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Freies Blatt · 1894-11-25 · 138 (25.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
138 (25.11.1894)
Date
1894-11-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seit* 4. i freies Blatt. I Nr. 138. wäre es anders möglich! In den ganzen Bereinigten Staaten ist nicht mehr reguläres Militär (sogar noch um 2300 Mann weniger), als Wien in Garnison hat, und diese geringe Macht ist nur nöthig für das Indianer-Territorium. Daß ein so großes Reich mit seinen tiO Millionen Bewohnern derart zu regieren ist, das ist bloß der politischen Reife des BolkcS und den guten und freien Gesetzen zuzuschrcibcn. Anders hier: Statt das Volk zur Arbeit und zu Erfindungcn anzusporncn, werden täglich reaktionäre Gesetze ausgeklügelt; der Schneider verfolgt den Kürschner, der Wirth den Gemischtwaarenhäiidlcr, der Pfaidlcr den Cravattcnmachcr u. s. w.; nichts als Krieg, Verfolgung und Verleumdung unter den Bürgern. Die Volksverführer köiincu ihr Stimmvieh sehr gut, und das arme Volk, anstatt auf den richtigen Weg geführt zu werden, wird täglich in die Kneipen gelockt, dort mit Bier und „Heurigem" noch mehr benebelt und zum Denken ganf unfähig gemacht. Raten-und Hausirgcsetzc— isDjetzt daS Schlagwork der Volk, beglückung! So oft in Amerika eine Erfindung gemacht wird, sagt der Erfinder: I Ioc»k for a good peddler (auf Deutsch: Ich 'uchc einen guten Hausircr). Durch den Hausirer ist er gewiß, seine Erfindung in ganz Amerika bekannt zu machen. In alle» Gasten findet man die .Missionäre" den erfundenen Gegenstand auSrufen und in allen Details erklären, der Hausirer verdient sein ehrliches '.'oben, und die Erfindung wird bekannt und verbreitet, während sie im Gcr'chäftslocalc todt und begraben läge. Hiefür nur ein kleines Beispiel: In Slioe laces (Schuhschnüre) werden über 80 Millionen Dollars jährlich iu den Straßen Amerikas umgesetzt. Auch daS Ratengci'äiäfr kann nur der Hausirer oder Agent in Schwung bringen, ohne diese könnte in Amerika die Großindustrie gar nicht fortkommen. Jedes arme Ncgcrhaus hat dort seine Nähmaschine, Waschmaschine und HauSeinrichtung auf Raten (weckte payment). Hier in Oesterreich wird au Sonn- und Feiertagen von dem armen Volk das schwer verdiente Geld in die Bier- und Weinhäuser getragen, der Tienstbote, der Geselle, selbst der Lehrjunge und auch mancher Kleingewerbetreibende läßt sich beim Fünskreuzertanz den letzten Kreuzer abzapfcn, Montag Früh sind Alle, wie der Wiener sagt, »stier", und das Elend und die Unzufriedenheit ist überall zu Hause. Tsas Volk ist auSgesäckelt. In Amerika trägt daS arbeitende Volk ifeine Wochenersparniffe zeitlich Morgens in die Banken, und dadurch ist dort die colostale Kaufkraft dcS Volkes so gewachsen. Tie östcrjreichischen Gesetzgeber sollen die Gci'cyc Amerikas studiren und daraus lernen, wie ein Volk politisch und social erzogen wird. Ist dies geschehen, dann wird auch der „kleine Mann" per Caffa einkaufen kinnen und wird eS nicht nöthig baden, sich auf Raten daS Nothwendijste anschaffen zu müssen/ . «Zur Landtagöwahl im IV. Bezirke.) In einer Versammlung fortschrittlicher Wähler im IV. Bezirke trat der ReichSrathsabgeordnete Vrofestor Eduard Dr. S u eß für die Landtagscandidatur des Professor- Earl Hoch ein. Der berühmte Parlamentarier legte zunächst dar. daß zum-Vertreter der Stadt Wien nicht ein Mann geeignet erscheine, dessen Ideale wie die des' Gegencandidatcn Pacher jenseits der Grenzen Oesterreichs liegen. Sodann beleuchtete er das in Wirklichkeit corrupte Vorgehen der ihre Mandanten irreführenden christlich-socialen Volksvertreter, welche auch die Zeit mit unnützen Streitigkeiten, persönlichen Angriffen und Verleumdungen vergeuden, und schloß mit der Aufforderung, Professor Hoch, einen Mann der ernsten Arbeit und des Fortschrittes, in den Landtag zu entsenden. — Letzten Sonntag fand eine von den Gkmischtwaarenvcrschleißcrn des IV. Bezirkes zahlreich besuchte Versammlung statt, zu welcher auch der liberale Landtagscandidat Vrofesior Hoch erschienen war. Zunächst sprach Handclskammerrath Z im m ermann. Er warnte seine College», beider bevorstehenden Vandtagswahl ihre Stimmen dem mit den Clericalen vereinigten dcut'ch-nationalen Eandidaten zu geben. (Stürmische Zustimmung; ein Rut: Ein Deutsch-Nationaler, der die Stimmen von die 1000 Böhm' laben will! Hierauf sprach Herr Dauer über die geplante Ein- 'chränkung der Gewerbercchte des GemischtwaarenverschleißeS, für welche die Wortführer der Antisemiten und Clericalen eingetreten sind. 2o >'eb u Jene aus, bemerkte der Redner, welche vorgebcn, den :!e:r::t Mann zu vertreten. Seitdem die Antiliberalcn die Gcnosscn- 'ch-.'i-rclstcbung an sich gerissen haben, geschehe gar nichts zu Gunsten >.o l^emi'chimaarcnvcrscklcißcs. Er richtete schließlich an die Antv.studen dje Än'sordcrung, ihre Stimmen dem liberalen Candidaten Vrostssor Hoch zu geben, wobei er daran erinnerte, daß Dr. Lueger, der ohne die Stimmen der Gemischtwaarenverschleißer nie ein Mandat erhalten hätte, dnr Antrag im Abgeordnetcnhause mit unterfertigt l at, der dem Gemiichivaarenverschleißer den GarauS machen soll. Herr Schneider ersuchte den Eandidaten, dahin zu wirken, daß die liberale Partei für den kleinen Mann cintrete. Tie Antisemiten, mit dem Prinzen Liechtenstein an der Spitze, haben die Bevölkerung durch il.' W: iv'.'chnngcn anzulockcn vcrslaüdcii, ohne auch nur da- Geringste zu leisten. Ein Prinz Liechten! kein, der nicht aus dem Volke hervorgegangen, könne nie dessen Beitreter sein. Professor Hoch erklärte, für die berechtigten und durchführbaren Wünsche seiner Wähler stets eintreten zu wollen. Er aipellirte an die Anwesenden, ihm nicht als Person, sondern als den Vertreter dcS Fortschrittes ihre Stimmen zuzuwcnden. Die Wünsche, die eben geäußert wurden, gehören größtcntheilin die Competenz i er RcichSvcrtretung, und wie da der Vertreter deS Bezirkes, der Abteordnete Hauck, seinen Versprechungen und Verpflichtungen nachgekommrn sei, darüber seien heute bereits aus der Mitte der Wählerschaft charakteristische Urtheile laut geworden. Die Candidatur des Professors Hoch wurde nun von der Versammlung einstimmig genehmigt. In Beantwortung einer gestellten Interpellation sprach Stadtrath Dr. Hackend erg seine Genugthuung darüber aus, daß man bereits von jener Partei sich abzuwenden beginne, - welche den Unfrieden n die Bevölkerung getragen hat; wenn diese Umkehr sich immer nachhaltiger gestalten wird, dann werden auch die ErwerbSvcrhältnisse eine Besserung erfahren. — Aus Wählerkreisen wird unS geschrieben: »D e Montag den 26. November stattfindende Landtagswahl im IV. Bezi ke dürfte sich zu einem sehr heißen Kampfe gestalten. Tie Rückschrittler sowohl als auch die Liberalen stehen nun vollständig gerüstet einander gegenüber, allerdings scheinen die Ersteren in Folge der fei c zeitlich begonnenen Wahlagitation einen kleinen Vorsprung errungen zu haben. Bezeichnend für die agitatorische Thätigkeit der Antisemit:n ist die Thatsache, daß in einer vergangenen Sonntag stattgehabten Versammlung die Deutsch- Nationalen und Christlich-Socialen sic, treue Bundesgenoffenschaft geschworen haben. Dr. Lueger wird nlfo mit seinem Generalstabe den Obmann des antisemitischen Wahlcoi lites Hauck mit aller Kraft unterstützen. Der .schöne' Carl hat sich aber seine Thätigkeit nicht erst für den eigentlichen Wahltag aufgesp lrt, sondern seine-Stimmenwerbung schon zehn Tage früher begonnen. Wer nur irgendwie im Gerüche des Antiscmitismüs stand, wurde von einem christlichsocialen Delegirten mit eineui^Besuchc bl ehrt, dessen Zweck es war, den etwa Wankelmüthigen ^ur .strammen'- Pflichterfüllung zu bestimmeli. Am Tage wird herumkutschirt, des Nachts in den Wirthshäusern geworben — bei keiner der vi rhergegangenen Wahlen war die antisemitische Thätigkeit eine so intens ve als bei dieser. Die foitschrittliche Partei, die von allen Vorgäigen im gegnerischen Lager unterrichtet ist, wird aber hoffentlich d csmal ihre Pflicht voll und ganz erfüllen; der stets freiheitlich gef nute I V. Bezirk muß dem Liberalismus erhalten bleiben und er wird cs auch, wenn jeder Wähler pflichtgemäß zur Wahlurne schreitet." — Wir erhalten ferner folgende Zuschrift: »Die patriotische Rede des Abgeordneten Dr. Sueß hat in den weitesten Kreisen großen Ein>ruck gemacht. Es wäre eine Schande für den Bezirk Wieden, wenn zim Nachfolger des Dr. Prix im niedcröstcrreichischen Landtage ein Mc nn gewählt würde, der sich nach mancherlei Wandlungen einer Part i angeschloffen hat, welche nicht nach Wien gravitirt — das sehen Alle ein, die ein Herz für ihr Vaterland haben. Die fällst gewordene Favoritener Lederhalle hat nicht bloß Schuhmachern, sondern auch vielen anderen Handwerkern gezeigt, welchen Werth die antifcniitifdie .Socialreform' und die Zusagen antisemitischer Mandatswerbcr haben. In einer am 19. d. M. abgehaltenen, sehr zahlreich besuchten Schuhmacherversammlung des Bezirkes Wieden wurden über die Anschaffung des Hausirhandels und ähnliche Mittel zur Heilung socialer Schäden sehr vernünftige Ansichten geäußert und das Bedauern darüper ausgesprochen, daß ^nan bei früheren Anlässen ,Beuschel-Männern' Diese Aeußcrungen finden, wie wir uns einem großen Theile der Handwerker dis Stimmung ist also für den Fortschrsttscmdidaten überaus günstig, und derselbe wird aus dem Wahlkampfe siegreich hervorgehen, wenn die Fortschrittspartei sich wenigstens in säumniß zu Schulden kommen läßt." („Lesterreichisches Babels") Im Wiener Gemcinderathe sagte der durch seine übelriechenden Auslassungen in Baden bekannt gewordene Lehrer T o m o l a, er besorge, Laß in Folge des von der Regierung vorgeschlagenen neuen Heim, tsgesctzes Wien zu einem »österreichischen Babel" herabsinken werde. Applandite amici! Wer hat wohl diesem drolligen Darsteller der de stsch-nationalen Antisemiterci das »österreichische Babel" soufflirt? (Der Fall Deckert.) In der am 21. deS Wiener BczirksschulratheS referirte Di . d. M. abgehaltenen Sitzung ~ astner über die durch den Pfarrer Deckert veranlaßtc Bertheifung von Broschüren in der Weinhauser Pfarrkirche durch Schulkinder österreichischen LandcSschulrath zu ersuche^. Anzeige an die k. k. Staatsanwaltschaft z i erstatten. Bon mehreren Rednern wurde darauf hingcwiescn, daß, auf dem Leim gegangen sei. selbst überzeugt haben, bei Bezirkes Anklang. Die letzter Stunde kein Ber- und beantragte, den nicderüber diesen Vorfall die wenn eine Anzeige crstattcl

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