Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 136 (11.11.1894)
- Date
- 1894-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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£fite 2 freier Blatt. Pflege, derselben und auf daS Bündnis mit Schneider und Lueger verzichten. Es wäre dies ein schwerer Schlag für die antisemitische Internationale, wenn sie nicht mehr! aus daS officielle Rußland zählen könnte, vielleicht der Anfang vom Ende. fff. --) Gegen die Zionisten. Wir haben wieder eine beachtenSwerthe jüdische Stimme gegen die Zionisten zu verzeichnen. In einer letzthin unter dem Titel „Assimilatioxi oder Nationaljudenthum" erschienenen Broschüre nimmt der Verfasser derselben, Tr, S, Adler, Stellung zum sogenannten "Nationaljudenthum, Er schreibt unter Anderem: „Es zeigt sich das überraschende Schauspiel, daß das Nationaljudenthum in innigster Ucdcrcinstimmung mit dem Antisemitismus das Thema einer Judenfrage bcbandelt, die eS für alle besieren und einsichtsvolleren Elemente nie gegeben hat und nie geben wird, und die nur, wie bereiterwähnt, daS Lchlagwort einer zusammengewürfelten Coalition ist, welche mit diesem Worte ihre oft recht zweifelhaften Pläne zu verwirklichen hofft. Ö'eljcn wir einmal auf diese Judenfrage im Sinne deS NationaljudentbumS etwas näher ein: Tie Anhänger dieser Bewegung erklären die Assimilation der Juden in den westlichen Ländern Europas für ein llnding; der'Jude — und hierin berühren sie sich mit den Antisemiten — bleibt Jude, wenn er auch längst jüdischer Teutscher, Engländer, Franzose, Ungar geworden zu sein glaubt — wegen der gleichen vieltausendjährigen Geschichte, wegen der gleichen Rare, wegen der gleichen socialen Lage, wegen deS gleichen Druckes von Außen. Es ist richtig, daß die Juden der verschiedenen Länder eine gleiche vicltausendjährigc Geschichte haben; aber diese Geschichte ist nur in ikrcm ersten Theil Staatengeschichte: seit der Zerstörung deS Tempels keilen die Juden nur noch die Leiden an einander, die sie um ihrer Religion willen allüberall erdulden mußten, sowie die Entwicklung des crbabcncn Gottesgedankens in den verschiedenen Epochen, deren'Glanzpunkt sich an die Namen Maimonides und Mendelssohn knüpft, Tie gleiche Geschichte ihrer religiösen Entwicklung haben auch die anderen Glaubensgemeinschaften. aufzuweisen; dieselbe Krrchengeschichte gibt iS für den katholischen Deutschen wie den katholischen Franzosen, Spanier oder Italiener, die gleiche Entwicklung deS Glaubens finden wir bei dem deutschen Protestanten und dem Schwedens oder Siebenbürgens. Dagegen ist die politische Geschichte der jüdischen Deutschen, seitdem sie deutsche Bürger geworden sind, eben die deutsche Geschichte; von der Zerstörung dcs jüdischen Reiches bis zur Aufnahme als deutsche Bürger, haben sie überhaupt keine politische Geschichte gehabt! Daß die Juden, allüberall einer gleichen Race entstammen, wagt selbst der cingesicischtcste Nationaljude nicht zu behaupten: er spricht deshalb nur von einer .relativ reinen' Race, und! wenn er dabei auf die Aehnlichkeit in der äußeren Erscheinung dtr Juden in den verschiedenen Ländern binweist, so brauchen wir bloß! an die Verschiedenheit in dem -Aenßercn, die zwischen den spanischen und polnischen Juden sich zeigt,;u erinnern, ganz abgesehen davon, ^>aß wir eS als eine moderne Verwirrung anichen, die Körpcrbildun^ mit einer Geistcsrichtung zu idcnlisiciren, Bon einer gleichen Beschäftigung, nämlich dem Handel, kann man heule kaum ncch ernsthaft ledcn, obwohl erst wenige Tcceunicn seit unserer bürgerlichen Gleichst Rung vergangen sind und uns noch heute der Eintritt in manche Berufssphärcn versagt ist; und der Truck von Außen äußert sich bekanntli h in den verschiedenen Ländern verschieden und wirkt auf den gebildeten jüdischen Deutschen natürlich ganz anders wie auf den geistig und örpertich geknechteten russischen Juden, Wenn die Glaudensbrüder in >cn verschiedensten Ländern für die Erhebung dieses Armen aus seiner traurigen Lage eintreten, wenn wir Alle mit einander wetteifern, dem Gequälten und Verjagten eine sickere Stätte, eiüc sichere Existenz zw schaffen, so thun wir nicht mehr, als was die deutschen Protestanten rach 1685 für die Hugenotten rder 1751 für die von dem fanatischen Erzbischof Firmian vertriebenen Salzburger gclhan haben: und mit aufrichtigem Jubel vernehmen wir von den großartigen Erfolgen, die Vertine und hochherzige Persönlichkeiten str dieicm Bemühen erzielt haben. Wenn wir z. B, hören, wie du:ch tic Thatkrait einiger Vereine 5000 Unglückliche in 24 Colonien uulcrgcbracht, sind, wie diese Colonien, obwohl sie zum Thcile erst vier Jahre bestehen, schon imstande sind, sieh selbst zu erhalten — welcher wahre Menschenfreund wird diesen Bestrebungen nicht auS vollem Herzen einen immer kräftigeren Erfolg wünschen? Wo diese Colonien angelegt werden, ist gleichgiltig. Sind die Führer der Bewegung nach der sorgfältigen Prüfung aller in B trachr kommenden Berhältniffe, die man ron ihnen erwarten darf und muß, zu der Ueberzeugung gelangt, daß den Unterdrückten in Pa ästina eine glücklichere und behaglichere Existenz geschaffen werden ka in als in einem anderen Lande, Nr. 136, so wird Niemand gegen eine Besiedelung des heiligen Landes etwas einzuwenden wagen: Aber hüten möge matt sich vor dem Wahn, in Palästina etwa eiu neues jüdisches Reich entstehen zu laffen, die Leute, die man aus dem Elend befreit hat, damit! sie als fleißige Ackerbauer in redlicher Arbeit die Früchte ihres Schaffens genießen, ^zu Kämpfern heranbilden zu wollen für ein utopische-! Gebilde, daS nur neue-, womöglich noch gesteigertes Elend über sie oder ihre Nachkommen heraufbeschwören hieße! Wo unsere GlauvenSbrüder auch weilen, in ehrlichem Bemühen, als treue Bürger deS Staates, mögen sie mit ihren andersgläubigen Nachbdrn wetteifern tarn de- Staate- Wohlfahrt und die Güter des Lebens und sich als! herrlichsten Schmuck ihren reinen Glauben bewahren; sie mögen nicht, herbeisehnen ein enges, ängstlich behütetes Sonderreich, wohl aber jfne Zeit herbeiführrn helfen, wo alle Erdenbewohner dem Namen GotthS die Ehre geben und das wahre Gottesreich begründen! Bleiben Mission treu, dann können wir getrost in Religion wird dann unseren Kindern ein bleiben, wie sic es uns ist und unseren wir dieser unserer herrlichen sie Zukunft blicken. Unsere ebenso theuereS Kleinod Vorfahren in trüber Zeit gewesen ist, während diejenigen, dfnen nicht der Glaube, sondern vor Allem eine geträumte jüdische Nationalität Haft beim Scheitern ihrer Idee auch die Stich laffen werden," >m Herzen liegt, unzweifel- Fahnc de- Glaubens im Zur Steuer der Wahrheit. (Zuschrift eines Israeliten an da» .Freie Blatt".) iten nachklingen wird, und sein. „Die Juden könnten dem Antisemitismus am besten dadurch den Boden entziehen, wenn sic strenge Controb über sich und ihre Handlungen führen, sich moralisch heben und d:r Bevölkerung zeigen, daß auch in der Judenschafl rin gewiffcS moralisches Selbstbewußtsein herrscht," Mit diesen inhaltsschweren Wollen hat der ausgezeichnete Abgeordnete Herr Profeffor Dr. Sueß ei re Saite angeschlagen, die in dem Gemülhe jedes einsichtsvollen Israe l da» Echo wird Dank, tausendfacher Dank Wer sich durch diese Aeußerung verletzt fühlt, ist über die Lage und den Zustand der Juden ganz, im Unklaren, Eine Gesellschaftsgruppe, die über keine physische Macht vcr ügt und auf die Gerechtigkeit und Menschlichkeit Anderer angewesen ist, muß umsomehr bestrebt sein, auf ihre moralische Ueberlege rheit zu achten, sonst wird sic leicht zum Spielball der verkommenen Elemente ihrer Umgebung, Bon dieser Erwägung ausgehend, haben kla: Denkende ihren StammeSgenoffen jederzeit gerathen, alles Mögliche lufzubicten, um eine Sanirung der in ihrer Mitte vorhandenen Hebe stände hcrbeizuführcn. Eine dem Geiste der prophetischen Lehren entsprechende, tief ethische Erziehung sollte die israelitische Jugend v:redeln und die kommende Generation auf eine moralische Stufe c heben, an welche daS verächtliche Getriebe ihrer Feinde nicht heran reicht. Leider waren bisher alle Kaffandrarufc wirkungslos. Die schauerliche Sittenfäulniß, die sich in arischen Gesellschaftskreisen als Ar tisemitiSmuS kundgibt, und der Umstand, daß eine ethische Bewegung I jeute sicher als Zugeständniß oder als Heuchelei ausgefaßt würde, Halen di^ Köpfe verwirrt und alle Thatkraft gelähmt. Die Besieren ir Israel sind ob der Lüge, Heuchelei und Niedertracht, die ihnen vot Außen so heftig entgegentritt, von Abscheu und Ekel erfüllt; vielleicht werden die schwerwiegenden Worte des Abgeordneten Sueß Gewirken, daß sie sich endlich ermannen und den guten Willen in Thattn umsetzcn. „Es sind sehr viele achtenswerthe Elemente in der Judenschaft, aber sie sind nicht so regsam wie die übxigen," lautet ein Vorwurf, den das Centrumsmitglicd Peter Reichsnsperger in der ersten im preußischen Abgeordnelcnhause geführten Jsudendcbatte gegen die Israeliten erhoben. Es verhält sich hier in der That genau so, wie mit zahlreichen sehr achtenswerlhen Bestandtheilen der Christenheit; auch die sind nicht so rührig, wie die vcrwahrlpsten und verkommenen. Wo man einer Bewegung, die mit der Verlogenheit steht und fällt, freien Spielraum läßt, ist gewiß auch von hinein rechtschaffenen Selbst bewußtsein wenig zu merken; so mögen denn die Juden als die Angegriffenen damit den Anfang machen! Nerijo, (Aus dem Abgeordnetenhauses In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 5. November widmete der Präsident Freiherr von Chlumecky dem Czar Alexander III. einen überaus schmeichelhaften Nachruf. Gegen die Aeußerungen teS Präsidenten erhob sich ein Protest, aber zum Leidwesen unserer Antisemiten 4icht von Seite eine- Juden, sondern seitens eines Polen und Kätholiien. Hierauf wurde die Debatte über den Strafgesetzentwurf fortgese si, in welcher der Vertreter