Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 136 (11.11.1894)
- Date
- 1894-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. freies Blatt. Nr. 136. zwanzig Zähren wohl gönnen, sich nach seinem eigenen Geschmacke zu unterhalten. „Der Herr Emannel Kohn dürfte vielleicht doch eine andere . Meinung von der Sache haben," wagte die theilnahmsvolle Seele einzuwenden. Frau Kohn aber erwiderte: „Schon gut. es ist die Zeit noch nicht da, von solchen Dingen zu reden; Moses ist noch jung. Und wenn einmal die Zeit kommen wir! , an eine ernste Verbindung fürs Leben zu denken, so werde dies ihrl Sorge sein, und es brauche sich darüber niemand Anderer den Kops zu zerbrechen." Hiemit war die Unterredung wohl za Ende; innerlich aber war Frau Zetli Kohn keineswegs so ruhig und sicher, als sie sich der lästigen Fragerin gegenüber den Anschein gegeben halte. Tie Möglichkeit, daß Moses für Genofka eine tiefete Neigung gefaßt habe, war doch nicht ausgeschlossen, und — er i t Jude, sie ist Christin — dachte die Mutter, waS soll daraus werden? Tb er hierüber nicht vielleicht etwas in sein Tagebuch eingeschrieben habe, da könnte man über se n Gefübl für das Mädchen auf dem kürzesten Wege Aufschluß er! »alten. Sie ging auf sein Zimmer, nahui sei» Tagebuch und kehrte mit demselben in ihr Zimmer zurück. Es fand sich keine Andeutung; dagegen fand sie eine Stelle über sich selbst. Die Anmerkung war >atirt von Mitte "November und lautete folgendermaßen: Meine Mutter ist zur Schiller-Feier nach Wien gekommen. Ich glaube, der Tag, an dem wir im kaiserlichen Redoutensaal die neunte Symphonie von Beethoven mit der l)de .An die Freude" von Schiller gehörtbaden, war einer der schönsten ihres Lebens. Nie habe ich sie so glücklich gesehen, so voll von innerer Beseligung: Sie ist der böchsten Begeisterung fähig; ich glaübe, sie wäre imstande, für Schiller jedes Svfer;u bringen, und se bst wenn es sich um daS ' Leben bandelte. Daß sie diesen Tag, der hundertjährigen Geburtstag Schiller's, in solcher Weise gefeiert zu seien erlebt hat, wird ihr fürs ganze Leben eine große Erinnerung sein! Was ist eitle Bertha gegen sie! Bertha in geistreich, aber sie! DiesiS Gefühl für alles Edle, Große und Erhabene! Gott erhalte sie mit noch lange, lange. Ich kann den Gedanken nicht fasten, daß es eine Zeit geben soll, in der sie nicht sein wird. Ueber Schotter und Kieö ging sie mit, wie ein >unger Student, bei dem Fackelzug über den Franz Josefs-Ouai, über den Schollenring bis dahin, wo e nmal das Schiller-Denkmal sich erheben wird und wa Laube seine siede gehalten. Bei der Rede Schuselka's im Theater an der Wier da sagte sie: .In diesen Worten weht Achkundvierziger-Luft." SC) das keine Täuschung ist! Vorläufig haben wir noch das Concordat. Diese letzten Wone gaben der Mrtter zu denken. AuS den früheren Zeilen Halle sie die kindliche! siebe und Verehrung, von welcher er für sie erfüllt war, mit mütterlicher Wonne herausgelesen. Tie letzte Zeile aber enthielt eine Bemerkung allgemeiner Natur und bezog sich auf die politischen -Zustände, ur d daraus meinte sie zu erkennen. daß Moi'es über sich und feine Zukunft schon nachgedacht habe. Um so auffallender war es ihr, daß er ich hierüber mit keinem Worte geäußert. Er spricht nichts, der Vaier chweigt, die Ferien werden vorübergehen, und mos wird dann geschehln? Dieses Schweigen fing an, ihr unheimlich zu werden. Sie halte das Gefühl, es werde ein Gewitter auSbrechen, und sie konnte nicht misten, mit welcher Heftigkeit es sich entladen werde. Moses hatte seines Judenthums' halber niemals eine Kränkung erlitten; traurige Erfahrungen in diesem Punkte wären ihm glücklicherweise erspart geblieben. In der Schule hatte er mit den Mitschülern auf freundlichem Fuße gelebt; die Professoren waren streng, aber gerecht gewesen, und es ist nimials vorgckommeü, daß er als Jude eine Zurücksetzung erfahren hätte. DaS Alles wußte sie. Was hak er also mit der Bemerkung über das Concordat gemeint? Will er damit sagen, daß er es als Jude zu nicht; bringen werde? Sie erwartete ihren Sohn mir Unged ild. Gerade heute kam er nicht. Endlich fragte die Mutter bei den Tienstleuten, ob Niemand Meies gesehen Hane, und war ganz erstau U, von dem Stubenmädchen z:i r:r»>hmen,, der junge Herr sei zu Hau e, es scheine, daß er etwas :u ’d-ut.i'tit. bade, denner sei mit der Feier in der Hand an seinem Schreibtische geiesten, als sie.ihm ein Glas Waster, das er verlangt balle, gebracht habe. Da muß ihm etwas im Kopf herumgehen, dachte die iDiutter, imö Da er nicht zu ihr kam so ging sie zu ihn«. Zn der Tbat fand sie ihn schreibend. Mops batte beim Eintritt der Mutrcr Sie Feder niedergelegt uud war aufgestanden, die Mutter aber iagie, er solle sich nicht stören laste t und wollte sich entfernen. .Die Hauptsache steht schon aus dem Papier," sagte Moses, .und eS hat kerne Eile." „Wovon handelt es?" fragte'die Mut er. „Es ist," sagte Moses, „eine Non; ürer den Unterschied zwischen Arbeit und Beschäfiiguug." - „es ist eine und nur sehr daS ist ja nichts Neues." Das ist intereffanr," sagte die Mutte' ,Es ist mehr als interestant," entgec nete Moses, sehr ernste Sache." .Wie meinst du das?" .Ich meine, daß die meisten Menschen arbeiten wenige sich beschäftigen." , „Ja gewiß!" sagte die Mutter, „aber „In dem Sinne, wie ich den Unterschie» feststelle, ist vielleicht doch etwas Neues enthalten. Freilich, wenn min den Fabrilsarbeiter mit dem Fabriksherrn vergleicht oder den Feldar!>eiter mit dem Oekonomen, so meint man, die Sache ist abgethan. D:r Knecht, der hinter dem Pstuge hergeht, der arbeitet; von dem sazl Niemand, er beschäftigt sich mit Ackerbau; vom Gutsbesitzer aber fugt man, er beschäftigt sich damit." „Das ist ja auch ganz richtig," sagte tie Mutter. „Ich halte eS nicht für so ganz richtig “ entgegnete Moses, „m meinen Augen verrichten sie Beide Sclavenarbeit, der Herr wie der Knecht, nur daß die Arbeit des. Einen esne leichtere ist als die des Anderen." „Das sehe ich nicht ein," sagte die Mutter.' Tu wirst es gleich einsehen," fuh: Schwierigkeit und Leichtigkeit der Arbeit koiuint es gar nicht an. Ich rbeit und souveräne freier Wahl und mit Lust MoseS fort. „Auf die oder schwer. Eine Arbeit, unterscheide zweierlei Arbeit: Sclavena Arbeit. Jede Arbeit, die man nicht ans verrichtet, ist Sclavenarbeit, ob sie leicht ist die der Arbeitende gern auSführt, die ist so iverän, und die souveräne Arbeit ist Beschäftigung. Die Arbeit mug den Menschen glücklich machen, die Arbeit selbst, nicht erst das Resultat, das man von ihr erwartet. Wenn man etwas macht, weil man weiß, man wird hiedurch dies oder jenes zustande bringen, so maz man sich vielleicht einreden, man macht eS gern. Das ist eine Tluschung. Könnte der Betreffende den Zweck, den er int Auge hat, irreichen ohne diese Arbeit, so würde cr sie liegen lasten, seine Arbeit ist also keine freie, sie ist erzwungen, und er ist ein Sclave, er mag sein, wer er will und was er will." „Das ist wirklich neu," sagte die Mutier, „wie bist du auf diese Idee gekommen?" „In sehr einfacher Weise," sagte Mo es, „durch Beobachtung. Ich habe den Herrn v. Birkenfeld mit di m Töpfer Martinek verglichen, und da halte ich's heraus." „Also der Herr v. Birkenfcld ist Niich deiner Meinung ein souveräner"'Arbeiter?" fragte die Mutter. Der Sohn aber erwiderte: „In, Gegentheil, er ist ein Sclave, ec beschäftigt sich mit der Lekonomie nur, weil er davon lebt; ich bi t überzeugt, daß er lieber auf die Jagd geht, als über seinen Rechnungen zu sitzen und Aufträge für den nächsten Tag zu ertheilen. Der Töpfer aber hat eine wahre Freude an seiner Arbeit. Sie ist nicht leicht, im Gegentheil, sie ist anstrengend, und der Zweck liegt freilich außer der Arbeit, denn er macht die Töpfe, um sie zu verkaufen; »der daran denkt er nicht, wenn er die Scheibe dreht, da hat er einzig und allein die Arbeit selbst im Auge; jeder Topf, den er fertig iringk, freut ihn, als ob es der erste wäre und als ob ihm so etwas ooch gar niemals gelungen wäre. Ein gar zufriedenes Gemülh und g ücklich bei seiner Arbeit." Hier hätte die Mutter Gelegenheit gehabt, das Gespräch auf die Tochter des Töpfermeisters zu lenken, und hält? sich ihr dabei durch irgend eine Aeußerung des Sohnes, durch t.n mit Feuer gesprochenes Wort oder durch seine Miene und Geberde rgeben, wie er zu dem Mädchen stehe. Sie unterließ es aber; eß mar ihr von größerer Wichtigkeit, bei dieser Gelegenheit zu erforsck en, wie er sich selbst zn dem von ihm entwickelten Gedanken verholter werde. Sie sagte: „Ich verstehe jetzt erst vollkommen, was du meinst. Der Unterschied zwischen Sclavenarbeit und souveräner Arbeit liegt nach deiner Ansicht nicht sowohl in der Arbeit selbst a!S in der Neigung oder Abneigung des Individuums." „Ganz richtig," sagte Moses, „das ist icr springende Punkt." „Ich weiß nicht," meinte die. Mutter, ,ob der Later diese Ansichten billigen möchte, und es würde ihm jedenfalls sehr komisch Vorkommen, wenn er von dir hören sollte, daß :r ein Sclave ist." „Ter Vater?" rief Moses, „der ist knn Sclave, er lebt ja im Geschäft! Wie oft Hab' ich mir's gedacht, w nn ich ihn in den Magazinen gesehen habe, selbst Hand anlegen wie den untersten Hausknecht und den Staub einschlucken, der dort aufgl wirbelt wird, wenn diese Wollsäcke auf- oder abgeladen werden, er köffnte nicht leben ohne diese Beschäftigung, er märe unglücklich ohne diese Thäligkeit. Nie habe ich dabei an Arbeit gedacht." ' „In Beziehung auf den Vater hast du Recht. Und wie steht es mit dir selbst?" fragte die Mutter, v