Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1894-12-09 · 140 (9.12.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
140 (9.12.1894)
Date
1894-12-09
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/4886575-5439163-5441579--1668-4888104
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Freie» Blatt. Nr. 140.?eite 4. Drohung lächerlich machen; zugleich aber wurde darauf hingewiesen, daß nur die Antisemitenführer selbst Schuld tragen, wenn die Ausschreibung dieser Wahl bisher nicht erfolgen konnte, und schließlich ton' Briefschreibern der Rath erthcilt, sich an ihre Vertrauensmänner im Landtage mit der Bitte;u wenden, daß sie die auf die Wiederbesetzung des M nt h'schen Landtagsmandates gerichteten Absichten der Regierung wenigstens in der nächsten Landtagssession nicht neuerdings vereiteln. (Aus dem tzicmcindcrathe.) In der Sitzung des GemeinderatheS vom;’>(). November kam es wieder zu einer von antisemitischer Seite provocirten Lärmsccne. Herr Sebastian Grün deck wollte von den Abschweifungen eines Vorredners sprechen, sagte aber: Ausschweifungen. Dies rief begreiflicherweise Heiterkeit hervor, worüber Herr Gcßmann in Zorn gerielh und den liberalen Collegen „bubenhaftes Benehmen" vorwarf. Der scandalöse Auftritt, welcher um so bedauerlicher erschien, als er unuüttelbar nach einer Trauerkundgebung anläßlich des Ablebens 2cs um die Siadt Wien hochverdienten Dr. Freiherr» v. Felder erfolgte, veranlagte den Vorsitzenden, Herrn Geßmann für eine Sitzung aiiszuichlicßen. Die Gegensätze im Gemeinderathc hätten sich gemildert — bebauptetc indessen Herr Frosch in einer Antisemitenversammlung auf der Landstraße. Es gibt noch Optimisten! — Zn derselben Genicindcrathssitzung wurde die MandatSnicdcrlegung deS Dr. Linke angczcigl. Derselbe, ehemals als eifriger Literaler in der Gemeindevertretung von Sinlmcring thätig, schloß sich nach der Einverleibung dicieS Vorortes in die Großcommune den Antisemiten an. Ter Bürgermeister rühmte ihm nach, daß er sich in der Wiener Rathsstube durch „ununterbrochen maßvolles Verhallen" ausgezeichnet habe. — Zn der Sitzung vom 4. Novenlber hatte der Gemeinderath über die Gewährung von 15 000 fl. an die verschiedenen Kinderspitäler Wiens zur Beistcllung an Diphtherie-Heilserum zu berathen. Die Antisemiten eiferten durch den Mund ihrer berufensten Fachleute wie Gregorig, Lueger, Strohdach gegen das neue Heilmittel und bekämpften dessen Anwendung in den Spitälern, da auf diese Weise die Kinder der Armen nur zu Versuchskaninchen für die Reichen gemacht werden sollen. Einige liberale Gcmcindcräthe begingen die Lächerlichkeit, den medicini-. scken Autoritären vom Bürgerclub sachlich erwidern zu wollen. Vergessen die Herren ganz, daß die „demokratischen" Lakaien des Jesuitenordens priueipicll gegen Alles stimmen müssen, was wirklich zur moralischen oder physischen Gesundheit des Volkes führen könnte? Nur ein verelendetes, krankes Volk läßt sich von den Finsterlingen am Güngclbande führen, und darum haben die Antisemiten von KalkSburg Ordre, gegen Alles zu stimmen, was dem Elenhe, der Armuth, der Krankheit u. s. w. abhelfen könnte. Tie sachlichen Argumente der Herren Scholz, Stern u. A. hatten daher im Vorhinein wenig Chancen für sich: im Gegcntheile, die ehrsamen Stadtväter ließen sich eher durch Gregorig und Strohbach von der Gefährlichkeit des Heilserums überzeugen und bewilligten statt 15.000 fl. bloß fünf-tausend.; An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.) Ein schlagendes Beispiel hir die demoralisircnde und -Dcrthierende Wirkung des Antisemitismus auf die Massen, aber jedenfalls nur ein Beispiel für Viele, erzählte jüngst die „Montags-Zeitung". Ter Vertrauensmann eines Humanitären Vereines wurde beauftragt, sich über die Bedürftigkeit eines Unterstützungswerbers zu unterrichten, der weit draußen in einer versteckten Gasse der Brigittenau wohnt. Verlumpte Rangen trieben sich vor den HauSrhoren herum und begrüßten den Fremden mit dem Zuruf: „Zud! Jud!" und gaben ihm daS Geleite bis an sein Ziel. Tort in der verwahrlosten Wohnung eines Handwerkers wurde der Unbekannte von dem hossnungSvollcn Stammhalter, einem etwa zehnjährigen Strolch, mit den Worten empfangen: „Schon wieder so a S. . jud da!" "Natürlich verzichtete der Samaritaner unter solchen Umständen aüs die Erfüllung seiner Mission. Ob sich Schneider oder Lueger der unverschämten Armen angenommen hat, davon schweigt die Geschichte. .Humanitäres.) Der Verein „Ferienheim", welcher trotz seines kurzen Bestrndes im verflossenen Sommer doch schon mehr als L"0 bedürftigen Vflcglingcn die Wohlthat einer Sommererholung verä:a'':n konnte, veranstaltet am 12. Tecembrr 1$94 in den Sofien- .:..'u ::nc große Wohlthätigkeits-Akademie mit an- '! .i st'i dein ^anzkränzchcn. Mit Rücksicht auf den humanen Zweck l aicu 4'.c Mitwirkung an der Akademie zugesagt die Damen: Frau 5.v. V t' ch Mahler, Pianistin; Frau Ellen B r a n d t' F o rst er, k.!. Ho'or.'rn'ängcrin: Fräulein Tora Hönigswald, Violini :'.n:o'iu : .trau K o p ll cii - K a r c;ag; Fräulein Frida Lanius, Mitglied bes Raimund-Theaters; Freifrau Marie v. Meysenburg- Schivak;, Mitglied des Raimund-Theaters; ferner die Herren: Lows v. Bignio, k. und k. Kammersänger; Friedrich Mitterwurzer, k. k. Hofschauspieler: Hcnnann Rauch, Mitglied deS t k puv.- Theaters in der Josesstadt. (Eine Warnung des Gastwirtheverbandjes.) Zn der letzten Sitzung deS österreichischen GastwirtheverbandeS »ourde constatirt, daß di, Gehilfencorporationen in der Provinz durch > uschriften des Wiener Gehilfenausschuffes aufgefordert wurden, sich dec antisemitischen Be wegung anzuschließen, und demgegenüber beschloss:n, durch ein Rundschreiben die Genoffenschaftsvorsteher vor derartigen Verhetzungen zu warnen. Dieses Rundschreiben lautet: Geehrter Herr Borsteher! Ts dürste Ihnen bekansit sein, daß seit einiger Zeit ein kleiner Theil der Wiener Gastwirlhegehilfen, flüffe irregeleitet, in einer überaus vehementen Weise der Principale und deren officielle Eorporatione» au >urch agitatorische Eingegen die Gesammtheit getreten ist. Diese AgidieseS Umstande« jedwede Geltendmachung de« Berl önnen. ES dürfte daher derartigen Agitationen t er''Gehilfenschaft dieselbe eines etwaigen Abschlusses an verhetzende tationen, welche den offenbaren Zweck verfolgen, Gege tsätze zwischen der Principalität und den Gehilfen zu schaffen oder zu verschär en, werden unter dem Deckmantel politischer Mid nationaler Bestrebungen vei hüllt, indem es den bkj treffenden Agitatoren beliebt, sich als radicale Antisemien auszuspielen. Sowohl dar gewaltsame Hineinzerren politischer Tendenzen in unsere 'rein gewerblichen Bestrebungen als auch die unqualificirbaren Berhetzumeu gegen die Principale haben den österreichischen Gastwirtheverband zu einer «atschiedenen Abwehr, genölhigt. Wir erfahren nun, daß die obbezeichneten E emeiite ihr agitatorische» Treiben auch aus die Provinz ausgedehnt habe». Angesichts hält sich der österreichische Gastwirtheverband, welcher politischer Tendenzen im Gewerbe perhorrescirt, für rerpflichtet. Sie auf diese Machinationen aufmerksam zu machen, welche in ihre, Endzielen nur zu einer Tiscreditirung des Gewerbe« und zu einer ungünstigeren Gestaltung hältniffe« zwischen Principale» und Gehilfen führen als zweckentsprechend erscheine», in geeigneter Weis« entgegenzutreten und durch entsprechende Belehrung auf die nachtheiligen Wirkungen Elemente aufmerksam zu machen. (Ter Fall Scherzer.) Bon dem für den Pfarrer von Schrick, Leopold Scherzer, so glücklichen Ausgange ßnnes Processes haben wir schon in der "vorigen Nummer des „Freisn Blattes" Notiz genommen, und wir wollen nur noch einige bcm« rkenswerthe Momente aus der Verhandlung nachtragen. Der Angeklagte blieb bei seiner Behauptung, daß er den größten Theil der Geld r verloren habe, und versicherte, daß er sich nichts BöseS gedacht. rlS er Stiftungsgelder angriss, da er ja eine Ersatzleistung bcabsichti zte. Von den einvernommcnen Zeugen sagten nicht nur die Parteifr undc deS Angeklagten, nicht nur seine ehemalige Wirlhschafterin und tercn Bruder, sondern auch die Fuhrwerksbesitzer und Wirthe entlasten!» für den Angeklagten aus, wobei sie zumeist von den in der Untersuchung gemachten Deposilionen abwichen. Einige gaben überdies an, ier Angeklagte habe in Schrick Feinde gehabt. Der Meßner Matz, welcher vor dem Untersuchungsrichter ausgesagt hatte, der Pfarrer Scherzer habe sich stets im Wirthshause aufgehalten, getrunken und gespielt, gab nun an, der Angeklagte sei mit Ausnahme des Sonntags fast nie ins WirthshauS gegangen. Der Vorsitzende hielt ihm seine ursprüngliche Aussage vor, worauf der Zeuge behauptete, er sei damals von einem sicheren Jtzinger, seines Zeichens Schuhmacher, aufgel etzt worden. Von den zur Verlesung gelangten Leumundsnoten lautete die der Polizeidirection Wien für den Angeklagten günstig und constati 1e, daß er als Wohlthäter der Armen gegolten, um die Gründuni des Kirchenmusikvereines in Margarethen sich Verdienste erworlnn habe rc. Dagegen besagte die Leumundsnote des Bürgermeisteramts Schrick: „Leopold Scherzer brachte bei seiner Ernennung zum Pf irrer von Schrick die Wirthschafterin mit, welche, leidenschaftlich und ohne häuslichen Sinn war. Zm Pfarrhofe kam eS öfters zu Auscir andersetzungen, welche sogar in Thätlichkeiten ausarteten. Scherzer k< m wenig nach Hause, machte in die Nachbarschaft Ausflüge, von denen er häufig nach Mitternacht zurückkchrte. Sparen war ihm nicht bclannt, fast jede Woche fuhr er nach Wien, verblieb daselbst zwei bis drei Tage; eine solche Lebensweise mußte seinen Ruin herbeiführen. Er machte Schulden bei Kutschern, Fleischhauern, Greißlern und anderen Geschäftsleuten. Auch mit der Pflichterfüllung nahm er es nicht genaß, er versäumte häufig den Religionsunterricht; es ist jammerschade,! daß ein Mann von solcher Bildung und Begabung so wenig sittlichen Halt habe." Erwähnung verdient auch die vom Präsidenten verlesene Zeugenaussage des Abgeordneten Dr. Lueger. Er habe, erklärte der Antisemitenhäuptling, Versuche gemacht, Scherzer behilflich zu sein, aber die Summe war zu groß,*) so daß sich für ihn die Unmöglichkeit der j *) Während Lueger aussagte, die Höhe der Summe hätte ihn gehindert, Scherzer behilflich zu sein, schrieb das „Deutsche Volksblatt", die antisemitisch' Parrei, welche Männer zu ihren Mitgliedern zählt, die über genügende Min»! verfügen, hätte die „sogenannte Scandalaffaire" leicht au« der Welt schaffen i können, aber als einer die Eorruption bekämpfenden Partei habe es ihr hiezu . an Lust und Willen gemangelt. (Abendausgabe Rr. 2123.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.