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Freies Blatt · 1894-11-18 · 137 (18.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
137 (18.11.1894)
Date
1894-11-18
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13.7 .f rti f s!? 1 a 11. (Zur Tichechisirnnff der böhmischen Inden. > Alan schreibt »ns: Bor wenigen Loschen wurde bekanntlich in Prag eiw neues Srga» der tschechisch jüdischen AgitalionSpartci V*s»koiirlovsk«; Listy“ gegründet, dessen Zweck und Ziel nicht >»el>r und nicht weniger als die vollkommene Slavisirnng der in Böhinc» lebenden Bekenner der mosaischen Religion sein sollte, die Slavisirnng der Schule, der conscssionclleu Anstalten, der Gesellschaft, die vollständige Ausmerzung des Deutsch tbumS innerhalb der Judenschaft Böhmens. „Ihr lebet mit uns und von n»S," argumcntirtcn tschechische Patrioten, „darum müsst ihr euch auch als Tscheche» fühlen und geben, sonst züchtet ihr künstlich den wirlhschaftlichcn AiitiscinitismuS, dem der gcsellschastliche Bvyeon auf dem Fuße folgt.". Tie alte .siauipfmeisc der tschechischen Führer, die sich von den Alt-auf die Junglschechcn und von diesen auf die Dmladinistcn zu vererben scheint, besteht darin, gegen die Juden abwechselnd den confcssioncUcn und den nationalen Unterschied. ausznspiclen. Wird dem einen Factor tlicchnung getragen, wird der andere in den Bordergrund geschoben und umgekehrt „Ihr müßt Tscheche» werden, sonst werde» wir Antisemiten," heißt cS heule, und „Ihr seid Tschechen zum Scheine geworden, nur um auf dem Boden nationaler Parität die Christen wirthschaftlich bester auSnützcn zu könne»." heißt cs morgen. Als die „ÖesKoLillovsKä jediiotu“ gegründet wurde, haben wir diesem Bcrcinc prophezeit. er werde nur ein gering geschätztes Instrument in den Händen arischer Tschechcnführcr und jüdischer Streber sein. Ter Bercin wurde in der Folge samint seinen Filialen von der Siatthaltcrei aufgelöst, weil er seinen Wirkungskreis überschritten und sich politische Rechte angcmaßt hatte. Die -Oeskoitdovsk*'- Listy sind die Erben der von dem ausgAöstcn Bcrcine propagirtcn Idee. Was durch die Bercinslhätgkcit nicht zu erreichen war, soll durch journalistische Arbeit ermöglicht werden: die Slavisirnng des Judenthnms in Böhmen. Und getreu der alten Parole wird auch bei den Tscheche» wieder die Frontveränderung vollzogen. DaS bisher mit Erfolg vcrwerthcte -nationale Moment weicht dem confessioncllcn. Der clcrieale ” und der ..Yelelirml" sagen übcrcinstininicnd: „Die .CVskitfi'lovskc Listy wurden nicht ans Rebe zur Sache des tschechischen BolleS, sondern nur zu dein Zwecke gegründet, um die antisemitische Bewcgniig im tschechischen Bolkc »icdcrzuhalten. Tic ,1'esko/.i,le>vsk<- Listy wollen die Juden so uiniilodcln, daß sic zu chrauchbarcn Gliedern unserer Ge scllschast werde». Ist denn das möglich? Glauben denn die ,(I'esk<>- -llllc.vske Listy die Raccncigcnthüililichkeiteu der Juden ganz verwischen zu können? Beileibe nicht. Der Antisemitismus ist eine ernste und wichtige Frage, welche eine stete Arbeit unsererseits erfordert, den» wir haben erkannt, daß die Juden nnsercin Bolke immer nur Schade» und Unglück bringen." Die „Muravskü Orlice*„ das iliährischc Alkkschechenorgan, wieder veröffentlicht eine Artikelserie über die praktische Bedeutung der Ergebnisse der letzten Bolkszählung und scheidet hiebei die Bevölkerung in „Tschechen, Deutsche, Juden und fremde". In der französischen Akademie der Wisscnschastcn wurde jüngst ein Bericht Über die merkwürdige Thatsachc veröffentlicht, -daß die .stützen beim Herabfallen aus einer Höhe in irgend einer beliebigen Position stets mit den Füßen zuerst den Boden berühren. Einem ähnlichen Gesetze scheinen die Tschcchoslaven zu folgen, welche den Inden unter allen Umstünden als den Feind und den Schädiger des tschechischen Boltes hinstellen. Die Slavisirnng der Synagoge, Schule und Familie vermag daran nichts zu ändern — und so sehr wir jeden jüdischen Separatismus verdaniincn, da er logisch und sittlich nickst höher steht als confcssionellc Engherzigkeit, so inüsten wir doch fragen: Wozu die ^pfer? Wozu sich Jcmandem in die Arme werfen, der dieses Sichcrgebcn erst recht als Beweisgrund für seine gegnerische Haltung vcrwerthct? Es muß einmal gesagt werden, daß die von dem ehemaligen Abgeordneten der Prager Handelskammer inaugurirte Bewegung zur Tschechisirung der böhmischen Juden keineswegs die Vage der gcsainmtcn Judenschast vcrbestcrt, sondern höchstens dem Ehrgeize einzelner Juden dient. l^S drängt sich nun auch die Frage auf: Was sollen also die Juden in böhmischen Gegenden thun? Wir wissen keine andere Antwort als die: Sie sollen stets als österreichische Staatsangehörige nach bcstcm Wiste» und Gcwisten, nicht aber nach dem Gutdünken Anderer, die ihnen notorisch übel gesinnt sind, ihre bürgerlichen Pflichten erfüllen. in. lWcst-OtstlilticS.) Auch im Sstcn unseres Reiches will inan hinter den Fortschritten der „westlichen Eultnr" nicht znrückblcibcn. Man erinnert sich noch der. antisemitischen Seandalc in dem nächlt Ezernowitz gelegenen Eurortc Dorna-Watra, deren Urheber AnfanAS September der k. k. Forst- und Domäncnvcrwalter Pintea T e rn a v canu gewesen. Neuesten Nachrichten aus Dorna-Watra;utolge scheint dort die von Ternaveanu ausgcworfene Saat üppig in die Halme geschossen zu sein. Ter Gcinciiidcvorstcher selbst macht cs sich zum Berufe, im Bereute mit seinen Getreuen die Juden östcntlich dem Spott und Hohn prciszngebcn, sie zu b.'schsmvien und zu besudeln Auch der Pfarrer Geo.rgeieu peedigi gegen die Inden von der stanzel herab und beschwört die Vanbbevollern.ig, in jüdischen isst schäften keine Einkäufe zu besorgen, damit sich-sisselben aiislösen. In Folge dieser Borgänge begab sich neulich eine Deputation jüdischer Bürger anö dem genannten Drre zum Vandeschei •''nifni ocß, um über diese unerhörten Zustände Beschwerde u, rvliu'ii. Der Herr Graf versprach der Deputation baldigste Abhilfe : in der Thar aber ist in dicicr Beziehung von bchörSlicher Teile noch nichts veranlaßt worden. '.Nachdem die Ezcrnowitzer Juden eben z,»n Wahlsiege des liberalen Dr. Rotk wesentlich bcigeiragen haben, io steht wohl zu crivauen. daß derselbe, w n» ihm tue Inden von! orna Warra eine genaue Darstellung ihrtr Beschwerden iibermiueln, sich bestrebe» werde, die vom Vandcschef, versprochene, aber glicht gewäbtte Abhilfe an einem höheren Cvtc z» erwirken. > Cyiu evliugtlischtr Pfar/cr iiücr Die Jndeii. > I.» „Pestcr Vlovd" äußert sich der evangelische Biarrer in^'Rn. , >i oznr, Herr Johann G u g g e» b e r g er. über de» sittliche» Vehrgehatk des lalniudiiche» Schrislihunis und über die Inden wie folgt/ Db es auch Jahrtausende'find, ivelche über das inoiaiiche t^eictz und die Veliren, von denen der Talmud mit io viel Weisheit redet, dahingegangen find — gerade die Gegenwart erinnert an sie in hervorragender Weise, und tnrz und bündig gesagt: Ter Jude hat gar keine Ursache, sich derselben zu schämen, im Gegenihcil, er kann in vieler Beziehung stolz aus dieselben sein. Und wenn wir gerade heutzutage lind gar nicht zu selten der Aufstellung begegne», als schwebe ein gewisses Tunlel über der mosaischen Vchrc, nnd die Inten mögen erst ihre religiösen Gesetze ' und Vehren ossen darlegcn, bevor üc um gleiches Recht mit ihren Mitbürgern bitte», io können sie getrost sagen: liehet nnd leset, da gibt es nichts Berborgencs!' tiiiitr der weisesten <>stsscpgeber aller Zeiten ist gerade Maies gewesen, und diejenigen, welche glauben, ihrem Ehristcnthum dadurch am meiste» gerecht zu werden, wenn sie. auf die jüdische Vehrr mit Berachlung hcrabblicken,- möge» sich an den Ausspruch nnicrcs göttlichen Bleisters erinnern, der ja eigentlich doch auch, diesem Stamme entsprösse» ist, dessen jüdische Mutter Maria doch das ewige Sinnbild der Goktcrgebenheil geworden ist, und welcher gesagt hat: „Ich bin nicht gelominen, I^as Gesetz anizulösen, sondern zu erfüllen" . . '.stoch immer kann »la» den Blödsinn Kören: Tie Juden sollen ihre Vehren vorlegen, damit man sehe» löniie, ob sic würdig seien, ansgcnonimc» zu werde», Rn», sie haben cs langst gezeigt, und wer yoch immer nicht weiß, was die jüdische Religion lehrt, dem ist so wenig zu helfen wie einem Mcnscheii. der' nicht sehen will und doch über Finstcrniß klagt. Wahrlich, es ist weiter nichts als altes Bornrtheil nnd Ungerechtigkeit, wenn iroch gefragt werden kann: Soll dem Inden gleiches Recht mit seinen Mitbürgern gewährt werden oder nicht? Indessen — er toll ja alle Rechte haben, heißt cs chic und da, nur cjncs soll er nicht verlangen, daß der.Staat den christlichen Eharattcr verliere, was aber geschieht» wenn nicht nnr der Jude Ehrist, sondern auch der Ehrist Jude werden darf. . (''•.tu soll zugegeben werden, daß durch all die Zeiten bisher die' Borstellung in uns genährt wurde, daß der Jude dem Ehristen gegenüber inferior sei und daher daS (besetz den Uebeririti znmJndentbnm nicht gestatte» könne. Aber wenn wir ein llrthcil und nicht Borurtheile haben, so müssen wir ehrlich bekennen, daß das eigentlich weiter nichts als Hochmulh ist und cs an der Zeit wäre, diesen Hochmnth endlich einmal abznlcgcn. i Fürst Chlodwig zu Hohenlohe »ud die JnSeltB Der Mainzer. „Israelit" schreibt: Es war in den' Junilagen des Jahres IST*;. sSinmllichc Mächte Europas hatten ihre Berireker in die Hauptstadt des Deutschen Reiches entsandt, um über die wichtigsten Fragen der Politik, über strieg und Frieden/ liber Bertheilnng von Vändcrn und über Einsetzung von Bölkerrechlen zu entscheiden. Die Augen der ganze» Welt waren ans Berlin gerichtet und auch die Israeliten sahen den Berathungcn und Entscheidungen des Berliner Eongrcsscs mit der größten. Spannung und Sorge entgegen. Stand doch auch für sic ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung: die Frage der Gleichstellung der Juden in den Rindern Bulgarien, Rumänien u»d Serbien. Bereits feit sechzehn Monaten warteten die Delegieren der Israeliten aller Rinder, die in. Paris versammelt waren, auf die europäische Eonfercuz, damit der schmählichen Unterdrückung, welcher die Israeliten des morgenländischcn Europa auSgcsctzt waren, ein Ziel gesetzt werde. Die „Alliance Israelite universelle' ließ durch die »ach Berlin entsandten Herren Retter und Eahn dem Eongreß eine Petition überreichen, in der die Rothwcndigkeii der Gleichheit aller Menschen und der Freiheit religiöse? Anschauungen auf das Eindringlichste klargclegt war. Israelitische DcplUationcn anderer Städte nnd Vändcr erschienen auf dem Eongreß, und lange wußte mau nicht,

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