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Freies Blatt · 1894-11-25 · 138 (25.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
138 (25.11.1894)
Date
1894-11-25
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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V Nr. 138. ' Freie» Tage treten, insbesondere der Ueberfüllung desselben. Es ist nicht zu bezweifeln, daß sich einige Fleischhauer in einer durchaus nicht glänzenden Lage befinden. Dies ist aber darin begründet, daß sie ein zu kleines Absatzgebiet haben und die Generalkosten in ihren Betrieben eine zu große Rolle spulen. Sie mögen vielleicht thatsächlich mit den bisherigen 30^—40 Pereent ihr Auskommen nicht finde», und deshalb wurde der erwähnte Humbug in Scene gesetzt, um den.Konsumenten die beabsichtigte Preissteigerung plausibel erscheinen zu lasten. Nicht dem Fleischergewerbe droht der Untergang, sondern einigen Fleischhauern, diesen aber, die eben ganz überflüssig sind, weil durch sie der Bedarf an Fleischhauern, überschritten ist, soll das confninirende Publicum durch Gewährung eines weiteren PreisaufschsageS die Eristenz Möglichkeit bieten. DaS ist dieselbe merkwürdige Logik und Methode, welche die Krämer bei ihrer Agitation gegen Hausirhandel und Eonsumvereine entwickelt haben. Die Antisemiten jedoch, die Freunde der Arbeiter, die Retter deS kleinen Mannes, die Gönner der niederen Beamte», Lehrer u. s. w. .u. s. w., sie misten nichts von alledem, oder bester gesagt, sie dürfen nichts davon misten, den» die Fleischhauer und deren „Baudf sind doch ein schwerwiegender Theil der — Wählerschaft. Wenn irgendwo ein armer Jude sich kümmerlich durch Hausirhandel erhält, dann schreien sie anS Leibeskräften über Betrug und Wucher. Wen» aber Wähler ein ganz gediegenes AuSbeutungSsystein insceniren, dann — ja dann ist eS etwas ganz Anderes. In der That, die FleischiheuerungSpolitik der Antisemiten ist die Politik der Fleischhauer. Daß die antisemitische Partei in der GemeinderathSsitzung vom 13. d. M. den Antrags deS Bürgermeisters, eine Petition um eventuelle Aufhebung der rumänischen Grenzsperre der Regierung zu überreichen, nicht unterstützt hat, sondern vor der Abstimmung sich entfernte, ändert hieran gar nichts. Die Antisemiten hätten gewiß herzlich gerne., da die Fleischhauer die Ocffnung der Grenze verlangen, für - die Petition, gestimmt, obzwar sie sich diesmal — ein unerhörter Fall — in Uebereinstiinmung mit der liberalen Partei befunden haben würden. Allein ihr Führer Dr. Lueger fürchtete, durch ein Botum gegen die Grenzsperre seine parlamentarischen Freunde, die clericalen Agrarier, zu brüSquiren. Deshalb suchte und fand er einen Borwand, nur sich der Abstimmung zu entziehe», und seine Anhänger folgten ihm in dunklem Heerdentriebe. Nur drei derselben blieben zurück, die dann auch für den Antrag stimmten. In den nächsten antisemitischen Wählerversammlungen wird man aber ohne Zweifel zu hören bekommen, daß die „Paschawirthschaft" im Gemeinderathc die patentirten BolkSmänner verhindert habe, für daS Wohl der Bevölkerung einzn-. treten, und daß, wie bereits in jener GemeindcralhSsitzung gesagt wurde, an der Fleischtheuerung Niemand Schuld trage als die — Juden. ... Robert Drill. (Aus Dem stieichsralhc.) Dem Herrenhansc ist es in Oesterreich Vorbehalten, dem reactiouären Ändrange von unten her einen festen Damm zu setzen und daS Zustandekommen chinesischer WirthschaftSgesetze zu vereiteln, welche die meisten Abgeordneten als uoth wendige, Eoncessionan die reactionäre Geschmacksrichtung ihrer p. t. Wühler votiren zu müssen glauben. Auf diesem Wege ging im Oberhause einer jener Gewerbereformpläne jn die Brüche, an denen die Antisemiten so sehr ihr Wohlgefallen hatten. DaS Herrenhaus hat in seiner Sitzung vom 16. d. M. dem vom Abgeordnetenhause angenommenen Gesetze über den Ratenhandel eine Form verliehen, welche kaum mehr nach dem Geschmacke jener egoistischen, zurückgebliebenen Elasten sein dürfte, deren dynamische Urheberschaft an diesein wie an dem geistesverwandten Hausirgesetze das HerrenhauSmitglied Baron Friedrich v. Leitenberger in treffendster und ungeschminktester Darstellung dem Hause zeigte. — I» der Sitzung deS Abgeordnetenhauses vom 17. d. M. ertheilte der Ministerpräsident Fürst Windifchgrätz der „parlamentarischen Maffia" ei -e empfindliche Lectio», indem er das Ansinnen der „Interpellanten" Geßmann und Genoffen in Betreff der „Neuen Freien Presse" wie folgt abfertigte: „Die Regierung ist überhaupt nicht in der Lage, auf die Beziehungen und die Bewegung von privaten Journalen eine Jngeren; zu nehme», so lange nicht die bestehenden Gesetze davon irgendwie berührt werden. In dem vorliegenden, von de» Interpellanten aufgeworfenen Falle kann ein Anlaß für die Regierung zu einer Jngerenz umsoweniger gegeben sein, weil die in der Interpellation vorgebrachten und derselben zugrunde liegenden Angaben durch keinerlei Beweise glaubhaft gemacht worden sind, vielmehr daS von den Interpellanten angeführte Wiener Tagesjournal eine Reihe autorilativer Erklärungen veröffentlicht hat, welche die gegen dasselbe vor- Blatt._ f Seite 3 gebrachten Behauptungen z u entkräften vollkommen geeignet erscheinen. Unter solchen Umstände» entfällt für die Regierung auch jeder Anlaß, alle jene weiteren Frage» einer Beantwortung zu unterziehen, welche sich für die Interpellanten als Folgerungen der von ihnen angeführte», jedoch niierwieiei, gebliebenen Aufstellungen ergeben habe», und kann sie im Allgemeinen nur ihr Bedauern darüber aussprechen, wenn Behauptungen, welche außerhalb des Hanse« stehende Personen zu schädigen geeignet sind', ohne voreilige g-angene Prüfung aus ihre Richtigkeit A»laß einer parlamentarischen Action genommen werde»." — Die Herren Ges;manch, Lueger, Schneider, wie ihre sonstigen Freunde von links und rechts, rächten sich am Schluffe der Sitzung, für diese Zurechtweisung durch eine» jener Seandale, die wir ans dem Gemeinderalhe und Landtage nur zu gut kennen, die aber mit ihrem Drum und Dran von. Beleidigungen des Präsidenten, Jargondialogen u. s. w. wenigstens im Parlamente bislang noch ein Novum waren. Lueger hatte den guten Hnnzor, die strafrechtliche Berfolgung - jener zu verlangen, welche Andere zni» Duelle herausforderu, und war sehr gekränkt, als Abgeordneter Wrabey sich erhob und vor persainmeltein Hause constatirie,. daß daS derselbe Lueger ist, der de» Abgeordneten Wrabetz seinerzeit zu», Duelle gefordert habe. D,ie Antisemiten waren -über diese-„Dennncialion" ^entrüstet und blockten dic Zunge heraus. Mit derlei Gaffenbübereien kann man sich nicht mehr ernst befaffen. — In der Sitzung vom l'.>. d. M. nahm daö Abgeordnetenhaus seine reactionäre WirthschastSgeseygebiing mit der Berathuug der Regierungsvorlage über die Ausverkäufe wieder ans. Daß die Antisemiten diesen Anlaß nicht varübergehen ließen, ohne einige kräftige Hepp Hepp Ruse auSzustoßen, darf unS nicht wundern: handelte es sich doch hier, um ein von der Regierung vorgeschlagenes „(besetz mit antisemitischer Spitze", wie Lueger offen sagte, oder — was auf dasselbe hinausläuft — um einen „Schutzwall zu schaffen für die Dummheit der Bevölkerung", wie der Abgeordnete Morre die Borlage charakteristisch nannte. Bezeichnend für den Wandel der Dinge am Franzensring ist die Selbstgefälligkeit und Erfolgsicherheit, mit welcher der einst von Allen gemiedene Führer der Antisemiten jetzt auftritt und spricht; jedes seiner Worte ist daraus berechnet, . den Glauben zu erwecken, daß er onm I'woutia 6»>,k-ri"rnm loslege, und mit Genugthnung reclamirt er die Borlage sammt dem HandelSIninister für sich und seine Partei, indem er erklärte, im GewerbeauSschnffe seien eS gerade die destructiven Elemente, welche den Ha nde lSm i» ister in Schu v n eh me»' in üf se». Ebenso bezeichnend für die dermalige Situaiio» ist auch die von dem Abgeordneten Wrabey am Schluffe einer vortrefflichen Rede ausgesprochene Hoffnung, ina n müsse sich auf die vorurl hei lS l o se re Einsicht d e S Herrenhauses verlassen und von dieser erwarten,, daß sie das verbessere, was die Abgeordneten deS Bo l keS zu verbessern sich einfach nich t getrauen, weil dieses Gesetz die Frucht eines SchlagwsrteS und einer jahrelang geübten Agitation ist. 'Wenn daS HauS wirklich den Willen habe, Auswüchsen entgegenzntrete», so brauchte es gir nicht hinauSzugreisen, eS hätte in seinem eigenen Lager Arbeit genug, um gewisse Auswüchse, die sich im Parlamente eingenistet haben, zu . beseitigen. ES ist nicht genug der ManneSmuth zu schätzen, mit dem Herr Wrabetz als der einzige eS wagte, dem Haüse ein wahrheitsgetreues Bild der traurigen Decadence des österieichische» PailameiitariSmiiS vorznhalten. . (Amerika, d» hasr es besser...'-Ein heivorragendcS Mitglied unseres Parlamentes erhielt anläßlicki einer von ihm gehaltenen Rede gegen die reactionäre, christlich-social benannte WirlhschastSpolitik von einem Oesterreicher, der lange 'Jahre in Amerika geweilt, ein Zustiinniuiigsschreibeii, dem wir folgende Ansführungen enlnehmen: ES ist endlich wolstthuend, von einem freien, unabhängigen Maüne ein ' freies Wort zu hören. Bei meiner Rückkehr in die alte Heimat^faNd ich hier Zustände, die mir ganz unbegreiflich war-u. Die großen. Firmen, die den Zwischenhandel besorgen sollten, fehlen fast ganz am Wiener Platze: anstatt der großen Waarenhäuser findet man in den Gassen nichts, als Kaffee- und Branntmeingeschäfte, auf den Straßen der Eity begegnet man anstatt ausschreieuder Berkäiffer von verschiedenen Waareu und neuen Erfindungen nichts als Müßiggängern. Wien hat zwar in den Bauten Fortschritte gemacht, aber leider findet man in den vielstöckigen Häusern oft genug nichts als Arniuth und Leichtsinn, Müßiggang und Rohheit. Jn Amerika, wo der Präsident, die Richter und alle Beamten vom Bolle selbst erwählt werden und wo daS Bolk politisch reifer ist äls hier, geht nach der Wahl Jeder wieder feinem Erwerbe nach, ist thätig, sparsam, nüchtern, achtet die anS der BolkSwahl hervorgegangenen Behörden und befolgt 'die Gesetze. JLInb wie 1

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