Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 136 (11.11.1894)
- Date
- 1894-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 136. £rtirs Blatt. „Mit mir selbst," antwortete Moses, „steht es ganz ebenso; ich fühle mich glücklich in der Beschäftigung mit der Wissenschaft.". „Du wirst aber jetzt doch einen praktischen Beruf wählen?" „Weshalb?" „Nun, mit dem Gymnasium bist du doch fertig." „Glücklicherweise!" „So mußt du dich doch entscheiden!" „Meinst du für ein Brotstudium?" „Hör' ,.,ich an, MoseS," sagte die Mutter, „und gib Acht auf jedes Wort, daS ich dir sagen werde. Erinnerst du dich noch daran, wie du vor acht Jahren, du warst damals zwölf Jahre alt. Frühmorgens zu mir gekommen bist mit der Frage, ob der Batcr einverstanden ist, daß du studiren sollst? Erinnerst du dich daran?" „Als ob eS gestern gewesen wäre. Wie werde ich mich," sagte MoseS, „an so etwas nicht erinnern. Das war ja doch für mich wie eine Entscheidung über Leben und Tod." „Also muß ich dir sagen/' fuhr die Mutter fort, „dein Vater war damals nicht einverstanden." „So," sagte MoseS sichtbar betroffen. „Nein, MoseS," sprach sic weiter, „dein Vater hat sich deine Zukunft andervorgestellt, und cS hat keinen kleinen Kamps gekostet, ihn dahin zu bringen, daß er seine Einwilligung gegeben hat. Es war ein großes Zugeständniß von seiner Seite, und eS mußte ihm förmlich abgerungen werden. Seine Meinung war, M du einmal, wenn er nicht mehr kann, das Geschäft übernehmen wirst. Denke dir, in waS für einen GemüthSzustand eS ihn versetzt haben muß, seine Absichten vereitelt zu sehen." Sie erzählte nun ausführlich so treu, als eS ihr Gcdächtniß zuließ, den ganzen Inhalt der damals geführten Gespräche, und nachdem sic, was sie für nothwendig hielt, mitgethcilt hatte, sagt? sie: „Dein Vater ist der festen Ueberzeugung, daß du dich der Advocatenlaufbahn zuwrndcn wirst; er hält die« unter den heutigen Umständen für den einzigen Weg, der dir offen steht. Oder willst du vielleicht Medicin studiren?" MoseS schwieg, er war keines Wortes mächtig. „Nun," fuhr die Mutter fort, „und von Philosophie will er nichts wissen. Er will haben, daß du etwas erreichen sollst, auch nach außen hin, nicht nur das Bewußtsein, daß du etwa« gelernt hast, sondern eine Stellung, die die Mittel bietet, ein Haus zu führen." „So will er haben," sagte MoseS mit bebender Stimme, „ich soll ein Sclave sein!" „Du hast jetzt die Wahl, MoseS," sagte die Mutter, „den Frieden unseres HauseS zu stören und in deinem Sinne ein freier Mann zu sein, oder dich dem Willen des Vaters ' zu fügen und den Frieden dcS HauseS zu erhalten." - „Du setzest mir die Pistole auf die Brust," sagte der Sohn. „Ich weiß cS, MoseS," sagte die Mutter, „aber ich muß eS; ich weiß, ich thu' dir weh, aber ich kann dir diesen Schmerz nicht ersparen, um nicht dir und uns Allen noch größere Schmerzen zu bereiten. Hör' mich an, MoseS," und bei diesen Worten nahm sie, ihn bei der Hand, zog ihn an sich Und schloß ihn liebend in die Arme, „ich Hab' mich eingesetzt für dich, ich habe mich zum Pfand gegeben. Auf mich allein fällt alle Schuld, wenn der Friede dieses HauseS gestört wird. Probir' eS wenigstens! Vielleicht ist die Meinung, die du jetzt von diesem Studium hast, ein Vorurtheil; cS ist ja möglich, daß eS dich befriedigt, daß du Interesse daran findest und auch Vergnügen. Diese Möglichkeit ist doch nicht ausgeschlossen, und du wirst vielleicht auch als Jurist dich als den freien und souveränen Arbeiter fühlen, als den du dich bisher gefühlt hast." „Und das sagst du mir?" fragte MoseS. „Du, die begeisterte Verehrerin Schiller'-? Seinen Aufsatz über daS Studium der Universalgeschichte hat er für dich nicht geschrieben? Und waS er über den Unterschied zwischen dem. philosophischen Kopf und dem Brotgelehrten sagt, daS ist deinem Gcdächtniß entschwunden?" „Nicht so, mein Sohn," sagte die Mutter, „nicht diese Bitterkeit! Besänftige dich und reden wir ruhig über die Sache. Ich begreife deine Aufregung, aber deine Berufung auf Schiller scheint mir mehr zu meinen als zu deinen Gunsten zu sein." „Wie so?" fragte MoseS, noch immer .heftig erregt. „ES ist freilich schon lange her," fuhr die Mutter fort, „seitdem ich diesen Aufsatz von Schiller nicht mehr gelesen habe, aber so viel ich mich erinnere, zeigt sich nach Schiller's Meinung der Unterschied zwischen dem philosophischen Kopf und dem bloßen Brotgelehrten nicht darin, daß der eine diesen und der andere einen anderen Beruf wählt, daß sich der eine dieser, der andere einer anderen Wissenschaft widmet; vielmehr scheint mir, wenn ich ihn recht verstanden habe, Schiller's Meinung die zu sein, daß sich der Unterschied zwischen dem philoso- Seite 9. phischcn Kopf und dem Brotgelehrten in jedem Studium und in jeder Wissenschaft ergibt; gerade darin zeigt sich der phisosophische; Kopf im Gegensätze zum Brotgelehrten, daß er sein Studium, es mag sein, welches cS wolle, von einem höheren Gesichtspunkte auffaßt, cS mit philosophischem Geiste durchdringt, nach allen Seiten hin vertieft; während der Brotgelchrte zittert, wenn in seiner Wissenschaft irgend eine neue Entdeckung gemacht wird, weil er sich mit dem, was er gelernt hat, begnügt, sein Studium einfür allemal als abgeschlossen betrachtet und fürchten muß, daß durch eine neue Entdeckung auf dem von ihm als abgeschlossen betrachteten Gebiete all sein' Wissen über den Haufen geworfen und er selbst gezwungen fein wird, fein Studium nochmals von vorne anzufangcn. Versuche cs also nur getrost, mein Sohn, mit den juristischen Studien, und dein philosophischer Geist wird auch auf diesem Felde Gelegenheit habe», sich zu vertiefen und eine innere Befriedigung zu finden. So wirst du dem Vater und;u- ' gleich auch dir selbst genug thu», und was du in diesem Augenblicke als ein Opfer betrachtest, wird sich dir im Laufe der Zeit, bis du einigermaßen in den Inhalt dieser Studien eingedrungen sein wirst, in eine Quelle reiner geistiger Freuden verwandeln." MoseS schwieg. Diese- Schweigen war beredt genug. Er konnte den eindringlichen Worten^der Mutter nichts Vernünftiges entgegensetzen. Er störte den Frieden des HauseS nicht; er er°gab sich. Es war ein Act der größten Selbstverleugnung pon der Mutter nicht niinder als von dem Sohne, da sie ihm das Versprechen abforderte, seinem Ideal zu entsagen. «Fortsetzung folg,.) Die tcrtmudilche Gemeinde. «Zur Geschichte der Armen- und Schulpslege bei den orthodoxen Juden.) Sobald die Bedingungen für das Entstehen einer Cultu-gemeinde, wie sie der Talmud an manchen Stelle», besonder» klar und unzweideutig aber in Baba-batrah «Fol. 9, Seite 2) ausstellt, und die Garantien für da» Bestehe» derselben vorhanden waren, d. h. wenn um einen Ort als Centrnm herum ' einige Orte waren, und von der Grenze ihre» Weichbilde» bi» z» dem Weich- . bilde eben dieses Lentrum« nicht mehr als 4000 Schrille entfernt «Bejzah, Erubin u, a. a. O.) so viele Jude» wohnen, daß wenigstens zehn zu gewissen gottesdienstlichen Berrichtunge» Verpflichtete, nämlich inänntiche Personen', die daS dreizehnte Lebensjahr zurückgelegt haben, zur bestimmte» Zeit ständig versammelt sein können, wenn sie weiterim Besitze einer eigene» oder ausgeliehenen Thora-Rolle sind und endlich ein Raum vorhanden ist, ausschließlich für die bezeichneten gottesdienstlichen Verrichtungen und für Thora-Studium bestimint, Bej-kenischta genannt, so war auch die EultuSgemeinde errichtet. E» mag aber nur wenige LultuSgemeinden von solcher Kleinheit gegeben haben, da noch eine solche, die dreimal zehn Verpflichtete zählte, zu den kleinen gerechnet wurde. Solche halten aber schon Schlächter, Lehrer, Arzt u. s. w., Ersichtlich au» Bababatrah, Fol. 20,1, 2.) Der Talmud «Baba-batrah ebendaselbst» schreibt nun einer jeden EultuSgemeinde vor, sie solle drei Kupos-Eassen haben: auS.der erneu erhallen die OrtSarmen am Freitage den Wochenbedars, die zugereisten Armen jeden Tag den Tagesbedarf ausgezahlt. Die Eincassirung geschah in Anzpesenheit von zwei, die Vertheilung in Anwesenheit, von drei dazu Berufenen. Zugereiste Arme, sogennante „Schnorrer", erhielten eine Anweisung für den Tisch eines Gcmeindemitgliedes, eine „Bolette", in der Jargonsprache „Plett" genannt,, und in dem Archiv so mancher Gemeinde, sind noch die Bücher vorhanden, au» denen diese Anweisungen immer ausgeschnitten worden ivaren. Au» den in der genannten Talmudstelle angesührte» Name» der Gelehrten ist ersichtlich, daß diese Anordnungen schon zu Zeiten Kaiser Hadrian» in unbestrittener Geltungwaren. In Bezug aus diese Regelung deS Armenwesen» heißt e» in Traktat Gilin, Fol. 52—2: „Wenn unter den eine Beiheilung auS dev.Kupah' de- - anspruchenben Armen auch Nich.juden erscheine», so siud sie den Jude» gleich zu behandeln; durch solche« Thu» wird der Friede in der Gesellschaft erhalten: .Mipnej darlrj Scholom' und »ach dem Spruche der Alten: .Wer die Hand nach einer Gabe auSstreckk, dem gib.'" Also hört ei» Bettler in einem jüdischen Hause noch heute die kalte Abfertigung nicht: „Hier ist nicht»!", wäre cS auch nur a»S Furcht, daß diese Lüge nicht zur Wahrheit werde. So finden wir also schon vor mehr al» siedzehnhundert Jahre» auch in der kleinsten jüdischen Gemeinde da» Armenwesen in humaner Weise geregelt, wa« wohl von mancher großen Hauptstadt-Europa» »och heute nicht gesagt werden kann.- E» wurden aber noch zwei andere Lassen verwaltet. AuS der zweiten wurde da» Unterricht»-, geld für arme Kinder bestritten, und au» der dritten wurden die Beerdigungskosten für die Leichen der Armen gezahlt. Die Besitzenden konnten die ihnen ouferlegten Beiträge nicht verweigern, weil diese im WeigerungSsalle gerichtlich eingehoben wurden. So wird in der angeführten Stelle in Baba-batrah erzählt, daß einem mit Namen Genannten ein Betrag von etwa 400 fl. nach heutiger Währung gerichtlich, d. h. von jüdischen Richtern abgesordert wurde, Später mochte»