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Freies Blatt · 1894-12-09 · 140 (9.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
140 (9.12.1894)
Date
1894-12-09
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 140. rcito t Frei« Im Reclaiuehcftchen zu dem eben charaktcrisirten Machwerke giftet er sich blau und grün über den protestantischen Pfarrer W. Schirmer in Düsseldorf. Pfarrer Deckert behauptet, daß die Juden im Mittelalter vollkommen rechtlos und vogelfrei gewesen, sei eine GeschichtSlüge (papr. 0 f). „Eine Verirrung der Begriffe" nennt er den Satz Pfarrer Schirmcr's: „Wer im Namen des Christcnthüms die Juden schlägt, schändet den Christennamen und schlägt der Kirche Jesu ins reine Antlitz!" Darauf weiß zunr Schluß Pfarrer Deckert so zu entgegnen: „Man könnte wohl mit viel größerem Rechte diejenigen, die in diesem Kampfe für die Rettung des Volkes und des ChristenthumS sich gleichgiltig zur Seite stellen oder gar den iiiuthigcn Kämpfern für das Wohl des StammcSvolkes (z. B. im Proceß Paulus Meyer!) in den Rücken fallen, Berräthcr nennen, nnwerth des deutschen und christlichen RamenS." Wie man sicht, bekundet der Pfarrer Deckert auch einem christlichen, freilich nur protestantischen Geistliche» gegenüber eine starke Dosis Grausamkeit. Hoffentlich nimmt sich jener diese Elucubrationen dcS Pfarrers im XVIII. Wiener Bezirke ebensosehr zu Herze» als der Schreiber dieses Berichtes. Pudelnärrisch ist das Gehaben deS grausam strengen TalmudkritikcrS Pfarrer Tcckcrt'S, aber noch närrischer wäre derjenige, der sich mit ihm in eine sachliche Debatte cinließc. Pfarrer Dcckcrt's „Werke" sind psycho-pathologisch bemerkcnSwerihc Documcnte, gewiß nicht uninteressant für den Psychiater, doch für den Laien eine im Grunde genommen öde Lectüre. Wenn lederne Langweiligkeit zugleich Wissenschaftlichkeit wäre, müßte man freilich sage», Dcckcrt's Compilation sei eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Arbeiten dieses Jahr. Hunderts. . I»r. Sch. Lin letztes Mort zur Fleischfrage. - Wir erhalte» folgende Zuschrift: Löbliche Redaktion! In Nummer 130 Ihres geschätzte» Blattes findet sich eine Zuschrift dcS Herr» Commercialrathes Jg. ^Zucker, die durch meinen Artikel über „die FlcischihcucrungSpolitik der Antisemiten" veranlaßt wurde und mich bestimmt, zur Klarstellung einiger Punkte auf das fragliche Thema nochmals zurückzukommen. AnS der erwähnten Zuschrift heben wir zunächst folgende Stelle hervor: „Daß die Zunahme von Fleischern entgegen dem allgemeinen Gesetze der Concurrcnz cs . bewirken könnte, daß sich die Preise deshalb verthcuerten, ist ganz undenkbar, auch wen» sie'alle in einem noch so festen Cartclle vereinigt wären, und würde eine Beschränkung auf eine gewisse Anzahl solcher Gcwcrbctrcibcndln erst recht die Thenerung Hervorrufen." Run, so „undenkbar" ist die Sache denn doch nicht. Durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen aus verschiedenen Zeiten und Ländern ist cs auf das Evidenteste nachgcwicscn, daß die Concurrcnz im kleinen Detailhandel eine Verbilligung der Preise in der Regel nicht herbciführt, und die Erfahrung bestätigt diesen Satz tagtäglich. Der Wettbewerb der kleinen .Händler sowie der Fleischer und Bäcker :c., bewirkt meistens nur eine Verminderung des Gewinnes, den der einzelne Geschäftsmann aus seinem Betriebe zieht, dagegen — sofern man von Einzelheiten absicht und nur den Durchschnitt in Betracht zieht — fast niemals billigere Preise für den Consnmentcn. Unter den Dctaillistcn besteht nicht etwa jederzeit ein Cartcll, sondern ein stillschweigendes Ucbcrcinkommen, die Preise zu behaupten, solange cS nur clnigcrmaßcn möglich ist. Was spenell die Fleischer betrifft, sei die Lectüre von „Lcxis, Gewcrkvcrcine und Unternchmcrvcrbändc »i.Frankreich, Leipzig 1870" empfohlen, worin die Thajsache von p ri nc ip ie ller Bedeutung erzählt wird; daß in Paris die Vermehrung der Fleischer zu einer Preissteigerung führte und demnach gerade dasjenige möglich und geschehen ist, was Herr Zucker für undenkbar erklärt. Daß durch die Beschränkung der Fleischer auf eine gewisse Zahl der Cartcllbildung Vorschub geleistet wird, unterliegt gar keinem Zweifel. Ich glaube aber nicht, daß die Befürwortung einer solchen im Sinne des Zunftwesens aus meinem Aussätze entnommen werden kann. Allerdings erblicke ich die Hauptursache der Flcischthcuerung in der Ueberfüllung des Gewerbes. Herr Zucker gibt zu, daß der Bruttogewinn der Fleischhauer 30—40 Percent betrage, und dies kann wohl auch angesichts der vorgebrachten Zahlen nicht geleugnet werden, er meint jedoch, daß dieser Aufschlag mit Rücklicht auf die Betriebskosten gerechtfertigt sei. Das ist aber eine ganz unrichtige Argumentation. Es handelt sich nicht darum, ob der Aufschlag gerechtfertigt sei, vielmehr ist die Frage dahin zu formuliren. ob das consnmircnde Publicum den Aufschlag in drückender Weise cmpsinde und die Möglichkeit gegeben ist, dem llebcl abzuhelfen. DaS Blatt. Publicuni ist nicht für die Fleischhauer . vorhanden, sondern Letztere für das Publicum. Wenn inan daher erkennt, daß eine bedeutende Verminderung des Ausschlages und mithin ei» Siulcn der Preise, durch die Eliminirung überflüssiger Eristenzen. nüde'chadet der binrcichenden Versorgung, erzielt werde» kau», w liegt es im Interesse aller Nichtfleischhaucr, also der weitaus überwiegeusf» Majorität, den gewünschten Zustand herbeizuführcn. Daß sich die'-Fleischbauer 4,iezn nicht freiwillig verstehen.werde», ist ganz selbstverständlich. I» welcher Weise sie aber hiezu gezwungen werden . können, -luhich an einem anders» Orte („Wiener Tagblatt" vom LI. L ctob.T- ISO-I i ans geführt. Der Zug unserer Zeit geht eben ins «''roste: starker Umsatz, wenig Aufschlag. Dieser Entwicklungsproceß zeigt sich i.i allen -zweigen des Gewerbes und Handels, nur die Fleischhauer und Mitalieder einiger' verwandten ErwerbSkatcgoricn verstehen eS, das Altväterliche zu eouier viren Solange diese Verhältnisse andaucru. wird auch die stärkste Beschickung des ViehmarktcS eine wesentliche und dauernde Ver billigung des Fleisches nicht herbeifüliren. Dies ivird ein dann aesäslb.-zi. wenn die thatsüchliche Monopolstclluiig der Fleischer, etwa durch städtische Faktoren, gebrochen wird. Ganz richtig ist es dagegen, daß die' Schlachtung des Viehes am ProductiouSortc zur Verbilligung des Fleisches erheblich beitragen kann. ~ Hochachtungsvoll Robert Brill. (Ter Hall Breutano.) Tie brüske Behandlung und Verab schicdung, welche der bedeutendsten Lehrkraft sür Philosophie an unserer Universität wegen reiü privater Verhältnisse geworden, beschäftigt andauernd die regste Theilnahmc der Gebildeten iveil ül>er Wiens Gemarken hinaus. Daß man einen Gelehrten wie Franz Brentano bloß deshalb vom Katheder stößt, weil er früher Priester gewesen und näch Niederlegung des geistlichen Kleides sich in einer nach den Gesetzen seines Vaterlandes vollkommen legstiinc» Form verehelichte, ist zumal in, so gravirender Form selbst in Oesterreich noch nicht dagewesen. Herr, es/will Abend werden. Wir stehe» bereits unter, dem Niveau der gottseligen Concordatszeit: denn damals gab cs doch noch franke Seelen, welche unmuthig an den Ketten risse»? während nniere akademische Jugend, sonst so rasch bereit mit dem vorlauten Urtheilc, meist gleichgiltig der Auslieferung der wahren akademischen Freiheit an die Kutte zusieht. Hie Rliodus. hie salta' Die Prager Studenten legten ineiner für Mänistr würdigen und die Discipliii der Hochschule nicht verletzende» Weise Protest gegen die Preisgebnng der Wissenschaft ein, in Wiener „arischen" Stndcntenkreiscn scheint man »jhen der Verfassung von „Sufkarten" an Schönerer keine Zeit hiezu z» finden und obendrein die KalkSburqer Freunde der absoluten Antiscinitcrei nicht brüstireuzu wollen. Zudem war ja Professor Brentano's Frau eine — Jüdin. Sonach hat der Fall gar kein wissenschaftliches Interesse mehr.- Der hiesige Antisemiten-Moniteur hat zu dem Falle nur die eine Be nierknng: „Sb seine ^he mit bewirkte, das; Herr Brentano keine 'Prosessnr erhielt, wissen wir nicht, sollte eü aber der Fall sein, dann wünschten wir, daß dieses Princip in allen'Zweigen des öffentlichen Dienstes drist chgesUhrt würde." L hne Zweifel ist man in Wiener „arischen" Studentcnkreisen der gleichen Ansicht. Diese geistige Verrohung ist auch eine der vielen Segnungen des Antisemitismus. (Zur Haltllllst dcr Liberalen.) Man schreibt UNS ■: Tas Vorgehen der Liberalen in jüngster Zeit muß den Freund dcr liberalen Sache geradezu in Erstaunen setzen. Trotzdem die Vereinigte Deutsche Linke im österreichischen Abgeordnetenhaus« eine hervorragende Stellung ein-- nimmt, fungirl ein Dr. Eben hoch als Referent des permanenten GewerbeausschusscS, und sein Bericht über die Regierungsvorlage betreffs der Sonntagsruhe ist eine salbungsvoll gehaltene Predigt für die Sonntagshciliguug und für die Vcrchristlichung des StaatSivescirs. In Wiener Bezirken suchen unterdessen liberale Stadl und Gemeinde, räthe antisemitische Versammlungen auf, und inr XIII. Bezirke passirle eS ihüen neulich, daß ihre Bereitwilligkeit zur Unterstützung eines von antisemitischer Seite angeregten, ausnahmsweise ganz vernünftigen Vorschlages, betreffend die. Errichtung einer neuen Mittelschule, damit belohnt wurde, daß man sie gröblich insultirte. Manchmal gewinnt cö den Anschein, als ob der einzige liberale Mau», welcher im öffentlichen Leben Wiens zweckentsprechend und würdig vorgeht, dcr Statthalter Graf K ielnianscgg wäre. Auf einen von Döblinger Anti semiten gegen ihn veröffentlichten „offenen Brief", welcher die Ausschreibung der Landtags-Ersatzwahl im Bezirke Hernals-Tulln im Laufe von -vier Wochen forderte, da sonst zur — Selbsthilfe geschritten würde, ließ er ihnen in einem dcr Regierung nahestehenden Srganc eine gründliche Abfersigung zutheil werden. Es wurde ihnen klar dargelegr: wie sehr sie sich mit ihrer Feststellung einer Frist und ihrer Selbsthilfe.

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