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Freies Blatt · 1894-11-11 · 136 (11.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
136 (11.11.1894)
Date
1894-11-11
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. ISS. jrtU« Blatt. von Kolomca das Wortergriff. Er polemisirte gegkn das neuliche Plaidoycr de- Dr. Pattai für ein Schächtverbot, producirtc in einer von der „Ostdeutschen Rundschau" als zutreffend anerkannten Weise einige Stylblüthen, welche zeigen, wie ein Grazer Organ zur Pflege der politischen Interessen des sittenstrengen Steinwender und das hiesige Unternehmen des Solecer Speculanten die arische Sittsamkeit fördern, berührte auch den Fall Dcckert und schloß, indem er den Ministerpräsidenten Fürsten Windischgrätz apostrophirte: Wolle der Herr Ministerpräsident die antisemitische Strömung-zurückdrängen, so müffe er darauf achten, daß die Administration und die Justiz dieselbe nicht fördere. Wolle die Regierung die Staatsgrundgesetze von allen Bürgern gleichmäßig respectirt sehen, so möge sie selbst mit ihrem Beispiele vorangehen. ' (Gegen die „christliche" Sycialreform.) Ein Count/- von Großindustriellen, Fabrikanten, Kausleuten und Kleingewerbetreibenden hat eine gegen den neuen Hausirgesetzentwurf gerichtete Petition an das Abgeordnetenhaus verfaßt. In derselben wird auSgeführt, daß die Regierung, wie aus dem Motivenberichte hervorgeht, selbst nicht von der Rothwendigkeit verschärfter Maßregeln für daS Hausirgewcrbe durchdrungen ist, sich vielmehr zu dieser Vorlage lediglich durch eine Anzahl von Seite der seßhaften Händler eingelaufener Petitionen veranlaßt sah, daß aber die Versaffer jener Petitionen dieses Gewerbe nur vom einseitigen Standpunkte ihrer Jntereffen oder falsch bcürtheilen und demzufolge die richtigen Umstände und Thatsachen gänzlich verkennen. Zudem erschiene es sehr ungerecht, eine Clafse der Bevölkerung zu Gunsten einer anderen auf gesetzlichem Wege in der Ausübung des Rechtes auf ehrlichen Erwerb in solcher Weise zu verkürzen und in ihrer Existenz zu bedrohen. Durch eine so wesentliche Einschränkung deS HausirhandelS würden insbesondere die Gewerbe in einpsindliche Mitleidenschaft gezogen, welche für den Absatz eines großen TheileS ihrer Fabrikate auf den Hausirhandel angewiesen sind, so die Wiener und Prager Lcderwaarenindustrie, die Wirkwaarenindustrie in Wien, Tcplitz und Asch, die Leinen- und Baumwollwaarenindustrie in Böhmen, die österreichische Tuchindustrie, die ganze österreichische Glasindustrie, die Spitzen» und Stickereierzeugniffe des böhmischen Erzgebirgerc. Die Petition schließt mit der Bitte, daS Abgeordnetenhaus uiöge der Vorlage, insbesondere den in dieser Petition hervorgehobencn Einschränkungen des HausirhandelS, die Zustimmung' versagen. Diese mit mehr als 2000 Unterschriften auS den oberwähntcn BcrufSkreisen versehene Petition wurde durch den Abgeordneten Hofrath Professor Dr. Exner im Abgcordnetenhause überreicht, ebenso eine zweite, von 3200 Arbeitern der verschiedensten Fabriksbetriebe gefertigte Petition, welche in einer Beschränkung deS HausirhandelS eine wesentliche Beeinträchtigung der-Mittel zu ihrer Existenz erblicken. (Ein Mahnruf an die Liberalen im IV. Bezirke.) Bon einem Wähler deS IV. Bezirkes wird unS geschrieben: Der unserer fortschrittlichen Partei oftmals gemachte Vorwurf, daß sic, waS Agitation und Taktik betrifft, keineswegs den vereinigten RückschrittSpartcien gewachsen sei, scheint leider bei der bevorstehenden Landtagswahl im IV. Wiener Gcmeindebezirke eine neuerliche Begründung erhalten zu sollen; dieser Bezirk hatte schon oft den Ansturm der autiliberalen Liga abzuwehren, uttb schon mit Nächstem wird er neuerlich darin zeigen müffen, ob die freiheitlicheu Elemente noch die Kraft haben, auS dem bevorstehenden Wahlkampfe als Sieger hervorzugehcn. Bereits am 26. November findet die durch das Hinscheiden des Dr. Prix nöthig gewordene Ergänzungswahl eines Abgeordneten in den Landtag statt. AllortS beginnt eS sich in diesem Bezirke lebhaft zu regen; wer aber da glauben möchte, daß es die liberale Partei ist, welche das politische Leben der Bevölkerung zu entflammen versucht, der befindet sich in einem gewaltigen Jrrthum. Wieder sind eS die Autiliberalen, die schon seit Wochen eine, man muß leider zugestehen, erfolgreiche Wühlarbeit betreiben. Versammlungen auf Versammlungen, geheime und öffentliche, werden abgehaltcn. Von WirthShaus zu WirthShaus pilgern die antisemitischen Emiffäre, Hilfstruppen werden von andere» Bezirken herangezogen, und wenn der Tag des EntscheidungskampfeS da sein wird, da werden die Liberalen einem wohlorganisirten Feinde gegenüberstchen, während sie, wie cs den Anschein hat, vollkommen undiSciplinirt und unorganisirt sein werden. Diese Befürchtung ist, angesichts der Sorglosigkeit in unserem Lager, keineswegs eine unbegründete, ja ich getraue mich sogar zu sagen, daß die Position der Liberalen im hohen Grade gefährdet ist. Man läßt sich durch die scheinbare Spaltung in den gegnerischen Reihen täuschen; dieses listige Manöver, wurde es nicht schon wiederholt und mit Erfolg augewendct? Weiß man noch immer nicht, mit waS für schlauer Sorte von Leuten -man es zu thun hat? Fast scheint es so, und nicht umsonst blicken die freiheitlich gesinnten Wähler mit banger Sorge der nächsten Zukunft entgegen, —r. 5eite 3 (Die arische Bank.) Vor wenigen Tagen kam cs auf unserer Universität, und zwar im Hörsaale des Profeflors Czyhlar; zu einer empörenden Scene, die noch den akadcmischcn Senat beschäftigen wird.. Im genannten Hörsaale gibt eS eine „arische Bank", welche von deutsch-nationalen Studenten gewöhnlich besetzt wird. Am 7 d. M., vor Beginn der Vorlesung, wollte sich ein jüdischer Student, der "von der „arischen Bank" noch Nichts gehört halte, aus einen freien Platz dieser Sitzreihe »icderlaffen, wobei er sich an eine» dort bereits sitzenden deutsch-nationalen Studenten mit der höflichen Frage wandte, ob der. Platz frei sei. Er erhielt die lakonische Antwort: „Hier in eine arische' Bank." Entrüstet rcplicirte der Student: „Ich kenne bei Bänken keine Confcssion" und setzte sich auf den freien Matz. Ta erging sich der deutsch-nationale Student Namens Nigl in nngualisirirbarcn' Beschimpfungen. Sofort bildeten sich zwei Parteien, von denen die eine die Frechheit Nigl's zurückwicS, wahrend die andere demselben in seinen antisemitischen Beschimpfungen secundirlc. Während des Tumultes versetzte Rigl deni beschimpften Studenten einen Schlag ins Gesicht, und nun schien eS, als ob eS zu einem allgcineiiien Handgemenge kommen sollte. Doch besonnenere Studenten mabuten, die Würdet des Ortes z» wahren, und trennten die Streitenden. TaS juridische Dccanat erhielt von dem Vorfälle Kcnnlniß. und har Nigl in die Tecanats'anzlci bcschieden. Derlei Austritte können nicht Wunder nehmen; zählt doch die Universität einen Professor in ihrer Mitte, der zur Captivirung antisemitischer Jünglinge beim Tchwcnder von „asiatischen Eindringlingen" schwätzt. (Ein antisemitischer.Arillenrath.I Von cincm Etkennlnißgcrichtc wurde am 7. d. M. der ehemalige Armcnralh n»d Wirlh ,,zn>>' schwarzen Katze", Eduard H o l i w a n, Margarethen, Rampe, sdorfgaffc Nr. 14, wegen eines grobe» S ittlichkeitsverbrcchcnS, begangen an einem dreizehn- und an einem sechsjährigen Mädchen, zu viermonatlichem Kerker vcrurtheilt. Wie wir bereits anläßlich der Verhaftung Holiwan's berichtet, diente dessen Gasthaus den Bezirks-Antisemitenführcr» als beliebter ZnsammcnkunftSort. Auch Dr. Lueger und seine getreuen-Schildknappen waren wiederholt dort zu sehen, insbesondere dann, wenn es galt, irgend einen antisemitischen Handstreich auszüführcn. Holiwan selbst war ein hervorragender „Gesinnungsgenosse". WaS wird aber der sittenstrenge Steinwender zu diesem Falle sagen? (Auch kill ärztliches Gutachten.» Tie Dicnstmagd Anna Sahula hatte vor einiger Zeit gegen ihren ehemaligen Dicnstgcbcr, den Börsebesucher Philipp Geiringcr, die Anklage erhoben, derselbe habe sie in einem Zimmer eingcsperrt und dann samint seiner Gattin Pauline geschlagen und gewürgt. Mit Rücksicht auf die Eonfession Geiringcr's ließ die Sahula sich von dem antiseniitischcn Gemeindcrathe Dr. Räder ein Parere ausstcllen, und da dieser außer einigen Hautabschürfungen des Ellbogens nichts entdeckte, bereicherte er das Parere mit der für ein ärztliches Attest zweifellos sonderbaren 'Behauptung, die Sahula sei von ihren Dienstgebcrn Gesindel, stinkendes Ehristcnmädchen u. dgl. beschimpft worden. Tsie Untersuchung gegen daS.Ehepaar Geiringcr, welches seinerzeit gegen' die Magd eine Dicbstahlsanzcige erstattet habe, wurde eingestellt und der ganze Act dem Bezirksgerichte Währing abgetreten, wo das merkwürdige Parere vom Richter bei der für den 7. d. M. anbcraumtcn Verhandlung auch verlesen wurde. Die Verhandlung endigte mit dem völlige» Freispruche aller Angeklagten. TaS Gericht erachtete also die Injurie, die sich angeblich bei geschlossenen Thürcn ereignete, alS nicht erweisbar. Nur der antisemitische Gemeinderath gab darüber ein „ärztliches Parere" ab. (Eine Badener Kaffeehaussccnc.) Am 13. September l. I. kam cs im einem Badener Kaffechause zu einem peinlichen Auftritt. Ein junger Student der Medici», Isidor Trautzl, der Sohn eines dortigen Villenbcsiyers, wurde von dem Badener Architekten Earl Schmidt mit einer Reitpeitsche mißhandelt, weil er zwei Tage vorher im „Goldenen Kreuz" mit demselben Herrn ein Rencontre gehabt hatte. Das letztere bestand darin, daß Schmidt der studentischen, Gesellschaft Trautzl's, . weil sie beim Fortgehen die Zimmerthür offen gelassen, die Worte: „Binkeljud! Zumachcn!" zugerusen, und Trautzl, auf die vergebliche Frage, wer der Rufer sei, erklärt hatte: „Ihr seid ein feiges Gesindel!" Schmidt, welcher Obmann eines neuen „judcnreincn" Badener Gesangvereines ist, begegnete dem Studenten Trautzl im Easi- Kerschbaum und nahm diese Begegnung zum Anlaß, seinen jungen Widersacher mit der Reitpeitsche auS dem Locale hinauSzutrcibcn. DaS gerichtliche Nachspiel dieser Scandalaffaire fand am 2. November vor dem Badener Bezirksgericht statt. Schmidt wurde von dem Anliscmiten- A.nwalt Dr. Vincenzv. Berger, Trautzl von dem Abgeordneten Dr. Foregger vertheidigt. Der Richter sprach Schmidt von der vorsätzlichen Körperbeschädigung frei, vcrurtheilte ihn aber wegen lhätx

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