Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 135 (4.11.1894)
- Date
- 1894-11-04
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 135. Frei«» Blatt. MoseS aber, der auf dem Heimwege über das Ereigniß in der Töpferwerkstätte nachdachte, sagte sich: So wie dieser Topf würde unsere Erde zerplatzen und auseinandcrfliegen, wenn sie sich um ihre Achse mit einer viel größeren Geschwindigkeit drehen würde als in vicrundzwanzig Stunden. Darum hat es Gott so eingerichtet, daß sie sich in vicrundzwanzig Stunden um die Achse dreht. Indessen hatten sich einige Fainiliencreignissc geräuschlos vollzogen. Die Consirmation hatte stattgcfunden. Im Meicrhofe herrschte freudige Aufregung. Der Vetter aus Deutschland, an den der Pächter geschrieben hatte,, die Kinder sollen nicht büßen für die Väter, war mit seiner Tochter angckommen; die beiden Vettern hatten sich cinnndrr freundschaftlich genähert, und gebrochen war der Bann langen Hasse«;! auch im Hause Kohn herrschte freudige Erregung. Krau Henriette Kohn lag im Wochenbett, und der Spaßmacher der „Gasse" sagte: Dieses Kind ist von einem gewonnenen Proceß gezeugt worden. Unter solchen Eindrücken verließ Moses zum zweitcnmale das Vaterhaus, um Nach Wien zu seinen Studien zurückzukehrcn. ✓ VII. Der Eintritt in eine höhere Claffe ist für einen Schüler, namentlich »ach dem ersten Gymnasialjahre, immer ein bedeutungsvolles Ercigniß. Man fühlt sich gehoben; man gehört nicht mehr zu den ganz Kleinen, die man ehemals „Parvistcn" genannt hatte; die meisten, der Mitschüler vom vorigen Jahre sieht man wieder. Einige sind nicht »ichr da; der war durchgefallen und mußte die erste E lasse repetiren, jener war auf ein anderes Gymnasium gegangen, ein Dritter war ganz ausgetreten, -weil seine Eltern cS praktischer fanden, ihn einer anderen Laufbahn zuzuführen; umsomehr freute» sich die Uebriggcblicbcnen des Wiedersehens. Manch neuer Schüler war hinzugckommen Tiefer erregte vorerst nur die Neugierde. Man hatte zu ihm noch keine Beziehungen, man mußte ihn erst kennen lernen. Auch bezüglich der Professoren verhielt es sich in gleicher Weise. Die meisten vom vorigen Jahre sind wieder da. Einer oder der andere fehlte, dafür war ei» »euer an dessen Stelle getreten, und es begann nun wieder ein frischer und fröhlicher Wetteifer unter den Knaben, die auf der Leiter der Wissenschaften die erste Stufe bereits erklommen hatten. Die Studien »ahmen ihren weiteren Verlauf, und cs war für Herrn Roscnthal und Fräulein Bertha gewiß eine Freude zu beobachten, wie Moses sich immer mehr und mehr entwickelte, und wie der Knabe allmälig zum Jüngling hcranzurcisen begann. Tic Jahre flogen pfeilgeschwind. Jedes Jahr tauchte etwas Neues am Horizonte der Wissenschaften auf. Im dritten Jahre daS Griechische, neben diesem die AnfangSgründc der Naturlchre. Es kamen die Elafsiker. Man laS EorncliuS NcpoS, ein Jahr darauf schon Eäsar. DaSSbcrgymnasium brachte die Mathematik, die Algebra und die' Geometrie!' Jedes Jahr war er auf Ferien heimgekonimcn, nachdem er im Laufe dcS zurückgelegte» Schuljahres den Schatz feines Wissens aufs Neue bereichert batte, und jedesmal erkannte die Mutter, auch w.nn sic über die alltäglichste» Tinge mit ihm sprach, zu ihrer großen Freude, wie begründet ihre Hoffnungen aus die Zukunft deS SohneS feien. In der Thal hatte fein Geist sich kräftig entfaltet. Sechs Elasscn ' hatte er bereits zurückgclcgt und stand nun im Alter von ld> Jahren' an jener Grenze, wo für den Gyninasialfchüler die eigentlich wissen'- ichaftliche Richtung erst recht beginnt. Die letzten zwei Jahre waren für MofeS auch die lehrreichsten und angenehmste». Da kamen endlich diejenigen Fragen zur Sprache, die für seinen ForschungStricb die »leiste Anziehungskraft hatten. Hatte sich ihm schon seil der fünften Etassc her die Mathematik und besonders die Geometrie als eine Hauptquelle geistigen GcnusscS erwiesen, so fühlte er sich vollends glücklich durch die ncuei^ Einsichten, die er aus dem Studium der Phnsik gewann. ' Der ehemalige Professor der Geographie hatte ihn dem Professor der Physik empfohlen als einen Schüler, der eine ganz besondere Anlage für Naturwissenschaft verrathe, und so gewann MoseS an dem Professor der Physik in kurzer Zeit einen neuen Freund und Protcctor. Den Tag, an welchem der Professor der Physik an dem Nolationsapparat mit den schiniegsamcn Blechreifen daS Experiment machte, wodurch die Wirkung der Fliehkraft veranschaulicht wird, hielt er für den schönsten Tag seines Lebens. Das hatte er im Geiste vorhergesehen; denn eigentlich war cs ja dasselbe Experiment, welches er vor mehreren Jahren schon in der Töpfcrwcrkstätte mit dem gebrannten Topfe machen ließ. Damals - hatte er von der Fliehkraft »och nichts gewußt, jetzt erst hatte er völlige Einsicht in die Sache. Jetzt erst wußte er, weshalb der Töpfer die Scheibe drehen muß. um dem Topfe die richtige Form zu geben; jetzt erst wußte er, weshalb die Erde am Acquator ausgcbaucht und an den Polen abgeplattet ist. Bei der Drehung eines Gegenstandes wird eine neue Kraft lebendig. Seite S. die Fliehkraft, und diese ist cs, welche die Theilchen der ganzen Masse auSeinandertrcibt. Auf die Frage, was 'das wohl für eine Kraft sein möge, die imstande sei, solche Wirkungen, wie die Ausbauchung der Erde, hcrvorznbringcn, gab die Naturlchre freilich leine Antwort. MoseS wußte nicht, daß dies eine mctaphnsische Frage sei, aber so viel wußte er schon, daß man die in der Natur wirkenden Kräfte nicht wahrnehmc», sondern eben nur auS ihren Wirkungen erschließen könne. War also auch in metaphysischer Beziehung ein uncrforschlicher Neu übrig geblieben, so weit die Physik die Frage behandelt, hatte er sich derselben bemächtigt, und seine Freude hierüber kann nur. von demjenigen nachgcfühlt! werden, der eines gleichen GradeS von Begeisterung für die Wissenschaft fähig wäre wie er; denn darin gerade unterschied er sich von allen seinen Mitschülern, auch von den beste» unter ihiren, am allermeisten,- daß für ihn die Lehrsätze und Wahrheiten der Mathematik und Physik nicht nur Bereicherungen seines Geistes, sondern wirkliche Herzenserlebnisse waren; für ihn war das Parallelogramm der Kräfte nicht ein Satz, den man studircn muß, weil man bei der. Prüfung möglicherweise über denselben befragt werden kann, sondern eine Erfahrung, die sein ganzes Gcmüth erfüllte. Für die Weifen des Alrerthupis und für die Forscher der neue» Zeit, welche daS. Gebiet der Naturwissenschaft durch eigene Erfindungen bereichert haben, fühlte er eine ganz andere Art von Bewunderung als etwa für--die großen Helden der Geschichte im Sinne Alexanders und Earls des Großen; ja eS war eigentlich vielmehr-Verehrung, als Bewunderung, was er für jene fühlte. Er war nicht ohne Empfänglichkeit für die Seelenstärke eines Alexander, wenn dieser, auf den Tod krank daniederliegcnd, mit der eine» Hand die von Philippus bereitete ArzUci zum Munde führt, während er mit der andere» dem eben cintrctendcn Arzte den Brief hinhält, worin dieser verdächtigt wird, seinen König vergiften zu wollen. Er war nicht blind für die Energie jenes Artillerie-Lieutenants, der sich zum Kaiser von Frankreich, ja zum Beherrscher von ganz Europa emporgcschwungeu; aber Galiläi's Ausruf: „Und sic bewegt sich doch!" hatte in seinem Herzen ein ganz anderes Feuer angezündet. Einem ArchimedcS, einem Pythagoras, einem Newton und Galiläi gegenüber sanken ihm die Helden, deren Größe in Eroberungen l besteht, fast zur Bedeutungslosigkeit herab; er erblickte in dem, was jene Weisen und Forscher der Menschheit hintcrlasscn haben, Geschenke, die für alle Zeiten unverlorcn sind, während er sich - auf die Frage, welche Wohlthat ein Napoleon oder Earl der Große dem Menschen geschlcchtc erwiesen habe, keine erquickende Antwort zu geben wußte. Das war eine glückliche Zeit. Mit jedem Tage neue Einsichten in die gcheimnißvollc Werkstätte der Natur. Die Elcktricität, . der Magnetismus, die Lehrc< von der Wärme, vom Licht! Tein ganzes Wese» hatte einen höheren Schwung genommen, so daß die Mitschüler ihn, neidlos die Palme znerkanntcn, wenn er auch in manchen Fächern nicht gerade der Beste war. Aus dem Lateinischen übersetzte er ziemlich geläufig, aus dem Griechischen schon nicht, nur eben noch zur Noth; das Studium der Geschichte machte ihm wenig Freude; es ärgerten ihn die immerwährenden Kriege, und er nannte die Geschichte ein blutiges Buch. Naturgeschichte intcrcssirte ihn, aber' nicht in der Art, wie sie betrieben wurde, als Memorirarbeit; eS fehlte ihm in den meisten Fällen die Anschauung. Dagegen die Physik, da war er zu Hause, und auch des abstractcu Denkens, wie cs die Mathcniatik häufig fordert, war er in hohem Grade fähig. Die Logarithmen beherrschte er, als ob er selbst sie erfunden Hütte; die Beweise der geometrischen Sätze hatte er inne, wenn sic auch noch so eomplicirt waren, die Gleichungen der Kegclschnittölinicn hakte er im kleinen -Finger, und die Auflösung trigonometrischer Aufgaben war für ihn keine Arbeit, sondern ein Vergnügen. Demgemäß war auch.seine Maturitätsprüfung ausgefallen, zum Theil sehr glänzend, zum Theil nur eben noch genügend. Er erhielt ein Zeugniß der Reife, das ihn befähigte, die Universität zu beziehen, und mit diesem Resultate kam er zurück in das Elternhaus. Run stand er am Scheidewege. .Denn jetzt tauchte die Frage auf: WaS weiter? Die Mutter, die seine Neigungen kannte, hätte diesen gerne freien Lauf gelassen; aber der Vater! Wird er einverstanden sein? Wird cs da nicht zu einem Eonsliet kommen? DaS war cS, waS ihr Sorge machte. Wer sich ober um solche Fragen am wenigsten kümmerte, war derjenige, den sie am meisten angingen. Mit liebender Thcilnahmc betrachtete MoseS das Schwesterchen, welche« er mit jedem- Jahre um Einiges in die Höhe gewachsen sah. Unbekümmert um die Zukunft, machte er auch diesmal, wie jedes Jahr in den Ferien, häufig Besuche auf dem Meierhofe, wo sich Herr und Frau v. Birkenseld mit dem wohl gebildeten und geistvollen Jüngling gerne unterhielten; noch häufigere in der Töpferwerkstätte, in 'welcher sich inzuuschen auch