Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 136 (11.11.1894)
- Date
- 1894-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 136 Lreie s Aus antisemitischen Blättern. (Im Concurreozkampst.) Wir« bekommt ein neues antifemitifchclericale» Blatt, eine Montagrzeiiung, welche ein sicherer Alfred Regner vom 12. d. M. ab unter dem Titel „Wiener Neueste Nachrichten" herauSgebc» wird. In der hochersreulichen Ankündigung wird da« Erscheinen diese« Blättchen« mit einem angeblichen Ueberschuß von christlichem Gefühl in der Wiener Bevölkerung, motivirt, welcher sich in einem phänomenalen Aufschwung der antisemitischen Preffe äußere. „Was noch vor einem Deccnnium in Wien unmöglich schien," heißt e« in dem Prospect großmäulig, „ist heute. durch den Eifer und die Opserwilligkeit de« christlichen Bolle« zur Thatsache geworden. Wir haben große» stark verbreitete*) und achtunggebietende**) Organe, . und jede Richtung innerhalb der antiliberale» Parteien ist durch ein Tagblalt vertreten." Tie „großen, stark verbreiteten und achtunggebietende» Organe" haben aber auch eine sauere Existenz, Herr Regner, vergesien Sie da« nicht zu sagen, und liegen sich schandhasl in re» Haaren. Die „Politischen Fragin eine", eine« der obscuren antisemitischen Wochenblättchen, warfen der „Reich«post" jüngst vor, sie sei kein „christlich-sociales" Blatt, und ihrem Herausgeber Spitzer-Weimar, er sei ein jüdischer Zeitungsspeculant. Die „Reichspost", welche jeden Bestcllbrief eine« Landcaplan« vollinhaltlich als Beweis ihrer Gelcsenheit veröffentlicht, druckt nun, um sich in „christliche» Streifen" zu rebabilitiren, spaltenlangekobzcttcl von Lueger, Prälat Schindler »»bänderen unzweiselhasten Reaclionären in ihrer SonnlagSnnmmer zur ästhelische» und politischen Belehrung und Erheiterung ihrer christlichen Leser ab. Zu gleicher Zeit emstfängt sie aber, gleichfalls von nahvcrwandter Seite, einen Schlag auf die andere.Wange. Da« „Vaterland^ beklagt sich nämlich bitter darüber, daß die „Reichspost" im Abnehmergebicte des „Vaterland" auf die Adonnenten jagd gehe, und daß in einer bekannten Weinstube der inner» Stadt die „Reichspost" direct das „Vaterland ■ ausgebissen habe. An bitteren Borwürfen und einem drohenden Hinweis auf den bevorstehenden Katholikentag fehlt c« auch in diesem Sonntag« Entrefilet de« „Vaterland" nicht. Tie» Bildniß christlicher Preßeinigkeit ist bezaubernd schön, und hält man dazu »och die bekaittiten Eoncurrenzfehde»zwischen „Volksblatt" und „Ostdeutscher Rundschau", iowie die zu einer traurigen Berühmtheit gewordene Misere der „Deutschen Zeitung", so kann man Herrn Regner nur um seine optimistische Weltanschauung beneiden. Im antisemitischen Eoncurrenzkampse wird er bald zu andere» Anschauungen kommen. (Tie „Unvrrsälschtcn" über das neue Heimatsgesey.) Ta« am I. „Nebel monat" erschienene Amtsblatt der „Unbedingten" schreibt über da« von der Regierung im ReichSrathe eingebrachie neue HeiiualSgesetz: „Wir sind entschiede» gegen die Fassung de« § 2 diese« Gesetze«, . nach welchem auch Juden nach fünfjährigem Aufenthalte i» einer Gemeinde i» dieser Gemeinde hcimaiSberechligt werden müssen. Ten Gemeinden muß da? Recht zugefproche» werden, den Jude» die Heimatszuständigkeil versage» zu dürfen " Die Aniiseniiien deurtheilc» alle Einrichtungen im ösientlichen Leben nur von dem Standpiinkle, ob man innerhalb derselben die Juden chicaniren kann oder nicht. Und einen solchen Standpunkt nennen sie bald „national", bald „christlich"! (Finstkrniß im Wachsen.) Au« Salzburg schreibt man »»«: I» der Zeit der Tcufel«a»«treib»ngen braucht u»S nichts mehr zu lvundern. Erzählte neulich der Katechet einer hiesige» Volksschule seinen Schüler» von einem Knaben, welcher, i» der Sünde gestorben, ganz schwarz auö der Hölle kommend, , seinem Frcnnde erschienen sei. Auf die zweifelnde Anfrage eine» Zögling« ant »'ortete der ReligionSlehrer etwa« betroffen: „Wenn Gott will, können auch Geister erscheinen". Wußte da« clericale Blatt „Salzburger Chronik" tvohl von dieser Sorte aufNärenden Unterrichtes, al« e« erwirkte, daß „Ter Müller und sein , Kind" vom Repertoire abgesetzt werde? . Dies geschah, obwohl der Gemeinderath weiß, daß das Stadltheater vom Publicum und nicht von der Redaction der „Salzburger Ehronik" erhalten wird, welche« obscnre Parteiblatt der Betschwester» keinen weiteren Einfluß aus die intelligenten Kreise ausübt. „Der Müller und sein Kind" ist zwar ein Rührstück, aber zugleich eine literar-historische Merkwürdigkeit, welche man nicht streichen sollte gerade in der Zeit der TeuselSo/u«Ireibungen, denn dann wird ja die gute Lehre jene« Katecheten von den Geistern deSavouirt! Plötzlich diese Pietät der „Salzburger,Ehronik"! So zane Empfindungen sind wir bei gewiffen Eaplänen in den Reihen dex großen Schreierpartei nicht gewöhnt. Tempora mutantur! I>—. (Glaubwürdig.) Das Organ des Herrn Professor Masaryk, die „Ceskä Straz“, schließt einen Artikel über die Lueger-Feier mit folgenden Worten: „Uns ist Lueger doppelt lieb. Bor Allem al« ehrlicher Demokrat "und unerschrockener Verfechter der Volk«rechte und dann al« Freund de« Volker. Wenn daS deutsche Volk in diesem Staate einmal lauter solche Führer >oie Lueger haben wird, werden sich die Slave» Oesterreich« mit den Deutschen bald verständigen." Da« glauben wir. Der „ehrliche Demokrat" würde so gut wie für die confessionelle Schule auch für da« böhmische Staatsrecht zu haben sein, wenn nur al« Preis für ihn die goldene Bürgermeisterkette abfiele. Der *) Eine« dieser „großen, starkverbreitete« Tagblätter" hat eine Auslage von ganzen 1600 Exemplaren. **) Siehe Bergani'« schriststehlerische Leistungen! Blatt. 2eite 7. „Realist" Masaipk weiß das recht gut und macht sich daher »ichis.vo» jener berühmten Scene im Abgeordiieienhause zu wisse», in welcher Eduard Gregr mit dem „ehrlichen Demokraten", damals „Wagenthürlanstnächer" genannte» Lueger und seinem sürstliche» Gönner furchtbar in« Gericht ging. l„J»dcnlibkralcr" Biibilknschniuk und der Moralist Ovist.» Bei der Einweihung de« neuen Wiesbadener Theater« stellic jüngst der Jnlendant Herr v. Hülsen folgende« idealistische Programm auf: „Den Vorhang aus! Dem Großen. Wahren, schönen Sei dieser Ställe fester Grund grn'eiht. ‘ . Tein Große» soll in diese» heil'gen Hallen Ta« ew'ge Feuer keusch und rein erglüh'». Dar Wahre soll erheben, soll gesalleü, Ta« Schöne läulernd durch die Herzen zieh'», So wahr mein Strebe» wird Vollbringe». Tu aber, beil'ge« Licht, verklärlcr Aar, Steig' au« dem ew'gen Bla», und deine Schwingen Erhebe schirmend über dem Altar!" ' Taj» bemerkt die„Oesterreichischc VollSzeiknng" de« hochwürdigen Herrn Ambrosius'rl p itz in WarnSdors überaus salbungsvoll: „Viele moderne judenliberale Bühne» sind dagegen prakliich der Zote, dem moralischen Schmutze und dein Gemeine» geweiht." Gleichzeitig aber veröffentlicht ne in derselben Nummer da« Repertoire de« WarnStorser Theaters, da« sich durch folgende keusche und reine Stücke auSzeichnet: „Ter Lumpeuball", „Frou-Frou", „Tie Straßentänzerin von Pari«", „Das Gänscliei'l" und „Tie flotten Weiber von Wien". Aus Freikarte», welche seiner „Schrislleitung" den Genuß der WaritL» dorser Theaterkunst nneittgeltlich gewähre», Wien» eben der g»ll»ülbige Moralist Ambrosiu« Opip i^och nicht verzichlen zu ivolle». (Das Heilserum., Man schreibt uns au» Müiichen: Ta« „Banrische Vaterland" bringt in seiner Nummer vom l. k. M. einen "stainin^nden Leader gegen da» Heilserum. S« sagt, daß e« die höchste Gewissenlosigkeit sei, dem Volke ein Heilmittel zu 'empfehlen, da» noch nicht hinreichend erprobt wurde, und daß der ganze Heilserumichivindel lediglich dazu diene, Aerzlen und Juden Geld zu tragen. Run wäre e« wohl kauin der Erivähnung werch, daß auch ein Münchener antisemitisch clericale«.Organ, ebenso wie die österreichischen „aitticorruplioiiistischen" Blätter, gegen die neue Erfindung.Stellung nimmt, wenn nicht in derselben Nummer de« „Baiirischen Vaterland." im Jnseratentheil eine langalhmige, inarktichreieriiche Annonce zu finden wäre, die einen — Kräuleriast gegen Tiphtherie warm empfiehlt. Auf der ersten Seit« begeifert demnach da« ehrenwerihe Blatt ein Heilmillel, das von de» ersten Autoritäten al« vortrefflich bezeichnet wird, und aus der dritten Seite gibt eS einer Anzeige Raum, in der ein Onackialber seinen Kränierkast aiipreist. Diese Thalsache beweist zur Genüge, daß es dein „Vaterland" und Conkorten keineswegs darum zu Ihun ist. die Bevölkerung vor einem angeblich schädlichen Heilmittel zu bewahren, daß sie vielmehr nur deshalb gegen die neue Arznei donnern, weil ihre politiichen Gegner dies nicht ihn», und deshalb die Gewissenlosigkeit lediglich auf Seite der Finsterlinge ist jrc lulle tun. Die Töpferscheibe. Erzählung, von Eduard Hulke. , ‘ (13. ssoriietzunz.- Es ist nicht zu verwundern, daß da« Gerede über Moses und Gcnofka auch ins 'HaüS des Emanucl- Rohn drang. Es fand sich in dem Städtchen, und namentlich unter der weiblichen Einwohnerschaft desselben, schon so eine frcnndliche und ivohlmeinende Seele, die sich der Aufgabe unterzog, an die Frau Jctti Rohn mit zur Schau getragener Thcilnahmc die Frage zu richten, ob sic cs denn auch gerne sehe, daß ihr Sohn mit der TöpfcrStochtcr geht, und wenn er schon ein Christcnuiüdchen heiraten wolle, so seien ja noch genug Töchter auS achtbaren und wohlhabenden Häusern im Städtchen, unter denen er wohl ein? bessere Wahl treffen könnte, und er.brauchte sich nicht so wcgzuwcrsen, daß eS ein Scandal ist. Frau Ietti Kohn, empört, mehr über die Gemeinheit einer solchen Gesinnung als über die Zudringlichkeitmit der Man sich in ihre Familienangelegenheiten mischte, bemeisterte ihren Zorn und antwortete mit Gelassenheit, sie finde in dem Berhalten ihres Sohnes nichts, was sie tadeln könnte. Der Töpfermeister sei so achtbar wie irgend ein Anderer iip Orte, wenn auch nicht wohlhabend; aber die Achtbarkeit und die Wohlhabenheit seien sehr verschiedene Dinge, und von einem Sichwegwerfen könne da nicht die Rede sein. Die TöpferStochter sei ein braveS Mädchen, und wenn' MoseS lieber mit Genofka geht als mit einer Anderen, so falle eS ihr nicht ein, ihm daraus einen Borwurf zu machen, und die Freiheit darf man einem jungen Menschen von