Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 139 (2.12.1894)
- Date
- 1894-12-02
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 139. ■t v Freie» Blatt. Seite 9. standen, und besonders der alten Köchin, die ihn gegen Jedermann so herauSgestrichen, war erschüttert. Man wußte cS sich nicht zu erklären, weshalb er jetzt niemals vor Mitternacht, manchmal noch viel später nach Hause komme. Er muß in eine liederliche Gesellschaft gcrathcn sein; dies war die naheliegende Erklärung der so ausfallenden Ver änderung. Der Quarticrherr, der in früheren Jahren über ihn die Aufsicht geführt hatte, hielt cs nicht mehr an der Zeit, ein solches Recht noch weiter anszuüben, geschweige denn dem jungen Manne direct einen Vorwurf zu machen. MoseS war ja bereits ein erwachsener Mensch, der über sein Komme» und Gehen Nicuiandein Rechenschaft zu geben hatte, und der Herr Rosenthal, dem der O-uartiergcber Mitthcilung davon gemacht, schien die Sache gar nicht tragisch zu nehmen, indem er meinte, eS liege nichts daran, wenn ein junger Mensch das Nebelt genieße und sich ein bischen austobe. Moses selbst war eS nicht eingefallen, für sein nächtliches Ausbleiben einen Grund anzugcbcn; den wahre» Grund hätte man für die albernste Ausflucht gehalten. Die Leute wußten ja. daß er Jus studire. WaS geht einen Juristen der gestirnte Himmel an? Hat man eS je gehört, daß ein Jurist halbe Rächte damit zubringe, die Sterne anzuschaucn? Moses war übrigens viel zu naiv, um die Veränderung, welche in den Köpfen seiner Hauslcute sich vollzogen hatte, zu bemerken. .Er schwieg; seine Hausleute schwiegen auch und machten sich ihre Gedanken. Wien bietet allerdings der Reizmittel genug, welche imstande sind, einen jungen Mann während der Nachtstunden zu fesseln. Die Frage war nur, was der Vater dazu sagen wird, wenn er cs einmal erfahren sollte. Unbekümmert um solche Bcsorgnisic ging Möses regelmäßig ans,, so wie es Nacht geworden war und kam inuncr wieder spät nach Hause. Wie hätte dies auch anders fei» können? Am Himmel gab cs noch mehr Sternbilder onzuschaue», und er wollte sie alle kennen lernen. Er las in seinem Buche von dem schönen Slcrnbilde Orion und hatte ein beschämendes Gefühl, da diese Lectürc ihn belehrte, daß da- Sternbild Orion ei» allgemein bekanntes sei. Er mußlc sich gestehen, daß dieses allgemein bekannte Sternbild ihm selbst nicht bekannt sei. Er suchte des Abends den ganzen südlichen Himmel durch, war aber nicht imstande cS aufzusindcn. . Das war nicht so leicht, wie beim Großen Bären. Der Große Bär gehört zu de» Eircumpolarstcrnen und ist immerfort am Himmel sichtbar; der Orion nicht-, dieses StcrnUjld geht auf und unter. Ter Orion war eben »och nicht aufgeganäen. Das wußte MoseS nicht. ES verstimmte ihn. In solcher Lage htältcrle er immer wieder in den früheren Partien des BuchcS, um den gewünschten Aufschluß zu finden. Da gelangte er denn durch das aufmerksame Anschauen der Abbildung des- HiinniclsglobuS zu der Entdeckung, daß er mit Hilfe eines solchen Apparates Aufschlüsse erhalten könnte, welche die Sternkarte nicht zu bieten vermag. Am anderen Tage stand der Himmelsglobus in seinem Zimmer. Tie Hauslcute machten verdutzte, Gesichter, als man das Ungcthüm hcreinbrachtc; Moses aber halte jetzt das Mittel in der Hand, jedes Sternbild am Himmel ausznsindcn. Mit großer Aufmerksamkeit las er das Eapitcl über den Gebrauch dcS Himmelsglobus und befolgte genau die für dessen Handhabung gegebenen Vorschriften. Er richtete sich den GlobuS dergestalt, daß die Axe desselben mit derHtininelSaxc zusammcnsicl, und so wie er nun von dem Polarstern auf seinem Globus »nr die Verlängerung »ach dem Himnicl zu ziehen hatte, »m auf den Polarstern am Himmel zu treffen, so konnte er nach derselben Methode jeden andere» Stern am Himnicl finde». Der Globus mußte für die Durchführung nur richtig eingestellt sein. Demgemäß fiel cS ihm an den folgenden Abenden nicht mehr schwer, den Orion auf der Südseite des Himmels zu entdecken, und von diesem Stcriibilde aus fand er aich bald den hell strahlenden Sirius sowie die Zwillinge, Kastor und Pollux, die ihm vom Gymnasium her bloß aus der Mythologie bekannt waren; er fand nach und nach die Kassiopeia, die Leier, den Schwan, kurz er lernte allmälig die wichtigsten Sternbilds kennen und machte im Verlaufe der Zeit so riesige Fortschritte, daß er sich am gestirnten Himnicl so zurecht fand, wie in den Gasten und Straßen d r Kaiser stadt. Die ganze Umdrehung des Himmelsgewölbes, die scheinbaren wie die wirklichen Bewegungen der Himniclskörpcr, das Alles war ihm vollkommen deutlich und klar, und er fühlte sich glücklich in dieser Erkcnntniß. Er beschränkte sich jetzt auch nicht mehr aus Littrow, sondern las und studirte auch auch andere Werke, und ganz besonders beglückte ihn die Abhandlung von Kant über die „Naturgeschichte des Himmels". Wenn irgend etwas iinslandc war, dieses Glück zu trüben, so war cs der Gedanke, daß er dem Vater gegenüber nicht seine Psticht erfülle und das der Mutter gegebene Versprechen nicht halte. Dieser Gedanke war peinlich und warf einen düsteren Schalten in seine sonst so helle DascinSfreude. Aber, so stark war sein Erkenntnißdrang, diese Schatte» schwanden immer mit jeder neuen Wahrheit, die seine wiffensdurstigc Seele in sich 'cingcsogen. Es erfüllte sein Gcmüth mit einer unbeschreiblichen Wärme, als er las, daß der chinesische Kaisers,'cyu- Kong in dem Jahre 1100 vor dem Anfänge der christlichen Zeilrcchnnng, also zur Zeit, da Kodros in Athen und David in Jndäa lebten, die Höhe der Sonne in den beide» Solstiticn mit einem Gnon an beobachtet habe. „Ist cs nicht eine Schande," sagte er sich, „daß vor dreitausend Jahren schon ein chinesischer Kaiser imstande war, di- Polhöhe von Honan-Fn zu bestimmen, wahrend in Europa heute noch tausende von gebildeten Menschen leben, die nicht einmal, wiste», waS man unter der Polhöhc eines Ortes zu verstehen hat!" ' »Fortsetzung folgt.) Gin G1) =^Televi 1 lei)ci* Antisemit von 1741. Welche Stümper sind doch die sogenannten Christlich Socialen unserer Zeit in ihrem Streben, in der Lernichlung des Jndevthums den Urquell alle« Heile« zu suchen, gegenüber dem „A. A. 1,. L. et I’Lii«»soj.liia*> MattUtr». S S. Tlieologia« lia^ualaureo Format«, Kli.te Liborio Holilik, Bsarrcr und Land-Dechant zu Groß Meserilsch ob dem Fluß DSlawa. im Atarlgtaflkmui Mähren". Dieser bochwürdige Dechant hatte nämlich eingesehcn, daß es um der „praktischen" Jndcubelehruug »na einsür allemal nichi/gelu „Ich hätte zwar," schreibt er in seinen zwei großen Büchern, die wir unten bespreche» werden, „von Grund ineincr Seelen diese Mühe ans mich genoinmen. und denen Groß-Meseril'chern hartnäckigcis Inden in der Juden-Schnl alle-SchabeS von GlaubenS-Lachen gepredigt, und mit ihnen von der Wahrheit de« Hatholi schcn, und von der Falschheit de« Jetzigen Jüdischen Glauben«, di«pntierl, die weilen aber dieselben dieses nicht zttgelasien, und ich keine Mittel dieie« zu er langen gesnnden. Also habe ich mich entschlossen, au« einer wahren Christlichen Liebe dieses gegenwärtige Buch in Druck zu geben, an« welchem inan lda sich die Gelegenheit ereignen thäte) denen Hal«ftarrigen Juden wird können, ohne bc. sonderer Müh.e die Wahrheit des Catholischcn Glauben« Vorbringen, und die Dalinudische abscheuliche und lügenhaste Fabeln vernichten: Reinlich den Mängel ersetzen, und den Überslüß benehmen, oder wenigsten« mindern." Wieso der Groß Meseiiti'chcr Antisemit dazu kam, ein zwei große Folianten utnsassendkS Werk in die Welt zu setzen, erzikhll er de« Rähcren in salzender Weise: „Dann ich habe selbstei, erfahren, wie viel c« nntzet mit Inden von Glanbens-Sachen zu handeln: Massen da ich mit einem gewissen Rabbiner von Glaubens-Sackien gestritten, hat er mir gesagt: Wann wir tJuden» auch die Zeichen am Himtnel sehen thäten, so börsten wir anderst nicht glauben; Da ich aber mit ihme ein andersmadl stritte, und ihm vorwurste, daß bisher« stzider Christc Ankunst, in keinem anderen Glauben ' keine Wunder geschehen, al^ in dem Christlichen Catholischcn Glauben allein, so sagte er: Ja wenn nlir ein solches Wunder sehen niöchten. Da kan ein jediveder gerechter Catholischer Christ sehen, wie der hartnäckige Rabbiner mich der paarmahliche» Disputation ist er wrichete tvordcn; indetne er schon zu hem Catholiichen Glauben entschlossen ivar, wann er nur ein ordinari Wunder gesehen hätte, den. doch anfänglich auch dir Zeichen vom Himmel nicht hätten bekehren lötitie». Rach der ersten aber ad ieitigen Disputation habe ich ihn in seinem S.uartier an cittcin SchabeS hkimgejucht, da eine graste Menge, jung und alte Juden mich anznhören kommen scynd, ohne, daß sie der Rabbiner ve,hindert hätte. Da ich aber tvicdernm an dem ander» SchabeS zu ihm lomnten bin, hat er keinen Inden tu da« Zimmer emgehen lasten wollen; und da ich schon von ihme gehen wollte, und bi« drey, ungesähr dreißigjährige, Juden in da« Zimmer ein drnngen, hat er mich mit sanfter. Stimme gebcttc», ich wolle vor det.en jungen Lcttien, solche Lachen nicht reden, sie könnten. Weiter wolle er im seiner Bitt nicht sortjahren, damit er ihneir selbst den Scrupel nicht erregte." Außer diesem rein äußerlichen Momente veranlaßte noch den hochwürdigen Herrn ein ideale« zur Herausgabe der zwei dickleidtge» Folianleu. Cr sagz,: „Die Inden haben von etneui gar zu viel, und von dem andern gar zu wenig." Lctzterc« ist „der Mangel der Chriftltchcn Catholischcn Lehr"erstere» aber scynd ihre Talmudische GotleS lästerliche Fabeln, und greuliche Beschimpsutigcn deS wahren Meßiä Christ, Jesu, wie auch seiner Jnngsräulichen Mutter Mariae, und schändliche Berlennibdungen aller Christen."' „Tahero," plaidirt der Groß-Meseritichcr Antisemit, „wäre e^ anr bcsten, »van» tbnen (den Juden» solche lästerliche Talmudische Bücher alle verbrannt wurden, vermög de« brtstsammen Raths des eyssrigen Christen und vormahligcn gelehrten 'Inden JoanniS Psesterkorn, damit die Jüdische Jugend keine Gelegenheit habe solche verkehrte Lehr zu erlernen." An dieser Radicalcur scheint der hochwürdtge Dechant doch selbst zu verzweifeln, indem er. sagt: „Diese« kommet noch allhier zu erinnern, daß die Jüdische Lehr bcy allen Jude«, und in asten Jüdischen Büchern nichs übereinstimmt, sondern ein jeder glaubt wa» er will. Dahero muß man sich daran nicht kehren, wann sich mancher Jud in einer mündlichen Dirputalion nicht wird wollen zu etwelchen Lehr-Stücken de« Jüdischen Glauben« bekennen."