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Freies Blatt · 1894-12-02 · 139 (2.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
139 (2.12.1894)
Date
1894-12-02
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Nr. 13!'. Seite 6. .freies Blatt. Kosten Anderer soll ihr nicht geholfen werden.. Tie Forderung des Anträge- Kanitz, einen Mindestpreis für das Getreide staatlich festznsetzen, ist gemeingefährlich, revolutionär. Au« anderen Erwerbszweigen geht cS schlecht, und mit demselben Rechte könnten auch Tischler, Schneider, Schuster und Arbeiter das gleiche Ansinnen auf Mindestpreise stellen. Lohin soll das führen? Und was nützt uns daS viele Geld, wenn wir eS auf der anderen Seite gleich wieder auSgeben müsien? Meine Herren, ich bin Bauer, es wäre mir nicht unlieb, wenn ich für meinen Roggen einen hötheren Preis bekäme,; aber ich bin zu vornehm, zu stolz, zu adelig, meine Stellung als Abgeordneter für meine Sonderintercffcn auszunützen und zu mißbrauchen. Ich will kein Abgeordneter zweiter Elaste sein, ich bin Vertretet des ganzen Volkes, wie es die Reichsverfastung^ fordert. Ich habe das Gefühl und ich werde es nicht los, um die 5 Mark allein handelte es sich nicht, eS ging auf den Stur^ des Reichskanzlers Grafen Caprivi; das war auch die allgemeine Austastung hinter den Eoulistcn des Reichstages. Im Jahre 189Ü stand der Wispel Roggen auf 240 Mark, und cingeführk wurde» 23—24 Millionen LiSpel, 1*','2 siel der Preis auf 120 Mark, obwohl nur zwei bis drei Millionen HiSpel aus dem Auslande kamen. Das ist ein klarer Beweis: Tie Ernte macht den Preis. Wenn ihn 23 Millionen nicht zu verringern vermögen, dann können' es deren zwei erst recht nicht. WaS unS aber fehlt, müsten wir uns von draußen holen, mit und ohne russische Mauer, diesen Roggen kriegen wir doch. Deutschland ist oben und unten osten, denken Sie etwa, der Rüste sindet den Weg zur Ser nicht? Ter 'Häuptling der Agrarier, Herr v. Plötz, hat immer versucht, die Sache auf den .kleinen Bauer" abzulcnkcn, bis er sich doch mal verplapperte und von seiner Grundrente zu reden ansing. Wir danken für Herrn v. Plötz und seine Genosten, wir haben bisher nicht gemerkt, daß die Eonservativen irgend etwas für, die Bauern gcrhan hätten, nein im Gegentheil. Als der preußische conservalive Minister Herrfurth die Landgemeinde-Ordnung einbrachte, gingen den Eonservativen die Augen über; ganz ablchncn konnten sie sie nicht, darum nergelten sie so lange daran, bis ihre besten'Thcile verschwunden und sie genug verschlechtert war. Wir werden als Bürger zweiter Elaste gehalten, die der Vormundschaft des Landrathes bedürfen, die Städte haben ihre volle Selbstverwaltung, wir nicht. Wir kennen es aber ebensogut, wir sind nicht zu dumm dazu. Aber die Herren wissen genau, daß es schlimm kommt, wenn das Landvolk zu Lenken anfängt: dann können sie ihrer Herrlichkeit zurufcn: .Gute Rächt". Roch immer haben wir kein brauchbares Wildschadengefctz. Will ich Entschädigung erhalten, muß ich mich an meine eigene Gemeinde wenden, eS entsteht Zwietracht und Haß, und schließlich muß ich zu meiner Entschädigung selber beilragen. — Diese treffliche Rede dürfte Herr v. Schönerer trotz seiner sonstigen Vorliebe für preußische Muster den „ostmärkische»" Bauern, bei denen er setzt sein Glück versuchen will, kaum mittheile». «Tie Juden in Ztalien.) Ter italienische Tcputirle Fürst B. OdeScalchi vcrösientlicht ein „Lettere sooiali" betiteltes Werk, in dem ein bedeutendes Capitcl dem Antisenritismus gewidmet ist. Fürst Odcscalchi bezeichnet denselben als absurd und erklärt, daß die Juden in den Einheitskämpfen Italiens eine rühmliche Rolle gespielt, svie auch viele unter ihnen die garibaldinksche Kricgsmedaille tragen oder, wie; der brave Rcitekofsicier und jetzige Abgeordnete Ulderico Levi, mit Ehren in der Armee dienten. Schließlich weist der Autor noch darauf hin, daß in die sämmtlichen Bankscandalc kein einziger israelitischer Raine versiochten war, und daß der Antisemitismus in Italien nicht die geringste Aussicht habe. — Aus Rom wird berichtet: In der Sitzung des Municipalrathes vom 27. November beantragte Mazza, daß zum Andenken an den in Rom. verstorbenen Triester Sichler Revere denen Büste am Pincio ausgestellt werde. Gnoli frc den Antrag, weil er einem alten Beschlüsse, das Andenken : : ..-:cr M inner erst mit dem fünfundzwanzigsten Jahre nach ihrem 7 durch Standbilder zu ehren, widerspreche. Ter Clericalc Cris- •„ iti m:i:itc, Rcvcrc als Jude - habe mit dir nationalen Frage, '...irt'- c;::t Antragsteller vorschwcbe, nichts zu chun. Tic Mitglieder e s Mulücipairakhcs und das Publicum proicstinen aber gegen diesen rnistemiiischen Ausfall am das Heftigste, und ein Vermittlungsantrag, aas Andenken Rcvcre's durch eine Tafel an seinem Sterbchausc zu lr n, wurde mit einer Zweidrittelmehrheit angewommen. Tie Blätter 'Ä'-Aben, es sei eine Schmach, daß der Antisemitismus in der Hauptstadt Italiens seine Stinitne erheben durste. Bon Czar Nikolaus II. ' Dem jungen Kaiser von'Rußland wird mit großer llebereinstimmung nachgerühmt, daß er den Juden freundlichere Gesinnungen hege als sein Borgätlger am Throne. Es fehlt aber auch nicht an vereinzelten Stimmen, welche bemüht sind, das Gegentheil zu beweisen. So lasten sich die „Rarodni Listy" aus Petersburg schreiben, daß, als bei der Leichenbegängnißordnung vom Ccremonienamte auch der Judendeputation in der Kathedrale ein Platz angewiesen wurde, der Ezar diese Verfügung durchstrich und mit Bleistift eine Stelle außerhalb der Kirche bezeichnete. Dabei soll er anißliebig bemerkt haben, eS wäre eine Profanirung des heiligen Ortes, wenn man Juden in eine christliche Kirche Einlaß gewährte, während daselbst die religiösen Andachten verrichtet würden. Besonders glaubwürdig klingt die Geschichte nach Allein, was' man vom Ezar Nicolaus II. gehört und gesehen, nicht. — Einer officiellen Petersburger Depesche zufolge ließ Ezar NicolauS den in Moskau lebenden Juden, welche ihm anläßlich deS Ablebens seine- Vaters durch die Großfürstin Sergius ihr Beileid ausgesprochen hatten, seinen herzlichen Dank auSdrücken. Daß sich die Juden in Moskau mit ihrer Beileidskundgebung nicht an den Generalgouverneur Großfürsten Sergius, sondern an desien Gemahlin gewendet, ist aus dem Verhalten, welchedieser Prinz ihnen gegenüber stets beobachtet hat, leicht zu erklären. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Schnabl und Frosch.) Aus der Landstraße fand am ‘M. November eine vom ehemals Mandl'schen Vereine .Fortschritt" einbecusene Wählerversammlnng statt, i» welcher der Führer der Christlich Sociale» sein Ceterum eenseo. iiungariam esse delendam vorbrachte, de» Handelsminister belobte und auch dem Bürgermeister Tr. Grübl da» Zengniß anSstellle, daß er mit der Opposition concilianter umgehe als der verstorbene Dr. Prix. Die Helden des Tages waren aber der Cooperator Schnabl und der liberale Gemeinderalh Frosch. Ersterer erstattete seinen Rechenschaslsbericht als Landlagsabgeordneter und thar zur Abwechslung gewaltig „deulsch-national". Dem Deutschen Schulvereine machte er zum Borwurse, daß er mit christlichem Beide jüdische Kinder unterrichten laste, und daß seine Leitung meist aus Großgrundbesitzer» bestehe, welche tschechische und slovakische Arbeiter in deutsche Gegenden bringen, um den Arbeitslohn der dortigen deutschen Arbeiter zu drücken. Solche salsche Angaben, die schon unzähligemale berichtigt wurden, sind der Lohn, de» die Bereinsleitunq sür ihre Zuvorkommenheit gegenüber den Antisemiten erntet. Ebenso großen Beifall wie der antisemitische Cooperator erzielte auch der liberale Gemeinderalh. welcher die Behauptung ausstellte, daß die schrosten Gegensätze in der Gemeinde Vertretung sich gemildert hätten, und den Wunsch hinzufügte, Liberale undAntiseniilen möchten Hand in Hand zum Wohle"WienS arbeiten. Den Intentionen seiner Mandanten hat Herr Frosch sicherlich nicht entsprochen, alS er die Sehn sucht »ach einer Cooperation mit den Antisemiten äußerte. Letztere begnügen sich nicht mit einer .Zurückstellung" liberaler P.incipien, sie verlangen deren Preisgebung und haben wohl in den vielleicht nur unüberlegten Worten d:s Herrn Frosch nichts Andere» erblickt als seine Bereitwilligkeit zur bedingungs losen Capikulaiion. sab. (Beleidigung der Gendarmerie.) Ter „Schriftleiter" ft. H. Wolf hielt in einem Antisemitenvereine aus Anlaß der Ostrauer Vorgänge eine Rede, in Folge deren er vom Landesgerichte wegen Beleidigung der Gendarmerie zu vierzehn Tagen Arrest» verurtheill wurde. (Haß und Liebe blenden.) Man schreibt uns aus dem X. Bezirke: Wie sehr Haß und Liebe blenden, zeigte der sonst schlaue Antijemitensührer Lueger in einer Versammlung, die kürzlich in Favoriten stattfaud. Er schilderte die Zustände Ungarns als so sündhaft, daß im Vergleiche inil denselben Sodom und Gomorrha als Stätten reinster Tugend erscheinen, wagte eS, den Monarchen zu opostrophiren: .Kaiser, werde hart!" und kündigte an,- daß, sür den Fall, als jenseits der Leitha kein ihm erwünschter Umschwung eintreten sollte, hier zulande der Ruf erschallen würde: „Los von Ungarn!" Herr Lueger, der sich in einen Haß gegen den Liberalismus hineingelebt hat, scheint gar nicht ge inerkl zu haben, daß sein Appell an den Kaiser, die liberalen Ungarn durä> Härte zu strafen, gelinde gesagt, ungeziemend war und daß seine Drohung »in dem Ruse nach einer Lösung des staatsrechtlichen BerhältniffeS zu Ungar» in ernste» politischen Kreisen nur Heiterkeit erwecken kann. AuS Haß hat Herr Lueger sich, au« Liebe aber eine» Anderen lächerlich gemacht. Er verlieh seinem theueren Freunde Schneider mit Nachsicht der Taxen den Titel eines „christ lichen Sclaven" und stellte das Schimpfen Uber Juden gleichsam als dessen Lebensaufgabe hin: die Inden aber verglich er mit den Athenern, an weläie sich einst ein persischer König tagtäglich durch einen Sclaven erinnern ließ. „Gott beschütze mich vor meine» Freunden!" — mag sich da Herr Schneider gedacht haben. (Brrgani's unangenehme Mahner.) Bei der Lueger-Feier in Meidling flogen, wie. seinerzeit gemeldet wurde, während' einer Rede B e r g a n i'S sehr viele Papiermedaillon« von der Galerie herab, auf denen die auS dem Lager der .Unverfälschten" herrührenden Mahnungen an Vergani, seine Ehrenschulden zu zahlen, sowie andere unangenehme Erinnerungen abgedruckt waren. Drei Personen, welche man dabei ertappt halte, erklärte map für Juden, und die

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