, die schon eine Schwäche ist. Ich habe das Geld des BcneficiumS behoben, um es an einer anderen Stelle zu placiren; dies ist mir in Berlust gerathen, d. h. zum großen Theil. Ich weiß, daß Sie kein reicher Mann sind, aber Mitgefühl verdiene ich doch; ich ersuche Sie, mir durch den Einfluß Ihrer verehrten Persönlichkeit zu helfen. Es gilt, Zeit zu gewinnen, und die Statthaltcrci drängt. Sic sollen nichts dabei verlieren; bestimmen Sie mir eine Stunde, wo ich mich Ihnen ganz anvcrtrauen kann. Rur bitte ich, mich nicht mit Vorwürfen zu empfangen." Aus den PlaidotztrS ist hcrvorzuheben: Staatsanwalt Dr. v. Klisscnbauer knüpfte an die LeumundSnote der Schricker Gemeindevertretung an, daß dem Pfarrer Scherzer jeder moralische Halt gefehlt habe. Als er im Laufe feiner Ausführungen das flotte Leben schilderte, welches Scherzer mit seiner Wirthschafterin geführt habe, das zu berechtigtem Aergerniß Anlaß gab, warf die anwesende Zeugin Kautz mit leidenschaftlicher Gebcrdc ihye Winterjackc von sich, brach in lautes Schluchzen aus und verließ ostentativ den Saal, was den Präsidenten zu einer strengen Rüge veranlaßt«: Ter Staatsanwalt schloß mit den Worten, Scherzer habe das Geld nicht verloren, sondern verlumpt. Der Verthcidiger Tr. Porz er bestritt, daß das Scherzer zur Last gelegte Delict den Charakter einer Amlsveruntreuung trage. Scherzer, sagte er, hatte nicht den Ordnungssinn, der für seinen Beruf »othwcndig war, er war vielleicht übermüthig, aber kein Verbrecher. Die Geschwornen, deren Verdick zu Gunsten des Angeklagten auSficl, beantworteten die ihnen vorgelcgtcn Schuldfragen zumeist mit 7 Ja und 5 Rein. Scherzer ist also nur mit knapper Poth dem Eriminal entronnen. Nur noch ein einziges Ja, und er Hütte, wie cS im Aittisciiiitcnjargon heißt, die Zahl der „Opfer des römischen Rechtes" vermehrt. Dem ,Freigesprochenen, welcher daS GcrichtSgebäude mit seiner von dem Gcschworncnverdictc freudig überraschten Wirthschafterin verließ, bereiteten Parteigenossen ans der Straße eine geräuschvolle Ovation. (Zur Nachahmung empfohlen.) Man schreibt uns ans Gaya: Jic hiesige deutsche Lesehalle hat am 2. d. M solgcuden Beschluß gefaßt: „Bei dem Umstande, daß die in Wien erscheinende .Deutsche Leitung' von blindwüthigem Raccnhaß erfüllt ist und Alles daran setzt, die deutsch-liberale Partei in jeglicher Weise herabznwürdigcn, gleichzeitig aber als .deutsches Blatt" gcmeinsaiuc Sache mit den reactionären Christlich-Socialen und antisemitischen Deutsch-Nationalen und Jungtschechcn macht, ist der Weiterbczug dieser Zeitschrift aufzugcbcn." (Wir Tcntsche siirchtcn Gott, abrr sonst nichts in der Welt!) Man schreibt uns: Das von großem Selbstbewußtscin zeugende.Wort: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in dcx Welt", welches Fürst Bismarck ans Grund seiner Cacsar-Lcctüro*) etwas modificirl als „geflügeltes" in die Welt sendete, und das nunmehr von seinen Nachbetern bei allen nur möglichen Gelegenheiten wieder gegeben wird, scheint doch gewaltig in Frage gestellt durch die—Judenfurcht. Wie, 24(5 Millionen Urgermanen sollten vor 0 Millionen, zu zwei Dritteln unfreier, Juden derart in Angst und Bangen versetzt werden, daß sie zu den barbarischesten Auskunftsmitteln als Judcnvcrtreibu^tg, Beschränkung der Freiheit für Juden rc. Zuflucht nehmen müßten'? Wo bleibt der teutonische Muth, der sich vor nicht« als vor dem Herrgott fürchtet'? 11. A. w. g. p. (Zacobs und EsauS Nachkommen.) Ein Baron v. Lültwitz kann sich dessen rühmen, in der Behandlung der „Judcnfragc" einen ganz neuen Standpunkt einzunehmcn. Unter dem Titel: „Wir sind *1 Die Stelle kommt bei C. Julius Caesar: „De bello tlallleo“. über IV, ■aput VII, vor und lautet: „Nese unis kmeris eoneedere, quibus ne Dii l'uidem iunuortales pures esse possint; 'reliquum quidem in terris esse neminem, quem non superare possint“, zu deutsch: „Sie (die Germanen) ließen nun den Sueben deu Vorrang, welchen nicht einmal die unsterbliche» Götter gewachsen sei» könnten, aus der Erde gebe es aber überhaupt Niemanden, den iie nicht überwinden könnten." — Büchner meint im Gegensätze zu unserem Mitarbeiter über die Quelle, au« der Bismarck schöpften „Vielleicht schwebten dem Redner die Worte E. M. Arndt's vor. der in dem Gedichte .Die alten und die neuen Trutschen' von unseren Vätern sagt: .Sie fürchteten Gott und nichtweiter.' Oder war Racine Beider Quelle? Dieser läßt in seiner Athalie sl., 1.) den Hohenpriester Joa« zu», Feldhauptmann Adner sprechen: .-le erains Dien, eher Abner. et n'ai point d'autre crainte'." . die Juden" veröffentlicht er eine Broschüre, in welcher er schreibt: „Tie in Jacob gesegnete» Juden, die den Herrn als den von den Propheten verkündeten Messigs erkannt haben, veteint mit den Heiden, die sich zum Christcnthum bekehrte», bilden die heutigen Christen. Da wir cS aber hier nur mit der Judenfragc zu thuu haben, so wollen wir.die Heiden, die begnadigt wurden, au dieser Verheißung thcilznnchmen, nicht in Betracht ziehen. Wir sind also die gesegneten 'Rachkommen AbrahamS, wir sind die Nachkommen Jacobs, dem Gott den Ehrennamen .Israel' verlieh, wie er ja einigen seiner Auscrwählteu besondere Namen gab. . . Wir sind also die in Abraham, Isaak und Israel gesegneten Israeliten, die wir nuS zum Unterschiede von den Nichtbckehrten nach dem von uns erkannten Messias .Christen' nennen; zum Unterschiede also von den Nachkommen EsauS, des Enterbten, die den Messias nicht erkannt haben, die des Segens, der Erbschaft und der Gleichstellung verlustig gegangen sind. . ." Wird der Standpunkt des Baron Lüttwitz von unseren Christlich Socialen acceptirt, so werden wir eines Tages in hem stenographischen Protokoll des Abgeordnetenhauses lesen: „P r ä s i d e» t: Der Abgeordnete Schneider hat das Wort. — Abgeordneter Schneid e r mit erhobener Stimme): AlS 'Nachkomme Jacobs, dem Gott den Ehren namen .Israel' verlieh, lege .ich feierlichst Verwahrung dagegen ein, daß dez 'Rachkomme EsauS aus .trolomca diesen Ehrennamen für siel) und die Seinen unbcfugtcrweisc in Anspruch nehme. Das lassen wir Juden uns nicht gefallen. ' Stürmischer Beifall ans der äußersten Linken und den Galerien, l — P räsidcnt: Ich muß die Galerien auf das Entschiedenste ermahnen, sich ruhig zu verhalten, da ich sie widrigenfalls räumen lassen werde. (Plurren aus der äußersten Linken.)" (Tcutschcr Reichstag.) A» leitender Stelle bringen wir einen vor der Eröffnung des deutschen Reichstages geschriebenen Berliner Sima tionsbcricht. Durch die Thronrede, mit welcher die Session des RcichstageS am 5. b: M. eröffnet wurde, werden die Ausführnngen unseres Berliner Correspondenten nicht im (')criitqfteit alteriit. Kaiier Wilhelm' erklärt eine Ergänzung des gemeinen Rechtes zur wirksame:en Be kämpfung derjenigen, welche die Staatsgewalt in der Erfüllung ihrer Pflicht durch verderbliches Gebähte» zu stören versuchen, für geboten. und gibt der. Zuversicht Ausdruck, daß der Reichstag einem Gesetzentwurfe, welcher vornehmlich durch Erweiterung der Strafbestimmungen den Schutz der Staatsordnung verstärken will, die Zustimmung crtheilcn werde. Auch (Gesetzentwürfe gegen die mißbräuchliche Benützung der börsenmäßigcu Formen des Handelsverkehres und zum Schutze des Handels- und Gewerbcstaiidcs gegen den Wettbewerb, wclck>rr unlautere Mittel nicht schenk, iverdcn in der Thronrede für diese Tagung angekündigl. Die Regierungsvorlage zur Erweiterung der Strafbestimntungcn dürfte, da sie nicht den vom (Grasen Eulen bnrg gewünschten Charakter eines Ausnahmsgcscves gegen die Social- Dcmokratie erhielt, begreiflicherweise auch den Antisemiten aller Bekenntnisse wenig zusagcn, und deren Annahmc ctscheint zum Mindesten sehr zweifelhaft. Die Tiholi-Männcr beobachten übrigens derzeit große Zurückhaltung und haben in einer Fractioussitzung beschlossen,' ihren bekannten Antrag zur Regelung der Handwerkervcrhältnisse wieder cinzubringcn, ferner ein Heimstüttengesetz anzuregeu, dagegen von weiteren Anträgen vorläufig Umgang zu nehmen. — Bon vielen rcichsdcutschcn Blättern, darunter von den „Hamburger Nachrichten", dem Organe des Fürsten Bismarck, wird die Thronrede als Beweis sür die Richtigkeit der Vcrmuthung angeführt, daß sich in der Berliner RcgierungSpolitik nichts Wesentliches ändern werde. (Sic schriicn kein Mittel.) Mit welch verwetslichcn Mitteln die Antisemiten arbeiten, ergibt sich ans cineüi gedruckten Circulär, haS von Berlin aus an die Lottcriccinnchmer in den preußischen Provinzen versandt wird und folgenden Wortlaut hat: „Gecbrler Herr- College! Wir sind cs unserem Stande als Lottcricciitiichmer schuldig, von keinem Juden zu kaufen. Mehrere College» bitten Sie, danach zu handeln." TäS Beamtcnpersonal der preußischen Lottcricdircction steht dieser Machenschaft vollkomuien fern; eS handelt sich vielmehr lediglich um eine Privatleistnng aulisciuitischcr Hetzer, die auch Betrug und Fälschung nicht scheuen, um ihre Zwecke zu verfolgen. (Wieder rill Nitnalmordmärchen.) Dem „Berliner Tageblatt" wird aus Franken gemeldet: In der letzten. Sitzung des Schöffengerichtes zu W e i s m a i n wurde die Privatklagesache des Kaufmannes Markus von Burgknndstadt gegen die Witwe, Petrich wegen verleumderischer Beleidigung verhandelt. Dieselbe hatte mehreren Personen gegenüber behauptet, Markus habe ihren Enkel Hans Petrich ein gesperrt, woran sich die ungeheuerlichsten Gerüchte über einen „Ritualmord" anknüpftcn. Gendarmericcommandant Finkeuscher bekundete, daß der Knabe Han» Petrich seine Erzählung, er sei von MarkuS eingefperrt, bedroht und nur vom Commis auf sein Schreien hcrausgclasscn worden, worauf ihm Markus Kaffee und Brot gegeben.