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Freies Blatt · 1894-11-04 · 135 (4.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
135 (4.11.1894)
Date
1894-11-04
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 Freie» Blatt. zuzubringen. Ta Nagel eine sonderbare Mscne zur Schau trug, setzte der Richter fort: Ja, ja!'Wer solche Klagen einbringt, der muß sich'S dann gefallen lassen, wenn er bei Gericht derartiges zu hören bcfommt. Ten Ausdruck .Schuft" bestritt der Angeklagte entschieden, wesbalb sich klaget auf die Zcugenschaft eines seiner Gehilfen berief, welcher dieses incriminirte Wort auch wirkt ch gehört haben will. Der Richter sprach Markt dennoch frei mit der Begründung, daß ihm die Aussage eines Zeugen, der bei Nagel als Gehilfe bedienstct ist, nicht zur Ueberzeugung von der Schuld glnüge. Nagel meldete die Berufung an. 'Was ist das für Liberalismus?) Aus Piksen wird uns geschrieben: In einer der letzten Nummern der „Bohemia" war folgendes Inserat zu lesen: „Ein strebsamer junger Mann, Christ, pei fecler Llenograph, mit Mittelaniivorbiiditiig, der eine gewandte Feder führt m 6 sich der Journalistik widmen will, findet in der Redactiou eine« täglich erschei, enden Provinzblatie« deutschliberaler Richtung sotort Ausnahme. Anträge ind re." Ist dieses Inserat nicht sehr bezeichn nd? Ein deutsch-liberales Blatt sucht eine Hilfskraft. Es muß »ich gerade ein Deutscher sein, auf den es rcfleckirt; nein, das ist nicht bedungen, ebensowenig wie es auf wirklich liberale Parteirichtung kanz» kommen scheint, wenn nur der strebsame junge Mann recht ergreifende Tiradcn über Teutschthum, sreikcirlichc Errungenschaften, welche mit Gr t und Blut;n vertheidigen sind, über Gleichberechtigung und ähnliche chöne Sachen zuwege bringt. Aber — nur keinen Juden! Das könnt! von praktischem Freisinne zeugen, und der ist eben bei gewissen s ch liberal nennenden Herrschaften nicht zu Hause Mich widert ein solches Verhalten an, und ich ziehe ibiit selbst die brutale Gcsinnun, Sweise eines Gregorig und Schneider vor. bei denen man doch weiß, wie man daran ist. Sind solche Inserate nicht Wasier auf die Mühl: der Agitatoren des Vereines zur Tschechisirung der Juden in Böhirrn? Sie müßten wahrlich ihr Geschäft schlecht verstehen,, wenn sie nicht den Joden zurnfen sollten: „Und für diese Art .liberaler Leute' soll man sich einsctzen, soll ihnen, wie es in gemischtsprachigen Gebenden zumeist der Fall ist, die Kastanien aus dem Feuer holen, den polnischen Hausknecht machen?" Wer gut deutsch und ehrlich liberal gesinnt ist, muß der Parteileitung in Prag zurufen: Videant eonsules!! l Versammlung der deutschen Bertra»ensmänner in Mähren.) Am 2*. Cctober fand in Brünn eine Versammlung der Vertrauensmänner des deuticheit Volkes in Mähren statt, welche einen ähnlichen Verlauf nahm wie bie neulich in Prag abgehaltcne Parteivcrsammlung. In einer einhellig gefaßten Resolution ^vursde ausgesprochen, daß die Deutschen in Mähren an den Grundsätzen des »Fortschrittes und der srciheitlichcn Entwicklung scsthalten nnd kiincn Unterschied unter den Staatsbürgern anerkennen. Der Bürgermeister von Brünn, Dr. Ritter v. W i c i c r. hielt an dem der BcrtraucnStnännerversammlung vorhergcgangenen BegrüßungSabend eine Rede, in1 welcher er die Gemeinsamkeit der Interessen aller Deutschen des LcjndeS ohne Unterschied des «Glaubens und der Fracrion betonte, und Abgeordneter Dr. Für gab die Erklärung ab: .Wir werden im RfichSrathe jederzeit für die irahrcn Ideale der Menschheit, Gewissens und Glaubensfreiheit, cinlrelcn " Tic stieichsratbswabl in CzernowiH.) Bei der Ersatzwahl eines Rcichsrathsabgeordnetcn in Ezernowitz erhielt der deutsch-liberale Eandidat Dr. R o tt nahezu zwei Drittel der apgcgebencn 1567 Stimmen; der von den Antiscuiiten unterstützte rumänische Eandidot Baron Mustatza hatte von vornherein keine Aussicht, durchzudringcn. Tic kirchcnpolitischcn Vorlagen in Ungarn.,. Die vereinigten Ausschüsse des ungarischen Magnatenhauses nahmen den Gesetzentwurf betreffend die freie Ausübung der Religion unverändert an und gencbinigtcn ebenso den Gesetzentwurf betreffend die Reception der Juden in Allg^neincn als auch in den Details. Die Vorlagen werden nun r.nncht auch im Plenum des Magnalenha ises zur Annahme gelangen, 't einzelne .frühere Gegner derselben sich j tzt für deren Genehniigung ::-'r.achen, indem sie ihr Votum mit 1 er geänderten Sachlage bc- Btllina v. Arnim über die Zlldc» > Die berühmte Dichterin . .n.'.rtf'ch.'n Schule war entgegen den Anschauungen der meisten ’t Mir '. Bcrtbcidigerin des Jude» lhums. Ludivig Geiger 'chteibt itf. ft: in der „Allgemeinen > eit tut g des JudenthumS": Jbr Eiitf.cien >ür die Inden in Frankfurt, für die sic auch Goethe zu uileressiren suchte, bei dem großen D »aliiiK fand, war de: tunt. Weniger bekam: Briefen an Earoline v. Gündcrode 18l-3 und 1804 (veröffentlicht in ihrem Buche „Die Günderodc", 1*40'; mit voller Entschiedenheit für t:e Juden einliat Don gibt sic an zahlreichen Stellen liebenswürdige chter aber höchst laue Auft ist, daß sic auch in ihren Nr. 135. Schilderungen eines Marburgcr Juden Ephraim, eines schönen, alten Mannes, der in aufopfernder Weise für snne Enkel sorgt, eines Philosophen und Mathematikers, der die Studenten unterrichtet, auch Bettina Stunde gibt und sie in die Tiefen »er Philosophie einführt, dabei aber, um mehr Geld zu schaffen, in seine t Mußestunden Handelsgeschäfte treibt. Sie verehrt und liebt den Altei fast wie einen Heiligen. Sie erzählt mit Begeisterung von einer predigt eines christlichen Pfarrers, der für Duldung und Aufklärung sprach. Einmal, indem sie von dem alten Juden erzählt, faßt sie seit Wesen und wohl auch das Wesen der Gemeinschaft, der der Einzelne angchört, in die Worte zusammen: „Und meine du, was du »villst, , der du »virst mir Recht geben, daß unter solchem Druck, unter so er» edrigendcn Bedingungen der Adel des Lebens frei und unmittelbar bcivahrt, daß sie nicht einmal durch das niedrigste Geschäft sich gebei zt fühlt, für eine hohe Seele spricht, daß sie mehr Recht hat auf unsere feierliche Achtung, als sie vielleicht dem Aeußercn nach der Mißwutung, der Verachtung ausgesetzt." (Zur Nachahmung empfohlen.) In — Thüringen fanden kürzlich in einer Woche vier freisinnige Versammlungen, und zwar in Weimar, Suhl, Erfurt und Sondershausen statt, die bei starkem Besuch einen überaus guten Verlauf nahmen. Der Redner, Redacteur Schbler (Hannover), den die antisemitische „Deutsche Wacht" in ihrem Acrger über seine Erfolge neuerdings silbst zum „Juden" macht, sprach gegen die antisemitischen Dunkelmänner und kennzeichncte deren volksfeindliches Treiben mit scharfen Dorten. In Suhl versuchte der Antisemitciiführer Dr. Wehnen eine Entgegtung, »vurdc jedoch von dem Referenten, der vom Redacteur Schumacher (Erfurt) unterl stützt wurde, glänzend abgesührt. Der Agitati>nscifcr der Freisinnigen Thüringens »vird gewisien Leuten wärms cns zur Nachahmung empfoblen. (Kein Heine Tcnkmal in Mainz.) Mii 23 gegen 13 Stimmen lehnten die Stadtverordneten von Mainz in einer am 31. Oktober j abgehaltenen Sitzung den vom Oberbürgermeiter befünvorteten Antrag! ab, einen Platz für das Heine-Denkmal zu bewilligen. Entrüstung i erregt in freisinnigen Kreisen das Verhalten einiger Pseudo-Liberalen,! welche den Aufruf zur Errichtung eines He ue-Denkmals in Mainz > mit unterzeichnet hatten, jetzt aber aus Opportunitätsgründcn gegen j die Bewilligung eines Platzes für dasselbe stii unten. Gottgefälligkeit.) Einen Ivcrthvollcn B:itrag zur Geschichte des ofsicicllcn Antisemitismus in Sachsen enthält die Broschüre „Neuer! GeistcSfortschritt", in welcher auf Seite 85 zu lesen ist: „Als der König : Friedrich August von 'Sachsen nach der Schlacht bei Leipzig von! den Alliirten als Gefangener behandelt »vurdc, rief er aus: Ich »veiß; nicht, lieber Gott, warum du mich so hart masst. Habe ich ja stets ' nach deinem Willen regiert und niemals gelitten, daß sich ei» Jude in meinem Staate niederlasie!" Zudcnheye in der Schweiz.) Aus Bern kommt die Nachricht, daß jene kleine, aber rührige Gesellschaft, Ivelche a »f dem Wege des Referendums das Schächtverbot in der Schweiz durc stützte, nunmehr auch die Aufhebung der Gleichberechtigung der jüdisch:» Angehörigen der Eidgcnosicnschaft anzubahnen gedenkt. Tic freie S htvei; wird bald Sachsen und Rußland den Rang ablaufen. Herr Pattai, der dieser Tage im' österreichischen Abgcordnetcnhause ein S hächtvcrbot befünvortcte, »vird in Zukunft auch für ändere schweizerische Institutionen cintrctcn, ivenn er nicht inzwischen, um mit Schönerer zu reden, den Ehrgeiz verspüren sollte, Präsident der Alliance israülite zu werden. (A cause de son orisine isra<*lie.) Eine^ariscr Nachricht meldete unlängst, daß eine Plenarsitzu ng der fünf französischen Akademien unter dem Vorsitze des Präsidmten der Akademie der Wisicnschasten, Mori; L ö >v y, stattgefunden I abc. Löwy wurde zü Bösing in Ungarn im Jahre 1833 geboren; seine Eltern ließen ihm eine sorgfältige Erziehung angcdeihen. Er absolnrte zuerst die polytechnische Hochschule in Wien, ividmete sich dan i astronomischen Studien und trat später in die Wiener Sternwarte ein. Obwohl er durch seine hervorragende Befähigung und seinen Sifer die Aufmerksamkeit bald auf sich zog, konnte er dennoch in Oesterreich die wissenschaftliche Carriere nicht länger verfolgen, un > zwar >vie in Vapcreau'S „Oietioulluirv des «’ontemporains“ bezeichn: nd genug bemerkt »vird: „A cause de sou origiiie isra<’■ 1 ite (Wegen seiner jüdischen Abstammung)". Ter berühmte französische Astronom Le Verrier, dem Löwy'S Arbeiten aufgel allen ivaren, vcranlaßtc besten Uebersiedlung nach Paris und bot ihm eine Stelle im Pariser- Observatorium an. Rasch stieg nun der junge ö clchrtc in die Höhe, und im Jahre 1873 »vurdc er Mitglied der Akatcmie, als deren Präsident er jetzt fungirt; auch den Akademien von Wien, London und Petersburg und anderen gelehrten Gesellschaften ge »ör» er an. Seine astronomischen Arbeiten haben ihm viele Auszeichnungen gebracht. Im

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