Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 139 (2.12.1894)
- Date
- 1894-12-02
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 139. Freies Blatt. Leite 7. Ordner nahmen sie fest, woraus dieselben tüchtig durchgeprügell und schließlich der Polizei übergeben wurde». Die Verhafteten, Georg L o g e m a » n , Joses Kaufmann und Franz Weiß, wurde» wegen uudefugler Verbreitung von Druckschriften zur Verantwortung gezogen und in einer vorige Woche vor dein Bezirksgerichte Alsergrund durchgesührten Verhandlnng zu je 24 Stünden Arrestverurtheilt. Sie schilderten, wie barbarisch sie mißhandelt wurde», und behaupteten, die Medaillon« von einem „Unbekannie»" erhalte» zu habe». Die beiden Erstgenannten erklärte» sich mit dein Urtheil einverstanden, Weiß ineldere die Berufung an. sWrihuachtril uahen!, Wie alljährlich um diese Zeit fand lchten Sonntag beim „goldenen Luchsen" eine Versammlung „christlicher" Fraue» statt. In derselben sprachen die Herren Prinz Liech len st ei», Dr. ttupta und einige wirkliche Frauen; daS Ganze aber lief daraus., hinaus, jüdische» Geschäftsleuten daS WeihuachtSgeschäst zu stören. (Tie Abrechnung ist schlecht ausgksallkit.) Tie vom Währinger Bezirks. auSschuß Lern er zur Abrechnung mit dem BezirkSvorsteher Bau mann einberufene Versammlung ist nicht so auSgesallen, wie dies die Christlich Sociale» gewünscht hatten. Einem Berichte de« Bergaui-Blatles über den Verlaus dieser Versammlung ist zu entnehmen: Abgeordneter Dr. Lueger betonte die Rothwcndigkeit der Einigkeit der antisemitischen Fractione», denn bei einer Uneinigkeit freuen sich nur die Gegner. Ho freuen "sich jetzt auch zwei Elcuienlc in Währing, die „Judenliberalen" und Herr Fraßt. E» sei die Ausgabe der Versammlung, Ordnung zu mache,i u»d ruhig z» tadeln, ivo etwas zu ladclu ist. ES sei die Pflicht jedechristlichen Vertreters gewesen, bei der letzte» ArmenrachSwahl z» erscheinen, ohne Rücksicht aus persönliche Gefühle. Es sei daher von zwei christlich.sociale» Bezirksausschüssen, die nicht zur Wahl gckomineu sind, ein Fehler begangen worden. Ta« Beste sei, die« einzusehe» n»d in Hinkunft solche Fehler z» vermeide». Bezirksausschuß Spitscha» stellie hieraus den Antrag, e« möge den Herren Palka und Kerner die Mißbilligung aus gedrückt werden. Bezirksausschuß Stern er erklärte, er habe sich von der Wahl ierngehalte», weil sei» College Palka beleidigt wurde, er sehe aber jetzt seinen Fehler ein. Abgeordneter Schneider machte zunächst aufine>k>am, daß zwei entschiedene „Judenlibcrale" anwescnd seien, woraus dicie hinausgewiescn wurde». Schneider erklärte weiter« li» Raine» des Herr» Palla, daß dieser ebensalls ieinen Fehler einsehe, und ersuchte alle Aiitiseinite» Währings, in Hinknnst znsainmcnzuhalten. Abgeordneter Tr. Lueger mahnte noch einmal zur Persöhuuiig und bat Herrn Spitschan, seine» Antrag zurückzuzieheu. Bezirk«»»«- ich,iß Sicrner widerrief, was er gegen den BezirkSvorsteher Bauinckn» veröffentlicht hatte. Bezirksausschuß Spitscha» zog dann seine,> Antrag zurück. Gemeinderalh Tr. Räder aber erklärte,. sei» politische« Ehrgefühl sei ihm mehr werlh als die Einigkeit. Er wolle mit Palka und Slerncr nicht« mehr gemein habe». Abgeordneter Tr. Lueger bemerkte hierauf, wen» in dieser Art sortgefahren werde, so verliere er beinahe die Hoffnung auf eine» Sieg de« christlichen Volkes. BezirkSvorsteher.Baumann erklärte, cs handle sich eigentlich um seine Person, da man ihn enlsernen wolle, weil er ein Tcutscher sei. Jeder, der aber in unserei» Bezirke nicht deutsch ist, sei ei» Verrälhcr. Tr. Lueger thal nun, was er auch im Raihhause thut, wenn er sich nicht and.-rS zu helfen weiß, und verließ mit dem größlen Theil seiner Anhänger den Saal, i„ welchem ein lärmender Streit zwilchen den beiden Parteien wüthete Baumann und sein Anhang behaupteten das Schlachtfeld. (Heimlich unterstützt.) Tie christlich-sociale Agitation des Herrn AmbrosinS Spitz 4» Nordböhmen wird, wie ei» social-demokratische« Blatt, welche», deutsch fortschrittliche Bestrcblingen besonders inißsallcn. schadenfroh constalirt, von de» „Deutsch.Ralioualcn" und der „GeuoffenschaslSpartei" heimlich nnrerstüyt. Es sei, meint daS erwähnte Blatt, dieser Bewegung zwar verteufelt wenig Werth beizulege», aber sie schädige doch die Liberalen Und angle eine Anzahl Sileingewcrblcr und Bauern. Daß die heimlichen Gönner der Opitz'sckie» Agiiatio» öffentlich von ihr nichlS wiffc» wollen, zeigt iinmerhi» eine» Restvon — Schamgefühl. r. (Bo» den Socialitärcu.) Vor wenigen Tage» hielt der „,'ocialitäre Bund" in Bert » eine Versammlung ab. Aus der TageSordilung stand da« Thema: „Die social-demokratischen Parteipsaffcn Engel« und Bebel und freiheitliche Socialisten". Friedrich Engel« hat i„ einer Schrift Dühring al» „unzurechnungsfähig aus Größenwahn" bezeichnet; die Socialitüre», welche belannllich Dühring al« unfehlbar anerkennen, schimpften dafür weidlich aus Engels. (Jskraut in Hannover.) Die Antisemiten i» Hannover lasten sich durch kleine Unfälle, wie die neuliche Verurtheilnng de« Herrn Rethwisch. Re dacreur« der „Hannover scheu Post", wegen Beschimpfung einer staatlich anerkannten ReligionSgesellschast zu vierzehn Tagen Gesängniß, nicht beirre» und letzen mit wenig Verstand, aber mit umso größerem Eifer die Ausführung de« Programmes der Verhetzung und Verleumdung fort. Sie haben sich wieder den Pastor Jskraut aus Gohfeld verschrieben, der in mehreren Ortschaften SüdhannoverS gegen da« übliche Eintrittsgeld mit antisemitischen VolkSbeglücknugSreden auftrat. Nur Lumpe sind bescheiden — sagt der Dichter; Herr Jskraut aber ist höchst anmaßend, denn »ach einem unS vorliegende» Berichte über ' seine jüngsten Wanderfahrten vermißt er sich, durch seine Vorträge dahin zu wirken, daß kein einziger liberaler Abgeordneter bei einer künftigen Wahl i» Hannover wieder gewählt wplden soll Tas ,st um so dreister, al« die Vor iragSkittift deS Herrn Pastor« nichts weniger als glänz»,id ist und ihn, überdies die Social Teinokraien, ans welche er eininal die unier iciuer Führung siebciiden Bauern gehetzt dal, überall den Bode» sehr Heist nnnli'n. Aus antisemitischen Blattern. lWeiil gebürt die i.RrichSposl'! < Tie „Politische» Fragmc» ,e" setzcn Herr» Svitzer-Weimar hart zu. Abgei'ebcii davon, daß sie diesen. Ge schästSanlisemiten sorlwähr»nd seine jüdische Abftannnung Vorhalle», stören sie durch unbeqneine Frage» „Ud Warnungen seine Jirt-l. In ihrer jüngsten Nummer schreibe» die „Poliiifchen Fragiüeuie": „LLein gehör, die .Reichspost? Wir behaupten, die .Reichspostgehört Herrn Anivn Spitzer Weimar. Herr Prälai ProfefforTr. Schindler behaupte«, sie gehört den, am Linzer Katholiken tage gewählien Preßcomilö . . . Wenn »ich, Herr'Spitzer-Weimar,, ioudeln das am Linzer Katholikentag gewählte Pießcomiw Eigenisuimer der .ReichSpostist, wie kommt es dann, daß Herr Spitzer Weimar seil ungefähr drei Monaien auch al« Verleger ^a»> Blatte erscheint, während er die el ften Monaie nur als Heraus geber sungirte? — Tas Preßgefetz keuiit nur den Herausgeber': die Staats, anwallichaft und Preßpolizei brauche» leinen Verleger. Ter Verleger ist die civilrechtliche Person eine« ZeitnngsuntkriiehineiiS, er ist der Zciiüngseigeuthüme,. Wenn Herr Prälat Professor Tr. Schindler daS nicht iveiß, möge er sich niir bei einem Juristen an'iagen. Taß sich Herr Spitzer Weiinat seine .Reichspostvon dem am Linzer Katholikentag gewählte» Preßcomilö gerne iubveiilioniren. läßt, bezweifeln wir teilten Augenblick, und >o lange das Blatt »nbvcniions bedürftig ist, ivird es auch die Politik de» Linzer Staiholikentages veile eie». Es kann aber auch die Zeit komnie», wo die .Reichspost' aut eigenen Füßen steht. Für diesen Fall wäre eS doch besser, wenn das Blatt dem am Linzer Katholikenläge gewählien Preßcamilö gehören winde" Tie „Poliiiicheii Fiagmenir" scheinen zu besorgen, die ,.Reichspost" könnte. ivenn'sie einmal ans eigenen Füße» stünde, »och ei» Srgan zur Wahrung der Jniercst'en des Judenihnins werden Tie Besorgnisse, welche der Coucurreüzueid ini Lager der anliseimtischeu Presse Hervorrust, sind wahrlich interessant und lehrreich. «Gilt Sträfling als Mitarbkitcr > Ter cbemalige VersicheriingSagent und Herausgeber eines AffecnranzblatteS. Hermann Edgar Gei der, der aniijeniltifchc» Abgeordneten alS Gewährsmann für eine parlamentarische Aclioii gedient haue und wegen Betruges und Erpressung zu achtmonallichei» schivereir Kerker ver. urlhcilt worden war, ist wegen diSciplinarividrigen BencKinenS aus dein Landes girichle in Wien in die Sirafaiistalt Stein gebracht worden Geider war, wie viele hiezu fähige Sträflinge, zu Schreibarbeilti« verwendet worden. In der Verwaliungslanzlei de« LandeSgerichic» haue er Gelegenheit, Einblick in ver schiedene Agenden im GerichtSgebäude zu gewinnen. Er vexwertkeie seine Er sahtungen zu Berichicn, die er heimlich an anliiemilische Blätter »endete. Sein Beneliinen fiel de» ZcUengeiioffen aus, . die endlich, um nicht als Millchnldige zu gelten, die Anzeige erstatte:»». Geider wurde nun einer Lcibesvisilalion unterzogen, die so viel BeweiSinaterial für diese geheime Berichterstattung licserie. daß er, nachdem als Tisciplniarstrase ein 4-jstündfger Tunkelarrest über ihn ver hängt worden ivar, »ach Stein escortirl wurde, wo ihm die Gelegcnbejt zur Foliietzung »einer Thätigkeil benvininen 'werden »oll. ' ' - ■ ltrink Großthat > Man schreibt UNS: In dem Orte H. lebte seit Jahren der von dort gebürtige l*r. med. St., ein allgemein beliebter Arzt, welches während seiner Sludien in Wien besonder« die Ausmerliainkcil de« Proiessors Brücke aus sich gcfeukl hatte. Er war weit und breil beliebt und wurde häufig zu Consilien bernse». In seiner Eigcnichasl alS Bahnarzl folgte er jedem Ruse soforl, ohne den. »ächsle» Zug adzuwarlen, »nd beuützle hiebei die eigenen Pferde. Der ganzen Gegend und dem benachbarten Grenzgebiete laut der Segen seiner Thätigkeil zugute. Trotz seiner ansgebrcilelen Praxis war er in der äxmsten Hülle ebenso rasch wie i» der Villa des Fabriksherrn; kurz, man war deS LobeS voll. Jn.i Jahre lSiKJ haue er einem armen sisinde eine» Ghps verband angelegt und den Auftrag gegeben, sobald Schnterzcn ejntrclcn, .ihn sofort holen zu lasse». Tie Elte»» versäumten dies; als er von selbst kam, fand er, daß man Alles ausbiettil müsse, daS .'lind zu. rette», wa« auch geschah, jedoch mit Verlust eines Annes. Sofort begehrte Tr. St, das Unheil seiner College» zu hören, welche einstinimig erklärten, de» Arzt treffe in diesem Falle keine Schuld. Ein clerieal anlisemilischeS Blatt bemächtigte sich der Sache und spielte sich, wie gcivöhnlich, aus den Freund de« kleinen Mannes hinaus, cigem lich war ihm nur um den Scandal zu lhuil, denn Dr. St. ist Jude, und zwar ein allgeniein geachteter, hochgebildeter Förderer der Jntereffen seiner Ge meinde. Tie niederlrächiigen Angriffe veranlaßten Dr. St., seine Stellung al« Bahnarzt auszugebcn und nach Wien zu übersiedckn, wo er bei dem jüngsten Ratursorschercongresse eine hervorragende Rolle spielte. Hat nun, wir srngen jede» Objeeliven, da« antisemitische Blatt seinen Zweck erreicht, indem es der ganzen Gegend einen Wohlthätcr nahm, welcher so manche« Menschenleben ge rettet V Wir glaube», in diesem Falle wird die Wahl nicht schwer sein zwischen Jude und Christ. Dip ölericalen Ehrabschneider und antisemitische» Hetzer jener Gegend habe» jetzt cbenjoviele Feinde, al« Tr. St. dankbare Patienten gehabt