Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 139 (2.12.1894)
- Date
- 1894-12-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 139. Seite 3 Frei«, Blast. lieber die Bewucherung der Bauern. Ein 'Mitarbeiter aus Mecklenburg schrieb neulich in der von Heinrich Sohnrey — ehemals Chefredacteur der antisemitischen „Volksrundschau" — hcrausgegcbcncu Zeitschrift „Das L am d" folgendes über ländlichen Wucher: Wenn au« viele» Gegenden des Reiche« über Wucher, und besonders über den von Juden gegen Landwirthe belriebene» Wucher, Klagen erschalle», so finden diese in Mecklenburg einigen Widerhall. Aber die Wuchersrage und die „Judenfrage", wie sie von den Amise'mileu anfgesaßt wrrd, bat hier kein sehr große« JntecesieS erregt, und der Judenhaß, soweit er besteht, betrifft mfpiiiuglich nur die Juden der Börse. Letztere — die Börse — sieht man in läudlichen Kreise» allen Ernstes als überflüssig, a>« schädlich, für einen „Gislbaum" an, al« die besondere Ursache der billigen Preise für die landwirthschaftlichcn Erzeugnisse. Allen Haß, den man gegen ein Institut haben muß, von dem man solche Schändlichkeiien glaubt, vereinigt man auf die Jaden, von denen man annimmt, daß sie ausschließlich die Börse beherrschen. Bon diesem theoretisch construirten Haß gegen die „Börsenjnden" überträgt man dann eine tüchtige Portio» ans alle Jude» in Bausch und Bogen. So kommt bei uns 7er Judenhaß zustande. Gegen den einzelnen Jude», mit deni man geichästlich oder andcrweit gerade in Berührung kommt, hat man selten etwas einzuwende». Man kauft von ihn, und verkauft au ihn, läßt sich aber im Großen und Ganzen so wenig von Juden al« von Christen betrüge». ES soll damit nicht gc-agt werden, daß in Mecklenburg auf dem Lande nicht betrogen und daß nicht gewuchert wird, aber e« geschieht, wen» wir den Berichten glauben dürfen, weniger al« anderwärts, und waS in Wucher geleistet wird, besorge» wir mcistcntheil« selbst. Ter mecklenburgische Laudwirth ist im Großen und Ganze» zu charakterfest, zu vorsichtig und zu mißtrauisch, um sich in wucherische Geschäfte, wen» er in Geldverlegenheit ist, einzulasse», und wenn er e« ihm, -ist er sehr oft schlau genug lplaltdeutsch „flndohrig"), lim de» Betrüger zu betrügen. Den Juden sgnd sic meistentheils „über". In der Schwiudelperiodc der Liebzigerjahre gab c« in Mecklenburg einige Inden, die mi: damals schon in Roth befindlichen Gutsbesitzer», besonder« mit größere» und mit den Söhnen reicher Leute Wnchergeschäsre betrieben. Sic haben einige zugrunde gerichtet — vielleicht aber nur deren Fall beschleunigl — und andere geschädigt, nuißlcn aber schlechte Geschäfte gemacht haben. Sic sind lheil« ver dorbcn — gestorben, thcils haben sie dar Land verlasse». Tiejenigcn von nnieren Landwirtheu, welche zugrunde gehen, sind selten Lpser de« Wuchers. Be, den ganz großen und ganz kleine» Besitzern kommt eS kaum einmal vor, und bet den minieren, de» Erbpächtern, ist es nur ganz ausnahmsweise der Jude, der sic zugrunde gerichtet.hat. Ter Gelt Wucher wird den Erb Pächtern gegenüber hauptsächlich von kleinen Rentiers betrieben, deren Zinsen fonft nicht ansreichcn und von deren Helfershelfer», den »'genannten Winkeladrocate», »icisieiiS verdoibcnen Schreibern; oft .machen Lepicre das Geschäft auch ans eigene Hand. Mehrfach ist cs auch vorgekonimen daß kleinere Besitzer selbst ihre StandeSgenosscn mit eigenem oder srelndem G ide bewuchert haben. Biehwucher kommt gar nicht vor. und im Biehnnd. Pserdehandel läßt sich kaum ein mecklenburgischer Landivirlh von einem .luden belrügen. Tie »ichlssidische» Händler— cS widerstrebt un«, sie „chiistlich" oder „deutsch" zu nennen — sind, wen» man de» Turchschuilr uimnil, nicht kesser als ihre jüdischen College». Biele kleinere Landwirlhe, auch manche g:oßere werde» aber ans ein- Welse benachtheiligt, die in manche» Fälle» als >lne Art Wucher bezeichnet werde» muß. Seitdem die Rothtage vieler Land -rii thc diese veranlaßt hat, die früher übliche baare Bezahlung von Waare», ,'irafti..ller- und ilrastdüngcmitlel» zu vernachlässigen, habe» viele der liefernden .'iMlslente, um zu ihrem Gclde zu loninien, ihren Kunden da« .üorn abgelansl. Bei . »sein Geschäfte, welche« von inaiichcn .ßauslculc» nngcrn betriebe» wird, niacheu e.nd.re einen uilgerechtsertiglen Boriheil; sie nehinci/ hohe sind geben niedere Presse und — die Beschassenheil de« G.üieserte» darf »ich! bcinäiigelt werden .'wer auch dies ^Geschäft" wird ebensoviel und mehr von »ichtjüd iichen al« von jüdischen K aus teil teil gemacht: schon deshalb, weil Letztere mit Borliebe nicht das Materialwaarengeschäst betreibe», welches die Grundlage oder er AiiSgangspunkt deS gegenseitige», für den Landivirlh unvortheilhaste» Ab- .'ä.iiungSgeschästrS ist. Bei der Lchildeiung des Geld und BiehwuchcrS, die man »S aus manchen Theilen des Reiche« liefelt, koninit einem Mecklenburger zuerst der "edanke, wie könne» die Leute nur so „dnnnn" sei», sich aus solche Weise bc- .»ge» zu lasse»? Wen» sich dort so Biele ans so »achiheilige Geschähe ein sie», wie unS mitgetheili wird, wenn sie einsällig, leichtgläubig und Uber .uipt so wenig Widerstandskrast gegen äußere Einflüsse besitzen, so ladet dies u gkwiiinsüchligc Menschen sörmlich zu betrügerische» Manipulationen ein. Ran sollte dort weniger ans Wucherer und Juden schimpse», :« die bisher Bewucherten scldststäudiger. kluger, geschäst«- cwandtcr und — etwas mißtrauischer inacheil. Wenn man >e Bevölkerung nicht in dieser Richtung erziehen kann, so .ätze» alle Wuchergeseye und antiseinitischc» Hetzereien nicht« Saß auch für besseren reellen Credit und für Hebung bestehender Rolhslände zu 'argen ist, soll nicht bestritten werde», wird aber allein nicht gründliche Abhilfe schasse», wenn die Leute uid„ mehr ..Ri'ickgeai" belo,innen und etwa „fluSohliger" werde».. Man wende nicht ein, daß »> Mecklenburg die Land, wirthe deshalb weniger bewuchert werde», weil hier d.r-iäriinddenp großer iß und die fiiianziklle Roth nicht so druckt. ES iß aber Mir zu brzivei.-m, ob durchschiiilllich unsere Grundbeswer weniger veiichnldet und, und von diesen sallc» gerade die größeren — »liiere Erbpächter - - den Wucherern viel eher zuin Opfer als die kleineren — die Büdner und Häusler. Es find nicht die Ber hällnisse — die sind hier theilweise auch 'cküeck» geling ireiäle unsere Land-, wiribe widerstandSsähiger gegen die Wucherer mache», als vielmehr deren leimigerer Eharakier. Deshalb sürchle» wir n»S auch „ich, vor den Juden, sehen die Jndensurcht vielmehr als eine Feigheit a.n, als ein Zugtsländniß.eigener Unfähigkeit, Wir habe» dein »ichtS,hi»;u;ufügcn; inut:itis miitnuck!.-- gilt all das auch für unsere Verhältnisse. l?ic LandtassSwahl im IV. Bezirke.' iic am November stattgehabtc Wahl eines Landlagsabgeordnctcu im IV. Bezirke schloß mit einem Liege des antisemitische» Eandidatcn Paul v, Bücher. Bon :_»1 *»r» Wahlberechtigten gaben B.lli.'» Stimmzettel ab: von diese» waren «', leer und 4 wurde» für ungiltig erklärt. Tie absolute Majorität betrug I4U8 Stimme». Pacher erhielt 147s, der liberale Gegeneandidat Professor Hoch >381 .und der ezrchische Zähleandidat E inert üi> Stimme». Ans Pacher entfielen somit um zehn Stimme» mehr, als zur absolute» Majorität erforderlich waren. Die Niederlage der Liberalen wird auf eine ganze Reihe von Umständen ziirückgcsührt. Sic sind, wie schon vorher mit Bedauern constatirt -wurde, . viel zu ' spät in die Wahlactiön cingctrctcu. Ferner standen der Agitation für den freisiiinigeu Professor an einer Mittelschule nicht so viele Geld mittcl zur Bcrfilguiig wie Jenen, welche, für . den Großeapitalistcu Pacher cintraten. Schließlich wird versichert, daß die Beamte» zum große» Thcile nur aus Mißssinlniung über das Verhalten des Finanz Ministers gegenüber den Wünschen der Bcamteiischafl nach Besserung ihrer Bezüge für den autiscinilischeii Eaudidaten chrc Sliinmeip ab gaben. Sei dem, wie ihm wolle, au der beschämende» Thatsache, daß zum Nachfolger deö Dr. Prir im Landtage ein Aiiliseinit gewählt wurde, ändert all dies nicht das Geringste. Herr v. Pacher wird fickt auf seinen Wahlsieg viel zugute thu», zumal seine Eandidatur auch von Herrn Berga ni scheel angesehen wurde und das „Deutsche Volksblatt" sogar Remiiiiscenzc» auS,dcr vorantisemitischen Zeit PackieziS brachte, um ihm die Mandatswerbung zu erschwere». Es wäre jedoch eine Selbsttäuschung oder eine Täuschung Anderer, ivollle man be Haupte», daß der „beutfefj^nationale" Gedanke in einem Wiener Wahlbezirke ein Mandat erobert hätte. Nein, Herr Pacher, für welchen auch die Ehristlich Socialen ihre Stimmen Abgaben, wurde nur als Antisemit gewählt, und diejenigen, welche glaube», daß alles Heil von einer Judcnhctze zu erwarten sei, oder ihrer lliizufriedenhcit durch Unterstützung des Antisemitismus Ausdruck geben wollen, hätten für einen antisemitischen Mändalswerber auch dann gestimmt, wenn dcvsclbc nicht Pacher, sonder» Hu>ck hieße, nicht ei» teil lich er Fniharker, soudcrn ein tschechischer SchriftgelchUcr wäre. Das Wahlresultat gab denn auch nicht zu „deutsch-nationalen" Freudenrufcn Anlaß, sonder» wurde von Pachcr'S Anhang mit dem üblichen „"Nieder -mit. deil Inden!" begrüßt. Mit der politischen Gesinnung eines ansehnlichen Bruchtheilcs der Wiener Wählerschaft ist cs weit gekommen! — Bon einem „alten Wähler deS IV. Bezirkes'* wird unS geschrieben: So tr'aurig auch das Wahlresultat ist, so bot die Wahlbewegung doch, ein heiteres und zwei erfreuliche Momente. Die Ankiicmikcn suchten in' die Agitation ein Novum zu bringen und die „nationale»" Kradfahrer an Stelle von Einspännern und Fiakern zu verwenden. Ter Versuch bcibährte sich nicht, rief aber große Heiterkeit hervor. Erfreulich war cs, daß die Denkokratcn einem Wahlmanöver der Antisemiten, welche die Nacksincht von einer besonderen demokratischen Eandidatur verbreiteten, sofort mit aller Entschiedenheit cütgcgcntralcn. Besondere Ancrkcnnnng verdient cö aber, daß ei» liberaler Bürger, der Ehcf einer angesehenen Firma, in eine Antisemitcuversammlung ging und dort die gegen die Liberalen aus Grund von lügnerischen Angaben erhobenen Beschuldigungen widerlegte. Mögen die fortschrittlichen Bürger de« I V. Bezirkes aus dieser Landlagswahl eine Lehre ziehen und sich rechtzeitig auf die bevorstehenden Gcmcindcrathswahlcn auS dem zweiten Wahlkörper ooibereiten. — Die „Dstdenksche Rundschau" jubelt üud rühmt sich dessen, daß sie das einzige anlisemitisckje Tagblalt war, welches sich für die Eandidatur Pachcr'S ciusetzlc. Sie moquirt sich über die „Deutsche Zeitung", die dieser Eandidatur gegenüber sich so. kühl benommen, als ob cs sich um einen Borgang iu Timbuktu gehandelt hätte, nach der Wahl aber sich und anderen Leuten,das Vergnügen mache, mitzutriumphiren. Natürlich will die