Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 136 (11.11.1894)
- Date
- 1894-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 78% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441571--1617-4888057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 13«. Freies Juden feit Ende Mai 1891: Der eben erschienene Bericht des ComitüS! führt im Wesentlichen auS: Zu einer MasienauSwanderung der Juden auS Rußland lieg! kein Grund, aber auch keine Möglichkeit vor. Sie waren dort seil vielen Jahrhunderten angefiedelt, ja zumTheil vor Einwanderungderorthodox-christlichenStaatsangehörigen. Sie sind unentbehrlich für das Land, eine Thatjache, die alle irnbesaugeneu «enner der Verhältnisse, sogar die russische» Staatsbehörden selbst in zahlreiche» amtliche» Berichten bezeugt haben, uiid nicht ihr Bcrhalten, geschweige denn ein Verschulde», nur bestiinmle geistige Strömungen haben die harte» Maßregel» gegen sic veranlaßt. Sie werden endlich stets in Rußland ansässig sei», zu ihrem eigene» Heil, wie dem de« Landes; ist doch trotz aller Hinteruisse selbst heute der Fortschritt in der Assiiniliruug uilverkenilbar. Zudem ist eine A»swatiderung von Millionen glattweg unmvglich, und jene von Tausenden ändert das Gesaminlbild nicht, da der natürliche jüdische Nachwuchs eines jeden Jahres ohne Wettere« die Zahl ergänzt. An dem Lcrdlcibe» der Juden in Rußland kan» kein Angriff ihrer Gegner etwa« ander», und der einzige Weg zur Lösung der Frage ist die allmälige Anbahnung der rechtlichen Gleichstellung. Bi« dabi» aber werden noch viele Jude» geuölhigt werde», die Grenze» ihres russischen BaterlaudeS zu überschreiten, und da sic die« LoS unverschuldet trifft, so verdienen sie die iverkthälige'Liede aller Menschenfreunde. Darum waren die Jude», die Rußland verlassen iiiußlen, z» unlerstiitzen. Hingegen verbot sich Itter Uebergriff aus russisches Gebiet von selbst. Tort hatte da« deutsche Ecnlralcomilö keine Ausgabe zu löse»; erst an der deutschen Grenze beganil ftiiie Dbäligkeil. Aber auch diese Hilfe durste nicht 'regellos sein. Hält«» wir, bloß dem Drange des HerzeuS folgend, jedem Auswanderer, wer e« auch sei, helsc» wolle», da»» war voraussichtlich bald da« Maß des Menschenmöglichen erreicht, >a vielleicht eine Gefahr für das eigene Baterland herausbeschworrn, ES »lußte daher die Auswanderung in geordnete Wege geleitet werde». Nicht leder Aus Wanderer war (im Rahmen unserer Thäiigkeil» zur Ausivandcrung berechtigt, nicht >eder dazu geeignet. Wer, ohne in die A»siedelu»g«districte verwiese» oder durch dir hiebei milwiikliiden Nedenliinslände gezwungen zu sei», je)» Glück 'im AuSlaude versuchen wollte, der war zur Auswanderung nicht berechtigt; und wen, «rankbeit, Gebrechlichkeit, allzu große Zahl der Fauiilieiiniilglicber und dergleichendie Einwanderung ins Ausland verbot, her war zur Auswaiideruug nicht geeignet. Alle Aujiyenduugen für de» Ersteren würden dem wahrhast unglückliche» Aliegewieseiien (wie er hier kurz genanut werden soll) enlzogen worden sein; uud alle Hilse sür de» Letzteren würde besser sür geiunde, kräslige Personen ausgewendel worden sein, deiieii die Einwanderung,!»« Ausland gestaltet ivar. Aus diesen letztere» Umstand war btsoiideres Gewicht zu lege», denn darüber loiuit« von vornehcrei» nicht der geriligste Zweifel besieheu, daß die Gesetze lind Berorduungen des In- und Auslandes, insdeiondere iidcr Ei»-, Durch- und Auswauderliug aus» Strengste zu wahreu, daß »amenllich im Paterlande selbst mit peinlichster Sorgsall die desteheudeil Borichrisien befolgt werdeil inußlen und »ichls geschehe» durste, was nicht vorher den Behörden bekannt gemacht war. Es galt, die gesichteten Auswaiiderer zur Weiler beförderung zu jammel». Zu diesem Zwecke wurde i» Preußen ,«önigsberg) und Schlesien je ei» Haupigrenzcomilö eingesetzl, da« die gesichlelen Perionen zur weiteren Bejötderung übernahm. Ta aber auch versprengte Eleineute ge sammklt werden mußten, damit sie nicht im Julaude sich verbreiten lonuien, so war es »othwendig, hier und dort auch zu diejein Zwecke Eomilis zu er lichten. In den Hasenstädre» endlich mußte sür die rasche Verschiffung der Gesichteten Sorge getragen werde», auch waren von dort aus Uugceigi.kle oder Unberechtigte, die auf eigene Faust bis an die See gelangt, ebciu'o wie etwaige Rückwanderer aus kürzestem Wege zur Grenze zurückzubcsörder». War bei der Sichtung seslgestcUl, wem die Hilfe des Deutschen Eciitlalcomnös zu gewähren war, so mußte niinmehr da« Ziel der AiiSwanderuilg »n Einzelnen uiS Auge gefaßt werden. Ta galt eS, die Wünsche der Auswanderer selbst zu berücksichtigen, insbesondere ihre» Anhalt »n Auslaiede zu prüjcn. Aber noch uugleich mehr inußte» die Lerhältnisie der einzelne» Länder, ivclckien sie sich zuiveude» wollleu, die Entscheidung deeinflusie». Teil» da« deutlche Eeiilralromnö dulflc die Auswanderer nicht bloß jortschicken, sondern mußte sie uinerbriiigen. Nun verbot sich die Einivalldgxung in inanche Länder schon vermöge der polni scheu Lage von selbst, audere lounleu neue Eimvandeier vorläufig nickt unierbringen, andere endlich (vor Allem Nordamerika) durslen nicht unvorbcrcilct mit Eiluvandcrer» übersüllt werden, während eine wohlvorbereiiete Eimvandkrung Uic Land und Einwanderer von Erfolg sein konnte. Deshalb waren durch uniere Freunde in den einzelnen Länder» die Lerhältnisse derselben näher zu erkunden, dann entsprechende Bcreindarunge» mit de» ausländischen Hilsscomno« zu tresjc». Tann erst konnten die Auswandercr vou de» HaupigrenzcoiiulvS nach der Eenlralstalio» Eharlotlenburg — später Ruhleben — von dort, in die Hüse» und von den HaseiicomilöS in da« auf ihr Eiutresse» vorbercilele Ausland befördert werde». Tann erst war Aussicht vorhanden, daß die richligen Leute aus dem richtige» Wege an den richtigen Ort gelangten und daß die Auswanderung den AuSivanderern selbst und den iu Rußland Zurückgebliebene» von Lege» sein koniile Eben darum dursten wir auch keine Massenaniledeluiig bewirken, mußte» vielmehr jeden Ort, der den geschilderten Bediugunge» entsprach, für die Berschickung der Aueivanderer in« Auge fassen. Unter Anwendung Blatt. Sötte .'^ dieser Grundsätze sind seit dem l. Juni l-V.» 1 6t>.-J.j3 Personen vollständig aus «osten deS Teulschen Eel>lralcvi»il>-r befördert wordeii, während im Ganz,» 1L1.48L Perionen von de» deutsche» Evi»>l-s ('erpstegi und weilerbesöidert woidkn sind. Und die Grundiätze habe», sich dcwährl, denn von all de» Besordcrlkii sind Wenige »ach Rußland zurückgeleh't. die Aller»,eifien Kavc» im Auslände ihr Uiitczkoiiniien ,, iundcii. viele haben sich bcrcus behaglichere Lebensveihältnisie schassen. ,a eine große AuzaKl ha, ihre „ädere,, oder ein-- serttlerc,, Faniilieuangehörigen auf eigene «osten ins Ansland „achlominei, lassen könne». Wenn lrotzkcm eine große Anzahl Ausgewä>,deri.-r allstih,lich nach Rußland zurücklehrt, so sind da« »l der Regel solche, die »,ä,l von den beul scheu Eomili'-S ins Airslqnd befördert woldeii, die aus -ngene Gesa)» und unier Uingehluig der deutsche» EoniiN-S gereist waren, ickliißlick bei u-sinaßig« Wander beitler. Daß alle Aueivanderer, deren sich das Teuliä-e E-ulraicoinuö aniiahin, auf >cder Llalion ärztlich unleesuckt und ausreichend v.ipstegt ivurden, darf nicht unerwähnt bleiben. Tie Eoullole ist ,o geiübri »orl.:r. daß auch nichl ei» einziger, mit ansteckender «raulkjcit bchai'leler Aus» au:-e»ee 'zur Be'orcernng gelangen loijitte, und daß selbst während der voijälnzgei, El..eiaivide,»ie lein einziger Auswanderer, der mit >ener «ranlheil bebailei ivar. die demichen Eomile-S berührte. In Tcntichland ,clbst sind nur verein,el;> .P,-r>o»eu zi» Hamburg) von jener «raiilh.'il bcsallru worden. Endlich muß „och Ki-rvor gehoben, werden, wie lehr die Tbätigleil der Eomin-S durch die Släalsbehordcn gefördert wurde. Soivvhl i» Preuße» wie in,Ha,»bürg habe» dchw Belpirden dem Hilsswerk jede nur deukbarr Erleichierung zuUieil nikrden lasten. Nicht nur das Interesse des Slaales, auch Grünte der Menschlichkeit waren es, welche die Slaalsbebörden ausgeiprochenermaßrn veranläßlen, Hil'sinäßregela zu gestallen uud selbst zu ttrffi.it und ,o an der ('öuing eiiier Ettlinlsräge iu,tzuhelsc», deren Bedrniung eist m späleiel, Zeilen ible-Anerkeuiulug sinden tan». Vorläufig uiüssen alle «räsle noch Weiler geincinsam :häi,g sein. Zwar Hai die Bedrückung in Rußland zur Zeit elwas nachgelassen, auch Kal die rolillscke Lage mancherlei Maßnahmen ,;»>>> zeiliveiligen Stillstand gebracht; zwar ist auch i» Folge dessen der Slroui der Auswanderer ein wenig »ingetamntt; »»merhin ist dieser Slrom noch lange nichl velsiegl Tagläglich lrrffen »och Auswanderer au der deutschen Grenze, bei den deuliche» Eomilös ein, die unserer Hilfe bedürfe». Auch muß abgewaucl werte», ib uud wie lauge teuer Stillstand soridaticru wird Teehalb ist e« auch unsere wie „nscrer Freunde 'Pflichl, auszuharren und sich für die Zutunst gelüftet zu balle»:- jedoch auch gezenwäilig »inssen wir, wenngleich ui gelingereiu Maße de» »., uns heran- > tretenden Aiisolderungeil aenügeu. Zins anttfomitifdion IX'iYiik'ii und l\'t fammlunaon. >Wer wagt, gkwlUlll.» Bor längerer Zeit silhllen einige an«)>i»illiäie Sckuster im zwcuen Bezirke das dringendste Bedur'niß, einen „Verein katholischer S chuhinacher" zu gründe», und sie bildeien zu dieieni Zivecke ein „Wcrbungsroiuilo", dessen Mllglieder durch Aiiblingniig von 'ogrnännlen Ehrenkarlcii dem Vereine Geld zubrnzgen soll»'». Ter Obmann dieses laihon -che» Schuhniachei Werhlnigsconlilos, der Lederhändler Joban» Schmelzer, brachte iu der Thal dem proponirlen Verein binnen «nnem .">7 st. ein, liefette jedoch -dem Obiiigiin des Vereines Anton'Alk bwr -! st. ab. Ars es später bei der Eousliiuirnng zu Tifselenze» kam, erstallele der Vereinsobinann Alt gegen Schmelzer, die Straianzeige wegen Ve runlreuuirg, isber welche am «'>. d. M. vor de,» Bezirksgerichte Lcopoldstädl veihaudell wurde. 4 Schmelzer s Veraulwortlnig ging dahin, daß er von den vercinnakinlen f>7 fl. fite sich uud die beiden anderen Muglieder des Weibnng-:co»i>iosOdeli Rest von .33 flfür Speien veriechne, darunlcr -- il. 7l kr. tut Gabelsrühstückuu d ähnliche Eomili-zeche», da sich das Eomtto doch inckr „schningig" zeigen lonnie. Alt bestritt als Zeuge, daß bas Wekdlingscomii«! zu so bedeutenden Zechen berechtigt gewesen >e,, nur ein Gabelsrütg'lück sei demielben ein gcräilinl uud beivilllgi worden- Te> Zeuge Earl S in e isla l, ei» ziveites Wcrbungs comilr-innglird, bestatigle, i'l fl. 74 l . leien ,» Gast- und «affeehäuicril „ehrlich ausgegangen". Au« die von den, staaiSaiuvallichastlicheii Flinetiouär aus geiprocheue Ansicht, ivenn sich die Ev»iii>-nnlglieder iu nobel zeigen, könne der Verein nichl sehr iveil komuien. erwiderte der Zeuge stolz wie ein Spanier: „Wer wagt, gewinnt; im Interesse des Vereines haben wir was riskirt." Ta ein strafbares Verschulden nichl erwiesen schien, zog der slaaisaiiwalllchalllichk Functionär die Anklage zurück und Schmelzer wurde freigesprockcn. Un millelbar daraus kan, die von Schmelzer gegen den Obmann Alt eingebrachie «läge wegen fälschlicher Beschuldigung der Veruiitreuung in Verhaubluiig. Alt gab eine Ehrenerklärung ab und verpflichtete sich, dem Veklreler Schmelzer'« fünf Gulden Gerichlskosten zu erlegen, worauf auch er freigesprochen wurde. Schmelzer, schied, sonach »» Besitze eures Freiipruches, einer Ehrenerklärung, mehrerer bereits genossene» .opulenten Gabelfrühstücke und deS stolze» Gefühles, »n Geffle der christlichen Sorialreform ekivaS für die kleinen Handwerker riSkirl z» haben, aus dem Gerichissaale. „Wer ivagl, gewinnt." Vielleicht tritt er auch demnächst als christlich socialer Gemeinderalbe