Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 136 (11.11.1894)
- Date
- 1894-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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# Freies Blatt AdonnementSpreiS. Kü r Oesterrkich-Un ga rn: GaiizjSbrig.5 Jfrontn <fl.!.50) Halbjährig.3 »rauen (fl. 1.50) Für da» gefammte »ulland: Ganijährig.. . . . 6 Marl Haldlifhxig.. 3 Mark 50 Pf. Einzelne Nummern 6 kr. Unfrankirtr Briefe werden nicht angenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und?ltmiiitiftrntion: I. Seilerstättc Kt. , Inserate werden mit SO Heller 'H> Tr.) filr die viermal gespaltene ^onpareilltieile berecknet. Kleiner Anzeiger da- Wort 4 Heller (S kr.)- rui'NLbmL von Inseraten in unserer AdminlNration sowie im Annoncenbureau M. Tute-, l. Ldollzeile 8. Nummer 136. Wien, II. November 1894. III. Jahrgang. Zum Herrscherwechsel in Ausland. In die Trauer des officiellen Rußland und deS revanchelüsternen Frankreich an der Bahre Alexanders Hl. darf man auch die antisemitische Internationale einschließkii, deren Todtenklage sich in Anschuldigungen und Berdächtigungen äußerte, die selbstverständlich ihre Spitze gegen die Juden kehrten. Einzelne antisemitische Blätter im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte gingen in ihrer verzweifelten Raserei so weit, die Juden alö Meister in den Künsten der Borgia hinzustellenj und sie ohueweiterS der Vergiftung deS judenfeindlichen CzarS zu beinzichligen. Oesterrejchische Hetzblätter behaupteten, daß die „jüdische" Presse bei der Wirdergabe der Bulletins über den Verlauf der Krankheit Alexanders III. jede Spur von Gemülh und menschlicher Theil^ nähme vermissen ließ, und klagten daher die Juden des Mangels an monarchischer Gesinnung an. Für die Beschuldigung des Giftmordes wird das criminalistische „Cui prodest“ angeführt, und es süttt unS wahrlich nicht bei, sie ernst zu nehmen und einer Widerlegung zu würdigen. Auf derselben Grundlage wird auch heute noch gegen die Jesuiten der Verdacht ausgesprochen, daß sie Josef II. vergiftet hätten, ohne daß sich irgend ein Jünger Loyola's veranlaßt sehen würde, über diese alberne Zumuthung viele Worte zu verlieren. Was aber den Mangel an menschlicher Theilnahme und an monarchischer Gesinnung betrifft, so weiß die antisemitische Preffe zur Begründung dieser Anklagen nichts geltend zu mache». Die berufsmäßigen Judenfeinde sind wahrlich die letzten, welche berechtigt wären, als Ankläger in dieser Richtung aufzutreten. Wie haben sie sich in Deutschland in den LeidenStagcn Kaiser Friedrichs benommen? Haben sie ihn nicht als Kohn I. verhöhnt unü seine edle Gemahlin in schmählicher Weise verunglimpft? Und womöglich noch böswilliger und schamloser war daS Verhalten unserer Antisemiten, als der Tod des Kronprinzen Rudolf in ganz Oesterreich Entsetzen und Schmerz hervorrief. Ein Anliscmiteublatt in Salzburg brachte die Anzeige vom Ableben deS österreichischen Thronerben in einer Form, welche die Bewohner der damals noch nicht von der Antisemitenseuche so gründlich wie jetzt heimgesuchten Saisonstadt in die lebhafteste Entrüstung versetzte, so daß in öffentlichen Localen das Schandblatt zu Boden geschleudert und mit Füßen getreten wurde. Das Eentralorgau der Antisemiten Rosenauer Observanz ließ sich jedoch durch die Salzburger Kundgebung nicht abhalten, monatelang die thörichtesten Gerüchte zu colportiren und ganze Spalten mit ConfiöcationSerkenntnissen auszufüllen, in denen der tendenziösen Meldungen Ausländischer Winkelblätter, welche auf die Verwerthung eines großen Unglückes zu Sensationszwecken berechnet waren, Erwähnung geschah. Auch ein Wiener Gemeinderalh, der die Livrüe der Christlich-Socialen trägt, war so unverfroren, ein gemeinsames Grab für Hofrath v. Weilen, Graf BombelleS und Bischof Ronay in einer Weise vorzuschlagcn, welche das monarchische Gefühl österreichischer Patrioten verletzen mußte. Und Individuen, die in Bezug auf die Heimat so verfahren, wagen es, Anderen Mange) an monarchischer Gesinnung vorzuwerfen, eine solche aus der Stellungnahme derselben gegenüber einem auswärtigen Herrscher abzuleiten? Kann man überhaupt von einem monarchisch Gesinnten fordern, daß er jeden fremden Monarchen liebe und verehre? Nach dieser sonderbaren Logik wären andererseits jene Schweizer und amerikanischen Bürger schlechte Republikaner gewesen, welche zur Zeit, als Marschall Mac Mahoii Präsident der französischen Republik war. nicht für ihn geschwärmt hatten. Für die Anklagen der Antisemiten gegen die Juden anläßlich deS Thronwechsels in Rußland fehl? jeder Anhaltspunkt. Dagegen sind sie offenbar im Rechte, wenn fit; wie es der „Norddeutsche Antisemitenbund" -in Berlin gethan hat. den verstorbenen Czar als „Gesinnungsgenossen" preisen. Wie sehr Alexander III. gegen die Juden persönlich eingenommen war, zeigte er einmal, als er dem Minister Manassein wegen der „semitisch geformten Rase" eines höheren Beamten im Ministerium für VolkSaufkläruug bittere Vorwürfe machte und auf den Hinweis, daß der Beamte der russisch-orthodoxen Kirche nngehöre, erwiderte: „Aber er ist gewiß jüdischer Abstammung, und ich wünsche nicht, daß getaufte Juden so hohe Aemter bekleiden". Consequen; gehört -lischt zu den Eigenheiten des AntiseüiitiSmus, und es kann daher nicht wundernehmen, daß zum Erzieher des Czarewitsch, des jetzigen Czars Nikolaus II., der freisinnige Generals Bogdanowilsch gewählt worden war, der Nachkomme eines Juden, welcher im X VI. Jahr hundert in Grodno gelebt und sich der Gunst der Königin Bona in hohem Grade erfreut' hatte. Alexander III. war auch tolerant gegen seinen Liibling, den Finanzminister Witte, unke verübelte ihm nicht die jüdische Abstammung seiner Gattin, wie ja ein gleicher Verstoß gegen die aptisemilische Racentheoric auch dem Führer der österreichischen „Unverfälschten" in Gnaden nach gesehen wird, steine Rücksicht kannte aber das Regime Alexanders III. gegen jene armen Juden, welche, wie nunmehr auch die russische Presse zugibt, die härteste Arbeit nicht scheuen, um kümmerlich ihr Dasein zu friste». Verhaßt waren dem verstorbenen Czar auch die jüdischen Geschäftsleute, und da er keine Sympathie für die Deutschen hegte, fand er wohl umsomehr Gefallen an der preußischen Ausweisungspolitik gegenüber den jüdischen Unlcrthanen Ruß lands, alö durch dieselbe nach einer Eingabe der Königsbcrqcr Kaufmannschaft an den Reichskanzler nicht nur russische Juden betroffen,wurden, sondern auch eine Schädigung' des gcsammten ostpreußischen Handels erfolgte. Ob die Besorgniß, mit welcher die änkisemitische Internationale die Thrnnbesteigung Nikolaus' II. aufnimmr, begründet ist oder nicht, wird erst die Zukunft lehren. Sein Anlriltomanifest, welches von dem seines Vorgängers insoferne wohlihuend äbsticht, als eS nicht auf die Autokratie besondere» Nachdruck legt, bewegt sich nur in allgemeinen Redewendungen, und auS dem Versprechen, die Beglückung der Unlcrthanen anzustreben, läßt sich noch keines, wegs der Schluß ziehen, daß die Aera der Verfolgung Andersgläubiger oder Ungläubiger im heiligen Rußland schon vorüber sei. Wenn es aber wahr wäre, daß der junge Herrscher in religiösen Fragen tolerant ist und einst alö Großfürst-Thronfolger zu seinem Oheim, dem jetzigen Herzog von Coburg, in einem Gespräche über die Glaubensverfolgungen in Rußland gesagt hat: „Ich bin ei» frommgläubiger Christ, aber der Glaube an meinen Heiland gibt mir noch nicht daS Recht, andere Mitmenschen um ihres Glaubens willen zu verfolgen" — dann hätte die antisemitische Internationale allerdings Grund, betrübt zu sein und der Zukunft bange entgegenzusehen. Verschwände die Antisemiterci in Rußland, so würden vermuthlich auch die jungtschechischen, croatischen und rumänischen Verehrer alles Russischen auf die weitere /