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Freies Blatt · 1894-11-25 · 138 (25.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
138 (25.11.1894)
Date
1894-11-25
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Freie» Blatt. Ja, warum soll gerade die ständische Gesellschaft des Mittelaltcrs, etwas modcrnisirt im Sinne des kleinbürgerlichen SocialiSmus, der „christliche Staats Y.xiszv/ip sein? Warum nicht ebenso die Verfassung von Utopien? Warum soll mir der hohe kirchliche Würdenträger und praktische Staatsmann Thomas Morus, der Blutzeuge seines KatholicismuS, eine minder reine und verläßliche Quelle deS christlichen und speciell katholischen Slaatsbewußlseins sein als der Proselyt Vogelfang oder der Wiener Bierbankredner Lueger? Wo ist mit einem Worte die Legitimation, welche jene Leute für die Usurpation des Epithetons „christlich" für das von ihnen auSgeheckte reackionäre Slaatsgebilde erbringen können? Wenn wir es als unsere Aufgabe erachteten, die Interessen des Ehristeiilhums zu wahren, jo lnöchten wir allen guten und wahren Christin rathen, sich gegen ejinen solchen Humbug mit dem Worte „christlich" ängstlich zu hütön und dagegen eifrig zu prolcstircn. So lange das Volk diesen Plänen — eben weil sie noch Pläne sind — zujubelt, ist ja Alles gut und schön. Wie aber, wenn einmal der schon dagewesene Fall eimritt, daß daS Volk seine Neigung wechselt und sich entlsiuscht und entrüstet von diesem Slaalsidcale wieder abwcndet? Dann könnte cs leicht geschehen, daß sich der ganze Groll der wankclmüthigen Masse, der dem Hauplworle gilt, auf das Beiwort ergießt und daß das Ehristenlhum die Zeche für ein paar seiner unwürdigsten Söhne zahlen müßte. Daß die Sociologen vom Schlage Pattai's -und Scheichcr's dermalen nicht an diese Eonsequcnzen denken, hat für uns nichts Befremdendes. Aber bei dem Katholikentage hörten auch Bischöfe und Erzbischöfe zu. Ja sie gaben dcnt Meeting sogar ihren Segen. Das ist cs, was uns unbegreiflich scheint. o. v. z. Die F5eischt1\euerungspolitik der Antisemiten. Wenn in unseren Landen die ..L öffentliche Meinung Zeit findet, pösrn Leichenbegängnissen und minder ideale Tinge zu disneben Amts- und Straßcntafcln, pon ähnlichen interessanten Materien auch cutiren^ dann muffen die letzteren — dies wird jeder Kenner der österreichischen Volksseele zngeben — vqn der höchsten Bedeutung sein. In der Tl>al laßt die Fteischfrage, die jje(5t fast alle Köpfe beschäftigt, an Wichtigkeit nichts;n wünschen übrsg. Welches Interesse derselben entgegenzubringen ist, erhellt schon asis dein Umstande, daß eines der wesentlichsten Symptome für beit; kulturellen Forto er Rückschritt eines gesellschaftlichen Organismus in der Zu- und Abnahme des Fletlchconfums zu finden ist. 'Jt'od) ift cs nicht allzu lange her, daß die ärmeren Bevölkerungsclafien animalische Rahrui'gsmittcl lediglich in der Gestalt wohlfeilen Speckes und ichlechter. Würste consümircn iiiußien, weil fie auch das billigste Fleisch nicht bezahlen koiinlen. Daß sich dies in der erfreulichsten Weise geändcit hat, darauf beruht zum nicht getingen The le die Ezporlfahigkcil unserer Industrie. Ten» cs ist heule erwiesen, daß die Leistungötähigkeit der Arbeiter in erheblichem Maste durch die Ernährungsweise bedingt ist. 'Nicht minder ciiiicheidend find die Fleischpreise für die Lebenshaltung des kleinen Mannes, und schließlich sind doch iast alle .st reise der Bevölkerungau dieser Frage dircek rinercifirt, jene Wenigen ausgcnomuien, dre sich in der glücklichen Lage b,finden, 'auf Preise keine Rücksicht nehmen zu müssen Da nun trotz der brecus bestehenden Theucrung ein weiteres Steigen der Flcischpreife in Aussicht gestellt wurde, ist es begreiflich, daß zur Zeit in Wien und anderwärts die Tafclfrage ein wenig zurückgeirekcn ist. Für diese, mißlichen Verhältnisse werhen nun bald die Grenzsperre, bald die Fleischhauer, bald beide zusamnsen oder auch andere Factoren rerankworllich gemacht. Uns interessirl! hier zunächst die Thatsache, daß die Fleischhauer von den antisemilißchen Lrganen und Rednern in der inbrünstigsten Weise gegen alle Angriffe vertheidigt werden. Wenn wir gleich den Anrisennlen Aprioiisten waren, d. h. wenn wir die Gepflogenheit hätten, stets kurzweg dls Gegentheil.von demjenigen zu behaupten, was die politischen Gegner ausgesprochen haben, dann ivürden wir ohne Weiteres den Fleischtauern die Theuerung in Pie Schuhe schieben. Wir haben jedoch gor keine Beranlaffung, einen derartigen Vorwurf lediglich aus Dppl sitionslüstcrnheit zu erheben. Die Erfabrungen früherer Zeiten sprechen allerdings sehr zu Ungunsten der Fleischhauer und ihrer Schutzpatrone. Die Klagen über' ungerechtfertigt hohe Fleischprcisc sind so alt wie das Fleischergewerbe selbst, cchon im Mittelalter sahen sich die Städteverwaltungc» gezwungen, den Fleischern sehr energisch dzrrch die verschiedensten Mittel entgegenzutreten. Georg Adler hat Bon dieser FleischtheuerungSpolitik erst kürzlich ein sehr lehrreiches Bild entworfen, und Professor Lexis erzählt von einer anderen, nicht n ander interessanten Thatsache. Nach seinen Ausführungen war die Zahl der Fleischer in Paris bis zum Jahre 1858 aus 501 festgesetzt. Damals wurde das Gewerbe freigegeben, und man erwartete, daß die frbie Coneurrenz, die doch ein wesentlich verbilligendes Moment ist, e n Sinken der Fleischpreise herbeiführen werde. Indessen sind dieselben in jener Zeit stetig gestiegen, obzwar eine erhebliche Vermehrung des FleischconsumS nicht stattgefunden hatte. Die Zahl der Fleisch r wuchs, aber sie verstanden es, die Wirkungen des freien Wettbewerb:s fernzuhalten. In gleicher Weise beobachtete man in Preußen, Belgien und Holland, daß bei Beseitigung der Schlachtsteuer, beziehüngl weise der Octrois eine Verbilligung des Fleisches nicht eingetreten ist. Und schließlich sei noch erwähnt, daß Professor Conrad i» erneu Referate über den Einfluß des Detailhandels auf die Preise, in welhem er sich sehr zu Gunsten desselben ausgesprochen hatte, dennoch die Bemerkung nicht unterdrücken konnte, „daß am ehesten bei den Fleischbrgcwerbc allgemeiner ein verhältnißmäßig bedeutender Aufschla« vorlicgt". Für Antisemiten und Wahlverwandte wäre das vorgebrachte Material mehr als ausreichend, um ein vernichtendes Urtheil über die Wiener Fleischhauer zu fällen, wenn ihnen ein solches in den Kram paffen würde. Wir thun nicht desgleichen, da man uns mit Recht einwenden könnte, daß französische, p'eußischc und die anderen angeführten Verhältnisse eine» Schluß ans Wien und die Gegenwart nicht gestatten. Wenn wir zu einem unar fechtbaren Resultate gelangen wollen, müssen wir die heimischcu Zustände direct zur Untersuchung hcranziehcn. Ta wäre nun zunächst zu bemerken, daß vom Markldirector — also amtlich — eine ungerechtfertigte Höhe der Fleisch- Preise scstgestcllt würde, indem dieselben. in den letzten fünf Jahren bedeutend schneller gestiegen sind als di; Bichpreise. Es will uns scheinen, daß sich die Fleischhauer schon nach dieser Aussage nicht mehr so himmlisch rein präsentircn, wie <s die Antisemiten,' behaupten. Die Angabe deS MarkldirectorS ist jedoch deshalb nicht entscheidend, weil sie über den Gcsammtgcwinn der Fleischer — die Differenz zwischen dem Preise des Viehes nach Schlachtgewicht und den Detailpreisen — keine Aufklärung gibt. Es. sällt uns nicht ein, eine derartige Berechnung anzuslellcn. Tie Fleischer haben cs jederzeit verstanden, ihre Bctricbsmanipnlatiün in ein mystisches Dunkel zu hüllen, so daß eS dem Fernerstchendcn fast stets unmöglich war, auf diesem Wege den wirklichen Aufschlag .311 ermitteln. Glücklicherweise gibt cs jedoch in Wien auch einen Hunde dcffen Schauplatz die Großmai klhallc ist. Von hier aus wird ungefähr ein Drittel deS gcsammten Fleischbedarfe S der Wiener Bevölkerung befriedigt, hier versorgt sich theilweise od«r gänzlich ein großer Theil der Fleischhauer, der Gewinn derselben löst sich auS der Vergleichung der Preise leicht berechnen, und cs ist schlag, den diejenigen Flci chhaucr erzielen, der Regel kein geringerer sein wird, da würden, sich nach Möglichkeit ebenfalls versorgen, und es nicht vorkomnien löiinlf D.uantltäten Fleisches keinen Absatz finden Nr. 138. anzunehmcn, daß der Aufwelchc selbst schlachten, in sie eS sonst wohl vorziehcn in der Großmarklhalle zu daß hier bisweilen große Tie folgende Tabelle gibt nun eine Zusammenstellung der Engrospreise, die am 10. d. M. in der Großmarklhalle gezahlt wurden, und folgenden Tagen erzielten Detailpreise des Per Ni ogra 0 iZieischgalluiig ein.rosvs« Üiiiidsleiich. vordere? . . .20-1 hiiriercs . . . 34—f Üalbfieiich.40—( Schafflench .26—4 Schweinefleisch . . '. . 40—k Hieraus ergibt sich, daß die Fleischhauer brutto verdienen, und wenn auch die Ei; sind, so kann man doch die Behaupt 30 Perceut Niemand arbeitet. Offenbar in Umstandes, daß die Fleischhauer „nur -400 Percent verdienen, haben sic ein M< dcffen Tagesordnung als einziger Tiscus und Beschlußfassung über die Mittel gegcj des Fleischergcwerbes" stand, und schon v preise um 20—25 Kreuzer per KilogramHi muß man wahrhaftig ausrufen: „Iiilficile Wir bitten, aus dem Gesagten nicht uns für Agrarzöllc und Grenzsperre letzteren ist gewiß wünschenswerth, aber erster Linie keineswegs der rumänischen zuzuschrciben, sondern den Uebelständen, bcgcif der an demselben und den Fleisches. um in -trcu;ern ö. 22. «Je IctdUDreiK M) - 60 64— 80 60—!X) :>0- 70 60—100 durchschnittlich 40 Percent grospreise bisweilen höher jing aufstellen, daß unter Anbetracht dieses tragischen 40 und nicht 300 bis ffcnmecting abgchaltcn, auf ionspunkt die „Berathinig den drohenden Untergang her ein Steigen der Fleischin Aussicht gestellt. Hier k-8t sutiram non seribere!" obleitcn zu wollen, daß wir lern. Die Aufhebung der die Fleischtheuerung ist in und russischen Grenzsperre >ic im Fleischergewerbe zu 30

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