Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 137 (18.11.1894)
- Date
- 1894-11-18
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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wohin das Zünglein der 'Waage sich neigin würde. Ta war es der iiunnichrige Reichskanzler Fürst Chlodwig zu Hohenlohe, der zu Gunnen der Gleichstellung aller Confessio ren in Bulgarien, Rumänie» und Serbien auf dem Congresie eine bedeutende Agitation entwickelte. Cr ließ keine Gelegenheit, kein Gespräch mit irgend einem Vertreter einer europäischen Macht vorüber gehen, ohne daß er dessen Zulage erlangte, mit ihm in dieser Frrge übercinzustimmcn, und als ihm eine günstige Entscheidung nach gelungen war, erklärte er, kurz bevor Tcvniaiion: Cr blicke mit Genuglhuung 'amkcil. Leine politische Thätigkcit habe er zcichnnng eines Gesetzes begonnen, welches crpirrc, er hoffe-sie zu beschließen, indem c: zu der allgemeinen Emaneipaiion der Bekenner des mosaisches Glaubens-beitrage. Tie Thätigkcit des Fürste» in Bezug auf die Cmancipation der Juden in Bayern ist bekannt, unerträglich. Beinahe jeder Tisiriet halte seine eigenen, rechtliche Äusnahmsbcskimiiiungen aufzuhebc und Härteste aller Ausiiahuisdcfliiiimungcii freies Blatt. bedeutender Kraftcntsaltung er Berlin verließ, einer ejus diesen Thcil seiner Wirkin Bauern mir der Uitterdork die Israeliten, cmaii- Itätltänd, da eine Heimat cm dermalen bestehen, darf in oll vielmehr nach und nach Ticies Gesetz wurde in Strenge gehandhabt, daß Juden familieu in Bauern großer Theil junger Israeliten es vorzog, in Amerika zu suchen, welche ihnen de Ter vaterländische Boden jo bekannte Rabhi Mendel Rosenbaum auS nit aller Kraft dahin zu graii'am verweigerte Zell stellte es sich zur Lebensaufgabe, arbeite», daß diese Ausuadinsgesctze aufgehoben wurden, und beschäftigte sich däiiiit über .',0 Jahre seines thatenr ichen Gebens. Lein Sohn 'K'abbi C R. Rosenbaum untentüLke ihn und als sie ichließlich aus München die 2 Aussichten bei den Rcichsräthen günstig s Modisicalioncii beantragten, von denen abjr vorauszusehen war, daß die zw.-iioKainiucr niemals ihre Zustimmuilg dazu geben würde, begab sich C R Rosenbaum nach München und maligen Referenten des Ausschusses. Herrn n g. Cr wies an der Hand Kampf gegen daS jüdische Lrickwälll zwischen i! rr-Lcr oder R.-ih'chile mit Zcnnenberg sl-.nnucn werde, erreich: und brächten auch n und Liebermann ganzem Herze ■ rutiten würden in ihrer Beschränktheit — wegen dickes unpariameulari'chen Ausdruiks: er wüßte aber leider da'ür keinen anderen und ohne selbst c v. Lonnenberg ein Blcich- >1 für — Liebermann von Tenn die Antisemiten hätten noch nichts nie etwas zuwege, und sämmtliche Anti- Redner bat um Berzeihung in den Hecrescolonnen der Social-Demokrat übrigens mit größtem Interesse die antisem früher waren die jüdischen Berhältnisic in Bayer» fast Massenhaft drückende Ausnal msgesetze waren vorhanden. so daß nahe an civiii waren. Tas Trückcndstc bcsand sich aber im Cdiel vom I>>. Inni 1 s 1 i>, indem if 12 desselben bestimmte: »Tie Zahl der Iudcnfamilicn in den Trten, wo sie der Regel noch nicht vermehrt werden, sie vermindert werden, wo sie zu groß in. itiaiiche» Rcgierungskreisen mit einer solchen wirklich eine na.uha'lc Bermindcrung der dabei auf das Kräfligstd, achricht erhielten, daß die icn, nur daß sic gcwisic wendete sich an den da- Reichsralh Fürsten Hohenlohe. Ter Fürst crtdcilre Herrn Roscnbaujii Andienz, erkundigte sich cingcdcild nach den jüdischen Verhältnisteil BauernS und versprach, dic'e Modincaliou, obwohl solche von den zweiten Präsidenten cingrbrachi und von den Prinzen des königlichen Hanfes unterstützt wurde, zu verwerft Tie>e gefährliche Modisication, von einer Teile des hohen Häufcs in beredter Weife in Schutz gcnommcn, siel denn auch durch das uuifasiende, wohldurchdachte und gründlich bcarbcitekc Referat des Fürsten, so daß nur sieben Stimmen sich bei der Abstiiiiinuug für diese Modisication erklärten, Fürst Hohenlohe war cs somit, der als Referent es veranlaßre, daß die Cmancipation der Juden >u Bauern dprchging. Cs versteht sich bicnach von selbst, daß unter 'einer Verwaltung in Cl'aß Lothringen trotz der größten Austrenguug der Aniiicuiiren kein Unterschied in Bezug auf die Consessioncn gemacht wurde. Wrm Nlivl dcr Anliskinilismus?' Ter deutsche Rcichsiagsabgeordnere August Bebel hielt auf seiner Reise zu dem in Frankfurt am Main jüngst siarkgebabten locial-demokratischen Parteitage wie uyierc Berliner Abwchrcollegin meldet, in Gießen vor einer viel» tauieiidkovsigeii Bersammlung' einen dreistündigen Bortrach. Am Schluß beschwerte sich ein älterer Herr in ziemlich unverständlichem Deutsch darüber. Laß Bebel vhilosemilisch gcivrochcn hätte. Bebel widerlegte die krausen Redewendungen dickes »Aiilisämitismus um jeden Preis" uroducircnden Herrn durch eine kurze Tarjcguug seiner Ansichten über die auki'emitische Bewegung. Cr wies u. A. darauf hin, daß sich die Lociaideuiokraien bei den Herren Antisemiten nur bedanken könnten; t c :i n i i e seien die erfolgreichsten B o r k ä m p f c r für die 2 o : .. d e m o kra i ie, bc> onLcrs in den Kreisen dcr bisher . r : . - he« ländlichen Bevölkern i •i . Bci'r-.cle nach, wie der vorläufig' Car-:.:, siä, allmälig. erweitere zum Kanii's gegen das christliche und das C.. -.:.n ist: Allgemeinen. Cr habe die Ucberzcugung, daß bei ciüer" n marschiren. Er Hälse tische Bewegung verfolgt und gefunden, daß sie in Berlin bald g< n; abgcwirthschaftet habe (Zurufe aus dcr Bcrsauimlung besagten, daß dies auch in Heffen der Fall wäre); sie hätte ihren Höhepunkt überscjrilten und dcr nunmchr absteigcnde Ast würde als neues Stärkungs nittel aufgezchrt von der Social-Dcmokratie. (Berhastuug des antisemitische» Abg ordneten Lcuß.) Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Hann ivcr> dcr antisemitische Reichstagsabgcordnctc für Cschwcgc-Schmalkoldcn, Hans Lcuß, sei aus.Beschluß deS Landgerichtes Hannover we> en dringenden Verdachtes des Meineides, den er improccsie seines ehemaligen Freundes Tr. S soll, verhaftet worden. -.Antisemitismus ans dem Theater.) D:r Solotänzer des Frank, furtcr Lpernhauscs Ferctti wurde plötzlü) Lhrscige, die er der Prima-BaUcrina Bayz sache war ein antisemitisches Schimpfwort, dcr zarten Ballctensc entschlüpft war. Auf abgchaltcncn JahrcSfcst des cvangclisch-kirchlicl icn Hilfsvercincs erzählte der Pastor Ricinschncider aus Guderslcbn, früher Jnspcctor dcr Berlincr Stadluiission, von einem beim Th: sindlichen Herrn, dcr ihm erklärt habe, er sei lange nicht in die Kirche gehen, so lange in Jacob die Rede sei. — Auch in Wien versuchte cs ein Hofopernsänger vor einigen Jahren, antisemitische Feste durch seine Gegenwart und Mitwirkung zu verherrlichen. Ter Bei such bekam ihm aber so schlecht, daß er wenigstens hierin keine „Schtlc" gemacht hat. «Aus Dem Leben Czar Alexanders H L) Tie Antisemiten in aller Herren Ländern sind mit Recht über das Ableben Czar Alexanders III. tief betrübt. Als 1d>l>l in Rußland Hnngcrsnoth herrschte, wurden dem Czar Borstcllnngeu wegen dcr Ausweisung der Juden gemacht, da die allgemeine Rothlagc durch i ic Verfolgung und Austreibung von Handelsleuten noch verschlimmeit werde. Ter Czar aber ciitgcgnctc: »Lieber HungcrSnoth als Juden!" fahrt in Petersburg bemerkte er ein Sch I »Jüdische Zeitung" und rief entrüstet cruö: eine jüdische Zeitung'?" Ilnmittclbar daraus des Blattes die Concession entzogen. Ein jüdischer Arzt.) Tie antiscinitischc Hctzpresse lügt so oft ihren Leser» vor, daß die russische Bevölkerung jüdische Acrzte als die „ärgste Landplage" betrachte. Wie die Til ge thatsüchlich beschaffen find, beweist neuerdings eine Corrcsponden; i cr »Rnßkaja JiSnc" aus Nr. 137. lekanntcn Chcscheidungsh n u tz begangen haben entlasten ivegcn einer verabreichte. Die Ilrvelches den Rosenlippen dem in Cr f u r t jüngst ater in hoher Stelle be- Antisemit und werde so derselben von Isaak und Auf einer Spazierld mit dcr Aufschrift: »Was, in Petersburg wurde dem Hcrausgcber wclchcr cs heißt: „Tic eine heilige, aber recht geliebten Arzt, M. M. von der Ccntralrcgicrung and aufrichtiges Bedauern lebhaft aber kam dieses um ne Ahnung davon zu haben. W e ß j c g o n s k im Gouvernement Twer, in Cinwohncr von Wcßjegonsk hatten kürzlich traurige Pflicht zu erfüllen, indem sic ihren £ lschwange r, scheiden lasten mußten, dcr nach Kraßnojarsk conimandirt wurde. Tiefes malte sich auf allen Gesichtern, besonders Gefühl bei den ärmeren Schichten der Bevölkerung zum Ausdruck, denen dcr Scheidende nicht nur gcwistcnhaftci Bcrathcr in Krankhcitssällcn, sondern im besten und weitesten Sinne Helfer in der Roth war. Dieser jüdische Arzt hinterläßt Crinneiungcn in unserer Stadt, in der, beiläufig bemerkt, kaum drei bis fü if jüdische Familien vorhanden sind, um die ihn der beste Christ beneiden möchte. In der ganzen Stadt gibt cs keinen Handwerker und weit in dcr Umgebung keinen Landmann, dcr Llschwangcr anders ols mit .thcucrstcr Vater!° (dorogvi Lletz) angercdet und für ihn andere Gefühle als die der tiefsten Dankbarkeit und aufrichtigen Vcrehruig hätte. Dabei wußten sie Aste, daß er Jude ist. Aber, ich glaube, wenn ein Türke und selbst ein Heide sich so vollständig und selbstlos w e dcr Jude Llschwangcr dem Werke dcr Linderung-von Leiden dcr arn en und ^arbeitenden Volksmasten gewidmet und eine ebenso segensreiche wie aufopfernde Thätigkcit anderthalb Jahrzehnte lang unermüdlich und unerschrocken fortgesetzt hätte, unsere städtische und Landbevölkirung in ihrer drückenden Majorität hätte ihm ebensogut den Koran u id den Buddhismus verziehen oder doch vergestcn. Ta standen sie nun am denkwürdigen Tage dcr Scheidung mit entblößten Häuptern am Hafen — die würdigen Repräsentanten der Zünfte und dcr nmliegent en Dorfgemeinden, lauter Graubärte, die im redlichen Mühen um dal tägliche Brot ergraut sind, die dem Scheidenden für seine fünfzehiljährige Thätigkcit zwar keine kostbaren Geschenke aus Gold und Silb:r, dafür aber aufrichtige Thränen der Rührung darbrachten, die schön r glänzten als alle Perlen Indiens. -Und dichte Masten vom .gemeinen' Volke drängten sich hastig an das User, um dem Vergötterten das litzte Lebewohl zuzurufen. Wir sahen biedere Handwerkerfrauen und Bi uerinncn ihre Kinder auf die Schultern heben und wir hörten, wie sie Mütter den Kindern