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Freies Blatt · 1894-11-04 · 135 (4.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
135 (4.11.1894)
Date
1894-11-04
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Nr. 135. Freies muß etwa« in der Ordnung des Sicherheitsdienstes nicht i» Ordnung sei». Und das ist auch der Fall." Die Berliner „Millheitunge»" bemerken hie;u treffend: „Und wenn irgendwo ein Kind ermordet wird, weshalb das Gefasel von Ritualmord und dergleichen? Wc-Halb der Vorwurf, daß die Inden deu Mördern der betreffenden Kinder zur Flucht verhelfe»? Leider kennen wir keine Statistik der unaufgeklärten Morde. Daß diese aber zahlreich sind, weiß jedes Kind." (Lauter Juden.) Die Antisemiten glaube» auch den unlängst unter großen: Aussehen stattgehablen Proceß gegen de» Kanzler Leist für sich ausschroten zu könne». Wie näinlich Herr v. Mosch indem Organ Ahlwardt'S, dem „Bundschuh" versichert, soll Leist, »ach einer Zuschrift „auS guter Quelle", „getaufter Racenjude" sein. Der „Freisinnigen Zeitung" aber wird berichtet, daß Leist der Sohn eines evangelische» Predigers aus der Provinz Sachsen ist. — Ein anderer Antisemit, A. Simoni», stempelte in seinen vor Kurzem erschienenen „Dialogen zwischen großen Geistern und einem Lebenden" Thiers zum'Juden. Es wird bald keine Christen mehr gebe». (Harmlose Scherze.) Am 18. October stand zu Praunheim der Redacteur des antisemitischen „Badische» BolkSboten" in Heidelberg, August Schäfer, uuter der Anklage-eines Vergehens gegen § 130 R. St. G -B- Das Vergehen wurde gesunden in einem in Nr. 68 der Blattes vom 1. September l. I. enthaltene» Gedicht mit der Ueberschiist: „Was ist der Jude?", welches mit der Wendung schließt „— und muß Prügel haben". Schäfer, der stellvertretend das Blatt leitete, soll durch dieses Gedicht zu Gewalithäligkeiten gegen die Juden gereizt habe». Der Angeklagte behauptete bei seiner Vernehmung, daS Gedicht dem „Berliner Antisemitische» Generalanzeiger" eninoininen zu haken, und zwar als eine Entgegnung auf eine» im „Badische» Landerboten" erschienenen Artikel, der die Ueberschrift trägt: „Was ist ein -Schutzmann?" und mit dem Satze schließt — „und muß Zulage haben". Er habe das Gedicht nur fnr Scherz gehalten und es nicht als aufreizend betrachtet. Tie Geschworenen verneinten ,die Schulbfrage, und dein Gericht erübrigte somit nur, aus Freisprechung zu erkennen. (Wahlverwandtschaft.) Masr^schreibt uns aus München: Mil Staunen haben wir beobachtet, daß die antisemitisch clericalen Organe zu dem Kriege zwischen Japan und China bisher nicht Stellung genommen habe». Sie brachten lediglich die Berichte über die thatiächlichen Vorgänge auf dem Kriegsschauplätze und unterließen eS, ihre Meinung abzugeben, welcher der kämpfende» Parteien wohl der endgiltige Sieg zu gönnen sei. Ta die gesainmte übrige Publicistik, soweit nicht politische Jnlereffenvertretung die Feder lenkte, sich dahin ausgesprochen hat, daß im Interesse des Fortschrittes daS Unterliege» Japans sehr zu bedauern wäre, Hütte man füglich erwarten könne», daß dir reaktionären Scribenten in Folge ihrer grundsätzliche» Oppositionslüster,iheir dem himmlischen Reiche ein kräftiges „Glück auf" zurufe» würde». Und wenn wir auch von diesem Umstande ganz absehen, müßte doch dieser Kampf an und für sich — der Streit zwischen Licht und Finsterniß — die Freunde der letzteren zu einem TheilnahmSvotum für China, den personisicirten Stillstand, anregen. Staunend vermißten wir ein solche« bisher. Schon wollten wir an unserer Fähigkeit zweifeln, apriorische Schlüffe zu ziehen, i 6a trat das lang Erwartete ein. Das „Bayerische Vaterland" verhöhnt in seiner Nummer vom 30. October die Japaner ob ihrer „entscheidenden" Siege und läßt über Haupt durch die Stylisirung der betreffenden Expectoralionen erkennen, daß er die Erfolge der Japaner mit keineswegs freundlichen Blickt» betrachte und den Gegnern derselben sympathisch gegenüberstehe. Die Gesetze der Wahlverwandtschaft sind demnach wirksam geworden und haben dasjenige zusammengeführt, ,wa« zusammen gehört: daS „Bayrische Vaterland" und die — Chinese». jfniületnn. Die Töpferscheibe. Erzählung von Eduard Kulkr. <IS. stottlcyung.) Seit jenem Tage bestand zwischen MoscS und dem Profcffor eine Art stillschweigender Intimität. Sie gab sich nämlich in der »Schule nicht zu erkennen; aber der Schüler kam häufig zum Professor in die Wohnung, jedesmal sobald er etwas zu fragen hatte, und daS war oft genug der Fall. Mit den anderen Professoren stand er auf einem solchen Fuße nicht. In den Gegenständen, welche mehr die Arbeit des Gedächtnisses anspannen, wurde er von so manchem Mitschüler übertroffc», wo hingegen die Phantasie und die Urthcilskraft in Anspruch genommen wurden, da war er auf seinem Platze. Er galt in der Schule als ein guter Kopf, gehörte aber demungeachtct nicht zu deu vorzüglichsten Schülern; und so sehen wir ihn das erste Schuljahr vollenden mit ausreichendem Flciße, um in die .nächsthöhere Elaste aufzusteigen. Blatt.- 3 eile 7 aber ohne sonst sich irgendwie hervorzuthuu. Er brächte ein Zeugnis; nach Hanse, worin seine Fortschritte alö „genügend" bezeichnet waren, sonst nichts. Auch in der Geographie hatte er, da der astronomische Thcil gbsolvirt und die politische Geographie an die Ncihs gekommen war, keine bessere Note erhalten. Er brachte aber nebst dem Zeugnisse noch etwas Anderes mit, als er auf die Ferien »ach Hause kam, daS ■ Tagebuch, welches ihm Fräulein Bertha geschenkt hatte, und darinnen waren Sachen zu siudcn, die man bei eurem Knaben seines Alters nicht verinuthet. Alle seine Fragen und Bemerkungen, die sich auf die Drehung der Erde bezogen, alle Aufschlüsse, die ihm nach und nach der Professor gegeben hatte, Alles, was er sonst gedacht und phanta sirt, daS Alles halte er sorgfältig in sein Tagebuch eingeschrieben: da waren zuin Beispiel Aufzeichnungen wie die folgende. Gestern mit Herrn Roscnthal und Fräulein Benha in Schön brunu gewesen. Wieder einmal die Menagerie be'nchi. .Eine merkwürdige Sache ist,mir ausgefallen,, von welcher in dea^'Nalnrgcschichtc nichts steht. Tie Thicre, welche zum Katzrngeschlcchte gehören, wie der Löwe, der Tiger, gehen in ihren Käsigen aus und all: die Thicre aber, die man zum Hundegcschlcchte zählt, wie der Woli, die Huüne, der Luchs, gehen in ihren .Käfigen immer im Kreise herum. Und noch eine Merkwürdigkeit. Es war gerade die Fütterung.''Glücklicherweise! ja, das muß mait sehe», wenn man die- Natur der Thicre kennen lernen will. Tie unbändige Wuth der' Tiger, ehe ihnen der Wärter daö Fleisch hinein wirst; mau meint, daß sie die Eisenstangeu des Käfigs zerbrechen werden, und dann, wenn sie daS Fleisch haben, mir welcher Behaglichkeit sie cs verzehren. Wie der Löwe frißt, ruhig im Besitze deS Fraßes. Er weiß, daß ihm Niemand daS Fleisch wcgnehmcn wird; dagegen diese Unruhe bei dem hnndcartigen Wolf, bei der Hyäne, die das Fleisch sofort verschlingen, so wie der Wärter cs ihnci? zuwirft. ' - . ' - Ein bloßes Begossen der Natur war nicht seine Sache: in ihm stiegen beim Anschaue» der Gegenstände Betrachtungen auf, die über daS, was er sah, weit hinausgingen. Stundenlang konnte er bei Betrachtung der Thicre sich mit der Frage beschäftige», weshalb Gott in der Natur so viele und so verschicdcnarkige (Gestalten und Bildungen hervorgebracht, und zu welchem Zwecke er alle diese Thicre gcschasse» habe. Weshalb zum Beispiel der Löwe seine Kraft in dem Knopfe seines Schwanzes trage, während der Elephaut sic vorne an dem - Rüffels hangen habe; ob die Asten, die er so behende sich umher - tummeln sah, sich mit einander nicht vielleicht ebenso gut verständigen wie die Menschen und dergleichen mehr. Wenn er dann »ach solchem Anschauen an dem Bassin mit der Ncptungruppe vorüber Zu der kleinen Grotte sich verfugte, wo^her^ alte Invalid dem. durstigen Spaziergänger für eine kleine Gabe einen Hellen und frischen Trunk Wasser reichte, da erquickte pr sich ordentlich und freute sich deS Lebens. Ucbcrhaupt Ist an ihm die Lebensfreude charakteristisch. Diese Freude am Lebe» war nicht etwa das Ncsultat eines heiteren und ungetrübten Daseins, dessen er sich ja zu erfreuen hatte; er freute sich, ein Wesen.;» sein, das mit Bewußtsein begabt, in einer Welt cristire, in der eS so viel zu erfahren gebe, uud in der er noch so Bieles zu erfahren hoffen durfte. Tie Quelle seiner Daseins - frcudigkcit lag in seinem WistenSdurstc; demgemäß hatte er sich.auch der Schul« gegenüber verhalten. In -denjenigen Gegenstände», die ihn wenig oder nicht interessirtd», war er bloß seinen Berpflichtungc» nachgekommen, in , jenen Fächern aber, die seiner Wißbcgicrdc reichlichere Nahrung boten, übcrtrpf er selbst die vorzüglichsten Schüler der Elaste. Der Batcr war des Schuljahres über hie und da nach Wien gekommen. Die alte Köchiü, welche bei der'Familie, wo Moses wohnte, seit vielen Jahren im Dienste war und sich deshalb erlaubte, in den Angelegenheiten des Hanfes auch ihre Meinung abzugeben, versicherte den Herrn Emanucl Kohn regelmäßig, der Moses ist der^ merkwürdigste Student, den cs auf Gottes Erdboden gibvz er lernt gar. nichts und kann Alles. Der Baker, der sich als praktischer Geschäftsmann sehr wohl auf das Soll und Haben verstand, hatte Einsicht genug, die Behauptung der alten Köchin sowohl in der erste» als in > der zweiten Hälfte für übertrieben zu halten. Seine Meinung war, wer nichts lernt, der weiß nichts, und wer etwas weiß,-der muß auch was gelernt haben; er legte deshalb nzchr Werth darauf, sich über Moses bei den Professoren zu erkundigen. Da der Schüler nun, auf Ferien hcimgckominen, mit einem Zeugniste versehen war, welches ihn _ befähigte, in die zweite Gymnasialclastc anfzustcigen, so hatte der Baker ' keine Uisachc zur Unzufriedenheit. Die Mutter freilich bcurthcilte ihren Moses ganz anders: nicht nach Berichten, die man ihr im Laufe des Jahres erstattet hatte, nicht nach dem Zeugnisse, das man jetzt ihr vorgclcgt, sondern nach dem Eindruck, den sie selbst gewonnen, ans der eigenen Anschauung

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