Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 139 (2.12.1894)
- Date
- 1894-12-02
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441577--1659-4888096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
reite Freies Blatt. Nr. 139. obm aber ist et nicht übel zu nehmen, wenn er die Gegend nach jahrelanger Tbangleir veiläßt, um in einer geistig anregenderen Umgebung seine letzten Lfbc»»iahte in Nabe zu verbringen. — d — IBelobt.> ReichSdeütiche Antiicmitenblätter zollen Herrn v. Treitschke gzvpe, Lob, weil et ihn nick:, anekclt, fast in jede seiter Vorlesungen^» der Berliner Uluversilät einige Heyphrasen gegen Inden einzuflechte». Auch ein ,Fürst von I lsenburg-Wäch terSbach wird belobt, weil er feinem Dienstrerwnale den Auftrag ertbcilt bat, Juden den Zutritt in seinem Park zu verweigern. Wenn inner aniir'emitiicher Prinz in Wien einen Park besäße, koiinie er kein ähnliches Peibot erlassen, ohne bei nahen Perwandten seiner Gem.iläin in der Lcopoldstadt Anstoß zu erregen. Weichst Werth solchen aristokrati'dieii GesinnuiigSIMineii beizumessen, kann mau in rem Vorgehen de« weiland Graten La^anSkv eriehen. Derselbe hat ebenem über dem Eingang zu st-inem Schloßvatke in Ehieich eine Tafel anbringei; lasse» mit der Ausicbri't: „T-checken und Hunden ist der Eintritt Dcrl 'oten". Nachdem Graf Lolauokn labrelang auf unter'ediedlicheu deutschen Promnzbühnen als Schau- ' wieler gewirkt und einem weiblichen „Judenstämmling": der Frucht eine« Berbäliiiifse« mit einer Eollegi». dar Leben geschenkt halte, entdeckte er später sein lungt-ckcchnäieS Heiz, und da wurde aus der Tafel dag Wörichen „Tschechen" furch .Juden" erstlst. liniere« Wissen« lackten Tschechen und Juden über die'e Posse Eiiiem anderen böhmischen Eavalier, der eiste solche Warnungstasel vor seinem Gurren ausgestellt baue, erwiderte ein Jude, welcher da« Verbot überschritten und darüber unter Hinweis auf die Tafel zstr Rede gestellt worden trat: „Sie haben ja auch das Verbot nickt beachtet: astf der Tafel ist doch zu l.-n,: Jude» in,d Hundenist der Eintritt verboten.": m. bo. 'Wiedereine tcitdcnziösc Fälschung.) Tie „Staajsbürger-Zeitung" brachie einen Bericht über ein angebliche» Jahrbuch :der .Fllianoo israelite nni\. :sel!i>, um darau« Angriffe gegen das Iuhenthtzm herzuleiten. That- 'achlich aber trifiirt ei» »'olches Jahrbuch, wie eS nach der lSiaatsbürger-Zeitung" zum Schluffe de« indischen Kalenderjahres erschienen sein soll, überhaupt nicht. Tie Iahretberichie der Allianz beziehen ück auf da§ gewöhnliche Kalenderjahr: dee Berich: tür l>!»3 ist vor etwa fünf Monaten erschienen: derjenige für 1*9-1 überhaupt noch nicht. Ei» Vergleich des Jahresberichtes mit dem in der .. Staatsbürger Zeitung" miedergegebenen Bericht ergibt auch, daß letzterer durchweg erfunden ist. Von den meisten Darlegungen dieses apokryphen Berichie» findet fick in dem echten Berichte nicht das Geringste, und die in dem letztereii thaiiächlich besprochenen Angelegenheiten find ganz anders behandelt als in dem gefauchten Schriftstück. <Gi» Antiscmitcnblatt gegen die Verhimmelung Ezar Alexanders IH.) Tie Hamburger „D eu tich - na tio nale Warte" schreibt: .Bedauerlicherweise ist e« gerade ein deutscher antisemitisches Blatt geweie», das sonst gern den national,ui gern des Antisemitismus betont, da« die Verhimmelung der EzatS auf die Stube trieb Ti«,,D rutsche Resarm' in Hamburg emblödete fich nicht, dem zielbewußieu Förderer deS panilavistischen Gedanken«, einem Mann, der der Be dtängung <daS Anütemitenblatt gebraucht einen weit schärferen Ausdrucks des baltische» Teuischthum« völlig freie» Lauf ließ, einen ganzseitigen Nachruf mit einem dicken Trauerrand zu widmen! Ter Herausgeber, Herr Ä. Wald, rühmt fick noch denen und betont, daß die Reform daS einzige Blatt in Deutschland ff,, da«" einen Trauerrand gebracht habe. Siu wirklich deutsch-nationaler Mann batte fich denen geschämt! Und während in den baltischen Lstsecprovinzen dar Teulschtbum langsam verblutet, wagt e« die.Reform' zu schreiben: ,Wir wollen aber geloben, daß »n« der große lobte als leuchtendes Vorbild diene im .tämpke um die ungemischte Erhaltung unseres germanischen Stammes.- Klingt tat nicht wie grausamer Hohn >" Nein, das klingt nur echt antisemitisch. Auch lener.Gruppe von Antisemiten, die sich hypernational geberdet, liegt nichts so vbr am Herzen alS die Bedrückung von Juden, und sie opfert ihr gemeiniglich alle anderen Rücksichten. Die „Deutsch nationale Warte" bestätigt nur als Ausnahme die Regel. Feuilleton. j! Die iEöpfev(dbeibe. -n: cc-, C-buarb Kalke. i (IT. sZonsepung.) .Tr; 1 war tiav, die Nachtluft kalt. Es trieb ihn, sich ein w iiig zu '.K’jviuen. Er ging >n-eine Bierhalle und trank ein Glas .„Lage'.". Hicr war er bald der unfreiwillige Zuhitrer eines Gespräches, welches am N'achiartiich geführt wurde und ihn umsomehr intexessirte, als es :i:i T Heina betraf, mit dem er selbst sich schon vor Jahren in intinlsl-c Weise beschäftigt Halle, nämlich die Wahl deS Berufes und die Freiheit in dieser Wahl Ta hörte er Ansichten und Behauptungen vertheidtgen und angreifen, welche die zarteste und empsindlichste Seite ''einer Deele berührten, und es hielt ihn fest am Orte; es ließ ihn nicht fort, so daß Mitternacht bereits vorüber war, als er endlich das Local verließ. Sogleich suchte sein Auge wieder den Wagen. Aber wie erstaunte er, da er diesen an einem ganz anderen Orte fand, als wo er ihn vor einiger Zeit gesehen hatte. Wieder zog dr durch die zwei Hinterräder die vorgcschriebene Verlängerung, und siche da, er stieß genau wieder auf denselben Stern, in welchem er früher den Polarstern vermuthet hatte. Nun war kein Zweifel mehr; er hatte den Polarstern gefunden. Aber wie ist cs mit dem Wagtn? Warum war dieser von seinem Platze verschoben? Er las darübi!r nach und schalt sich thöricht, daß er sich über diese Verschiebung verwundern konnte. Daß sich die Sonne deS TageS über an verschiedetien Puntten des Himmels befindet, daß sie des Morgens im Osten aufgeht, des Mittags hoch im Süden steht und des Abends im Westen untergeht, das' habe ich seit meiner Kindheit alle Tag'gesehen, und! cs hat mich nicht gewundert, und hier bei dem Wagen ist ja dasselbe^ Und ohne'alle Schwierigkeit fand er nun in der scheinbaren Umdröhung deS ganzen Himmels um die Erde die natürliche Erklärung für die verschiedene Stellung des Sternbildes zu verschiedener Zeit. Ei ging daran, sich den Vorgang durch eine Zeichnung zu veranschauliä ctt. Er nahm ein Blatt Papier. In diesem Augenblicke, da er begann die Zeichnung zu entwerfen, hatte er auch die Auflösung einer änderet Frage gefunden; es wurde ihm plötzlich klar, weshalb auf seiner Ster akarte der Nordpol in der Mitte des Blattes angegeben sei; denn ohne sich lange zn besinnen, hatte er selbst auch auf seinem Blatte dem Polarstern einen Platz angewiesen, der ihn zum Mittelpunkte eines Kreises machte. Er hatte es instinctiv gefühlt und rasch darauf mit klorem Verstände erfaßt, daß sich der Vorgang auf keine andere Weile darstcllen laste. Um den Polarstern, als um den.gemeinschaftlichen Mittelpunkt, zog cr nun sieben concentrische Kreise, den Abständen der s eben Sterne vom Polarstern entsprechend. Hier bezeichnete er durch j einen Punkt auf jeder der sieben Peripherien den Stand des Slcrnb ldcs für eine bestimmte Zeit. Wenn nun, so sagte er sich, diese sieben Sterne in ihren Abständen von dem Polarstern ihren Kreil lauf vollziehen, so läßt sich der Stand des Sternbildes für jede belieb ge Zeit leicht angeben. Er zeichnete zunächst nach Drehungen von nmnzig Graden vier Hauptstelluugen: rechts und links und oberhalb und unterhalb des Polarsterns, und nun hatte er die Sache in seiner (lewalt, derart, daß er am salzenden Abende beim Anblick des Großen Bären schon vollkommen imstande war, mit Genauigkeit vorher zu bestimmen, wo er nach Verlauf einer gegebenen Zeit das Sternbild cm Himmel'finden werde. Um sich von dem Eintreffen seiner Vorausbest mmung zu überzeugen, mußte er einige Zeit verstreichen lasten. Di:s konnte sehr gut wieder, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu vwbindcn, bei einem Glas Bier geschehen, und so begab er sich in ein lGasthaus, um den Verlauf der Zeit, die er sich festgesetzt hatte, abzuwarten. Als er dann aus dem Wirthshaus hcrauskam und den Stand des Sternbildes mit seiner Vorherbestimmung im Einklang fand, water voll Freude und Begeisterung, Es beherrschte ihn der Gedanke, daß nur da währe Wiffenschaft sei, wo man imstarde ist, init Gewißheit vorauszusagen, was eintrcten wird. Wo man nichts mit Gewiß heit vorhcrbestimmen, nichts Voraussagen kann, da st vielleicht Wiste» möglich, Gelehrsamkeit, aber keine Wistenschafl. Er hatte diesen Gedanken vielleicht etwas zu laut gedacht, denn er erregte die Aufmerksamkeit einiger Passanten, die mit ihrem Urtheilc über ihn gleich fertig waren: „Dös is a Sterrgucker," sagte der Eine, „A Narr is cs!" sagte der Andere, und sie lachten Alle tttt bändig, indem sie weiter gingen. Sie wußten nichts von dem Glück in seinem Herzen, so wenig wie die alte Köchin,!iie dem Studenten seit so vielen Jahren herzlich zugethan war und nichts auf ihn kommen ließ, jetzt aber über die neue Lebensart, der er sich^ hingab, bedenklich den Kopf schüttelte. j In der Familie, bei der MoseS wohnte, hatch er bisher als ein solider junger Mann gegolten. An den Zechgelagen! wie sie bei St» denten üblich sind, hatte er keinen Antheil genommen. Durch feine Abneigung gegen die Juristerei wäre er leicht so Manchem zur Zielscheibe des Spottes geworden, und ein Eonflict mtt dem Einen oder Anderen wäre vielleicht die Folge gewesen. So haste er sich gewöhnt, die Abende zu Hause auf seiner Studirskube zuzubr^ngen. Beim Hausmeister war er aus diesem Grunde nicht gerade sehr angesehen, desto mehr aber galt er bei den HauSleuten und gan! besonders bei der alten Köchin, welche fest und steif behauptete, daß es einen solchen Studenten wie Moses noch nicht gegeben habe, seitdem Wien steht. Das Alles war nun mit einemmale anders geworden. In der Achtung deS Hausmeisters, der nun Tag für Tag seinen Sperrsechser von ihm erhielt, war er sehr gestiegen; aberj die gute Meinung der schlichten Hausleute, bei denen er bisher in so j gutem Ansehen gc